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Festrede von Bürgermeister
Harald Plünnecke
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Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Gäste,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am vergangenen Donnerstag, dem 9. November, dem Schicksalstag der
Deutschen, jährte sich zum 68. Mal die Reichspogromnacht, die organisierte
Zerstörung jüdischer Einrichtungen, verbunden mit gewalttätigen Übergriffen
gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ein derartiges staatlich
sanktioniertes und sogar staatlich provoziertes Unrecht ist beispiellos
in der neueren deutschen Geschichte. Menschen, die über Jahre hinweg
als gute Nachbarn und sogar als Freunde miteinander gelebt und gearbeitet
hatten, standen sich plötzlich in unversöhnbarem Hass gegenüber.
"Nicht alle waren Mörder", so lautet der Titel der Lebenserinnerungen
des jüdisch-deutschen Schauspielers Michael Degen, deren Verfilmung
gerade erst im Fernsehen gezeigt wurde. Aber viele ließen sich von
der Dynamik der Gewalt mitreißen, wurden zu Mitläufern, gar zu Mittätern,
oder sie schauten weg, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Angst.
Diese Indifferenz ermöglichte dann den Völkermord an 6 Millionen europäischer
Juden unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, die Shoa, den
Holocaust. Diese Begriffe stehen heute für die beispiellose und unbegreifliche
Vernichtungsmaschinerie, die in geradezu industrieller Präzision und
Effizienz eine friedvolle deutsch-jüdische Koexistenz beendete, die
über einen langen Zeitraum hinweg funktioniert hatte.
Man muss allerdings auch bei den Begrifflichkeiten "deutsch" und "jüdisch"
äußerst vorsichtig sein. Wer nämlich nach Juden und Deutschen differenziert
läuft Gefahr, bereits in die Nomenklatur der Mörder von damals zu
verfallen. Juden waren Deutsche. Sie besaßen die uneingeschränkte
Staatsbürgerschaft, sie bekannten sich zur deutschen Nation, zur deutschen
Geschichte. Sie hatten im Ersten Weltkrieg für ihr "Vaterland" gekämpft.
Sie stellten zudem zu großen Teilen die Elite der deutschen Kultur
und Wissenschaft. Wenn man differenziert, dann nur nach Juden und
Christen, denn die Unterschiede waren im Selbstverständnis der Menschen
wie auch im alltäglichen Leben rein konfessioneller Natur. Erst die
nationalsozialistische Rassentheorie konnte diese Realität korrumpieren
und pervertieren.
Nur wenige Zeugnisse des einst so reichen jüdischen Lebens in Deutschland
sind geblieben. Dazu gehört auch die Synagoge hier bei uns in Vöhl.
Zwei Gründe waren Ausschlag gebend dafür, dass sie die Gewaltexzesse
des 9. November 1938 überstand. Sie war bereits vorher verkauft worden
und sie war so in das Ortsbild eingebettet, dass man sie nicht hätte
anstecken können, ohne die umliegenden Gebäude zu gefährden. Aber
diese besondere Lage, dieses Eingebettetsein in die Topographie des
Ortes ist von großer Symbolkraft. Sie ist ein Sinnbild der friedlichen
Koexistenz von Juden und Christen in Deutschland.
Die Synagoge erinnert an eine Zeit, die heute für viele Menschen gar
nicht mehr vorstellbar ist. Eine Zeit, in der auch in unseren Dörfern
und Städten die Bar Mitzwa ebenso selbstverständlich gefeiert wurde
wie die Konfirmation, Chanukka genauso wie das Weihnachtsfest, mit
ähnlichen Riten und Gebräuchen. An eine Zeit, in der das Kaddish ebenso
selbstverständlich gebetet wurde wie das Vater unser.
Ausgehend vom Toleranzpatent Kaiser Josephs II. vom 13. Oktober 1781
wurden in den bürgerlich-liberalen Verfassungen der europäischen Nationalstaaten
im 19. Jahrhundert die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung
der Juden sowie die Freiheit der Religionsausübung garantiert. Die
Juden, Jahrhunderte lang eine Minderheit am Rande der Gesellschaft,
wurden gleichberechtigte Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten.
Eine Konsequenz dieser neuen Toleranz war auch der Bau dieser Synagoge
in 1827 und ihre Weihe im Jahre 1829.
Die Synagoge steht dafür, dass ein dunkler und lange Zeit tot geschwiegener
Teil unserer Geschichte endlich erhellt, dass Unrecht gesühnt und
Versöhnung ermöglicht wird.
Mittlerweile gibt es wieder ein jüdisches Leben in Deutschland. Gemeinden
bilden sich neu, es werden auch wieder Synagogen gebaut. Im Jahre
2000 etwa in Kassel. Sie dient heute als gemeinsames Zentrum der nordhessischen
Juden. Am symbolträchtigen 9. November, also vor drei Tagen, wurde
die neue Synagoge in München unter großer öffentlicher Anteilnahme
und in Gegenwart von Bundespräsident Horst Köhler geweiht.
Die jüdischen Gemeinden wachsen vor allem durch den Zustrom von Juden
aus Osteuropa. Aber es ist immerhin ein positives Zeichen, dass Juden
wieder nach Deutschland kommen. Das heißt, es ist uns gelungen deutlich
zu machen, dass wir die Vergangenheit aufgearbeitet haben, dass Grundwerte
wie Freiheit, Toleranz und Respekt vor dem anders Denkenden einen
großen Stellenwert bei uns besitzen. Und das obwohl Unbelehrbare und
ewig gestrige auch heute wieder eine Bedrohung jüdischer Einrichtungen
und jüdischer Menschen darstellen. Wichtig ist aber, dass nach außen
hin klar wird: Es handelt sich hier um eine isolierte Minderheit,
die vom Gros der Gesellschaft ausgegrenzt und geächtet wird.
Wenn jüdisches Leben in Deutschland sich wieder entwickeln kann, dann
ist dies vor allem ein Verdienst von Initiativen wie dem Verein "Förderkreis
Synagoge Vöhl" oder dem noch älteren Verein "Rückblende" in Volkmarsen,
denen es sozusagen im allerletzten Moment gelungen ist, mit den Verfolgten
und Entrechteten von damals in Kontakt zu treten, eine Atmosphäre
des Ausgleichs, der Gerechtigkeit und sogar der Freundschaft zu schaffen,
die Voraussetzung für eine neue friedliche Koexistenz ist.
Heute, rund sieben Jahrzehnte nach den Ausschreitungen gegen jüdische
Mitbürger und sieben Jahre nach der Gründung des Vereins können wir
den Sakralraum dieses Gotteshauses wieder im ursprünglichen Glanz
erstrahlen sehen. Das ist ein großer Tag für unsere Gemeinde, ein
Symbol bürgerschaftlichen Engagements und Gemeinsinns. Dieser Tag
war einmal eine Vision, heute wurde sie realisiert. Gestatten Sie
mir, dass ich eine kleine Chronologie der vergangenen Jahre entwerfe.
Wie hat es eigentlich angefangen? In meinen Unterlagen fand ich ein
Schreiben des Vorsitzenden der Ortsgruppe Frankenberg des Vereins
für Hessische Geschichte und Landeskunde, Karl-Hermann Völker, datiert
vom 10. März 1998, in dem er auf die damals gerade abgeschlossene
Renovierung der Landsynagoge in Weimar-Roth im Landkreis Marburg Biedenkopf
verwies und daran erinnerte, dass die Synagoge in Vöhl fast vollkommen
aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sei. Wörtlich heißt
es dort: "Ich denke, für Vöhl wäre dieses ein Schatzkästchen, verborgen
hinter unscheinbarem Fachwerk, von unschätzbarem Wert!"
Ich nahm daraufhin Kontakt mit Karl-Heinz Stadtler auf, dem die Geschichte
Vöhls mit allen ihren Facetten und Aspekten schon immer am Herzen
lag. Dieser bezog Friedrich Hoffmann und Jürgen Evers vom Geschichtsverein
Itter-Hessenstein mit ein, die das Vorhaben einer öffentlichen Nutzung
der Synagoge sehr begrüßten. In dieser Situation war es von Vorteil,
dass auch die Eigentümer bereit waren, das Gebäude zu verkaufen und
die Idee einer Umnutzung als Gedenkstätte für jüdisch deutsche Geschichte
und Kultur vorbehaltlos unterstützten.
Die parlamentarischen Beratungen über einen Ankauf des Hauses durch
die Gemeinde gestalteten sich aber recht schwierig. Dennoch kam es
zu einem Beschluss, der den Gemeindevorstand beauftragte, in Verhandlungen
mit den Eigentümern einzutreten, ein Vorhaben, das auch vom Geschichtsverein
nachhaltig begrüßt wurde.
Gleichzeitig wurde das Landesamt für Denkmalpflege gebeten, die Kosten
einer sachgerechten Sanierung zu ermitteln. Der Betrag wurde zunächst
mit 232.000 DM beziffert, stieg aber schließlich aufgrund weiterer
zu berücksichtigender Details auf 440.000 DM. Obwohl in der Gemeindevertretung
eine breite Mehrheit für den Erhalt der Synagoge gefunden werden konnte,
waren jedoch die hohen Kosten eine unüberwindbare Hürde. So wurde
der Ankauf in der Sitzung der Gemeindevertretung am 25. Oktober 1999
abgelehnt, aber gleichzeitig einem neu zu gründenden Förderverein
40.000 DM hierfür zur Verfügung gestellt.
Ich erinnere mich noch heute gut an die enttäuschten Gesichter der
Befürworter in den Reihen der Zuhörer. Aber dieser Beschluss löste
eine Trotzreaktion aus, die sich aus heutiger Sicht als segensreich
erwiesen hat. Konsequenz war die Gründung des Vereins "Förderkreis
Synagoge Vöhl", übrigens am 9. November 1999. Am 26. 11. wurde das
Gebäude dann bereits käuflich erworben zum Preis von 45.000 DM. Auch
wenn sich keine politische Mehrheit gefunden hatte, so bedeutete das
nicht, dass sich auch Mitglieder von Gemeindevorstand und Gemeindevertretung
der neuen Initiative anschlossen. Auch ich zählte zu den Gründungsmitgliedern
des Vereins.
Kurt Willi Julius und Karl-Heinz Stadtler waren von Anfang an die
Taktgeber der Initiative und sie sorgten dafür, dass die Synagoge
schon bald wieder im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert wurde.
Bereits am 29. Dezember 1999 fand ein erstes Konzert in diesem Raum
statt. Beate Lambert und Jean Kleeb präsentierten einem vor Kälte
zitternden aber dennoch begeisterten Publikum jiddische Lieder.
Mittlerweile haben hier über 30 Konzerte stattgefunden. Es erklang
Klezmermusik, ebenso wie auch klassische und christlich orientierte
Kompositionen. Der Kultursommer Nordhessen entdeckte die Synagoge
als Spielstätte. Ich erinnere an den Auftritt von Monika Bleibtreu
in dem Ein-Personen-Stück "Rose", das zu einem der bleibenden kulturellen
Höhepunkte in der Geschichte unserer Gemeinde wurde.
Weltweite Beteiligung und Beachtung fand das Kunstprojekt mit der
Bearbeitung maroder Bretter aus dem hölzernen Dachhimmel der Synagoge
durch renommierte Künstler aus allen Kontinenten im Frühjahr/Sommer
2005.
Von Anfang an einen breiten Raum nahm auch die Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit
ein. Im September 2000 besuchten 15 ehemalige Vöhler Juden, die heute
in den USA, Argentinien, Israel und Deutschland leben, ihre alte Heimat.
Ihnen wurde zugesagt, dass mit der Restaurierung der Synagoge ein
Ort der Erinnerung an die Geschichte der Juden in Vöhl geschaffen
werde, insbesondere auch für die Menschen, die dem Holocaust zum Opfer
gefallen sind.
Ebenfalls im Jahre 2000 berichtete Sally Perel über sein Leben als
"Hitlerjunge Salomon". Tief bewegend war auch die Schilderung des
in Altenlotheim aufgewachsenen und heute in Israel lebenden Israel
Strauß, der von der Deportation als 12jähriger nach Riga und ins KZ
Stutthoff erzählte, die er als einziger seiner Familie überlebte.
Im Rahmen der historischen Forschungen des Vereins wurde das Zusammenleben
von Juden und Christen in unserer Region seit mehreren hundert Jahren
aufgearbeitet. Mehrere tausend Biographien von Juden aus dem ganzen
Landkreis wurden erstellt, 2000 davon sind auf der Homepage des Vereins
zu finden. Außerdem entstanden zahlreiche Aufsätze über das Leben
von Vöhler Juden.
Für seine Arbeit erhielt der Verein nationale und internationale Auszeichnungen.
Umfangreiche Zeitungsberichte über seine Tätigkeit erschienen in den
USA, in Argentinien und Israel. Zuschüsse für die Restaurierung kamen
u. a. vom Sonderfonds des Deutschen Bundestages und vom World Monument
Fonds. Der Verein erhielt den Ehrenamtspreis der Hessischen Landesregierung
sowie im Januar dieses Jahres den Obermayer German Jewish History
Award (auch ich hatte die Ehre, dabei sein zu dürfen).
Heute gehören dem Verein mittlerweile 220 Mitglieder an, 80 davon
kommen direkt aus Vöhl, 80 weitere aus anderen Ortsteilen der Gemeinde,
der Rest aus dem übrigen Landkreis sowie darüber hinaus. Bis zu 3000
Besucher jährlich finden den Weg hier in die Synagoge, vor allem Schulklassen,
Konfirmandenfreizeiten, Landfrauen- und andere Vereine, Kirchenvorstände,
Betriebsausflüge, Gäste der Jugendherbergen und des Gemeinschaftswerks
auf dem Weinberg in Asel. Außerdem waren auch viele Gruppen und Vereine
aus der Großgemeinde bereits hier.
Und neben der Kultur- und Bildungsarbeit hat sich die Synagoge auch
unter wirtschaftlichen Aspekten als nutzbringend erwiesen, etwa für
die Gastronomie oder das heimische Handwerk, das Aufträge im Rahmen
der Restaurierung erhielt. Die Bauarbeiten gehen auch über den heutigen
Tag hinaus weiter, denn in der ehemaligen Lehrerwohnung soll ein kleines
Museum über christlich-jüdisches Zusammenleben in der Region entstehen.
Damit bin ich am Ende meiner kurzen und gewiss nicht erschöpfend vollständigen
Chronologie angelangt. Ich darf aber die Gelegenheit nutzen, allen
Persönlichkeiten und Institutionen zu danken, die die Vöhler Synagoge
der Vergessenheit entrissen und wieder zu einem Ort der Begegnung
und der Kommunikation gemacht haben. Lassen Sie mich stellvertretend
für alle noch einmal die Namen Kurt Willi Julius und Karl Heinz Stadtler
nennen.
Wie ich eben bereits sagte: Die Synagoge ist wieder ein Ort der Begegnung,
der Kommunikation sowie auch des kulturellen Erlebens geworden. Möge
Sie uns und allen nachfolgenden Generationen eine Mahnung zu Toleranz,
Verständigung und Frieden sein. Lassen Sie mich diesen Wunsch mit
einer Zeile aus dem Kaddish, dem zentralen Gebet des Judentums unterstreichen:
Der Frieden schafft in seinen Höhen, er schaffe Frieden unter
uns.