Frankenberger
Zeitung
und Waldeckische Landeszeitung
Freitag,
9. Oktober 2009
"Wir gehen zurück mit einem guten Gefühl"
Interview mit Werner Neuburger, dessen fünftägiger Besuch
in seiner Battenberger Heimatstadt heute endet
Werner Neuburger, 1926 in Battenberg geboren und 1938
vor den Nazis geflohen, war auf Einladung von Battenberger Bürgern
fünf Tage lang zu Besuch in der Bergstadt. Wie er die Zeit erlebte,
dazu befragte ihn FZ-Redakteurin Marianne Dämmer
Herr, Neuburger, Sie hatten eigentlich keine große Lust,
nach Battenberg zu fahren; eine erste Einladung hatten Sie auch abgelehnt.
Was hat Sie dann doch überzeugt, herzukommen?
Werner Neuburger: Das war in erster Linie Rudolf Döpp. Er hatte sehr
viel versucht, um mich ausfindig zu machen. Als er mich dann in Amerika
fand, telefonierten wir mehrmals miteinander. Schließlich ka-men auch
viele Reaktionen von Menschen aus Battenberg auf das Buch, das inzwischen
hier übersetzt wurde, und die Idee, mit Schülern zu sprechen. Das fand
ich gut. Ich hatte das Buch eigentlich für meine Kinder und Enkel geschrieben,
aber dass es nun so viele junge Menschen anspricht, freut mich. Dann
war es besonders wert, das Buch zu schreiben, denn es kann viel-leicht
etwas zum Guten bewirken.
Haben Sie bei Ihrem Besuch in Battenberg Menschen erkannt, die
Ihnen früher übel mitgespielt haben?
Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern. Mein Vater kannte wohl all
ihre Namen, aber ich war noch zu klein, um mir viele Namen zu merken.
Aus meiner Klasse ist mir in erster Linie Hannelore Stern, jetzt Dreifus,
in Erinnerung, weil sie ebenfalls jüdisch war und fast die einzige Schulkameradin,
die mit mir spielte. Beim Klassentreffen vor zwei Tagen habe ich viele
aus der alten Schule wiedergesehen. Da hatte ich schon mal den Gedanken:
'Warum habt ihr damals nicht mit mir gespielt?' Aber was soll ich sagen?
Jetzt geben sie mir die Hand, sind freundlich, offen und ehrlich interessiert
– und warum sollte ich das dann nicht ebenfalls sein? Sie denken heute
anders. Wir lernen im Gespräch voneinander. Das ist jetzt wichtig.

Werner Neuburger erblickt 1926 in Battenberg das Licht der Welt. Als
die Repressionen nach der Machtergreifung Hitlers immer schlimmer
wurden, verließ er mit Mutter und Schwester das Land. Das Foto
zeigt ihn beim Vortrag in der Battenberger Gesamtschule.
Foto: Marianne Dämmer
Sie hatten auch Gelegenheit, das Haus Ihrer Familie zu sehen.
Wie war das für Sie?
Das war aufregend und bewegend. Ich habe mich sehr gefreut, dass Willi
Hof, der das Haus jetzt besitzt, uns in das Elternhaus eingeladen hat
und wir Gelegenheit hatten, miteinander ausgiebig zu sprechen. Das war
sehr interessant.
Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Ihre alte Heimatstadt
Battenberg - was nehmen Sie mit nach Amerika?
Wir gehen mit einem geänderten, mit einem guten Gefühl. Ich bin sehr
zufrieden, ein neues Deutschland gefunden zu haben, das viel besser
ist, als ich es zu hoffen gewagt hatte. Alle haben uns sehr freundlich
empfangen, so anständig, verständig, zuvorkommend. Es gibt wohl noch
immer Menschen, die schlecht über Andersgläubige denken. Aber wenn es
jetzt schon so viele gibt, die, wie ich hier sah, inzwischen ganz anders
denken, dann ist das doch ein gutes Zeichen.
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