HNA
- Frankenberger
Allgemeine
Sonntag,
29. Oktober 2006
Die Auflösung drohte
Zur Geschichte des jüdischen Schulwesens in Frankenberg - Teil
7
VON DR. HORST HECKER
FRANKENBERG. Wurde die jüdische Schule an der Hainstraße
im Februar 1909 noch von 26 Schulkindern besucht, so verringerte sich
die Zahl vor allem nach dem Ersten Weltkrieg drastisch. Zu Beginn der
1920er-Jahre waren es etwa nur noch halb so viele. In einer Mitteilung
an den Schulrat vom 18. März 1925 prognostizierte Lehrer Ferdinand
Stern die Entwicklung der Schülerzahl in den nächsten Jahren
wie folgt: 1925 11 Kinder, 1926 8, 1927 5, 1928 8, 1929 10, 1930 11,1931
11 Kinder.

Blütezeit
der jüdischen Schule: Auf diesem Bild, das vermutlich 1906 bei
der Schuleinweihung in der Hainstraße aufgenommen worden ist,
sind noch
40 Schulkinder mit ihren Lehrern zu sehen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg
verringerte sich die Zahl der jüdischen Kinder drastisch und gefährdete
die
Schule in ihrer Existenz. Foto:
Hecker
1924 war die Existenz der jüdischen Schule akut gefährdet.
Wegen der geringen Schülerzahl und der dadurch bedingten Mehrausgaben
des Staates beabsichtigte die Regierung, die israelitische Schulstelle
aufzuheben bzw. ihren gegenwärtigen Inhaber in den einstweiligen
Ruhestand zu versetzen. Am 4. Juli wandten sich die Gemeindeältesten
Katten und Katzenstein mit einer Eingabe an die Regierung, um dies zu
verhindern.
Die Gemeinde zähle 20 Familien und es sei in den nächsten
Jahren mit einer größeren Schülerzahl zu rechnen, so
führten sie an. Die Aufhebung der israelitischen Schulstelle würde
für den religiösen Weiterbestand der Gemeinde die nachteiligsten
Folgen haben. Der Kultus innerhalb der Gemeinde sei unzertrennlich mit
der Person des Lehrers verknüpft, welcher gleichzeitig die Funktion
eines Seelsorgers habe. Außerdem habe er Religionsunterricht an
der höheren Privatschule und auch an der Aufbauschule (dem späteren
Gymnasium) zu erteilen.
In Folge der außerordentlich schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse
sei die Gemeinde nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln einen Religionslehrer
zu besolden. In den vergangenen Jahren seien im Kreis Frankenberg zwei
israelitische Schulen, in Frankenau und Vöhl, aufgelöst worden.
Somit bilde nunmehr Frankenberg als Kreisstadt die "Centrale"
für die religiöse Versorgung der umliegenden israelitischen
Gemeinden.
Nach erneuter Prüfung der "gesamten Verhältnisse"
sah sie sich die Regierung am 26. Juli 1924 zu ihrem Bedauern nicht
in der Lage, von der "Einziehung der jüdischen Schulstelle"
Abstand zu nehmen. Die Rücksicht auf die finanzielle Lage des Staates
zwinge dazu, zum mindesten die Stelle auf einige Jahre ruhen zu lassen,
bis eine größere Kinderzahl die Schule wieder "lebensfähig"
erscheinen lasse. Lehrer Stern müsse versetzt oder in den einstweiligen
Ruhestand versetzt werden. "Wir verkennen die religiösen Nöte
der Gemeinde nicht, sind bereit, ihnen Rechnung zu tragen", so
versicherte die Regierung.
Sie regte deshalb an, eine Vereinbarung der an der Erhaltung eines Religionslehrers
in Frankenberg interessierten Gemeinden über eine angemessene Vergütung
herbeizuführen Der Lehrer würde also in den einstweiligen
Ruhestand versetzt werden, könnte in Frankenberg wohnen bleiben
und sich ganz dem Kultusdienst widmen.
Am Ende konnte die Aufhebung der Stelle dann doch noch einmal abgewendet
werden, weil die Eltern von sechs Kindern, welche bisher die höhere
Privatschule in Frankenberg (sie bestand bis 1934) besuchten, sich bereit
erklärten, ihre Kinder, solange sie schulpflichtig waren, wieder
in die israelitische Elementarschule zu schicken.