Juden in Altenlotheim
Auszüge aus: "Die Judengemeinde in Altenlotheim"
von Walter Zarges


Quelle: CHRONIK - 750 Jahre Altenlotheim (1254 - 2004). Autoren: Heinz Knoche, Walter Zarges u.a.; sprenger druck, Korbach 2004.


Vorwort

Altenlotheim gehörte bis 1888 zum Amt bzw. Kreis Vöhl, der aus der alten Herrschaft Itter hervorgegeangen war. Wie in einigen anderen Orten des Kreises Vöhl hatten sich auch in Altenlotheim im 18. Jahrhundert Juden angesiedelt, die dort eine kleine, eigene Glaubensgemeinschaft bildeten. Sie gehören als ein nicht unbedeutender Bestandteil zur hiesigen Ortsgeschichte. Auch im Hinblick auf Toleranz, Völkerverständigung und der Geschichtsbewältigung soll die Geschichte dieser Minderheit auch in der Festschrift dokumentiert werden. Das jüdische Leben im Ort endete vor rund 70 Jahren mit den Judenverfolgungen im Dritten Reich durch das judenfeindliche Regime. Böse Ereignisse gab es zu jener Zeit, die jedoch nur ansatzweise hier angesprochen werden.

Schon im 17. Jahrhundert waren Juden in der Herrschaft Itter ansässig. Die sichersten Nachweise jüdischer Einwohner in den hiesigen Dörfern finden sich in den Amtsrechnungen unter dem Einnahmeposten "Judenschutz- und Neujahrsgeld" (1):

"Ein Judt gibt jährlich Schutzgeld 21 Fl. (= Gulden) und 20 Albus und zum Neujahr 2 Fl. Und 5 Albus, thut zusammen 23 gulden und 25 Albus". Für die meisten Juden war das ein enormer, oft unerschwinglich hoher Betrag, für die meist hoch verschuldeten Landesherrn aber eine bedeutende Einnahmequelle. Auch musste ein aus dem Auslande in die Herrschaft Itter einziehendes jüdisches Ehepaar zehn Goldgulden Einzugsgeld entrichten (1). Sesshaft zu werden war für einen Juden sehr schwierig. Durch die Schutzbriefe genossen die Juden ein gewisses Existenz- und Bleiberecht. Neben den Schutzjuden gab es jedoch auch arme, so genannte Betteljuden, die nur geduldet waren und jederzeit über die Grenze vertrieben werden konnten.

Der Schutzbrief gestattete dem Inhaber mit Weib und Kindern an einem benannten Ort zu wohnen. Er musste sich der Landesordnung fügen, niemand mit übermäßigem Wucher beschweren, den heiligen Namen Jesus Christi und auch die Christen nicht verunehren, über sie lästern oder sie verhohnlachen. Dem Schutzjuden war gestattet, den ihm genehmigten Handel im Hoheitsgebiet des Landesherrn zu betreiben. Dabei sollten ihm auch die Beamten hilfreich sein (14).


Erste Juden in Altenlotheim


Für Altenlotheim sind in den Amtsrechnungen bis 1760 keine Schutzjuden nachweisbar. Seit 1711 wird unter den Altenlotheimer Hausbesitzern "die Kaisersche" genannt. Sie gibt bis 1760 regelmäßig ein "Rauchhuhn" als Haussteuer (1). Ihrem Namen nach und weil sie in der Liste der steuerpflichten Hausbesitzer an letzer Stelle genannt wird, könnte sie die Witwe eines zugezogenen Juden gewesen sein. Doch ist dies nur eine Vermutung.

Im hessen-kasselschen Städtchen Frankenau gab es schon bald nach dem dreißigjährigen Kriege (ab 1664 benannt) drei Schutzjuden mit ihren Familien (14). Ob die Zuwanderung nach Altenlotheim (über die Landesgrenze!) von Frankenau aus geschah oder begünstigt wurde, kann nur vermutet werden. Dafür spricht jedoch, dass die Altenlotheimer Juden ursprünglich mit denen in Frankenau eine Glaubensgemeinschaft bildeten, auch ihre Synagoge benutzten und dort ihre Toten bestatteten (2).

Bereits 1787 leben in Altenlotheim drei Judenfamilien: Jud Itzig Seligmann, Jud Abraham Judas und Jud Mannes Seligmann. Ihre Namen findet man in den "Contributions-Registern" (=Steuerbücher) des Dorfes, die sich auf dem Kirchenboden in einem der politischen Gemeinde gehörenden Schrank ziemlich verstaubt befanden. Diese Unterlagen liegen jetzt im Frankenauer Rathaus (13).

Im Jahre 1793 kommt Jud Abraham Jacob neu hinzu. Wieder vier Jahre später kommt 1797 die Familie des Jud Jacob Kalmann hinzu. Diese fünf Judenfamilien leben auch noch 1804 in Altenlotheim (13).

Dass die Juden voll in das Gemeindeleben integriert waren, zeigt sich darin, dass sie in die Gesundheitsfürsorge des Amtes gleichberechtigt eingebunden waren. Als von 1811 bis 1814 ein Arzt von Amts wegen in Vöhl eingesetz wurde, werden alle Untertanen zu dessen Besoldung herangezogen. "Doktor- Geld" wird 1813 auch von sechs Judenfamilien zu Altenlotheim erhoben (13). Seit 1804 neu hinzugekommen sind die Familien des Judas Katz Oppenheimer und Seligmann Frankenthal, zwei Namen, die später in der Altenlotheimer Judenschaft noch oft genannt werden. Auch erfahren wir, dass Abraham Judas von Worms stammte (13).

Seit 1820 mussten alle Juden einen Familiennamen führen (14). Dazu hat wohl oft der Herkunftsort herhalten müssen.

Im Steuerregister von 1816 werden nur vier jüdische Familien zu Altenlotheim genannt mit teilweise anderen Namen. Es sind dies die Familien des Seligmann Frankenthal, Moses Seligmanns Witwe, Jacob Schönhof und Kalmann Schönthal. In einer Brennholzverteilungsliste werden 1818 die Juden Abraham Judas, David Frankenthal, Kalmann Schönthal und Mannus Seligmann genannt (13).


Die Altenlotheimer Judenmatrikel von 1823 - 1877 (6, 7 u. 8)

Seit 1874 waren die neu geschaffenen Standesämter für die Eintragung in das Personenstandsregister zuständig. Vorher und bis heute findet der Ahnenforscher derartige Eintragungen in den Kirchenbüchern. Für die jüdischen Bürger wurde 1823 im Zuge einer allgemeinen Verwaltungsreform die Anlage der so genannten "Judenmatrikel" verfügt. Diese Bücher hatte der Bürgermeister zu führen. Sie enthielten die bezeugten Anmeldungen von Geburten, Trauungen und Sterbefällen.

Diese Judenmatrikel sind vielfach verloren gegangen oder auch vernichtet worden. So auch die von Frankenau (14). Die von Altenlotheim blieben erhalten. Soweit jüdische Bürger von Altenlotheim durch Geburt, Heirat oder durch Sterbefall dort in Erscheinung traten, sind uns ihre Namen bekannt.

In den Judenmatrikeln sind auch die Hausnummern angegeben, doch durch den Brand 1850 und andere Umstände sagen sie uns heute wenig aus. Fest steht jedoch, dass sie eigene Häuser hatten, aber auch bei Juden und Christen zu Miete wohnten.

Mannes Schiff war ein 24jähriger Schutzjude in Altenlotheim, als er am 26.8.1841 die 21jährige Tochter Sarah des Handelsmannes Mannes Katzenstein aus Frankenau heiratete. Auch ihr Vater zog nach Altenlotheim, wo er 1866 starb. Von den zahlreichen Kindern wanderten 1873 zwei nach Amerika aus.

David Höxter (*1785, +1861) erscheint schon 1824 mit seiner Ehefrau Jüdchen in den Registern. Sein Sohn Mannes heiratet 1859 34jährig die 31jährige Jettchen Goldenberg aus Höringhausen. David Höxters Tochter Frommet heiratete 1873 Levi Katzenstein von Niederurf und wohnte zu Altenlotheim.

Den Eheleuten Judas Oppenheimer (*1773, +1851) und Sara wird 1827 bereits das dritte Kind geboren. Ihre Söhne Markus und Meyer holen sich beide ihre Frauen aus Niederurf und zwar die Töchter Jette und Lena Schalom des Mordchen Schalom. Von Meyer Oppenheimer stammen die nach 1930 noch lebenden Brüder Judas (*1857, Vater von Max Oppenheimer) und Markus (*1861), während ihr Cousin "der schwarze Judas" nach Wildungen verzog. Den Namen Frankenthal tragen vor 1825 schon drei Judenfamilien in Altenlotheim. Es sind Selig Frankenthal (*1770, +1840) und Ehefrau Bräunchen, Herz Frankenthal und Ehefrau Beyer, sowie David Frankenthal und Ehefrau Keule, denen 1823 bereits das fünfte Kind geboren wird. Ihre Nachkommen sind in Altenlotheim dann so zahlreich, dass der Name Isaak dreimal vorkommt und die Namensträger mit I. bis III. bezeichnet werden müssen.

Der Schutzjude Selig Frankenthal heiratet 1848 Sarchen Katzenstein, der Ortsbürger Isaak Frankenthal heiratet 1849 die Frommet Maibaum, Tochter des Meyer Maibaum. Er wird wie alle Juden nach ihm als Ortsbürger bezeichnet, denn seit der Märzrevolution 1848 waren die Juden emanzipiert und brauchten keine Schutzgelder mehr zu bezahlen.

1853 heiratet Isaak (auch Isack) Frankenthal Carolina Höxter, Salomons Tochter von Schweinsberg. 1855 heiratet Isack Frankenthal Sarah, Moses Dickhofs Tochter von Lichtenau. 1837 stirbt in Altenlotheim der 57 jährige Handelsmann Samuel Frankenthal.

Isaak Frankenthal, Seligs Sohn, ist gegen Ende des Jahrhunderts so vermögend, dass er im Geldverleih und im Immobiliengeschäft in dieser Gegend neben den "Banquiers" Faist Salberg und Ruben Rotschild, oder Levi Kaiser und Jacob Stern von Vöhl eine Rolle spielt.

Die Schutzjuden Kalman und Jacob Schönhof wohnen vor 1830 ebenso in Altenlotheim wie Selig Schönhof und seine Ehefrau Reißchen, verschwinden aber nach 1837 im Register. Neben den vorgenannten jüdischen Familien tauchen immer wieder einzelne Juden in Altenlotheim auf, so ein Selig und David Hecht, der 1832 als Lehrer bezeichnet wird. Vermutlich sein Sohn Selig heiratet 1850 Sarah Kahn von Damm bei Gladenbach.

Der Jude Daniel Arabin zu Altenlotheim war 1837 als Abdecker auf dem Schmittlotheimer Wasenplatz vertraglich angestellt.

Alle Altenlotheimer Juden lebten in irgendeiner Weise vom Handel, besonders vom Vieh- und Fellhandel, Handel mit Fleisch, Stoffen, Haushaltswaren, Lebensmitteln und Spirituosen. Das ist nicht verwunderlich und kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn der Zugang zum Handwerk (Zünfte) war ihnen verwehrt wie auch der Landbesitz.

Die Sterbefälle werden bezeugt vom Leichenbeschauer, der zumeist ein örtlicher Schreiner (Sarglieferant) ist. Die Geburten bezeugt die Hebamme. Fast alle Juden unterzeichnen die Protokolle handschriftlich in deutsch oder hebräisch und dokumentieren damit einen erstaunlichen Bildungsstand. Hingegen unterzeichnet die Hebamme mit drei Kreuzen, die der Bürgermeister als ihr Handzeichen bestätigt.

Der Bürgermeister tat sich mit der Wiedergabe der einem Christen fremden Vornamen oft schwer. Neben den bekannten biblischen Namen gab man den Mädchen Namen wie: Gräßchen, Röchel, Frommet, Däubchen, Jüdchen, Herle, Käulchen, Malchen, Raino oder Merth. Die Jungen hießen oft: Binnes, Meyer, Scholom, Selig, Itzig, Hertz, Schaffte, Levi, Mengo, Wolf, Kytor oder Kalman.


Bethaus, Synagoge und Friedhof

Nach Paul Arnsberg (15) gab es in Altenlotheim eine jüdische Kultusgemeinde mit gemeinsamen Gottesdiensten. Sie gehörte zum Rabbiniat Marburg, besaß einen angemieteten Betsaal und einen eigenen Friedhof, ein Mikwa (= Ritualbad) und eine eigene Schule; der Vorsitzende war Salomon Oppenheimer; den Religionsunterricht besuchten vier Kinder.

Die Statistik nennt 1830: 54 Juden; 1885: 41 Juden in zehn Familien; 1905 44 Juden. Ab 12.2.1868 gab es eine israelitische Elementarschule mit etwa 20 Kindern; die Schule bestand noch 1908 (soweit Paul Arnsberg).

Die wenigen ersten Juden in Altenlotheim hatten sich der Gemeinde in Frankenau angeschlossen, deren Friedhof sie auch benutzten, bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts neben dem christlichen Friedhof ein 300 qm großer Judenfriedhof angelegt wurde. Auch die Vöhler Juden bestatteten bis 1830 ihre Toten in Frankenau (aus: 850 Jahre Vöhl).

Aus den Akten des Staatsarchivs Marburg (3, 4 u. 5) geht folgendes hervor:

1831 bestand eine jüdische Gemeinde unter dem Vorsteher David Frankenthal. Die Bestellung eines eigenen Rechners gestaltete sich schwierig, weil nach Aussage des Selig Schönhof kein einziger qualifizierter Mann zu finden sei.

1840 wird berichtet, dass der Gottesdienst in einer gemieteten Stube in einem christlichen Hause gehalten werde. Dieser offenbar unbefriedigende Zustand führte zu dem Entschluss, eine neue Synagoge zu bauen. Ein Bauplatz wurde für hundert Gulden gekauft und von der itterschen Leihkasse ein Darlehen von vierhundert Gulden aufgenommen. Man hatte das Gemeindehirtenhaus für zweihundert Gulden gekauft und abgebrochen. Die Synagoge sollte nach Plänen des Kreisbaumeisters Stockhausen Platz für vierzig Männer im Saal und zehn Frauen auf der Empore bieten.

Nach der überlieferten Bauzeichnung war ein einfacher Saalbau unter einem Walmdach mit drei Fenstern und einer Tür an der einen Giebelseite geplant, zu der drei Treppenstufen führten. Die andere Giebelseite hatte ebenfalls eine mittige Eingangstür unter einem giebelartigen Aufsatz. Darüber war ein großes halbrundes Bogenfenster und daneben je ein kleines Fenster.

Der Bau wurde 1844 von der Brandkasse taxiert, war aber noch nicht fertig. Da das Holz des abgebrochenen Hirtenhauses für die Synagoge nicht ausreichte, ergaben sich neue Belastungen, die die arme Judengemeinde nicht aufbringen konnte. Auch die Leihkasse verweigerte einen weiteren Kredit von 200 Gulden. Schon am 20.10.1844 erachtet der israelitische Gemeindevorsteher Manasses Schiff es für zweckmäßiger, wenn die Einrichtung des Baues zu einer Synagoge unterbleibt und der Bau für 460 Gulden an Peter Knoche verkauft wird. Solches geschah dann auch laut Kaufbrief vom 8.1.1845. (5)

Der Traum von einer eigenen Synagoge war endgültig ausgeträumt und man versammelte sich wieder in der Wohnstube des David Frankenthal "was gewiss keine ständige Synagoge ist".

1851 zog man in einen neuen Betsaal um, der abermals Probleme machte. Der Betsaal war in einer Gastwirtschaft, zu klein und "immer rauchig, dass einem die Augen weh tun." Deshalb wurde am 16.1.1854 ein neuer Mietvertrag mit Peter Hochgrebe gemacht und eine Stube im 2. Stock des Hauses "an der Chaussee" für 16 Gulden jährlich auf zehn Jahre gemietet. Der Vermieter verpflichtete sich auch, die Lichter anzuzünden und zu Putzen, Tätigkeiten die den Juden wegen der Sabbatruhe verboten waren. (4)

Der letzte Betsaal der Altenlotheimer Judengemeinde war das eigens zu diesem Zweck ausgebaute Dachgeschoss im Hause Weldner (heute Mehring) an der Straße am Ortsausgang nach Schmittlotheim. Letzter Vorsteher und Vorbeter war Max Oppenheimer, der unter den Nationalsozialisten besonders zu leiden hatte. Ältere Altenlotheimer erinnern sich noch recht gut, dass sie als Kinder den fremdartigen Gesängen lauschten. Der Rabbiner kam nur zu besonderen Anlässen nach Altenlotheim. Das Kultbad befand sich nach Auskunft von Günther Strauß im Hause Frankenthal ("Itziges").

Nach dem Rundreisebericht des Landrats Fuhr 1852 (1) gab es in Altenlotheim kein Frauenbad (Mikwa). Es sollen aber solche in privaten Häusern bestehen. Beerdigt wurde auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Frankenau am Ortsausgang an der Straße nach Löhlbach. Vermutlich im Zuge der Anlage des jetzigen christlichen Friedhofs in Altenlotheim wurde daran anschließend ein Judenfriedhof eingerichtet. Er ist etwa dreihundert Quadratmeter groß und mit Zaun und Hecke eingefriedigt. Erkennbar sind nur sieben Grabhügel, zwei Einzelgräber ohne Stein, vier mit Stein und ein Doppelgrab mit Stein.

Neben Steinen mit verwitterter hebräischer Inschrift sind zwei mit deutscher Inschrift erhalten: "Hier ruhet in Frieden Levi Katzenstein geb. 20. Mai 1846, gest. 26.Juli 1922" und der Grabstein des Isaak Frankenthal, Altenlotheim, geb. 11.8.1848 gest. 24.2.1927.


Sabbat und Matzen

Die Andersartigkeit der Mitbürger mosaischen Glaubens wurde in den Dörfern besonders deutlich bei der Feier des Sabbats (auch jiddisch: Schabbes), der am Freitagabend begann und am Samstagabend endete: ein gravierender Unterschied zum christlichen Sonntag. Der Sabbat wurde zu Hause mit festlichem Mahl gefeiert. Zum Gottesdienst versammelte man sich in der Synagoge, die in Altenlotheim ein gemieteter Betsaal war. Gebete und Lesungen aus der Thorarolle und Gesänge waren die Hauptinhalte des Gottesdienstes. Die strenge Heiligung des Sabbats nach dem Gebot des 2. Buch Mose Kap. 20 Vers. 10 war für die Juden von großer Bedeutung; es sollte von der Familie und sonstigen Arbeitskräften kein Werk an diesem Tage verrichtet werden. Auch zum Licht oder Feuer anmachen bediente man sich eines Nichtjuden, oft Kinder, die als Dankeschön dafür Matzen, das ungesäuerte Osterbrot der Juden, bekamen. Der christliche Sonntag war für den Juden kein Feiertag, musste aber als solcher eingehalten werden.


Der Handel

In Altenlotheim lebten einige Juden in gut bürgerlichen Verhältnissen. Die meisten Juden waren eher arm. Fast alle Juden lebten vom Handel. Auf dem Lande war besonders der Viehhandel fast ganz in ihrer Hand. Lediglich der Handel mit Schweinen fand nicht statt. Nach den Reinheits- und Speiesevorschriften der Juden gilt das Schwein als unrein und durfte deshalb nicht verzehrt werden. Auch die "Koscher"- Schlachtung von Tieren - Töten der Tiere ohne Betäubung mit vollständigem Ausbluten - war von großer Bedeutung. Beim Handel wurde der Preis eines Tieres durch Feilschen zwischen Bauer und Jude ausgehandelt. Fordern und Bieten macht den Handel, sagt der Volksmund. Natürlich ging man auch oft genug uneins auseinander.

Neben dem Viehhandel betrieben die Juden auch den Handel mit Fellen, Fleisch, Branntwein und Textilien. Der Fleischverzehr in den Dörfern beschränkte sich auf das Geräucherte und Gepökelte aus der winterlichen Hausschlachtung von Schweinen.

Trotz aller sichtbaren und spürbaren Andersartigkeit waren die Juden in Altenlotheim ins Dorfleben integriert. Sie gehörten dem Gesangverein an, waren im Gemeinderat, mussten zum Militär und zogen wie alle jungen deutschen Männer 1914 mit in den Krieg.


Judenhäuser in Altenlotheim um 1930

Zur Aufarbeitung dieses Themas allein durch Zeugenbefragung ist es schon fast zu spät. Viele Häuser existieren nicht mehr und die Erinnerung an die alten Häuser ist verblasst. Die Häuser der jüdischen Mitbürger lagen im Kern des Dorfes verteilt. Wie es damit vor den beiden großen Bränden 1750 und 1859 aussah, ist nicht bekannt. In einer Lageplanskizze sind die Judenhäuser und die geplante Synagoge eingezeichnet.

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1 "Buchtals", bis 1941 Familie Bernhard Strauß
2 "Judases", bis 1935 Max Oppenheimer
3 "Salmons", Salomon (?) Oppenheimer bis ca. 1935
4 "Markuses", bis ca. 1935 Moritz Oppenheimer
5 "Levis", vormals Levi Katzenstein, zuletzt Julius Illfeld
6 "Itziges", Frankenthals, zuletzt Bruno F. u. Lilli F. bis 1938
7 Ein Judenhaus, vielleicht "Schimmelmanns"
8 Haus Weldner, darin der letzte jüdische Betsaal.
9 Die ev. Kirche
10 Die von 1840 bis 1844 im Bau befindliche und 1845 veräußerte Synagoge, ca. dreißig Meter von der Kirche entfernt. 1859 bei einem Dorfbrand vernichtet.
11 Das Forstamt
12 Die Schule

Buchtal, zuletzt Strauß (im Plan Nr. 1)

Dies schöne Fachwerkhaus dürfte nach dem Brand 1859 erbaut worden sein. Die Gemeinde Altenlotheim verlangte auf Grund eines großherzoglichen Erlasses von 1849 von neu einziehenden Ortsbürgern 18 Gulden Einzugsgeld. Dies verlangte sie auch 1888 in Höhe von 30,86 Mark von Meier Buchtal, der in dieses Haus eingezogen war. Dieser verweigert die Zahlung jedoch, weil er sich mit seinem Schwager und seiner Schwägerin wegen Erbauseinandersetzungen noch uneins sei. (18) Meier Buchtal hat demzufolge das Haus geerbt. Der Name des Schwagers ist nicht genannt. Meier Buchtal beantragt am 8.2.1896 einen Wandergewerbeschein. (17)

Die Buchtals waren kinderlos und adoptierten die in Kamen geborene Ida im Schulmädchenalter.

Nach dem ersten Weltkrieg heiratete sie Bernhard Strauß von Eimelrod aus einer dort schon 1831 ansässigen Judenfamilie. (2)

Wie bereits Meier Buchtal betrieb Bernhard Strauß einen Gemischtwarenhandel (Lebensmittel, Textilien, Kurzwaren, auch Arzenei etc.). Daneben fuhr Buchtal mit Pferd und Kutsche im Wandergewerbe über die Dörfer. Alte Leute in Schmittlotheim wußten von einem Unfall zu berichten und von dem Hilferuf: "Ihr Leute helft, der Buchtal liegt unter dem Wagen!"

Auch Bernhard Strauß zog mit Pferd und Kutsche auf die Dörfer und vermittelte Landmaschinen. Buchtals besaßen auch eine kleine Landwirtschaft. Die Eheleute Strauß hatten drei Jungen. Der Erstgeborene starb als Kleinkind. Rudolf (Rudi) war am 9.8.1923 geboren und Günther am 15.9.1929. Über das tragische Schicksal der Familie Strauß wird noch berichtet. Das Haus kaufte der Nachbar Heinrich Klinker ("Schuhmachersch"), es ist heute im Besitz von Familie Heidel (Erben).

  
Blick nach Franken, Straußes (jetzt Heidels) und der Kirche; rechts die Schmiede

Max Oppenheimer, Hausname Judases (im Plan Nr. 2)

Da der Familienname Oppenheimer in Altenlotheim dreimal vorkam, unterschied man "Judases", "Salmons" und "Markusses". Max Oppenheimer und seine Frau Paula wohnten mit dem Vater Judas an dem Verbindungsweg von der Kirche zum "Burgweg". Sie waren Viehhändler und schlachteten nebenbei gewerblich. Auch sie betrieben eine kleine Landwirtschaft. Nach Aussage älterer Altenlotheimer hatten sie die Kinder Manfred, Helmut (*1918), Margot und Alfred (*1920).

Max Oppenheimer kam schon 1933 mit dem Naziregime in Konflikt. Deshalb wanderte er schon im Herbst 1935 nach Argentinien aus. (12) Das Haus erwarb der Fuhrknecht und spätere Waldarbeiter Karl Marburger für seine kinderreiche Familie.

Salomons, Hausname Salmons (im Plan Nr. 3)

Auf der Rückseite von Judases Haus, an der Hauptstraße, wohnte der am 20.6.1864 geborene Bruder von Judas, Salomon Oppenheimer, mit seiner Frau Mathilde. Ältere Altenlotheimer kannten diese nur als alte Leute ohne Nachkommen. Sie waren 1933 auch von der SA geschlagen worden und zogen etwa 1934/35 fort.

Salomon hatte vor 1896 das Haus von seiner Mutter geerbt und ein weiteres Haus gekauft. (18) (nach einer Verteilerliste der Laubstreuberechtigten) Das Anwesen erwarb der Schreiner Wilhelm Tripp und baute es wesentlich um.

Markusses, Moritz Oppenheimer (im Plan Nr. 4)

Das Haus steht noch im "Burgweg" gegenüber des Gemischtwarenladens, vormals Koch. Moritz Oppenheimer war wohl ein Cousin von Max Oppenheimer und war mit diesem im Viehhandel tätig. Durch ein lahmes Bein war er behindert. Über seine Familie ist nichts bekannt. Er soll nach Amerika ausgewandert sein. Das Haus kaufte der Maurer und Fleischbeschauer Heinrich Stiehl, ein nachgeborener Sohn aus der Gastwirtschaft Stiehl.

"Levis", vormals Katzenstein und Illfeld (im Plan Nr. 5)

Der Hausname geht auf Levi Katzenstein zurück. Kinder hatten auf ihn einen Spottvers gemacht: "Levi, Levi Katzenstein, hat ein' Klumpen Schiss am Bein." (10)

Schon Levi Katzenstein betrieb ein Schreibwarengeschäft, welches von seinem Schwiegersohn (?) Julius Illfeld weiter geführt wurde. Die Schüler kauften dort ihre Hefte und Schreibwaren. Üblich war es damals, dass die Schulabgänger ihre Mitschüler mit Papierrosen und Märchenbildern beschenkten. Dann zogen die Schulabgänger gemeinsam zu Illfeld, um die begehrten Bildchen zu kaufen. Illfeld belieferte auch die Schulen mit Büchern. In den älteren Lesebüchern ("Reife Ernte") findet man noch den Aufkleber oder den Stempel: "Julius Illfeld, Buchbinderei und Schreibwaren, Altenlotheim".

Das Haus erwarb der Haumeister Otto Röhle, riss es ab und baute dort ein neues Haus, in dem bis in die 1990er Jahre eine Gastwirtschaft betrieben wurde. Levi Katzenstein starb Mitte der 1930er Jahre und liegt auf dem Judenfriedhof in Altenlotheim.Über den Verbleib der Illfelds war nichts zu erfahren.

"Itziges", die Frankenthals (im Plan Nr. 6)

Der Name ist schon 1816 mit David Frankenthal in Altenlotheim und Mitte des 19. Jahrhunderts mit mehreren Familien vertreten. Einige scheinen schon früh abgewandert zu sein. Der Hausname geht wohl auf Itzig FrankenthaI zurück, der nur 1838 genannt ist. 1837 stirbt Samuel (*1780), 1840 stirbt Herz (*1784), ebenfalls 1840 stirbt Selig (*1771), und 1851 stirbt David (*1777), alle in verschiedenen Häusern wohnhaft. (8)

Isaak FrankenthaI scheint um das Jahr 1880 recht vermögend gewesen zu sein. Er ist Pfandgläubiger von dem bankrotten Grebenhof in Schmittlotheim, von dem am 10.8.1880 im Amtsgericht Vöhl Grundstücke gerichtlich versteigert werden. In etlichen Kaufverträgen erscheint Isaak Frankenthal als Geldverleiher.

Itziges Haus stand an der Hauptstraße. Auf einem alten Foto ist das etwas zurückstehende Haus zu sehen, sogar das Schild ist zu erkennen, auf dem es als Gemischtwaren- und Textilwarengeschäft ausgewiesen ist. Daneben bewirtschafteten Itziges zwei Hektar Land am "Mühlenberg".

Von der einst großen Familie waren in den 1930er Jahren nur die beiden Frauen Ruth und Lilli und ein Bruno Frankenthal bekannt, der heute noch in Israel lebt.

In der NS- Zeit wurden die Altenlotheimer Judengeschäfte von Parteigängern so sehr bespitzelt, dass sich niemand mehr dort zu kaufen traute, obwohl es ein sehr gutes, gegenseitiges Vertrauensverhältnis gegeben hatte. Auch wollte Itziges keiner mehr das Heu holen. So entschlossen sich Frankenthals 1936 oder 1938 zur Auswanderung zu Verwandten in Holland (nach Aussage von Günther Strauß).

Über den Rechtsanwalt Heinemann in Korbach hatten sie schon in 1937 Adam Klinker, der ziemlich beengt unterhalb der Schmiede Krümmelbein wohnte, das Haus zum Kauf angeboten. Der Kaufvertrag wird von Heinz Klinker noch aufbewahrt.

Nach dem Krieg waren über allen ehemaligen jüdischen Besitz Treuhänder bestellt worden, weil viele Verkäufe unter den politischen Zwängen erfolgt waren. Klinkerts mussten von 1948 bis 1950 monatlich 45 DM Miete auf ihr reell erworbenes Haus bezahlen und dann noch 12.000.- DM nachbezahlen. Das Judenhaus wurde 1962 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. (Auskünfte durch Heinz Klinker)

Nach Aussage älterer Leute war auch das Haus des Dachdeckers Heinrich Menkel, (Vorbesitzer Gabriel Chochlow), Eckhaus an der Hauptstraße beim Bürgerhaus, ehemals ein Judenhaus gewesen. Dafür wurde der Hausname "Breinjes" genannt. Die von Lehrer Bornscheuer in der Schulchronik genannten Namen "Schiff" und "Schimmelmanns" waren nicht mehr bekannt.


Altenlotheim - Judenfrei

Schon im Kaiserreich machte sich schon eine gewisse Judenfeindlichkeit bemerkbar. Aber die politische Entwicklung durch die Nazi- Herrschaft Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde für die Altenlotheimer Juden in diesem Umfeld fatal. Ein Eintrag in der Schulchronik von 1941 berichtet:

"Im Dezember verließ die letzte Judenfamilie unser Dorf. Seit 1933 sind somit sämtliche sechs noch hier wohnhaften Judenfamilien ausgewandert oder verzogen. Als alter Marktflecken (Anm.: Das ist zwar etwas übertrieben, aber am 2. Mai und am 10. Oktober 1843 und am 7. Mai 1850 wurde in Altenlotheim tatsächlich Markt abgehalten.) war unser Ort schon seit langer Zeit von Juden bewohnt. Die Zahl ihrer Familien betrug am Ende des vorigen Jahrhunderts etwa zehn. Drei Familien Oppenheimer, Familie Buchtal, Familie Katzenstein, drei Familien Frankenthal, Familie Schiff und eine, die im Volksmund "Schimmelmanns" (?) genannt wird. Mit dem Abzug der Familie Strauß, vormals Buchtals, ist unser Dorf judenfrei geworden."

Das Auftreten der SA (Sturm- Abteilung) und der SS (Schutz- Staffel) schürten bei der Bevölkerung und besonders bei den Juden wegen der judenfeindlichen Äußerungen Angst und Schrecken.

Ein schrecklicher Vorfall ereignete sich im Jahre 1933, als der Jude Max Oppenheimer von einheimischen SS-Leuten grausam zugerichtet wurde. Auch der Sohn Helmut wurde von den SS- Leuten geschlagen. Frau Paula Oppenheimer brachte zwar den Vorfall bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige, aber wegen weiterer Bedrohungen und aus Angst vor Wiederholungsfällen ließ Max Oppenheimer das Verfahren einstellen. Mit einem fragwürdigen Urteil wurde die Angelegenheit vom Oberstaatsanwalt niedergeschlagen.

In der Folgezeit kam es immer wieder zu pietätlosen Störungen (z.B. bei der Beerdigung von Julius Illfeld laut Aussage von Günther Strauß) und anderen Schikanen und Gehässigkeiten gegen die Juden im Ort. Auch mussten Juden äußere Erkennungszeichen tragen (z.B. früher den spitzen Judenhut - an Feiertagen einen Zylinderhut -, in der NS-Zeit den gelben Davidstern mit der Aufschrift "Jude" und zusätzliche Eintragung im Personalausweis). Sogar Kinder des Ortes riefen manchmal Schimpfworte gegenüber Judenkindern aus. Viele Altenlotheimer machten bei diesen Attacken nicht mit und standen den Juden zur Seite und besuchten sie bei Nacht und Nebel. Andere hielten sich aus Angst ganz heraus.

Von der zuletzt in Altenlotheim verbliebenen Familie Strauß liegen Überlieferungen vor von grausamen Misshandlungen durch die Nazi-Herrschaft durch den Abtransport in die Konzentrationslager und Arbeitslager bis hin zur Vernichtung. Unter grausamsten Bedingungen kamen hier die Menschen zu Tode. Lediglich Sohn Günther konnte bei Kriegsende aus dem Arbeitslager (die Russen hatten zum Glück das Arbeitslager umzingelt) noch lebend der Tyrannei entkommen. Er wohnt jetzt noch in Israel und pflegt freundschaftliche Kontakte zu ehemaligen Schulkameraden in der alten Heimat. Dreimal war er inzwischen schon in Altenlotheim.

Verzeichnis der Ouellen und der benutzten Literatur- Quellen:
1) Staatsarchiv Marburg (St.A.M.) Rechnungen Itter II., Amtsrechnungen von 1720, 1740 und 1760
2) St.A.M. Rundreiseberichte des Landrats des Kreises Vöhl 111 k Nr. 82
3) St.A.M. Bestand 111 k, Vöhl Die Judengemeinde zu Altenlotheim 1831- 1862: Nr. 272 u. 282
4) St.A.M. Best. 111 k, Vöhl. Abhaltung der Gottesdienste zu A.: Nr. 266
5) St.A.M. Best. 111 k, Vöhl. Verkauf der Synagoge zu A. 1840- 1845: Nr. 287
6) St.A.M..Stadtarchiv Frankenau 330, Judenmatrikel Geburtsregister der Judengem. A. Bd. I von 1823- 1837: Nr.: D 292 und Bd. II von 1838- 1877: Nr.: D 296
7) St.A.M. Stadtarchiv Frankenau 330 Trauregister der Judengem. A. 1838- 1877: Nr. D 294
8) St.A.M. Stadtarchiv Frankenau 330, Sterbereg. der Judengem. A. Bd. I 1823- 1834: Nr. D 295 u. Bd. II 1838- 1877: Nr. D 296
9) St.A.M. Bestand 274 Acc. 1981 N. 389 Prozess Oppenheimer contra Best
10) Mündliche Überlieferung (Befragte Personen: Heinrich Stiehl, Luise Menkel, Hermann Stiehl, Otto Wolf u.a.)
11) Schriftliche Aussagen des Zeitzeugen (Günther) Israel Strauß, geb. 1929 in Altenlotheim, lebt in Israel.
12) Schulchronik Altenlotheim.
13) Nicht archivierte Contributionsregister der ehem. Gemeinde Altenlotheim.

Literatur:
14) Heinz Brandt, Die Judengemeinde Frankenau. Frankenberger Hefte Nr.1 1992
15) Paul Arnsberg, Die Jüdischen Gemeinden in Hessen.
16) Karl Demandt, Geschichte des Landes Hessen.
17) Kreisblatt für den Kreis Frankenberg und Vöhl. Frankenberger Zeitung u. a. Jahrgang 1887

Weitere Quellen (Nachtrag):
18) Aktenbündel Altenlotheim im Archiv des Landratsamtes in Frankenberg