Frankenberger
Zeitung
Freitag,
9. Oktober 2009
Gelebte Geschichte als Mahnung
Werner Neuburger besucht die Battenberger Gesamtschule - Diskussion
mit Schülern der 10. Klassen
Mit jungen Menschen über eine Zeit zu sprechen,
in der Millionen von Menschen ihr Leben verloren, das ist ein Anliegen
des jüdischgläubigen Werner Neuburger, der in Amerika ein
neues zuhause gefunden hat.
BATTENBERG. Es scheint, als hätte Werner Neuburger schon viele Mal
vor jungen Menschen in Schulen gesprochen: Er grüßt freundlich und beginnt
auf die ihm eigene Art zu sprechen über die Zeit, die Kinder und Jugendliche
am meisten interessiert: Seine Schulerlebnisse in der Zeit von 1933
bis 1939. Dann verrät er, dass er auch in Amerika schon mehrmals vor
jungen Menschen sprach, seitdem sein Buch "Dark clouds don‘t stay
forever" 2005 erschienen war und im Unterricht veranschaulichen
soll, wie es in der Zeit des Nationalsozialismus jüdischgläubigen Schülern
und ihren Familien in Deutschland ergangen war.

"Meinen Opa, den kennen sie auch", sagte einer der Schüler
ganz ohne Berührungsängste zu Werner Neuburger, der gestern
in der Gesamtschule Battenberg vor Schülerinnen und Schülern
der 10. Klassen von seiner Schulzeit während der Nazizeit
berichtete.
Foto: Dämmer
Mitwirken beim Lehren
Rund 40 Schülerinnen und Schüler aus den 10. Klassen der Gesamtschule
Battenberg waren in die Cafeteria gekommen, sich kurz vorzustellen,
Werner Neuburger dann zuzuhören und die Gelegenheit zu nutzen, ihm Fragen
zu stellen. Zuvor waren er, seine Frau Henny sowie Hannelore Dreifus,
geb. Stern, und deren Enkel Daniel Silbermann von Schulleiter Helmut
Frenzl, seinem Stellvertreter Reinhold Gaß und weiteren Lehrern begrüßt
worden. Frenzl betonte, wie dankbar die Schule Werner Neuburger sei,
dass er mitwirke in dem Lernprozess und bereit sei, über seine persönlichen
Erlebnisse und die Verletzungen der Vergangenheit zu sprechen.
Er werde in Amerika von Schülern oft gefragt, warum es für Amerikaner
so wichtig sei, jetzt zu erfahren, was vor 70 Jahren in Europa passiert
ist. Dann erkläre er, in Europa seien während des Zweiten Weltkrieges
70 Millionen Menschen getötet worden, darunter sechs Millionen Juden.
Da es insgesamt nur etwa neun Millionen Juden seinerzeit in Europa gegeben
habe, seien zwei von dreien umgekommen – und er sei einer derjenigen,
"die übriggeblieben sind".
Nun sei es "komisch", in der Battenberger Schule zu sein;
er habe noch gut seinen eigenen ersten Schultag im Herbst 1933 vor Augen.
Zur Erinnerung an das Ereignis wollte sein Vater Luis im Herbst 1933
ein Foto von ihm vor dem Geschäft in der Hauptstraße machen, erinnert
er sich: "Da stand ein SA-Mann, der ein Schild trug mit der Aufschrift
'Kauft nicht bei Juden'." Da sein Vater den Mann gekannt hatte,
habe er ihn ge-beten, etwas zur Seite zu gehen, was der auch tat. Das
war der für den damals Sechsjährigen noch relativ harmlose Anfang einer
Serie von Geschehnissen, die immer furchterregender für den Jungen wurden.
Bleibender Eindruck
Stigmatisierung, Ausgrenzung, Gewalt – das gehört zu den für Nationalsozialisten
typischen Methoden, Menschen mürbe zu machen, ihnen Angst einzuflößen,
ihnen ihren Wert zu rauben. Das fing an damit, dass schon Kinder angestachelt
wurden, ihre jüdischen Mitschüler auszugrenzen – was Werner Neuburger
selbst immer wieder erlebte. Etwa, wenn er und Hannelore Stern in der
Schule nicht bei den anderen stehen und auch nicht mitsingen durften,
wenn die neue "Hymne" gesungen wurde, weil sie keine "Arier"
waren.
"Wie haben Sie sich da gefühlt?", fragte ein Schüler und Neuburger
antwortete: "Schlecht. Wir weinten. Wir haben das nicht verstanden,
denn wir hatten ja nichts getan." In der Ecke stehen zu müssen
sei kein Grund, ein Land zu verlassen. Jeder habe mal schwierige Zeiten.
"Doch es wurde immer schwieriger", erinnert Neuburger an Sprüche
wie "Spritzt vom Messer Judenblut, dann geht‘s uns noch mal so
gut", an eingeworfene Fensterscheiben, die wirtschaftliche Entrechtung
seines Vaters, die Bücherverbrennung, gewalttätige Übergriffe, eine
Nachbarschaft, die sich zurückzog. Auf die Frage, ob seiner Familie
Nicht-Juden geholfen hätten, antwortete er: "Leider nicht sehr
viele", und nannte Hermine Beil, Familie Feisel und Paul Hof, der
das Haus seiner Eltern gekauft und sie noch darin habe wohnen lassen
(siehe auch weitere Texte auf dieser Seite).
Kurz sprach auch Hannelore Dreifus, geb. Stern, über ihre Flucht aus
Battenberg im Jahr 1938, nachdem ihr Vater nach der Pogromnacht ins
Konzentrationslager verschleppt worden war; sie musste ihr Zuhause heimlich
über das Gartentor verlassen, erklärte sie. Die Erfahrungen hätten es
ihr schwer gemacht, noch mal in ihre alte Heimatstadt zu reisen. Zugleich
habe sie sich sehr gefreut, ihr Elternhaus noch einmal besuchen zu können,
erklärte sie.
Werner Neuburger, seine Frau Henny sowie Hannelore Dreifus haben als
Zeitzeugen einen bleibenden Eindruck bei den Jugendlichen hinterlassen.
Dass sie sich den Strapazen des Erinnerns stellten und viel von sich
gaben, dafür dankten ihnen die Schülerinnen und Schüler.
>> Artikel als pdf-Datei HIER