HNA
- Frankenberger
Allgemeine und/oder Waldeckische Allgemeine
Samstag,
8. November 2008
Auftakt zur Vernichtung
Die Novemberpogrome vor 70 Jahren waren Vorläufer auf dem Weg zum
Holocaust
VON
SYLVIA GRIFFIN

Es war ein Akt der Barbarei - nicht spontan, sondern
reichsweit minutiös organisiert: Passanten in Berlin
betrachten zertrümmerte Fensterscheiben eines Geschäfts
nach der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938.
Die Nationalsozialisten zerstörten in einer konzertierten Aktion
tausende Synagogen, jüdische Friedhöfe, Wohnungen und Geschäfte.
Foto: ddp
Es
war kein spontaner Volkszorn, sondern gelenkte Aktion. Als in der Nacht
des 9. November vor 70 Jahren Synagogen brannten und Juden geschlagen,
eingesperrt und getötet wurden, waren sich die Nationalsozialisten sicher,
dass es keine großen Proteste geben würde. Schließlich hatte man geprobt.
Der erste Probelauf erfolgte bald nach der Machtergreifung Hitlers:
Am 1. April 1933 wurde ein Boykott jüdischer Geschäfte angeordnet. Die
Bevölkerung reagierte auf die Hetzparolen weit gehend passiv. Manche
ließen sich von den SA-Wachposten vor den Läden auch nicht beeindrucken.
Schrittweise und systematisch wurden die Juden in den Jahren darauf
entrechtet: Als Beamte entlassen, Berufsausübung verboten, zur minderwertigen
Rasse erklärt, mit Eheverbot mit 2Ariern2 belegt, enteignet.
Die Novemberpogrome als nächste Steigerung des Terrors hatten eine örtliche
Generalprobe. Das Attentat von Herschel Grynszpan (dessen Familie nach
Polen deportiert worden war) auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft
in Paris war am 7. November das Startzeichen für SA-Trupps aus Arolsen,
die in Kassel und Umgebung die ersten Synagogen in Brand steckten.
Nachdem die Übergriffe aus Sicht der Nationalsozialisten reibungslos
geklappt hatten (nennenswerte Proteste der übrigen Einwohner hatte es
nicht gegeben), schritt man zur Eskalation. Auf einer Gedenkfeier an
den missglückten Hitler-Putsch vom 9. November 1923 hielt Propagandaminister
Joseph Goebbels in München eine Hetzrede, die von Gauleitern und SA-Führern
verstanden wurde - es war Zeit loszuschlagen. Telefonisch ging die Order
an die Dienststellen im Reich.
Die Zahl der Synagogen, die entweiht und zerstört wurden, wird heute
mit über 1400 angegeben. Einige, wie die große Berliner Synagoge in
der Oranienburger Straße, wurden durch beherztes Eingreifen gerettet,
andere wegen ihrer Nähe zu Wohngebäuden nicht angezündet. Ansonsten
galt: Die Feuerwehr durfte nicht löschen, die Polizei nicht eingreifen.
Scheiben wurden überall eingeschlagen, Thora-Rollen auf die Straße gezerrt
und mit Füßen getreten, das Innere der Gotteshäuser verwüstet.
Genauso traf es Geschäfte und Wohnungen von Juden. Ihre Inhaber und
Bewohner wurden misshandelt, einige hundert ermordet, ungefähr 30 000
in Konzentrationslager deportiert, von denen viele nie wieder frei kamen.
Die genaue Zahl der Toten in dieser Nacht und in den Tagen danach ist
noch immer nicht sicher dokumentiert. Wissenschaftler schätzen die Zahl
auf etwa 800. Es war ein Vorgeschmack auf die große Vernichtungsmaschinerie,
wie sie später in Auschwitz, Majdanek und anderen Lagern in perfider
Präzision eingerichtet werden sollte.
Höhnisch sprachen die Nazis von "Reichskristallnacht", was
sich aufs Klirren der Scherben bezog. Für die Schäden, die ihnen zugefügt
worden waren, wurden die Juden zu "Entschädigungszahlungen"
verurteilt. Nach diesem makaberen Auftakt folgte in immer schnelleren
Schritten die Vernichtung der meisten europäischen Juden.