Frankenberger Zeitung
Freitag, 11. November 2005


Anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in der Mauritius-Kapelle am Donnerstagabend
präsentierte Karl-Hermann Völker die Iniative "Stolpersteine". (Foto: jas)

Vorstellung der Initiative "Stolpersteine" im Rahmen der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht
Weg frei für Stolpersteine in Frankenberg

FRANKENBERG (jas). Das europaweite Projekt "Stolpersteine" wird voraussichtlich bald auch in Frankenberg seine historischen Spuren hinterlassen. Bei einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht im Kreisheimatmuseum stellte die Arbeitsgruppe "Stolpersteine" ihre gleichnamige Initiative für die Stadt Frankenberg vor. Dabei hatte sie bedeutende Fortschritte zu vermelden.

Die Mauritius-Kapelle des Kreisheimatmuseums war gut besucht. Etwa 50 Menschen waren gekommen, um der Opfer der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zu gedenken. Ein zusätzlicher Grund für den zahlreichen Besuch, war sicherlich auch das große Interesse an dem Projekt "Stolpersteine ". Denn genau 67 Jahre nachdem die ersten systematischen Nazi-Pogrome gegen Juden stattgefunden hatten, wurde nun ein Kunstprojekt zum Gedenken an die NS-Opfer vorgestellt.

Bei diesem Projekt handelt es sich um die Initiative "Stolpersteine", die der Künstler Gunter Demnig aus Köln vor knapp zehn Jahren initiiert hat. Er versucht dadurch, das Gedenken an die Ermordung der Juden, Zigeuner und anderer Opfer des Nationalsozialismus -im wahrsten Sinne des Wortes - in unsere Lebensmitte zu rücken.

Große Gedenkstätten liegen zumeist weit abseits der viel benutzten Wege und werden dadurch oft links liegen gelassen. Um diesem Vorbeigehen und Wegsehen entgegenzuwirken, installiert Demnig die „Stolpersteine" inmitten von Gehwegen. Genauer gesagt, platziert er sie vor Häusern, die NS-Opfer vor ihrer Ermordung zuletzt bewohnt hatten.

Allerdings will er damit Passanten nicht tatsächlich zu Fall bringen, sondern lediglich ein "innerliches Stolpern" provozieren. Die plan in die Wege eingelassenen Steine tragen die Aufschrift: "Hier wohnte" mit zusätzlichen Angaben über Geburts- und Sterbedaten der Ermordeten. Die symbolische Wirkung von diesen "dezentralen Mahnmalen" wird dadurch verstärkt, dass man sich "vor den Opfern verbeugen muss, um die Inschriften auf den Steinen zu lesen", wie der Künstler es ausdrückt.


Derartige Stolpersteine sollen in Frankenberg vor Häusern
verlegt werden, in denen Opfer des Nationalsozialismus
vor ihrer Ermordung gelebt haben. (Foto: jas)

Schon mehr als 5500 Steine

In den vergangenen acht Jahren hat er mehr als 5500 Steine in etwa 100 Städten Deutschlands und anderen Ländern Europas verlegt. Nach dem Verlegen der ersten Steine 1997 in Berlin beteiligten sich auch immer mehr kleinere Städte an dem Projekt. - Der Anstoß für eine Verlegung von Stolpersteinen in Frankenberg war bereits vor mehreren Monaten vom "Kunsttreff" ausgegangen. Zahlreiche kulturtragende Vereine, die Kirchengemeinden ebenso wie die Stadtverwaltung unterstützen die Initiative. Jedoch fehlten lange Zeit genaue Informationen über Namen und Wohnorte von Frankenberger NS-Opfern.

Diese Wissenslücke ist nun geschlossen. Monica Kingreen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fritz-Bauer-Institut, und der Frankenberger Stadtarchivar Dr. Horst Hecker haben die Geschichten vieler Frankenberger NS-Opfer recherchiert. In einem bewegenden Vortrag hat Kingreen jetzt die ersten Ergebnisse ihrer Studie vorgestellt: Sie erzählte die Einzelschicksale von 34 Juden und einem Widerstandskämpfer, die zumeist aus Frankenberg deportiert und in Konzentrationslagern ermordet worden sind.

Mit diesen Recherchen haben Kin-green und Hecker den theoretischen Grundstein für eine Beteiligung Frankenbergs an Gunter, Demnigs Projekt gelegt. Die praktische Herausforderung für die Initiativgruppe wird es nun sein, ausreichend Spenden oder Patenschaften für die Installation der Gedenksteine zu finden. Die Kosten für die Herstellung, Beschriftung und Verlegung eines Steines betragen 95 Euro. Trotz dieser beachtlichen Summe zeigte sich Karl-Hermann Völker, Mitglied der Initiativgruppe, aber zuversichtlich, dass die Installation der Steine bereits im nächsten Jahr begonnen werden könnte.

Die Namen der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger - nach Straßen und Hausnummern geordnet - die von den Nationalsozialisten deportiert und in Konzentrationslagern ermordet worden sind:
Bahnhofstraße 4: Jakob und Rosalie Katzenstein, Hedwig Weitzenkorn und Hildegard Blum.
Untermarkt 8: Josef und Mary Kaiser, Jenny Liebmann.
Hainstraße 13: Ferdinand, Martha, Manfred, Richard und Max Heinz Stern. Sie wohnten in der "Israelischen Schule", Hainstraße 13.
Obermarkt 14: Emil und Johanna Plaut, Sophie Katz, Johanna Bachenheimer, Flora Skapkower und Ruth Lamm.
Untermarkt 6: Jonas Dillof.
Steingasse 16: Ida Alexandrowitz.
Steingasse 20: Recha Joseph.
Pferdemark 8: Sara und Jenny Marx, Lina Rosenbaum.
Obermarkt 16: Max Fürst und Johanna Keyzer.
Vor 1933 hatten Frankenberg bereits verlassen: David Goldschmidt, Albert Baer, Philipp Dillof, Selma, Doris, Anneliese und Hilde Bachenheimer und Rosalie Elsoffer.