HNA
- Frankenberger Allgemeine
Donnerstag,
8. Oktober 2009
Geschichte zum Anfassen
Eheleute Neuburger und Hannelore Dreifus kamen mit Battenbergern
ins Gespräch
VON THOMAS
HOFFMEISTER

Jüdische Besucher in Battenberg: Mit Hannelore Dreifus sowie Werner
und
Henny Neuburger (oben am Tisch) diskutierten (von links) Karl-Hermann
Völker, Dr. Horst Hecker, Kurt-Willi Julius und Geschichtsvereins-Vorsitzender
Jürgen Hübner (stehend). Ganz rechts Marie-Luise Hinrichs, die zusammen
mit Christel Kahler das Buch von Werner Neuburger übersetzt hat.
Foto: Hoffmeister
BATTENBERG. Geschichte zum Anfassen und interessante Hintergrundinformationen
zur Entstehung des Buches "Auch dunkle Wolken ziehen vorüber"
gab es bei einer öffentlichen Veranstaltung des Geschichtsvereins Battenberg
im alten Rathaus. Die aus den USA nach 70 Jahren in ihre alte Heimat
zurückgekehrten jüdischen Gäste Werner und Henny Neuburger sowie Hannelore
Dreifus kamen mit vielen Battenbergern ins Gespräch. Das Interesse war
so groß, dass einige der etwa 100 Zuhörer auf der Treppe Platz nehmen
mussten.
Spannend und detailreich hat Werner Neuburger erzählt, was er als elfjähriger
Junge erlebt hat. Vom Tod des Vaters und der Tatsache, dass seine Familie
auf dem Weg zum Friedhof mit Steinen beworfen wurde. Aber auch von dem
Umzug nach Frankfurt und wie er als Junge mit dem Fahrrad einem Feuerwehrauto
zur brennenden Synagoge folgte. Geschockt habe er registriert, dass
die Feuerwehrschläuche nur auf die angrenzenden Häuser gerichtet wurden,
während das jüdische Gotteshaus niederbrannte. "Viele haben zugeschaut.
Ich konnte das nicht verstehen", berichtete Neuburger. Auch vom
Kindertransport nach England und der Schiffsreise in die USA erzählte
Neuburger. Die Stimme brach ihm, als Neuburger voller Stolz berichtete,
dass er bei den Pfadfindern in New York als ganz neues Mitglied die
Fahne tragen durfte, während der bei der Hitlerjugend und beim Jungvolk
in Battenberg nie mitmarschieren durfte: "Ich habe mich immer gefragt,
was mit mir los war."
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"Es wurde nicht darüber gesprochen."
CHRISTEL KAHLER
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Rüdiger Richter von der Buchhandlung Hykel berichtete, wie er im Herbst
2005 auf Werner Neuburgers Buch aufmerksam geworden war, das Marie-Luise
Hinrichs und Christel Kahler dann Stück für Stück übersetzten - in enger
Abstimmung mit Jürgen Hübner vom Geschichtsverein und Autor Werner Neuburger.
"Es wurde nicht darüber gesprochen. Alle haben sich sehr geschämt",
sagte Christel Kahler. Betroffen habe sie festgestellt, dass "ich
zwei Jahre meines Lebens nur 50 Meter entfernt gewohnt habe".
Willi Hof, dessen Vater das Haus der Familie Neuburger gekauft hatte,
meldete sich zu Wort um klarzustellen, dass seine Mutter deutlich mehr
als 5000 Reichsmark für das Haus bezahlt habe. Weitere Raten seien auf
ein Sperrkonto geflossen. Die Familie Neuburger habe dieses Geld leider
nicht erhalten, sagte Hof.
Sprachlos war der wortgewandte Werner Neuburger, als ihm ein ganz besonderes
Geschenk überreicht wurde: Eine Kopie des Reisepasses seines Vater Louis.
Stadtarchivar Dr. Horst Hecker hatte das Original im Marburger Staatsarchiv
gefunden.
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