Frankenberger Zeitung
Dienstag, 21. März 2006


Geschichte hautnah erleben: Der Kölner Künstler Gunter Demnig diskutierte vor der ehemaligen
Judenschule in der Hainstraße mit Mädchen und Jungen der Klasse 6a der Burgwaldschule über
sein Projekt „Stolpersteine". (Fotos: rou)

Aktionskünstler Gunter Demnig verlegt 16 Gedenksteine vor Häusern von Frankenberger Nazi-Opfern
Verneigung beim Lesen der "Stolpersteine"

F RANKENBERG (rou). Für den Akt als solches war nur etwas handwerkliches Geschick erforderlich: Erst ein Loch in den Gehweg schneiden oder auch die Pflastersteine entnehmen, etwas Beton einfüllen, den Stein mit dem viereckigen Messingschild plan einsetzen und schließlich die Fugen mit Zementmörtel ausfüllen. Doch die Wirkung dieser gestern Vormittag von Gunter Demnig verlegten Gedenksteine könnte größer kaum sein. "Denn jeder, der die Schrift auf dem Stein lesen will, muss sich vor den Opfern verbeugen", sagte der Kölner Aktionskünstler bei der Verlegung der "Stolpersteine" vor fünf Häusern, in der Frankenberger Opfer der Nazi-Herrschaft gewohnt hatten.


Eine namenlose Gedenktafel in der Rathausschirn auf dem Obermarkt erinnert seit 1988 an die von Nazis ermordeten Frankenberger. Sie erinnert an nach heutigem Kenntnisstand mehr als 40 Personen, deren Geschichte unwiderruflich zu der Illerstadt gehört.

Doch die Namen der-Opfer drohten in Vergessenheit zu geraten. Und damit auch deren tragische Schicksale. Dass es dazu nicht kommt, hat die Frankenberger Initiativgruppe "Stolpersteine" veranlasst. Und sie hat in zahlreichen Frankenbergern, in den Mitgliedern diverser kulturtragender Vereine und in den politischen Gremien Unterstützer gefunden. Die Initiativgruppe beauftragte den Aktionskünstler Gunter Demnig aus Köln, auch in Frankenberg seine auffälligen "Stolpersteine" gegen das Vergessen zu verlegen.

Auftakt in der Bahnhofstraße 4

Insgesamt 16 Gedenksteine hat der Kölner gestern Vormittag vor fünf Häusern in Frankenberg ins Trottoir eingelassen. Denn für Demnig steht fest: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Und mit den "Stolpersteinen" vor den Häusern werde die Erinnerung an die Menschen lebendig gehalten. Geschrieben steht auf den Steinen mit dem Messingschild: "Hier wohnte...": Jakob Katzenstein, Jahrgang 1865, deportiert Theresienstadt, ermordet 27.11.1942 - das war die Aufschrift auf dem ersten Stein, den Demnig verlegte. Und zwar in der Bahnhofstraße 4. Vor dem Haus, in dem der jüdische Textilhändler mit seiner Frau Rosalie, deren Schwester Hedwig Weitzenkorn und Haushaltshilfe Hilde Blum wohnte, ehe sie am 6. September 1942 deportiert wurden. Jakob Katzenstein starb am 27. November 1942 unter fürchterlichsten hygienischen Verhältnissen im Ghetto Theresienstadt. Wenige Wochen später kamen auch seine Frau und ihre Schwester um. Die Spur von Hilde Blum verliert sich 1944 im KZ Stutthof bei Danzig.


Vier "Stolpersteine" erinnern an die Geschichte der Familie Katzenstein:
an Jakob, seine Frau Rosalie, ihre Schwester Hedwig Weitzenkorn
und an Haushaltshilfe Hilde Blum. Sie lebten in der Bahnhofstraße 4
und wurden 1942 deportiert.                                   (Fotos: rou)

Existenz zurückgegeben

Gut zwei Dutzend Unterstützer des Projekts waren zum Start der "Stolperstein"-Aktion gekommen - unter ihnen auch Bürgermeister Christian Engelhardt, Pater Laurentius Meißner sowie Frankenberger aus den kunsttreibenden Vereinen. Doris Rödig vom Kunstreff und Karl-Hermann Völker vom Frankenberger Geschichtsverein erinnerten an die Entstehung des Projekts in Frankenberg, an das ehrenamtliche Engagement der Initiativgruppe und an die einhellige Meinung in Frankenberg, mit diesen "Stolpersteinen" die Vergangenheit gegenwärtig zu machen. "Mit den Steinen haben wir den Opfern ihre Existenz zurückgegeben, die sie mal in Frankenberg hatten", sagte Jutta Emde, ehe sie vier Rosen auf die vier Steine für die Familie Katzenstein in der Bahnhofstraße legte.


Legte Rosen für die Familie Katzenstein
in der Bahnhofstraße 4 nieder: Jutta Emde.

Patenschaften für die Steine

Mehr als 7500 "Stolpersteine" in über 100 Ortschaften hat Demnig seit 2000 verlegt. Gestern waren es in Frankenberg 16: für die Familie Katzenstein, für die Lehrerfamilie Stern in der Hainstraße 31 (der ehemaligen jüdischen Schule), für die Familie Emil Plaut vor dem Haus Obermarkt 14, für die Familie Kaiser auf dem Untermarkt 8 sowie vor dem Haus auf dem Untermarkt 16, wo der Frankenberger Sozialdemokrat und Franco-Widerstandskämpfer Karl Richter gewohnt hatte, der 1944 im KZ Majdanek umgebracht wurde. Demnig will mit den "Stolpersteinen" nicht nur an die Vertreibung und Vernichtung der Juden erinnern, sondern auch die Erinnerung an ermordete Zigeuner, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfer lebendig erhalten.

An dem Akt in der Hainstraße nahmen auch Jungen und Mädchen der Burgwaldschule teil. Die Klasse 6a mit Religionslehrerin Barbara Betz-Böttner diskutierte mit Demnig über das Projekt. "Es ist ein guter Weg, wenn junge Menschen da sind und sagen, das war Unrecht und das darf nie wieder passieren", sagte Gerlinde Kopecky-Pelzetter von der Frankenberger Initiativgruppe vor der ehemaligen jüdischen Schule.


Hintergrundinformationen: Karl-Hermann Völker vom Frankenberger
Geschichtsverein berichtete über die Geschichte der Frankenberger
Opfer der Nazi-Herrschaft.

"Stolpersteine" sollen auch für alle weiteren während der NS-Zeit ermordeten Frankenberger verlegt werden. Für 95 Euro können Patenschaften für die Herstellung und die Verlegung übernommen werden. Die Initiativgruppe "Stolpersteine" hat ein Spendenkonto für das Demnig-Projekt eingerichtet: Almuth Limmroth, Stolpersteine, Kontonummer 9173436, Sparkasse Waldeck-Frankenberg, Bankleitzahl 52350005.


Beobachter: Pater Laurentius Meißner
und Bürgermeister Christian Engelhardt.

ZUR PERSON
Gunter Demnig
(rou). Der in Köln lebende Aktionskünstler Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. Er studierte in Berlin und Kassel Kunstpädagogik und Industriedesign. 1990 startete Demnig die erste Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma. 1993 folgte ein Entwurf zum Projekt „Stolpersteine". Im Jahr 1997 verlegte er - ohne Genehmigung - erste Steine in Kreuzberg. Sie wurden nachträglich legalisiert. Seit 2000 hat er in über 100 Orten über 7500 „Stolpersteine" in Gehwege eingelassen. Im Oktober 2005 verlieh ihm Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz. „Stolpersteine" ist nur eines von vielen Projekten von Demnig.