HNA
- Frankenberger
Allgemeine
Sonntag,
15. Oktober 2006
Stadt wollte nicht mehr zahlen
Zur Geschichte des jüdischen Schulwesens in Frankenberg - Teil
5 unserer Serie
VON DR. HORST HECKER
FRANKENBERG. Am 1. Juli 1872 trat Isaak (auch Israel oder Esriel)
Goldschmidt die Nachfolge von Lehrer Levy an der jüdischen Elementarschule
an. Zuvor war er Religionslehrer in Steinbach bei Gießen gewesen.
Sein jährliches Gehalt einschließlich der Nebeneinkünfte
(Accidenzien) betrug anfangs 250 Taler. Auch Lehrer Goldschmidt übte
neben seinem Lehrer- und Vorsängeramt noch das Amt des Schächters
("Schochet") aus.

Jüdischer
Lehrer: Dieser Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Frankenberg
erinnert an Lehrer Isaak Goldschmidt, der 1872 seinen Dienst an der
Elementarschule antrat. Foto:
Völker
Für
die israelitische Gemeinde Frankenberg war die Unterhaltung einer eigenen
Schule und die Besoldung des Lehrers mit großen finanziellen Opfern
verbunden. Im Oktober 1873 wandte sie sich deshalb an den Stadtrat mit
der Bitte, einen Zuschuss aus der Stadtkasse zu seinem Gehalt zu bewilligen.
Sie argumentierte, dass die israelitischen Einwohner durch die von ihnen
gezahlten Gemeindeumlagen bisher immer auch zu den Gehältern der
Stadtlehrer mit beigetragen hätten.
Die Stadt zahlte nach zweijährigem Streit schließlich einen
jährlichen Zuschuss von 20 Talern (später 60 Mark) an die
israelitische Gemeinde zur Besoldung ihres Lehrers. In den folgenden
Jahren gab es darum immer wieder Konflikte und einen Rechtsstreit, und
am Ende blieb der Stadt nicht anderes übrig, als die 60 Mark weiter
zu zahlen. Sie tat es freilich so widerwillig, dass die israelitische
Gemeinde sie in der Folgezeit immer wieder an rückständige
Beiträge erinnern und mit Klage drohen musste.
Auf der Grundlage des preußischen Gesetzes vom 23. Juli 1847 und
des Volksschulunterhaltungsgesetzes vom 28. Juli 1906 wurde der israelitischen
Schule dann ab 1909 eine fortlaufende Beihilfe aus der Stadtkasse gezahlt.
Sie wurde alljährlich neu festgesetzt und betrug 1909 361,35 Mark,
bis 1917 stieg sie auf 460,55 Mark.
Bei seinem Amtsantritt scheint es mit den Fähigkeiten von Lehrer
Goldschmidt noch nicht sehr weit her gewesen zu sein. In einem Visitationsbericht
aus dem Jahr 1884 heißt es dann aber, er habe "schönes
Lehrgeschick und nicht unbedeutende Kenntnisse". Darum sei er bei
seiner Gemeinde "geachtet und beliebt".
In den letzten Jahren seiner Amtszeit war er häufig krank. Er wurde
zum 1. April 1902 pensioniert und starb nur wenige Monate später,
am 7. September 1902. In den 1890er-Jahren hatte er das Haus Nr. 238
am Pferdemarkt (heute Pferdemarkt 8) erworben, in dem er mit seiner
Ehefrau Minna geb. Grünbein bis zuletzt lebte. Als Nachfolger kam
Lehrer Levi Plaut nach Frankenberg. Die Zahl der jüdischen Schulkinder
in Frankenberg stieg im Laufe des 19. Jahrhunderts fast kontinuierlich
an. Im Februar 1822 waren es 11, im Jahr 1872 16, 1893 bestand die israelitische
Schule aus 21 Kindern, 1898 waren es schon 28 (wovon 4 Schüler
der höheren Privatschule allerdings nur den Religionsunterricht
besuchten), am 1. Mai 1901 wurde mit 31 Kindern vermutlich der Höchststand
erreicht.
Das Schullokal in der 1838 erbauten Synagoge im Scharwinkel wurde daher
schon Ende des 19. Jahrhunderts allmählich zu klein.