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Rede des 1. Vorsitzenden des
Förderkreis "Synagoge in Vöhl e.V.
Kurt-Willi Julius
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Nes gadol ha ja po! – Ein großes Wunder
ist hier geschehen!
Kurz nachdem der Förderkreis "Synagoge in Vöhl" am 9. November
1999, also vor fast genau 7 Jahren gegründet worden war, übergab Pfarrer
in Ruhestand Willer aus Arolsen uns diesen kleinen Chanukkia-Leuchter.
Spontan stimmte einer der anwesenden Besucher die zu diesem Anlass
passenden hebräischen Segenssprüche an. Erst später wurde den Anwesenden
die tiefe Bedeutung dieser Begebenheit deutlich: Zum ersten Male seit
wohl über 60 Jahren waren in diesem ehemaligen jüdischen Gotteshaus
hebräische Worte und Melodien erklungen.
Ich habe diese auf dem Leuchter-Geschenk erkennbaren Schriftzeichen
bewusst an den Anfang meiner Rede gestellt. Der neunarmige Chanukka-Leuchter
–das ist das jüdische Lichterfest- soll an die Wiedereinweihung des
Jerusalemer Tempels im Jahre 164 nach der christlichen Zeitrechnung
erinnern. Zwar weihen wir heute hier nichts ein, schon gar nicht einen
Tempel. Wir feiern mit der Fertigstellung des Sakrakraumes aber den
Abschluss des wohl bedeutendsten Bauabschnittes während unserer Renovierung.
Trotzdem darf "Nes gadol ha ja po!" wohl auch auf das bezogen
werden, was hier in Vöhl in den Jahren seit 1999 geschehen ist.
Sehr verehrte Gäste,
vor mehr als 60 Jahren mussten die letzten Vöhler Juden unfreiwillig,
gezwungen durch die tödliche Bedrohung der nationalsozialistischen
Diktatur, Vöhl verlassen. 54 Vöhler, Marienhager, Basdorfer und Ober
Werber Juden wurden in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet.
Bis zu 20% jüdische Einwohner hatten die Geschichte und das Ortsbild
Vöhls bis zu dieser Zeit mit geprägt und Spuren hinterlassen. Spuren,
die sich fast verloren haben oder hätten, gäbe es nicht die Hinterlassenschaft
der Synagoge. Sie bot und bietet uns in ihrem außergewöhnlich guten
Erhaltungszustand die einmalige Chance, die Geschichte der Juden Vöhls
und der Umgebung aufzuarbeiten und wieder mehr ins Bewusstsein der
Bewohner nicht nur Vöhls und der Region zu rücken. Sie soll schon
bald in einem lebendigen Museum Wissen für die nachkommende Generationen
sichern. Noch bleibt unübersehbar, dass gerade hier noch viel zu tun
ist: die Herrichtung der ehemaligen Schul- und Wohnräume ist in vollem
Gange. So können wir heute denn auch keine neun Kerzen – wie auf der
Chanukkia – entzünden, um zu feiern.
(Erste Kerze entzünden) Im Jahr 2000 wurde zunächst mit 45.000
DM, die die Gemeinde Vöhl zur Verfügung stellte, das Gebäude vom Förderkreis
erworben. Mit 15.000 DM des Landesamtes für Denkmalpflege wurden Notmaßnahmen
finanziert, gefährdete Bereiche an Dachstuhl und Fachwerkkonstruktion
gesichert. Zentral war in diesem Jahr das unvergessliche Treffen mit
den „Ehemaligen“ – Vöhler Juden und ihren engsten Familienangehörigen,
die dem Holocaust durch Emigration entgangen waren. Viele Spenden,
darunter 10.000 DM vom Landkreis Waldeck-Frankenberg, ermöglichten
es uns, 15 Personen für eine Woche in Vöhl zu Gast zu haben.
(Zweite Kerze entzünden) Im Jahr 2001 konnte "lediglich"
ein ganz wichtiges Detail dieses Raumes durch Spenden an den Förderkreis
wieder neu hergestellt werden: Das Fenster mit dem Davidstern. Ansonsten
war das Jahr mit dem "Beschaffen" von finanziellen Mitteln,
dem schier endlosen Antrag- und Bittstellen an potentielle Förderer
der Renovierung, verbunden. Es war erfolgreich, denn
(Dritte Kerze entzünden) im Jahr 2002 konnten in einem ersten
Kraftakt Südwest- und Nordwestfassade komplett renoviert werden. Die
erforderlichen 75.000 Euro wurden zu je einem Drittel von der Deutschen
Stiftung Denkmalschutz, wieder dem Landesamt für Denkmalpflege und
dem Förderkreis selbst aufgebracht. 2002 wurde auch ein Toiletteneinbau
aus den siebziger Jahren aus dem Sakralraum entfernt.
(Vierte Kerze entzünden) Im Jahr 2003 konnten wir mit 5.000 Euro der
Kulturstiftung der Sparkasse Waldeck-Frankenberg und 15.000 $ vom
World Monuments Fund – der Welt- Denkmalschutzbehörde die Kuppel restaurieren.
Wir sind stolz darauf, uns als einzige Synagoge in Deutschland in
der gleichen Liste 400 weltweit geförderter Baudenkmale zu finden
wie etwa die Haghia Sophia in Istanbul oder die berühmten Tempel in
Kambodscha. Weiter konnten 2003 mit 5.000 Euro vom Landesamt für Denkmalpflege
restauratorische Voruntersuchungen finanziert und ein erstes Heizkonzept
erarbeitet werden.
(Fünfte Kerze entzünden) Im Jahr 2004 wurden mit 20.000 Euro
vom Landesamt für Denkmalpflege und 23.000 Euro aus Eigenmitteln
die Nordostfassade und diese Trennwand zwischen Sakralraum und Wohntrakt
komplett renoviert, die Statik der Empore durch Einbau zusätzlicher
versteifender Verstrebungen verbessert und eine neue Eingangstüre
angefertigt. Besonders dankbar sind wir Herrn Schmiedemeister Heinrich
Figge aus Höringhausen, der den großen Deckenleuchter als Spende für
den Förderkreis anfertigte.
(Sechste Kerze entzünden) Im Jahr 2005 wurde mit der Südost-
die letzte Fassade renoviert. Alle Innenwände wurden gründlich wärmegedämmt,
eine Wandheizung wurde eingebaut und mit neuem Lehmputz verdeckt.
Die schadhaften Fußbodenplatten wurden erneuert, darunter eine Bodenplatte
gegossen, auf der sich eine Fußbodenheizung befindet. 50.000 der insgesamt
erforderlichen 105.000 Euro kamen aus Leader- Mitteln der Europäischen
Gemeinschaft, 25.000 von der Deutschen Stiftung Denkmalpflege, 10.000
aus vom Deutschen Bundestag verhängten Strafgeldern und 20.000 nochmals
vom World Monuments Fund.
(Siebte Kerze entzünden) Im laufenden siebten Jahr schließlich
wurden mit Restmitteln restauratorische Feinarbeiten aus 2005 fortgesetzt
und vollendet: Farbschäden an der Empore wurden ausgebessert, eine
Ecke des Raumes im Zustand von etwa 1900 restauriert –der übrige Raum
zeigt den Zustand um 1930, als die jüdische Gemeinde Vöhls hier noch
einmal renovierte, also wohl auch an eine Zukunft glaubte. Über der
Tür wurden die Löwen mit dem "Ludwig"- Schild freigelegt
(gemeint ist Großherzog Ludwig I. von Hessen) und unter dem Stern
wurde der Originalputz mit dem Schatten des Thoraschreins aufwändig
restauriert.
Verehrte Anwesende,
eine Menorah gleicht einem Baum. Ein Baum hat Wurzeln, die ihn nähren,
und Äste, an denen Blätter Leben spendendes Licht einfangen. Der Initiator
des Förderkreises und unermüdliche Forscher in der Geschichte der
Juden Vöhls und des Landkreises Karl-Heinz Stadtler - und ich – könnten
wohl kaum ohne die unzähligen Wurzeln und Äste auskommen, die uns
eine solide und verlässliche Basis bilden. Tief empfundenen Dank an
Ingeborg Drüner, Peter Göbel, Christel und Jürgen Schiller, Günther
und Dorothea Maier, Dagmar Keller und Walter Schauderna, Anna und
Jürgen Evers, Werner Eger und Volker König, Pfarrer Jan Friedrich
Eisenberg, Heidi Bock, Edelhard Wudel, Friedrich Hofmann und viele
andere, die nicht alle einzeln genannt werden können. Danke an die
Nachbarn, für ihre Hilfe und Duldung von vielerlei Unannehmlichkeiten
und Belastungen während der Renovierung oder auch während unserer
Veranstaltungen. Wir danken auch für die zahlreichen Sach- und Geldspenden
aus allen Kreisen der Bevölkerung.
Wir danken besonders der Presse, deren Interesse an unserer Arbeit
oft weit über ihre journalistischen Aufgaben hinausgeht. Marianne
Dämmer von der WLZ, Maja Yüce, ehemals Koch, Martina Biedenbach von
der HNA sowie viele andere Reporter haben mittlerweile über 800 Artikel
über die Synagoge, den Förderkreis und seine Arbeit veröffentlicht
und damit die Früchte unseres Baumes in die Welt gestreut.
Heute konnten wir sieben Kerzen entzünden als Erinnerung an die zurückliegenden
Jahre, in denen manch mühsamer Schritt uns immer mehr in die Geschichte
des Gebäudes und die der jüdischen Bevölkerung Vöhls hat hineinwachsen
lassen. Das nur dank der überaus großen Unterstützung und Hilfe vieler
Menschen, Firmen und Organisationen, von denen einige heute dankenswerterweise
hier zugegen sind oder Vertreter entsendet haben.
Sehr verehrte Gäste, liebe Mitglieder des Fördervereins, meine Damen
und Herren,
im Namen des Fördervereins "Synagoge in Vöhl" e.V. heiße
ich Sie aufs Herzlichste zur heutigen Feierstunde in der alten Synagoge
Vöhl willkommen.
Ein besonderer Gruß geht an die Personen aus Kirche, Politik und Wirtschaft,
die ihre Verbundenheit zu unserer Arbeit am heutigen Nachmittag dokumentieren.
Ich begrüße insbesondere:
- die Chorgemeinschaft Vöhl- Basdorf unter der Leitung
von Herrn Ulrich Fingerhut,
- den Kirchenchor der evangelischen Kirchengemeinde unter Leitung
von Frau Irene Tripp,
- den Herrn Bürgermeister der Großgemeinde Vöhl Haral
Plünnecke,
- den Herrn Kreistagsvorsitzenden des Landkreises Waldeck-Frankenberg
Michael Kossmann,
- den Herrn Ersten Kreisbeigeordneten des Landkreises Waldeck-Frankenberg
Peter Niederstraßer,
- Frau Dekanin Ute Zöllner,
- Herrn Oberlandeskirchenrat Dr. Eberhard Stock,
- Herrn Dr. Michael Dohrs vom Predigerseminar Hofgeismar,
- die Damen und Herren der Gemeindevertretung und des Gemeindevorstands,
- die Damen und Herren des Ortsbeirats Vöhl,
die am Bau beteiligten Personen:
- den Architekten Claus Hömberg,
- Herrn und Frau Mitze,
- Herrn und Frau Kühn von der Firma Selzam,
- Herrn Selzam,
- Herrn und Frau Kolmi
sowie
- Agnes Claus, Brigitte und Jochen Klein vom befreundeten Arbeitskreis
"Rückblende - Gegen das Vergessen" Volkmarsen,
- Gabriele Schmitt und Friedel Schultheis vom Arbeitskreis Landsynagoge
Roth und
- Herrn Brendle aus Paderborn.
Grüße ausrichten soll ich von den MdB Gerd Höfer und Bernd Siebert,
den MdL Reinhard Kahl und Heinrich Heidl sowie ganz besonders von
Prof. Dr. Gerd Weiß, dem Präsidenten des Hessischen Landesamtes für
Denkmalpflege und Dr. Bernhard Buchstab von der für Vöhl zuständigen
Außenstelle Marburg. Ohne das Landesamt, seine finanziellen Hilfen
und seine Ratschläge, wie die Bausteine eines Finanzierungskonzepts
am besten zusammenzusetzen sind, könnten wir heute wohl kaum hier
feiern.
Wir, die heute hier anwesenden und zahlreiche weitere Personen, die
nicht kommen konnten, sind zu einem Teil der Geschichte der Vöhler
Synagoge geworden.
Auch Kritiker unserer Arbeit sind Teil dieser Geschichte. Lassen Sie
mich dies abschließend noch einmal am Bild der Menora erläutern: Obschon
eine Menora aus einem Guss besteht und nicht etwa nach und nach zusammengefügt
wird, schafft und umfasst sie mit ihren sieben Armen und Lichtern
Mannigfaltigkeit. Alle Lichter stehen auf einer Basis, besitzen eine
Wurzel. Ein Stamm trägt die Fülle aller geistigen Erkennens. Die Menora
als Symbol für Erkenntnis offenbart also, dass der Mensch keine absolute
Wahrheit zu erkennen vermag. Sie zeigt sich uns vielmehr in verschiedenen
Aspekten und mit zahlreichen Facetten. Die Menora lehrt, dass aus
einem Stamm viele Zweige wachsen, und dass kein Licht ernsthaft von
sich behaupten kann, es sei heiliger als sein Nächstes. Ein Pfad führt
nur deswegen zum Ziel, weil es auch andere Pfade gibt. Auf der Suche
nach Wahrheit müssen wir auch Standpunkte Anderer tolerieren. Schließlich
werden wir verstehen, dass unsere Haltung erst dadurch wahr wird,
dass auch andere Haltungen da sind. In diesem Sinne ruft die Menora
eindringlich zu wahrem Dialog auf.
Heute konnten wir sieben Kerzen entzünden. Wir hoffen, dass die neun
Kerzen des "größeren" Leuchters ausreichen werden, wenn
wir die vollständige Renovierung feiern können.