Bruno Frankenthal

geb. 15.2.1917 in Altenlotheim

Eltern:
David Frankenthal (gest. 1921) und
Ida, geb. Bachenheimer (1885- 1948)

Schwester:
Sara Ruth (1915- 1997)

Ehefrau:
Erna, geb. Kaufmann, aus Warstein (1920- 2001)

Kinder:
Silvia (geb. 1943) [1]
Raul (geb. 1945) [2]

Wohnung:
Altenlotheim, Hauptstraße, heute Korbacher Straße 3 (Familie Klinker) [3]
Hausname:
Itziges


1921
Vater David stirbt. Dies führt dazu, dass Mutter Ida immer mehr in den Hintergrund tritt. Das Regiment führen Großmutter Johanna und Tante Lilli.

1925
Onkel Hermann nimmt Bruno in Obhut und holt ihn zu sich nach Frankfurt.

1928
Bruno Frankenthal zählt zu den Mitbegründern des SV Altenlotheim, der sich neben dem seit 1920 bestehenden TSV gegründet hatte und sich auf das Fußballspiel konzentrierte. Er spielt als Mittelstürmer in der 2. Mannschaft. Er und Helmut Oppenheimer waren recht gute Spieler. In Basdorf werden sie bei einem Spiel um 1930 als "Judden" beschimpft; die Altenlotheimer Mannschaft verläßt deshalb aus Protest den Platz. [4]

1933
Im Januar 1933 kommt er von Frankfurt nach Altenlotheim zurück. Er verlässt Altenlotheim, nachdem er verprügelt worden ist. Vorher sind schon Max Oppenheimer und Bernhard Straus übel zugerichtet worden. Bruno werden weitere schlimme Prügel angedroht; deshalb fährt er nach Korbach, ruft seine Mutter an und lässt sich Kleidung usw. nachschicken. Er zieht zunächst in den Geburtsort seiner Mutter nach Hallenberg und arbeitet in der Fellgroßhandlung seines Onkels Hermann Kasriel.

1936
Bruno Frankenthal zieht für einige Monate zu seiner Schwester nach Holland. Er hilft Jules Gouldsmit, mit dem seine Schwester "so gut wie verlobt" ist, bei der Produktion von Bohnerwachs.

1937
Bruno Frankenthal erhält keine Genehmigung zur Verlängerung seines Aufenthalts in Holland und reist nach Hallenberg zurück.

1938
Er wird im Rahmen der Reichspogromnacht festgenommen und nach Buchenwald gebracht. Dort trifft er u.a. Max Mildenberg aus Vöhl.

1939
Anfang August 1939 emigriert er mit Ehefrau Erna und vier weiteren Angehörigen seiner Frau nach Bolivien.

1960er Jahre
Nach mehrjährigem Aufenthalt in Argentinien wandert er mit seiner Familie Jahren nach Israel aus.

2001
Seine Frau Erna stirbt an Darmkrebs. Frankenthal erzählt, dass sie nicht leiden musste. Sie habe sich auf ihren Tod gründlich vorbereitet.

2005
Bruno Frankenthal wohnt in einem Altenheim in Rischon Lezziyon. Er ist recht aktiv und hat u.a. einen Singkreis der Heimbewohner organisiert.

Bruno Frankenthals Lebensgeschichte [5]

Wenn man von Frankenberg (Eder) die Bundesstraße 252 den Fluss entlang fährt, der von idyllischen Dörfern, Feldern und Wiesen eingebettet liegt, kommt man durch (Schmitt)Lotheim. Wenn man dann rechts abbiegt und die Nebenstraße fährt, die die B252 mit der B253 verbindet, kommt man nach 3 km in das verträumte Dorf Altenlotheim. Dieser Flecken mit nur 450 Einwohnern (heute sind es schon fast 650), lebt fast unberührt von der Außenwelt. Es sind kleine Bauern und Arbeiter, rechtschaffene Menschen, die ihr Vergnügen in der Arbeit suchen, abends und sonntags gern mal ein Glas Bier trinken und für ihre Familien leben. In diesem Ort gab es Anfang des 20. Jahrhunderts sieben jüdische Familien, die mit den anderen Bürgern eine Gemeinschaft bildeten.

Nun, ich wurde dort geboren am 15.02.1917 als zweites Kind des Ehepaars David und Ida Frankenthal. Es war sicherlich eine große Freude, dass endlich ein Junge geboren wurde. Nun bin ich schon mehr als 80 Jahre alt und möchte mein Leben auf diese Art wiedergeben. Einige Freunde möchten die Aufzeichnungen lesen oder hören, aber die Hauptsache ist doch, dass eventuell später in vielen Jahren unsere Enkel die Memoiren der vergangenen Zeit plastisch dargestellt bekommen, damit die ehrwürdige Familie Frankenthal und Kaufmann nicht in Vergessenheit gerät. Da ich keine Aufzeichnungen gemacht habe, muss ich mich nur auf mein Gehirn verlassen und hoffe, nicht allzu viel vergessen zu haben.

Meine Kindheit und Jugend

Schon als ich vier Jahre alt war, bekam ich vielleicht schon im Unterbewusstsein den ersten größeren Schock. Unser Vater starb als junger Mann und hinterließ mich und meine Schwester Ruth der Fürsorge meiner Mutter, meines Großvaters Izhak, meiner Großmutter und der Tante Lilli. Man erzählte mir, dass die letzten Worte meines Vaters an seinen Bruder Hermann gerichtet waren: "Bitte Hermann, sorge für meine Kinder." Mein Vater hatte schon damals ein Testament geschrieben, in dem er mich als Alleinerben einsetzte.

Unsere Mutter war eine geborene Bachenheimer aus Hallenberg. Die Erinnerung an sie, eine gütige Frau, die den Verlust ihres Mannes nicht überwinden konnte und immer wieder Zuflucht in Hallenberg suchte. Das Schicksal hat ihr und auch uns allen zugesetzt. Sie hatte in Altenlotheim eingeheiratet. Es war allerdings immer schon schwer für Schwiegertöchter, sich in der jeweiligen Familie durchsetzen zu können.

Wenn ich zurückdenke, so sehe ich folgendes Bild vor mir: Die Oma und auch Tante Lilli waren besessen davon, uns großzuziehen. Sie liebten uns von ganzem Herzen und gaben uns ein geordnetes Heim. Und auch heute, wie könnte es auch anders sein, denken Ruth und ich mit Liebe zurück und danken Gott, dass diese Frauen ihre Herzen für uns hingaben, doch ist hierdurch unsere geliebte Mutter etwas in den Hintergrund getreten. Heute verstehe ich, dass sie mir aus Liebe zu uns etwas zurücktrat. Sie gab uns hierdurch ein ruhiges Heim ohne Zank und Streit. Unsere Mutter war nervenleidend und bedurfte der Ruhe. Die Frau hat viel gelitten und doch hat sie standgehalten, um uns zu behüten. Ihr Andenken ist uns unvergänglich.

Aber zunächst möchte ich noch kurz über die anderen beiden Frauen sprechen, und zwar über die Großmutter Hannchen (Hanna), geborene Adler, und die Tante Lilli, die Schwester meines Vaters. Sie heiratete nicht und arbeitete und lebte für uns und war für uns eine große Persönlichkeit, eine starke Stütze, um uns weiterzuführen. Großmutter, eine sehr religiöse Frau, die im Dorf geachtet wurde, die nur das Beste für jeden Menschen wollte. Alle drei Frauen: Mutter, Großmutter und Tante Lilli, waren uns so wichtig, dass wir bis zum heutigen Tage noch ihrer gedenken und danken, dass wir so sind, wie wir heute sind.

Ich will weiter fortfahren und meine Familie schildern. Ruth, ca 2 Jahre älter als ich, und ich waren als Kinder zufrieden, hatten Freunde in Altenlotheim und hatten uns, glaube ich, niemals gezankt. Ich glaube von uns beiden sagen zu können, von Ruth und von mir: wir haben ein warmes Herz für jeden Menschen, und das ist die Erbschaft dieser drei Frauen.

Als ich acht Jahre alt war, löste der verstorbene Onkel Hermann aus Frankfurt am Main das Versprechen ein, das er seinem Bruder gegeben hatte, und holte mich nach Frankfurt. Es war das Jahr 1925.

Ich kam nach Frankfurt in ein neues Heim. Onkel, Tante und vier Kinder, und nun kam noch der Bruno aus Altenlotheim dazu. Mit anderen Worten: Das fünfte Rad am Wagen. Wie sich jeder vorstellen kann, war dies für mich ein enorm großer Wechsel. Ich war groß geworden auf Feld und Wiese, freier Luft, und wurde plötzlich eingesperrt in ein vierstöckiges Haus, ringsherum alles vierstöckige Häuser, wenig Luft, und vor allen Dingen fehlten mir meine drei geliebten Frauen aus Altenlotheim. Überhaupt fehlte mir Altenlotheim in Frankfurt sehr. Allerdings konnte ich nicht begreifen, was das für mein späteres Leben bedeutete.

Obwohl ich das fünfte Rad am Wagen war, so war ich doch immerhin in einer Großstadt und durfte die Schule dort besuchen. Es war wichtig, das Großstadtleben kennen zu lernen, den Umgang mit Menschen, und vor allen Dingen ein jüdisches familiäres Leben leben zu dürfen. Zumal ich von Kindheit an im jüdischen Glauben erzogen wurde, erlebte ich in Frankfurt ein besonders intensives jüdisches Familienleben, das ich mit größter Begeisterung in mich aufnahm. Es entschädigte mich für Vieles, was ich in dieser Familie erdulden musste. Ich empfand Genugtuung, bereits als Kind mit meinem Leben fertig werden zu können. Es war sehr schwer. Ich habe dieses Leben gelebt; ich habe es so gestalten können, wie ich es wollte. Denn mein ganzes Wollen und Trachten war darauf gerichtet, von einem Ferienurlaub in Altenlotheim in den nächsten zu kommen. Denn das hieß, für 2, 2 oder gar 4 Wochen wieder nach Hause zu können. Mein Herz blieb von damals bis zum heutigen Tage in Altenlotheim. Dieses ist ein Vermächtnis, das meine Schwester Ruth und ich bekommen haben.

Ich könnte über meinen Frankfurter Aufenthalt noch vieles erzählen, aber ich glaube, das führt zu weit, denn es gibt viel wichtigere Sachen, die ich noch erzählen will.

Mit Mühe und Not habe ich meine Schulzeit in Frankfurt überstanden. Ich hatte niemals Zeit, um Schulaufgaben zu machen, aber ich habe es irgendwie hinter mich gebracht. Eines Tages wurde mir, es muss wohl im Januar 1933 gewesen sein, die Nachricht gegeben: Du gehst von der Schule ab und gehst zurück nach Altenlotheim, man erwartet dich dort.

Ich glaube auch, dass diese Entscheidung die Richtige war. Denn als ich endgültig nun nach Hause zurück kam, fand ich unseren ganzen Betrieb vor, in dem viel zu erledigen war. Es war dort ein Feld zu bestellen, ein Geschäft zu führen, ein riesengroßes Haus mit allen Anbauten wie Stall usw., was alles versorgt werden musste. Dies konnten die Frauen unter den gegebenen Umständen allein gewiss nicht weiterführen. Man brauchte dort einen Mann. Und der Mann, der nun kam, war gerade mal 16 Jahre alt. Man hatte schon eine große Last auf mich geladen, oder besser, man lud eine Last auf mich ab, der ich, glaube ich, noch nicht gewachsen war, zumal ich die Jahre bis zum 16. Lebensjahr nur mit Lernen verbracht hatte, vor allem mit Thora lernen und beten. Trotz und alledem hatte ich bisher ein mehr oder weniger unbesorgtes Leben. Aber das war nicht weiter schlimm. Ich sollte ja in diesen Betrieb hinein wachsen. Ich sollte ihn übernehmen, den Laden vergrößern, vielleicht Maschinen dazukaufen, aber es begann, wie ich schon sagte, im Januar 1933.

Man berücksichtige: es war der Monat der Machtübernahme des Nationalsozialismus. Wie gesagt, die Menschen in Altenlotheim waren bis zu diesem Zeitpunkt uns gegenüber und auche allen anderen 6 Familien gegenüber vollkommen unvoreingenommen. Wir waren fast eine große Familie, einer war für den anderen da. Von einem Tag zum anderen, könnte ich fast sagen, war die Stimmung nicht mehr dieselbe und wurde immer feindlicher uns gegenüber.

Ich gedenke verschiedener Sachen. Es passierte nach dem Boykott der Juden am 1. April 1933. Ich spielte damals in Altenlotheim in der Fußballmannschaft. Eines Tages kam ein Kollege aus unserer Mannschaft bei uns vorbei mit geschultertem Gewehr in einem SS-Anzug. Mittlerweile gab es schon die Anordnung, dass keiner aus dem Dorf ein jüdisches und somit auch unser Haus betreten durfte. Trotzdem kam jedoch ein Mann namens Fritz Menkel, um uns bei der täglichen Arbeit zu helfen. Sein Andenken wird uns immer heilig sein. Er kam am Shabat mit Wagen und Pferd, machte das Tor auf und fuhr im Hof herum, und kein Mensch konnte ihn dazu bewegen, das jüdische Haus zu verlassen. Er war unser guter Freund, der uns nicht im Stich ließ bis zum letzten Tag. Fritz Menkel.

Die Zeit verging, und eines schönen Tages sagte man mir, man habe einen jüdischen Mann namens Max Oppenheimer nachts geholt. 4 SS-Männer hatten ihn nach außerhalb des Dorfes gefahren und ihn in einen Zustand versetzt, den man nicht beschreiben kann. Ich sah ihn am nächsten Tag, es gab keine heile Stelle an seinem ganzen Körper. Es war unbeschreiblich traurig. Einige Tage später gab es einen jüngeren Mann, Bernhard Strauß, dem das gleiche Schicksal wie Max Oppenheimer widerfuhr.

Ich hielt aus, machte weiter meine Arbeit zu Hause, fuhr jeden Tag zur kaufmännischen Lehre von Altenlotheim nach Schmittlotheim mit dem Fahrrad, und dann mit dem Zug nach Korbach.

Die Stimmung im Dorf uns gegenüber wurde immer gespannter. Eines schönen Morgens, als ich nach Korbach fahren wollte, musste ich unterwegs mit meinem Fahrrad einen Bahnübergang überqueren. Es kam ein baumlanger Mann auf mich zu, ich war klein und untersetzt, hält mich an und sagt zu mir: "Du hast gesagt, ich wär ein Mörder." Meine Antwort war: "Ich weiß ja nicht einmal, wie Sie heißen. Wie kommen Sie dazu?" Er gab mir einige Schläge. Ich konnte mich noch befreien. Er rief mir nach: "Na warte, heute Abend kommen wir zu dir, dann holen wir dich."

Danach bin ich dann nach Korbach gefahren, habe meine Leute zu Hause angerufen, und unsere gute Tante Lilli fuhr sofort nach Korbach mit Koffern mit Kleidung und Gebetssachen. Man beorderte mich: Fahr nach Hallenberg, dem Geburtsort von Mutter. Haus und Hof wurden verkauft, allerdings weit unter Preis, da Eigentum von Juden zu Billigstpreisen gehandelt wurde. Der Hof lief schon lange nicht mehr, weil keiner mehr für uns arbeiten wollte; die Waren wurden nicht mehr abgenommen. So musste alles verkauft werden. In Hallenberg wohnte die Schwester meiner Mutter, Tante Erna, verheiratet mit Hermann Kasriel, und die Großmutter mütterlicherseits. Also, ich kam nach Hallenberg, und ich muss sagen, in Hallenberg war noch das Leben sehr normal zwischen Juden und Nichtjuden. Hermann Kasriel hatte mich nicht zu sich gerufen. Aber er sagte mir folgendes, nachdem ich ihm mein Leid geschildert hatte: "Zieh dich um, du kannst hier bei mir arbeiten." Hermann Kasriel hatte eine Fellgroßhandlung, also sollte ich in dieses Fach einsteigen. Er war ein sehr sehr tüchtiger Kaufmann, und er hatte es auch zu etwas gebracht. Bei ihm hatte ich es relativ gut gehabt, konnte arbeiten. Fell und Leder sollte noch ausschlaggebend sein für mein späteres Leben. Ich hatte kein Geld mehr, denn ich hatte Kasriel mein restliches Geld geben müssen.

Im Jahre 1936 dann, in dem mehr oder weniger noch alles normal verlief, dachte man im Hause Kasriel daran, mich nach Holland zu schicken, wo auch meine Schwester war. Dort hätten wir zusammen sein können. So simpel hatte man sich das ausgedacht. Meine Schwester fühlte sich in Holland wohl, führte den Haushalt in einer Familie mit 3 kleinen Jungen. Vor allen Dingen war dort ein junger Mann, Jules Gouldsmit. Meine Schwester war so gut wie verlobt mit Jules, ich konnte mit in der Familie Gouldsmit unterkommen und habe einige Monate dort gewohnt. Man war sehr zuvorkommend zu mir, und ich dachte daran, mit Jules etwas Eigenes zu unternehmen, etwas zusammen aufzubauen. Währenddessen half ich Jules bei der Produktion von Bohnerwachs in seinem Kleinbetrieb.

In Holland musste ich zum Innenministerium und der gute Jules begleitete mich natürlich. Leider bekam ich dort die Mitteilung, dass mein Aufenthalt nicht verlängert wurde. Leider Gottes, Gott sei Dank. So wie die Sachen liefen, wäre ich gerne noch dort geblieben. Man weiß ja heute, was mit Holland passierte. Also, ich musste zurück. Und so kommen wir ins Jahr 1937, denn die Rückfahrt war 1937.

Als ich dann in Deutschland ankam, holte mich Onkel Kasriel mit Tante Lilli ab. Zunächst einmal war während meiner Abwesenheit beschlossen worden, dass die Großmutter aus Altenlotheim und die Tante Lilli zu Tante Paula, einer anderen Schwester meines Vaters, nach Heidelberg ziehen würden.

Ich stand vor dem Nichts und ging zurück nach Hallenberg. Im Jahr 1937 kamen nach und nach auch dort die Schwierigkeiten. Wir hatten nun kein Geld, um eigene Ware kaufen zu können, zu handeln, zumal es Probleme gab, mit den Leuten in Verbindung zu treten. Es gab christliche Metzger, die mich des Hauses verwiesen, es war eine katastrophale Lage. Außerdem kam noch hinzu, dass die Polizei in Hallenberg zu uns kam.

Zu Großvaters Zeiten war hinter dem Haus ein Schlachthaus mit Pferden und Vieh usw. Kasriel hatte seinerzeit auch sein Felllager dort untergebracht. Eines schönen Tages kam die Polizei und stellte mich vor ein Ultimatum: Ich sollte sofort alles, was sich dort im Lager befand, räumen. Die Nachbarn hätten sich über den starken Geruch der Felle beschwert. Nun muss ich erzählen, dass diese Nachbarschaft viele Jahre mit Kasriel und auch mit mir zusammen in diesem Lager gearbeitet und immer ihr gutes Geld dafür bekommen hatte. Mit einem Mal war der Geruch störend.

Ich weiß noch, dass der Gesandte von der Polizei, der Vater eines Schulkameraden, kam und mir sagte, dass ich das Lager innerhalb von Stunden räumen musste. Ich bat diesen Herrn, der Polizei zu sagen, er habe mich nicht angetroffen und würde mir die Nachricht am nächsten Tag zustellen, was er auch tat. Ich habe dann die Zeit genutzt und das, was da war, ins Auto geladen. Dann bin ich nach Lippstadt in Westfalen gefahren. Die Not war groß, ich wusste nicht wohin. Ich fuhr nach Lippstadt und erfuhr, dass dort ein Pferdestall frei war. Wir hatten früher in Lippstadt viel gehandelt und ich wusste, dass der Besitzer dieses Pferdestalles im Lager war, also waren auch keine Pferde da. Ich ging zu seiner Frau und bat sie in meiner verzweifelten Lage, die Ware bei ihr lassen zu können. Die Frau gestattete es mir.

So verging die Zeit und es kamen die heiligen Feiertage Rosh Ha Shana im Jahr 1937. Ich war als Vorbeter bestellt und fuhr nach Warstein ins Sauerland. Und ein ganz neues Leben begann, ich wusste es nur noch nicht.

Ich kam am Erev Rosh Ha Shana, am Abend vor dem Feiertag, in Warstein in das Haus von Moritz Kaufmann. Ahnungslos bin ich dort hingegangen als engagierter Vorbeter und konnte natürlich nicht wissen, was sich daraus entwickelt.

Natürlich wurden mir nach der Begrüßung Kaffee und Kuchen angeboten. Und in diesem Moment geschah etwas, was mein späteres Leben ändern sollte. Ich sah Erna Kaufmann. Erna Kaufmann, die zweite Tochter des Ehepaares Moritz und Frieda Kaufmann; Margot, die Erstgeborene, Erna und dann Ennie. Und es bot sich mir ein Bild, das ich mir im Traum nicht hätte vorstellen können. Ein bildhübsches, rothaariges Fräulein, schlank und hoch gewachsen, kam auf mich zu und gab mir Kaffee. Ich war nicht mehr ich selbst. Das war Liebe auf den ersten Blick, jedenfalls von meiner Seite aus. Ich war in einer Gesellschaft groß geworden, in der man fast nur mit jungen Männern zu tun hatte, und ich hatte daher wenig Erfahrung mit Frauen. Es war für mich eine ganz große Neuigkeit; eine ganz große Welt tat sich mir auf, als ich Erna sah. Es war unbeschreiblich schön, in dieser Sphäre zu fliegen.

Die Feiertage begannen, und ich tat meinen Dienst als Vorbeter. Ich sehe und erinnere mich noch, als Erna in der Frühe kam und auf das Vorbeterpult ein Fläschchen Kölnisch Wasser legte. Für mich war das ein Zeichen, mein ganzes Herz in das Gebet zu geben, denn ich war in eine andere Welt, die der Liebe, eingetaucht.

In den Rosh Ha Shana- Tagen dauert der Gottesdienst bis zum Mittag, bis nach dem Essen. Es waren einige junge Männer aus Meschede und der Umgebung von Warstein gekommen. Sie, die drei Kaufmann- Mädchen und die Kohns, wir gingen in einem Wäldchen in der Nähe von Warstein zusammen spazieren.

So vergingen die Feiertage und mein Herz war voller Glück und Hoffnung, Erna wiederzusehen. Und wirklich, wir verabredeten uns für einen Ball, der am Schluss der Feiertage, Simha Thora, in Meschede stattfinden sollte. Das Tanzvergnügen war in einem jüdischen Haus, da wir Juden in jener Zeit kein öffentliches Lokal betreten durften. So bot sich dort in Meschede eine Familie an, die ein ziemlich großes Haus hatte, das sie zu diesem Zweck zur Verfügung stellte.

Meine Freude war groß, als ich nach Meschede kam, sie zu sehen. Ich war damals und bin heute kein Tänzer; Erna dagegen war eine gute Tänzerin, glaube ich. Es waren viele Menschen gekommen; man konnte sich kaum bewegen. Wir tanzten ein wenig und vergnügten uns gemeinsam mit den anderen.

Dies war der Tag meines, ja, unseres Lebens. Als die Festlichkeiten abklangen, setzten wir uns etwas abseits und gaben uns den ersten Kuss. Ich fragte sie: "Willst du meine Frau werden?" Sie nickte und sagte: "Ja!" Es war besiegelt. Ich hatte jemanden in meinem Leben gewonnen, den ich nach vielen Entbehrungen brauchte und zu dem ich aufschauen konnte. Diese Verbindung gab mir Impulse, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Ich muss sagen, dass ich eine gute Unterstützung durch meine Schwiedermutter hatte, eine hervorragende Frau, die sehr viel tat, um die Tochter, die erst 17 Jahre alt war, zu überzeugen, dass ich der richtige Mann für sie bin.

Ich habe in der nächsten Zeit jede Gelegenheit wahrgenommen, um in Warstein vorbeizufahren. Oft fuhr ich noch im Jahr 1937 mit meinem Onkel, mit dem ich viel geschäftlich unterwegs war, in Warstein vorbei.. Jede Minute, in der ich sie auch nur ansehen konnte, war für mich wie ein Traum.

Es kam der Winter 1937, und es wurde vereinbart, dass Erna mit ihrer Mutter offiziell zu einem Besuch nach Hallenberg kommt. Es schneite furchtbar, und im Sauerland lag hoher Schnee. Ich befürchtete, sie würden nicht kommen, aber dann trafen sie doch ein. Es war eine große Aufregung in dem Städtchen, dass Brunos Kaleb, Brunos Verlobte kam. Es war doch etwas Außergewöhnliches, zwei so junge und glückliche Menschen zu sehen. Erna machte die Honneurs, wir gingen durch die Stadt, und es war ein Feiertag in meinem Leben. War doch dieser Besuch die Bestätigung, dass Erna und ich zusammen sein werden.

Die nächste Zeit mussten wir gemeinsam durchstehen.

Das Jahr 1938 - ein denkwürdiges Jahr! Es gibt viel zu erzählen darüber. Zunächst einmal war die Auswanderung von Hermann und Erna Kasriel aus Hallenberg geplant, und dies bereitete viel Kopfzerbrechen. Das Geld musste zusammen gesucht werden usw. Ich habe schon erzählt, wie schwer die Arbeit fiel, weil der Verdienst immer geringer wurde. Ich musste das Lager räumen, und die Lizenz zur Führung eines Geschäfts wurde mir wie allen anderen jüdischen Händlern entzogen. Dies war im September 1938.

Ohne Arbeit und Geld stand ich da. Aber das größte Gut, das ich hatte, war meine Jugend und mein Vertrauen auf Gott. Vor allen Dingen aber war meine Liebe zu Erna so groß, dass ich nicht verzweifelte. Außerdem musste ich für meine Mutter und meine Großmutter in Hallenberg sorgen.

1938 verbrachten wir die Feiertage wieder in Warstein. Es war diesmal nicht so freudig wie im Jahr davor. Überall war ein großer Druck zu spüren, obwohl in Warstein noch relative Ruhe herrschte. Das Geschäft meines Schwiegervaters lief weiterhin gut. Ich möchte hierbei betonen, dass mein Schwiegervater Moritz Kaufmann, ein hervorragender und angesehener Geschäftsmann, ein großes und schönes Geschäft war. Es lag zentral gegenüber dem Marktplatz. Moritz Kaufmann war eine Persönlichkeit, ein spendabler Mann, der sehr vielen Menschen geholfen hat, besonders den armen Menschen. Er stattete unentgeltlich Kinder für die Kommunion aus. Er hatte sehr viel Gefühl für die Menschheit. Er selbst, der im ersten Weltkrieg ein Auge verloren hatte, hatte das Geschäft bereits von seinem Vater übernommen. Das Gebäude steht heute noch. Jedesmal, wenn wir es sahen, überfiel uns Trauer. Er hatte ein großes Lager in Kurzwaren, Kleidern und Stoffen, alles, was man für die Bekleidung brauchte. Es gibt nicht genügend Worte über ihn, seine Frau und seine Geschäftsgebaren zu sagen. Dafür sprechen noch heute die Menschen, die noch leben.

Im Oktober spitzte sich der Hass gegen die Juden immer mehr zu. Im November 1938 passierte etwas, was heute in aller Welt bekannt ist. Ich will nun erzählen, was mir geschah. Es fällt mir heute noch sehr schwer, darüber zu sprechen.

Es muss wohl der 6. oder 7. November gewesen sein, als meine zukünftige Schwiegermutter zu ihrer Schwester nach Brakel bei Paderborn fuhr. Ich war in Warstein, als in der Nacht vom 7. auf den 8. November die Scheiben klirrten. Im oberen Stockwerk im Wohnhaus der Familie Kaufmann waren Scheiben zu Bruch gegangen. Mein zukünftiger Schwiegervater machte mir noch ein Geschenk zu Hannuka, als alle außer mir beschenkt waren und ich schon dachte, leer ausgegangen zu sein. Er deutete auf den Tisch, auf dem ein Autoschlüssel lag, und sagte: "Die Schlüssel gehören dir." Moritz Kaufmann schenkte mir einen kleinen Opel, da ich ja nur den Lieferwagen hatte, mit dem ich nicht mehr fahren konnte. Wiederum ein Zug von ihm, der unvergesslich war. Ich fuhr mit diesem Autochen nach Brakel, um die Schwiegermutter nach Hause zu holen.

Dann kam der Abend des 8. November. Da klirrten nicht mehr die Scheiben im großen Gebäude, sondern die Scheiben im Schaufenster vom Geschäft der Familie Kaufmann. Wir standen oben auf der Treppe mit Stöcken bewaffnet und glaubten, jeden Moment würde man uns holen und erschlagen. Momente, die einem, wenn man darüber spricht, noch heute das Blut gerinnen lassen. Sie zertrümmerten das Geschäft, und als sie vorüber war, die berühmte Kristallnacht und wir am nächsten Morgen hinabstiegen, um uns den Schaden anzusehen, hatten wir nicht einmal mehr Tränen. Das war das Schlimmste, was uns passieren konnte, glaubten wir. Wir wussten damals nicht, dass es noch viel schlimmer kommen würde. Wir sahen die Zerstörung, aber wir sahen auch, dass hilfreiche Menschen kamen, die ihren Namen und ihr Leben aufs Spiel setzten, um uns zu helfen.

Dann geschah Folgendes: In Warstein gab es einen Blinden, den wir den "blinden Peter" nannten. Er hatte ein Zigarettengeschäft. Er kam und sagte: "Ich habe gerade auf der Polizei gehört, dass die Gestapo von Arnsberg im Anmarsch ist, um euch zu verhaften." Oma Kaufmann, wie ich heute sage, also meine Schwiegermutter, sagte zu mir: "Du hast nichts damit zu tun. Mach, dass du wegkommst!" Es gab noch drei jüdische Männer, denen nichts geschehen war und nichts zertrümmert wurde: Vater Kohn, Sohn Walter und Julius Gonzenhäuser. "In 2 bis 3 Tagen könnt ihr wieder zurück kommen." So fuhren wir denn nach Anröchte, das nächste Dorf. Als wir in den Ort kamen, spürten wir schon einen Rauchgeruch. Wir hielten bei der ersten Familie an, und man erzählte uns, dass die Synagoge brenne. Was blieb uns anderes übrig, als weiterzufahren?! Wir fuhren von Anröchte nach Büren in Westfalen. Dort sagte man uns, dass bereits alle Männer verhaftet seien. Damals machte ich den Vorschlag, einige Lebensmittel einzukaufen und in die Wälder zu fahren, um uns zu verstecken. Nach ein bis zwei Tagen hätten wir dann wieder zurück fahren können.

Meine Kollegen wollten nicht, und sie hatten auch Recht. In der Nähe von Büren hatte ich einen Onkel, den Bruder meiner Mutter, Onkel Leopold in Haaren. Dorthin fuhren wir, und die Tante empfing uns mit der Frage: "Was wollt ihr denn? Wieso arbeitet ihr nicht? Mein Mann ist nicht da." Ich rief in Warstein an und Ernas Mutter sagte, dass Frau Kohn, die Tochter, meine Erna und Frau Gonzenhäuser im Gefängnis säßen, weil wir flüchtig waren. Natürlich wollten wir gleich zurück fahren. In dem Moment kam die SA auf uns zu.
[6]



[1] geb. 9.5.1943 in Buenos Aires, wohnt in Rischon Lezziyon
[2] geb. 27.5.1945 in Buenos Aires, wohnt in Warstein
[3] Bruno Frankenthal wohnte zusammen mit seiner Tante Lilli Frankenthal noch in den 30er Jahren in Altenlotheim.
[4] Gespräch mit Bruno Frankenthal am 15.5.2005 in Rischon Lezziyon. Die Geschichte kann so nicht stimmen. Bruno Frankenthal kam erst 1933 nach Altenlotheim zurück, kann also nicht 1928 den Verein mitgegründet haben.
[5] unvollendetes Manuskript, aufgeschrieben von ihm selbst
[6] An dieser Stelle bricht Bruno Frankenthals Manuskript ab.