HNA
- Frankenberger
Allgemeine
Freitag,
11. November 2005
Für ein aktives Erinnern
Initiativgruppe "Stolpersteine" gedachte Pogromnacht am 9. November
1938 Frankenberg
Bilder von brennenden Synagogen, von Häusern jüdischer
Mitbürger, Kennkarten mit Passfotos und dem von den Nazis angeordneten
Judenstern rückten am Mittwochabend die Ereignisse der Pogromnacht am
9. November 1938 in den Mittelpunkt einer Gedenkveranstaltung, zu der
die Initiativgruppe "Stolpersteine" in die Mauritius-Kapelle des Kreis-Heimatmuseums
eingeladen hatte. Vorgestellt wurde das Erinnerungsprojekt des Künstlers
Gunter Demnig (Köln), der demnächst auch in Frankenberg kleine, beschriftete
Pflastersteine zum Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus setzen
soll.

Als die Stadt Frankenberg im Januar 1988 mit einer im Text allgemein
gehaltenen Tafel an die ermordeten Juden und die anderen Opfer der Hitlerdiktatur
in der Rathausschirn erinnerte, war nur ein Teil ihrer Namen bekannt.
Seit der Veranstaltung in dieser Woche gibt es nun endlich Klarheit:
Mindestens 35 in Frankenberg geborene jüdische Männer und Frauen wurden
Opfer des Holocaust, wie Monica Kingreen, wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt berichtete.
Auf Bitten der Initiativgruppe "Stolpersteine" hatte sie in den Archiven
nach Spuren der Frankenberger jüdischen Mitbürger gesucht und eine Reihe
von Schicksalen klären können. Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei
von dem Frankenberger Stadtarchivar Dr. Horst Hecker. Monica Kingreen
schilderte zu Beginn das normale christlich-jüdische Alltagsleben im
Städtchen Frankenberg, dessen jüdischer Bevölkerungsanteil deutlich
über dem Reichsdurchschnitt lag.
Nach den Nürnberger Rassengesetzen der Nazis 1935 sei
es aber auch in Frankenberg zu schweren Ausschreitungen mit Verfolgung
und Deportationen gekommen, berichtete die Holocaust-Forscherin. Gezeigt
wurden dazu Bilder der Häuser, in denen die jüdischen Familien früher
gewohnt hatten und vor denen die kleinen Gedenktafeln auf Steinen angebracht
werden sollen.
Zuvor hatten Doris Rödig und Gerlinde Kopecky-Pelzetter von der Initiativgruppe
"Stolpersteine" mit Bildbeispielen und Interviewausschnitten das Projekt
des Künstlers Gunter Demnig erläutert. Er erinnert an die Opfer der
NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln
aus Messing ins Trottoir einlässt. Bis heute habe er über 5500 Steine
in 97 Ortschaften verlegt.
Museumsleiterin Almuth Limmroth, die den Kontakt zu dem Künstler aufgenommen
hatte, teilte mit, dass voraussichtlich bereits im März 2006 die ersten
Stolpersteine verlegt werden könnten. Auch sollten möglichst bald noch
lebende ehemalige jüdische Mitbürger nach Frankenberg eingeladen werden.
Mit Dokumentarfotos, Schriftstücken und Augenzeugenberichten schilderte
Karl-Hermann Völker, Vorsitzender des Frankenberger Geschichtsvereins,
die Ereignisse der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 zwischen
Marburg und Korbach, als auch die Frankenberger Synagoge geschändet
wurde.
Das Bild eines Grabsteins auf dem Frankenberger jüdischen Friedhof mit
den zum Levi-Segen erhobenen Händen stand allen Besuchern vor Augen,
als der Röddenauer Pfarrer Heinrich Jammer der Opfer gedachte. Er forderte
die Zuhörer auf zu einer aktiven "Erinnerung, die der Gleichgültigkeit
den Nährboden entzieht". (BF)
