Waldeckische
Landeszeitung
Freitag,
9. Oktober 2009
"Dass wir ein neues Deutschland sehen"
Hannelore Stern und Werner Neuburger mussten vor Nazis fliehen -
Gestern Empfang in Battenberg
Nach 39 Jahren besucht Werner Neuburger erstmals wieder
seine alte Heimatstadt Battenberg. 1938, im Alter von 12 Jahren, musste
er vor den Nationalsozialisten fliehen, ebenso wie Hannelore Stern.
Gestern wurde ihnen in der Bergstadt ein warmherziger Empfang bereitet.
VON MARIANNE DÄMMER

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt: Henny und Werner
Neuburger sowie Hannelore Dreifus beim Empfang, der
ihnen zu Ehren im Alten Rathaus von Battenberg gegeben
wurde. Neuburger trug ein, Rassenhass zu bekämpfen brauche
die Taten der Mehrzahl des Volkes; die Taten der Minderheit
seien nicht genug. Es sei gut zu sehen, dass sich in Battenberg
vieles verändert habe.
BATTENBERG. Seine angestammte Heimat aus freien Stücken zu verlassen,
das hat etwas von Abenteuerlust, von Neuanfang, der selbstbestimmt und
frohmütig gewählt ist. Seine Heimat verlassen zu müssen, weil man als
"unerwünscht" gilt, ja gar verfolgt wird und das eigene Leben
in Gefahr ist – das ist in höchstem Maße tragisch. Wer sich dann entschiedet,
diese alte Heimat nach vielen, vielen Jahren wieder zu besuchen, der
hat intensiv mit sich gerungen und einen anstrengenden Widerstreit der
Gefühle erlebt.
So ist es Werner Neuburger ergangen. Er wurde 1926 in Battenberg geboren
und verbrachte die ersten zwölf Jahre seines Lebens zusammen mit seiner
Familie in der Bergstadt. Er gehörte dazu und war wohlbehütet – bis
die Nationalsozialisten an die Macht kamen und sich auch in dem beschaulichen
Ort Battenberg Menschen gegen ihn und seine Familie wandten und gegen
sie hetzten, weil Neuburgers jüdischen Glaubens waren.
Was in jener Zeit geschah, beschreibt der inzwischen 83-Jährige, der
in Amerika eine neue Heimat fand, in seinem Buch "Dark clouds don’t
stay forever", das 2005 in den USA erschien – und über das er nach
Jahrzehnten schließlich wieder Kontakt in seine alte Heimat fand (siehe
Hintergrund): Gestern bereiteten Battenberger ihrem ehemaligen Mitbürger
Werner Neuburger und seiner Frau Henny sowie Hannelore Dreifus, geborene
Stern, und ihrem Enkel Dan Silverstone einen freundlichen Willkommensempfang
im Alten Rathaus der Bergstadt. Neben Bürgermeister, Magistrat und Vertretern
der Stadtverordnetenversammlung erschienen auch Mitglieder des Geschichtsvereins,
ehemalige Nachbarn und Schulkameraden zum Empfang, den das Flötenquartett
des Musikzugs Battenberg ansprechend umrahmte. Schon am Sonntagabend
hatte der MGV zur ersten, inoffziellen Begrüßung gesungen.
Er habe seine Kindheitserinnerung nicht unbedingt für die Bürger von
Battenberg geschrieben, damit sie sich an die Geschichte erinnern mögen,
sagte er gestern. Das Buch war vor allem für seine Enkel gedacht, weil
die Erfahrungen seiner Kindheit ein Teil seines Lebens seien, von denen
sie wissen sollten. Er freue sich aber, dass es so viel Interesse erfahren
habe und die Aufzeichnung seiner Erinnerungen Verständnis für die Vergangenheit
zu schaffen scheine. "Als wir Deutschland vor 70 Jahren verlassen
haben, hat sich kaum jemand um uns gekümmert – und jetzt werden wir
so freundlich empfangen“, sagte er. Auf Nachfrage der FZ betonte Neuburger,
er und seine Frau hätten nicht gewusst, was sie erwarten sollten, und
seien nun "angenehm überrascht, dass die Menschen so anders reagieren
als vor 39 Jahren".
"Es ist uns eine besondere Ehre und Freude, Sie heute in unserem
Alten Rathaus empfangen zu dürfen. Es ist ein bewegender Moment für
uns alle", sagte Bürgermeister Heinfried Horsel. "Es ist uns
wichtig, dass Sie nach Battenberg gekommen sind, dass Sie lebendige
Erinnerung sind und damit sichtbares Zeichen gegen jedes Vergessen",
erklärte er und dankte den Bürgern, die sich für den Besuch eingesetzt
haben. Gut sei, dass Werner Neuburger auch mit Schülern sprechen werde,
sagte Horsel. "Einen besseren Schutz vor Intoleranz, Rechtsextremismus
und Gewalt kann es nicht geben als durch die persönliche Betroffenheit,
das persönliche Gespräch mit Ihnen."
Jürgen Hübner, Vorsitzender des Geschichtsvereins Battenberg, erinnerte
an die Entstehungsgeschichte der deutschen Ausgabe des Buches "Dunkle
Wolken". "Deine Mahnung haben wir aufgegriffen", richtet
er seine Worte an Neuburger, "alles zu tun und die nächsten Generationen
anzusprechen, damit sie aus dem Erlebten lernen."
Nachdem die Gäste sich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hatten,
verabschiedete sich Neuburger beim Empfang mit den Worten: "Danke
für Ihre Gastfreundschaft und dass wir das Vergnügen haben, ein neues
Deutschland zu sehen".
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Werner Neuburger wird diese Woche Schulen und die Vöhler Synagoge
besuchen. Heute um 19:30 Uhr liest er im Alten Rathaus in Battenberg
aus seinem Buch, dazu gibt es eine Gesprächsrunde, an der sich
Stadtarchivar Dr. Hecker (Frankenberg), Karl-Hermann Völker (Geschichtsverein
Frankenberg), Karl-Heinz Stadtler und Kurt-Willi Julius (Förderkreis
Synagoge Vöhl), Buchhändler Rüdiger Richter, Übersetzerin
Marie-Luise Hinrichs und Christel Kahler (Geschichtsverein Battenberg)
beteiligen.
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