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Rede des 1. Vorsitzenden
des Beirats
des Förderkreis "Synagoge in Vöhl" e.V.
Karl-Heinz Stadtler
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Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wenn Sie nach dieser Veranstaltung im Hof einen Blick in den Sakralraum
der Synagoge werfen, wozu ich Sie schon jetzt herzliche einlade, werden
Sie dort eine Präsentation sehen, die die Namen der deportierten Juden
aus Waldeck-Frankenberg zeigt. Alle zehn Sekunden werden Sie dort
einen neuen Namen sehen; wenn sie alle Namen sehen wollen, müssen
Sie sich auf eine Dauer von fast 2 Stunden einrichten. Nicht ganz
700 Namen haben wir ermittelt; 700 Namen von Juden. Doch nicht nur
Juden fielen dem Wahn des Rassismus zum Opfer; Sinti und Roma, Behinderte,
Zeugen Jehova, Homosexuelle, politisch Andersdenkende wurden ausgegrenzt,
verfolgt, deportiert und vernichtet. Hier steckt die Forschung in
unserem Landkreis noch in den Anfängen, doch ich bin sicher, dass
die Zahl der Namen, die wir in der Vöhler Synagoge zeigen, weiter
wachsen wird. 700 Menschen, um bei dieser Zahl zu bleiben, das sind
fast so viele, wie Vöhls Nachbarort Marienhagen Einwohner hat. Sie
alle werden Orte kennen, die ähnlich groß sind.
Doch diese 700 Menschen, die lebten nicht in einem einzigen Ort zusammen,
sondern waren über viele Kommunen in diesem Landkreis verteilt:
| Allendorf (Eder) |
18
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| Bad Arolsen |
74
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| Bad Wildungen |
76
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| Battenberg |
18
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| Bromskirchen |
4
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| Diemelsee |
20
|
| Diemelstadt |
48
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| Edertal |
23
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| Frankenau |
44
|
| Frankenberg |
47
|
| Gemünden |
62
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| Haina (Kloster) |
21
|
| Hatzfeld |
4
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| Korbach |
62
|
| Rosenthal |
23
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| Vöhl |
57
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| Volkmarsen |
23
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| Waldeck |
48
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| Willingen |
23
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Sie verschwanden aus unseren Dörfern
und Städten, und das geschah nicht still und heimlich. Den Boykott
jüdischer Geschäfte, die Verbote, bestimmte Berufe auszuüben, die
Nürnberger Gesetze, die Schilder auf den Parkbänken mit der Aufschrift
"Für Juden" oder "Für Arier", die Reichspogromnacht, in der unzählige
Synagogen zum Raub der Flammen wurden und 30.000 jüdische Männer auf
einen Schlag in Konzentrationslager eingewiesen wurden, das Tragen
der Judensterne, das Verschwinden der Juden aus den Dörfern und Städten
mit anschließender öffentlicher Versteigerung von deren Eigentum -
in den Dörfern durch die Bürgermeister - ; - meine Damen und Herren,
was damals geschah und was ich eben aufgezählt habe, das war für den
jeden und jede offensichtlich. Man akzeptierte, was geschah; man nahm
es hin; viele machten mit, weil sie sich Vorteile versprachen: Geld
und Karriere.
Auch hier bei uns in den Dörfern und Städten Waldeck-Frankenbergs
schaute man weg oder machte gar mit. Von Protest und Widerstand ist
kaum etwas bekannt. Und dann waren es Leute aus demselben Dorf - Nachbarn,
frühere Sangesbrüder und Sportkameraden - , die die Männer oder Frauen
aus ihren Häusern holten und zum Bahnhof, in Vöhl zum Beispiel zum
Bahnhof Itter brachten, von wo aus sie zunächst nach Kassel und dann
von dort nach Riga, nach Sobibor, nach Majdanek oder nach Theresienstadt
gebracht wurden.
Wenn ich dies hier schildere, meine sehr geehrten Damen und Herren,
so nicht, um anzuklagen oder zu beschuldigen. Denn mein Bestreben
und das des Förderkreises Synaogoge in Vöhl, in dessen Namen Sie heute
zu begrüßen ich die Ehre habe, ist nicht auf die Vergangenheit, sondern
auf die Zukunft orientiert. Das furchtbare Geschehene darf sich nicht
wiederholen. Deshalb ist ein Mahnmal wie das, das wir heute gemeinsam
einweihen, so wichtig.
"Ganz normale Männer", im englischen Original "Ordinary Men", betitelte
Christopher Browning ein Buch, in dem er die Arbeit eines Hamburger
Reserve-Polizeibataillons beschreibt, das im Sommer 1942 nach Polen
zu einem Sonderauftrag geschickt wurde. In den Dörfern und kleinen
Städten rund um Lublin sollten sie Juden aufspüren, Arbeitsfähige
zum Lagereinsatz aussondern und die übrigen - Alte, Kranke, Frauen
und Kinder - auf der Stelle erschießen. Vor ihrem Einsatz machte der
Kommandant den 500 ganz normalen Polizisten aus dem Reich das Angebot,
wer sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne sein Gewehr abgeben
und würde dann zu einer anderen Aufgabe eingesetzt. Von den 500 meldeten
sich gerade mal 12. Alle anderen waren zum Mitmachen bereit.
Wie sehr müssen diese Menschen verführt worden sein, wie sehr müssen
sie durch staatliche Propaganda in den Medien, in den Schulen und
Universitäten sowie durch Veranstaltungen der Partei und des Ein-Parteien-Staates
beeinflusst und indoktriniert worden sein?! Wie sehr müssen aber auch
Vorurteile schon vorher dagewesen sein? Und wie sehr muss die Bereitschaft
zur Gewaltanwendung, insbesondere auch die Bereitschaft zur Überwindung
von moralisch oder religiös bedingten Hemmungen vorhanden gewesen
sein?!
Wir müssen uns dies immer wieder bewusst machen. Wir brauchen die
Bereitschaft zur Kritik und die Fähigkeit zur kritischen Reflexion
gerade auch gegenüber dem Staat und gegenüber den politischen Entscheidungsträgern
und Entscheidungen, um auch nur die Möglichkeit zu verhindern, dass
Politiker und Parteien uns als die Bürgerinnen und Bürger für falsche
Ziele und Zwecke missbrauchen. Auch dazu fordert dieses Mahnmal auf.
Meine Damen und Herren,
heute exakt vor 7 Jahren standen 15 ehemalige Vöhler Juden bzw. ihre
Nachfahren und Verwandten in diesem Hof, und der älteste und der jüngsten
von ihnen - Richard Rothschild und Geoffey Baird - pflanzten diesen
Apfelbaum. Der Baum der Erkenntnis, der uns vor allem auch lehren
soll, zwischen Gut und Böse, zwischen Falsch und Richtig zu unterscheiden,
sollte vor allem auch deutlich machen, dass wir gemeinsam an eine
gemeinsame Zukunft glauben, in einer Welt, in der für jeden Platz
ist und die uns allen gemeinsam gehört. Eine Welt, in der wir Verantwortung
tragen für uns und für alle, die mit uns sind.
In diesem Hof steht seit einigen Tagen ein Stein, den ich den "Sag
‚Nein'"-Stein nennen möchte. Ein Diabas hier aus der Region, der älter
ist als die Menschheit, und der uns jetzt und für die Zukunft auffordern
soll, Nein zu sagen, wenn wir dazu aufgefordert werden, Menschen aus
irgend welchen Gründen zu diskriminieren, sie auszugrenzen, sie aus
unserer Umgebung wegzuholen, sie zu deportieren und sie gar umzubringen.
Und seit heute steht hier ein Mahnmal mit dem Titel "Auf der Schwelle
zwischen Leben und Tod", das daran erinnert, dass das, was für die
Zukunft ausgeschlossen werden soll, tatsächlich geschehen ist. Geschehen
hier bei uns, mitten in dem doch so zivilisierten Europa, und verantwortet
von einem Volk, das stolz darauf ist, einen Goethe und einen Schiller,
einen Kant und einen Hegel hervorgebracht zu haben.
Geschehen auch in unseren Dörfern und Städten, unter Beteiligung unserer
Eltern und Großeltern, unter Beteiligung von Menschen also, die uns
die Nächsten waren.
Menschen waren damals ganz offensichtlich nicht in der Lage, in dem
jeweils Anderen auch einen Menschen zu sehen. Deshalb, so glaube ich,
ist es ganz wichtig, unsere Kinder und Kindeskinder in der Familie
und in der Schule, aber auch im Dorf und in der Stadt so zu erziehen
und bilden, dass sie im Anderen nicht nur den Nächsten sehen, sondern
sogar sich selbst. Dass Sie ihn wahrnehmen als jemanden, der genauso
denkt, genauso fühlt, dieselben Empfindungen, Empfindlichkeiten und
Verletzlichkeiten hat, der Glück, der aber auch genauso Leid und Schmerz
empfinden kann wie man selbst.
Dann - da bin ich sicher - können wir mit berechtigter Zuversicht
in die Zukunft blicken.