HNA - Frankenberger Allgemeine
Freitag, 11. August 2006

Jüdische Schule 1906 eingeweiht
FRANKENBERG. Vor 100 Jahren wurde die jüdische Schule in Frankenberg eingeweiht. Anlass für Stadtarchivar Hecker, nach Archivalien zu suchen.
> FRANKENBERG

Für Gott und Vaterland
Vor 100 Jahren weihte Frankenberg das jüdische Schulhaus in der Hainstraße ein
VON KARL-HERMANN VÖLKER

FRANKENBERG. Der 6. August 1906 war ein festlicher Tag für Frankenberg. Zahlreiche Vertreter aus Kirche und Politik versammelten sich mit der jüdischen Gemeinde morgens um 10 Uhr in der Hainstraße 31 (Einmündung Rosenthaler Straße) am neuen Schulgebäude, die Kinder sangen einen Choral, es folgten Reden, ein dreifaches Hoch auf den Kaiser und die Nationalhymne.

Stadtarchivar Dr. Horst Hecker nahm das 100-jährige Bestehen des ehemaligen jüdischen Schulhauses in den vergangenen Wochen zum Anlass, nach Archivalien im Marburger Staatsarchiv und in dem von ihm verwalteten Stadtarchiv zu suchen.

"Ich stieß auf eine große Dichte archivalischer Überlieferung", berichtet der Historiker. So habe er unter anderem für ein wesentlich repräsentativeres jüdisches Schulhaus erste Bauentwürfe gefunden, die aber später nicht realisiert worden seien. Für die israelitische Gemeinde Frankenbergs sei die Verwirklichung dieses Schulbaus aber ein gewaltiger Fortschritt gewesen, nachdem man im 19. Jahrhundert schon früh die Abschaffung von "Winkelschulen" zugunsten eines geordneten jüdischen Volksschulwesens angestrebt habe.


Alte Pläne in der Hand: Stadtarchivar Dr. Horst Hecker vor dem Haus in der
Hainstraße 31, das die Jüdische Schule beherbergte.                       Foto: Völker

Wie sehr die jüdischen Familien Frankenbergs vor 100 Jahren in das städtische Leben und in den Kaiserstaat integriert waren, zeigte sich bei der Schuleinweihung. Der Lokalschulinspektor, Rektor Heinrich Schenk, nannte die neue jüdische Schule einen "heiligen Ort, an dem die Kinder ein warmes Herz für Gott, König und Vaterland gewinnen" sollten. Mehrfach wurde Dank gegenüber Landrat Friedrich Riesch geäußert, der für einen Baukostenzuschuss der Regierung gesorgt hatte, stellte Dr. Hecker fest.

Von 1838 bis 1906 war die jüdische Schule mit einer Lehrerwohnung im Synagogengebäude im Scharwinkel untergebracht, einem relativ engen Fachwerkhaus, wo um 1900 noch 26 Schulkinder unterrichtet wurden. Dieses Gebäude wurde in der Kristallnacht am 9. November 1938, wenige Tage vor seinem 100-jährigen Bestehen, von den Nationalsozialisten geschändet und verwüstet.

Heute weist eine Tafel an dem in Privatbesitz befindlichen ehemaligen jüdischen Schulhaus Hainstraße 31 auf dessen 100-jährige Geschichte hin. Im März dieses Jahres verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig im Bürgersteig der Hainstraße fünf "Stolpersteine", die an das Schicksal der letzten Lehrerfamilie Stern erinnern sollen (siehe Hintergrund). Stadtarchivar Dr. Horst Hecker wird die komplette Schulgeschichte erforschen und aufschreiben.