HNA
- Frankenberger
Allgemeine
Mittwoch,
22. März 2006
Rosen für den Patenonkel
Stolpersteine: Angehörige von Karl Richter kamen aus Frankreich
FRANKENBERG. Eine besonders anrührende und menschliche Begegnung
hatte der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig, als er am
letzten der ausgewählten fünf Frankenberger Häuser einen
Stolperstein zur Erinnerung an Karl Richter (1907-1944) verlegte (HNA
berichtete).
Aus Frankreich und aus Kassel waren Verwandte des politisch Verfolgten
und in Majdanek ermordeten Onkels gekommen, um vor dem früheren
Haus der Familie Richter am Untermarkt 16 an der Gedenkstunde teilzunehmen.
Karl Kornemann, Jahrgang 1934, der in Kassel lebende Neffe des im KZ
Majdanek ermordeten Frankenberger Sozialdemokraten und Franco-Kämpfers
Karl Richter, erzählte: "Er war mein Patenonkel, aber ich
habe ihn nie mehr kennen lernen dürfen."
Arbeitslosigkeit und die politische Verfolgung zwangen seinen Onkel
damals ins Ausland zu gehen, in Spanien schloss er sich freiwillig den
Internationalen Brigaden im Kampf gegen den Faschismus an. "Wir
mussten die Kartoffeln für die alten Leute aus dem Keller hoch
holen", berichtete Monique Henry aus Jouy-aux-Arches in Frankreich,
Tochter der 1934 ins Saargebiet geflüchteten Mathilde Kornemann,
vor der Haustür am Untermarkt 16. Auch Gretel Fontenot, geborene
Kornemann, erinnerte sich noch, wie sie ihren Großeltern einmal
die Kohlen ins Fachwerkhaus tragen half, die der früh invalide
gewordene Bergmann immer noch als "Bergmannskohle" nach Frankenberg
geliefert bekam.
Gretel Kornemann, die in der Bergstraße 19 am 2. April ihr 80.
Lebensjahr vollenden wird, war acht Jahre alt, als sie ihrem Onkel Karl
Richter Briefe ins Konzentrationslager Sachsenhausen schickte. "Meine
Oma hat damals unter der Situation sehr gelitten, aber die Hoffnung
hat sie nicht aufgegeben." Ein Antwortschreiben Richters auf schlechtem,
gelblichem Papier mit KZ-Briefkopf zeigte sie dem Künstler Demnig
und Mitgliedern der Frankenberger Initiativgruppe Stolpersteine, als
sie anschließend in der Ratsschänke ein Abschlussgespräch
führten.
Dass jemals noch einmal ihres Vorfahren und NS-Opfers Karl Richter namentlich
in seiner Heimatstadt gedacht werden würde, hatte keiner seiner
Angehörigen vermutet. Seine Urne war 1944 unter Polizeiaufsicht
an unbekannter Stelle in Frankenberg beigesetzt worden.
Mit großer Ergriffenheit legten sie, nachdem der Künstler
Gunter Demnig den Stolperstein verlegt und ein Schüler der Burgwaldschule
an den Widerstandskämpfer erinnert hatte, Rosen an der kleinen
Messingplatte mit den Lebensdaten für Karl Richter nieder. (ZVE)

Rosen zum Gedenken: An dem frisch gesetzten
Stolperstein für Karl Richter legten Angehörige Rosen
nieder. FOTO:
VÖLKER