HNA - Frankenberger Allgemeine und/oder Waldeckische Allgemeine
Samstag, 8. November 2008

Lange Nacht des Terrors
Verhaftungen jüdischer Bürger und brennende Synagogen im November 1938
VON KARL-HERMANN VÖLKER


Verwüstet
Weil die angrenzenden Gebäude durch ein
Feuer gefährdet gewesen wären,
beschränkten sich in Frankenberg die NS-
Horden in der Pogromnacht auf die
Verwüstung der Synagoge im Scharwinkel.
Alle Fotos: Völker

Auto demoliert
Ein SS-Mann rollte das Auto des
verhafteten jüdischen Lehrers Stern am
10. November 1938 in das Teichgelände.
Frankenberger Schulkinder ließen sich mit
dem demolierten Fahrzeug fotografieren.

KORBACH/FRANKENBERG. Nachdem am 7. November 1938 der 17-jährige Herschel Grynszpan, Sohn abgeschobener und mittelloser polnischer Juden, den Diplomaten Ernst vom Rath in Paris erschossen hatte, rollte eine von der NSDAP zentral gesteuerte Hetzkampagne in der Presse an. Schon am gleichen Abend brannte in Kassel die Synagoge, am nächsten Tag flogen Steine in die Fenster des Marburger Bethauses, und auch in der Region Waldeck und Frankenberg fand die von Goebbels ausgelöste reichsweite Terroraktion in der Nacht vom 9. zum 10. November willige Vollstrecker.

Das Pogrom vor 70 Jahren, das später wegen des Geräuschs von splitterndem Glas als "Reichskristallnacht" in die Geschichte einging, traf vor allem denjenigen Teil der jüdischen Bevölkerung, dem es bis dahin nicht gelungen war, sich durch Auswanderung vor der Verfolgung und Entrechtung durch die Nazis zu retten. Zahlreiche Männer wurden am 10. November verhaftet, darunter auch der Frankenberger Lehrer Ferdinand Stern, der im Amtsgerichtsgefängnis misshandelt wurde und wenige Tage später im KZ Buchenwald umkam. Schüler der Stadtschule und der Landwirtschaftsschule verwüsteten mittags das Mobiliar der jüdischen Schule, ein SS-Mann steuerte das Auto des Lehrers in die Teichwiesen, ehe es angesteckt wurde.

In Bad Wildungen demolierten in der langen Nacht des Terrors die Nazis die Synagoge im Dürren Hagen und brannten sie nieder. In Rhoden überfielen SA- und SS-Leute aus Arolsen jüdische Einwohner in ihren Wohnungen, zerstörten das Inventar der Synagoge und zündeten sie an. Auch in Battenfeld loderten Flammen, die Fetzen der Thora wehten über die Straße. In Korbach entzündete man mit Stroh Schule und Synagoge am 9. November sogar schon am frühen Abend, bevor die Goebbels-Rede die reichsweit angeordneten Ausschreitungen eingeleitet hatte.


Mahnmal
Dort, wo die verkaufte und später
abgerissene Frankenauer Synagoge
gestanden hatte, wurde im Juni 1992
in Anwesenheit ehemaliger jüdischer
Bürger des Städtchens dieses Mahnmal
gesetzt.

In Flammen
SA-Leute steckten in Marburg die
Synagoge in Brand, nur die Thorarollen
konnten gerettet werden. Für die
Abbruchkosten der Mauerreste musste
die jüdische Gemeinde aufkommen.

Der Korbacher Julius Heinz Löwenstern berichtete aus Argentinien: "Man verhaftete mich, meinen Vater und Bruder Bruno. Wir wurden in das Konzentrationslager Buchenwald geschleppt. In unserem Haus wurden sämtliche Scheiben eingeschlagen, die Haustür aufgebrochen, kaputtgeschlagen usw. Meine Eltern flüchteten in den Waldecker Berg. Dann sahen sie über Korbach ein großes Feuer. Mein Vater meinte, es wäre unser Haus, aber es war die Synagoge."


Ausgebrannt
Nur noch die Seitenwände der Korbacher
Synagoge standen am Morgen nach der
Reichspogromnacht. Sie brannte als eine
der ersten in Hessen, bevor Goebbels zu
Ausschreitungen aufgerufen hatte.

Kirchenraum
Die eindrucksvolle Synagoge in Sachsen-
hausen blieb erhalten, obwohl der Käufer
die Auflage bekommen hatte, sie abzu-
reißen. Nach dem Krieg diente sie noch als
Kirchenraum, wurde aber 1962 abgerissen.


Hier stand die Synagoge von Gemünden.
Sie wurde 1938 abgerissen und vor der
Stadt verbrannt.

Der gerade noch rechtzeitige Verkauf rettete die heute beispielhaft renovierte Synagoge Vöhl vor Brand oder Abbruch, lediglich Dorfkinder machten Schießübungen auf den Leuchter. In Mengeringhausen hatte kurz zuvor eine christliche Familie das jüdische Gotteshaus erworben und zur Schusterwerkstatt umgebaut. Ähnlich wurde auch das Bethaus in Sachsenhausen gerettet: Es diente 1944 als Lebensmittellager, nach dem Krieg mit Kreuz auf dem Giebel als katholischer Kirchenraum, und fiel dann – heute unvorstellbar – 1962 dem Straßenbau zum Opfer. In Höringhausen kaufte eine Bank die Synagoge schon 1937. Die nach Kassel verbrachten Kultgegenstände wurden schließlich dort durch das Pogrom vernichtet.


Gedenken
Als ein Ort des Gedenkens, in dem all-
jährlich in der Pogromnacht an die Opfer
erinnert wird, zugleich aber wieder neues
kulturelles Leben aufgeblüht ist, wurde
die Synagoge in Vöhl renoviert.

Thorarolle
Als in Battenfeld die Synagoge geschändet
und verbrannt wurde, wehte dieses Blatt
der Thorarolle durch die Straßen. Eine
Kopie als letzte Spur jüdischer Kultur zeigt
heute das Dorfmuseum Battenfeld.

>> Seite als pdf-Datei HIER