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Rede des Architekten
Claus Hömberg
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Mit der Fertigstellung eines Gebäudes
beginnt dessen Verfall.
Bei diesem Gebäude im Jahre 1827, es überstand durch begünstigende
Bedingungen die Progromnacht und über 50 Jahre auch die hier stattfindenden
Nutzungen.
Und dann kamen wir und stellten uns dem Dilemma, eine
Bestandserhaltung nebst erforderlichen Erneuerung nicht gänzlich ohne
Bestandsveränderung haben zu können.
Unser Bestreben war, bei notwendigen Eingriffen den Bestand
möglichst zu erhalten und ihn darüber hinaus mitzunehmen in unseren
heutigen Lebenszusammenhang,
allerdings (!!) mit einem Verständnis für die Substanz dieses Gebäudes,
das das Neue nicht hinter rekonstruktiver Imitation versteckt, es
vielmehr als Neues zeigt ohne aber den Bestand in seiner Bedeutung
und seinem ästhetischen Ausdruck zu überlagern.
Es lagen die für ein Fachwerkgebäude typischen Schäden am Holzwerk
vor, je nach Himmelsrichtung und Wetterseite in unterschiedlichem
Schädigungsgrad.
Die Holzwürmer hatten etliche Bretter der Kuppelverkleidung
in mundgerechte Zellulosehäppchen transformiert,
die Sandsteinplatten des Fußbodens waren durch aufsteigende Feuchte
und Lagerhaftigkeit in Auflösung begriffen und zudem abgesackt; es
sah aus, wie wenn die Flut käme.
Dank an die Firmen.
Der Synagogenraum ist, so wie Sie ihn jetzt sehen, für uns "fertig".
Mit der erhaltenden Erneuerung wollten wir nicht altertümeln, vielmehr
den Ausdruck auch dieses Raumes möglichst authentisch aufgreifen,
so wie ihn die vor dem Völkermord geflohenen Juden berichteten, die
sich auf Einladung des Förderkreises aus aller Welt wieder nach Vöhl
gewagt hatten (Beispiel Emporenbrüstung).
Jetzt kennen Sie unseren Ansatz,
wie wirkt der Raum auf Sie?
was bewirkt sein Ausdruck bei Ihnen?
Ich lade Sie ein, sich für kurze Zeit in Ruhe einzulassen
auf diesen Raum, sich dem Canon seiner Formensprache zu öffnen (sinngemäß:
jede Form ist eine erstarrte Frage, in der eine Antwort keimt),
ich lade Sie ein, der Harmonie der Proportionen zu lauschen
- der quadratische Grundriß des Raumes, der Dimensionswechsel und
die Höhenentwickung durc die Empore - dem Klang der in seiner Einfachheit
prachtvollen Kuppel und dem Klang von Lebensspuren in diesem Raum
zu lauschen....
(wenige Minuten Stille)
Einer meiner Freunde ist Musiker und blind.
Er erfährt einen Raum primär über dessen Klang. Wir haben die Möglichkeit,
mit den Augen und mit den Ohren zu sehen (gestern abend: mit den
Augen denken).
Ich lade Sie ein, diese Erfahrung selbst zu machen, wie Ihr eigener
Klang mit dem Klang des Raumes korrespondiert.
Das vorgeschlagene Lied kommt aus dem jüdischen Kulturkreis,
knüpft an die Geschichte des Raumes an, ist ein Canon und heißt übersetzt
:
"Oh wie schön und angenehm ist es, mit Schwestern und Brüdern
in Frieden zusammen zu sitzen."
(Anwesende singen "Hine Ma Tow")
Mir scheint, dieser Aspekt des friedlichen Zusammenseins - nicht Frieden,
Freud Eierkuchen - sehr wohl streitbar aber gewaltfrei - alle Religionen
in ihrem Kern verbinden oder verbinden zu können.
Dieser Raum spiegelt in dem jetzt sichtbaren Zustand eine Facette
der Arbeit des Förderkreises wieder, sozusagen als Spitze des Eisbergs.
Der inhaltliche Schwerpunkt der Arbeit ist das Zusammenleben der Menschen
unterschiedlicher Religionen, Gepflogenheiten, Eigenarten in der Region,
in Vöhl, der Umgang mit Minderheiten, bis hin zu der Frage, was mich
hier und heute dazu bringt, andere Menschen als Fremde (Fremede) zu
empfinden, zu klassifizieren, mich über das Anderssein anderer Menschen
zu ärgern, zu ängstigen, mich in Ablehnung, in Aggression zu steigern.
Die Arbeit des Förderkreises verbindet:
- die aktiven Mitglieder, die mit ihrem Jahresbeitrag und noch mehr
durch ihr Interesse, ihre teilnehmende Begleitung den Förderkreis
fördern,
- es verbindet den Vorstand, der sich nicht mit Vorstehen begnügt,
sondern sich von A bis Z aktiv einbringt
von A wie Aktenstudium,
über B wie Blumenschmuck ...,
D wie Drängeln, dass es weiter geht (allmählicher Entwicklungsprozeß
gemäß Förderintervallen hat es ermöglicht, in kleinen Schritten
in die Geschichte des Gebäudes hineinzuwachsen), und wie Diskutieren,
bis Einvernehmen hergestellt ist,
F wie Führungen, oder wie Fördermittel aquirieren,
S wie Stühle rauf und runter und hin und her zu tragen,
bis Z wie ziemlich viel und oft Bauschutt zusammenkehren und wegkarren
- und den 1. Vorsitzenden, der sich auch nicht mit Vorsitzen begnügt,
der in unserer verdichteten Kombiversion Antriebsfeder, Ermunterer,
Animateur, Motor, Ideengeber, einfach der
gute Geist des Förderkreises ist;
damit das möglichst lange so bleibt, haben wir das Pflegeset für 1.
Vorsitzenden ausfindig gemacht, ein Entspannungs-, Ermutigungs- Stärkungs-Set,
insbesonde für 1. Vorsitzende, die - wie in unserem Fall - vor lauter
Begeisterung so viel Herzblut in ihr Lieblingsprojekt geben, dass
sie gern die eigenen Belastungsgrenzen überschreiten, was nicht nur
für KuWi Julius schädlich ist. Die einzige Nebenwirkung dieser Pflegeeinheit
ist eine erwünschte - jedenfalls von uns -, nämlich daß unser 1. Vorsitzender
weiterhin seine Kraft, seine Zuversicht und seinen Ideenreichtum behält
und so alle Beteiligten in der gemeinsamen Arbeit des Förderkreises
verbindet.