Frankenberger
Zeitung
Sonnabend,
11. November 2006
Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November
1938 bei Rundgang durch die Altstadt
"Auch in Frankenberg gab es diese Nacht"
FRANKENBERG (sr). Einen Stadtrundgang zum Gedenken an die Reichspogromnacht
vor 68 Jahren unternahmen am Donnerstagabend rund 35 interessierte Bürger
und Mitglieder der Frankenberger Initiativgruppe "Stolpersteine".
Manfred Scholz erinnerte am Treffpunkt in der Hainstraße
an die Judenverfolgung im Dritten Reich, die sich mit der Zerstörung
vieler Synagogen und Bethäuser in der Nacht vom 9. November 1938
verschärfte. "Auch hier in Frankenberg gab es diese November-Nacht",
erinnerte Scholz und rief zu einem Rundgang durch die Altstadt auf,
um der ehemaligen jüdischen Mitbürger in stillen Gebeten zu
gedenken.

Mit einem Stadtrundgang zu ehemaligen Wohnorten jüdischer Bürger
gedachten
am Donnerstagabend zahlreiche Frankenberger mit dem Initiativkreis "Stolpersteine"
der Judenverfolgung und der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Das
Foto
entstand in der Rathausschirn, links eine Gedenktafel an die Opfer der
Hitlerdiktatur. (Foto: sr)
"Angriffsziel aus Rassenwahn"
Der Frankenberger Stadtarchivar Dr. Horst Hecker beschrieb die ehemalige
jüdische Schule in der Hainstraße, die vor 100 Jahren im
August 1906 eingeweiht wurde. "Damals stand sie für die gelungene
Emanzipation der Juden Frankenbergs, für ein harmonisches Miteinander
zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung", sagte
Hecker, der Berichte der Frankenberger Zeitung ausgewertet hatte. Die
Schule wurde am 10. November 1938 zum "Angriffsziel aus Rassenwahn".
13-jährige Schüler der Stadtschule am Ortenberg hätten
das Gebäude in der Hainstraße gestürmt, Möbel zertrümmert
und Fensterscheiben eingeworfen. Der langjährige jüdische
Lehrer Ferdinand Stern, der in der Schule wohnte, starb bereits fünf
Tage später im Konzentrationslager Buchenwald an den Folgen von
Misshandlungen durch Soldaten.
An der ehemaligen jüdischen Synagoge im Scharwinkel erinnerte Gaby
Huebener an die Zerstörung durch fünf Männer am Abend
des 9. November. "Das bereits gelegte Feuer wurde zur Sicherung
der angrenzenden Scheunen und eines Wohnhauses von den Verursachern
wieder gelöscht", zitierte sie eine Zeitzeugin. Damals waren
20 Juden in Frankenberg gemeldet. 1941 und 1942 mussten drei Ehepaare
in die Synagoge umziehen. Die letzten Bewohner wurden am 6. September
1942 in Vernichtungslager verschleppt und ermordet. Die Stadt verkaufte
das Synagogengebäude wenig später an Privateigentümer.
Manfred Scholz erinnerte an die Familie Plaut, die auf dem Obermarkt
einen Textilhandel betrieb. Dort arbeitete Recha Lamm als Hausgehilfin.
Zum Gedenken an die ermordeten Bürger hat der Initiativkreis wie
an vier weiteren Stellen in der Stadt Stolpersteine in das Pflaster
einsetzen lassen. Karl-Hermann Völker beschrieb vor dem Stadthaus,
wo früher das Dilloff'sche Haus stand, die bekannte und in der
Stadtpolitik engagierte Familie Dilloff. Sie konnte sich durch Auswanderung
nach Amerika rechtzeitig vor den Nationalsozialisten retten.
Worte bilden die Brücke
Jutta Emde erinnerte vor der mit Teelichtern und Blumen geschmückten
Gedenktafel in der Rathausschirn an die Opfer der Hitlerdiktatur. "Worte
können Gefühle beschreiben: Entsetzen, Unglauben, das Geschehen,
die Angst, die Hoffnungslosigkeit - Worte bilden die Brücke zwischen
der unheilvollen Vergangenheit und uns, die am heutigen Abend an sie
denken." Gaby Huebener, Dr. Dietrich Beckmann, Gerlinde Kopecky-Pelzetter,
Manfred Scholz und Doris Roedig lasen anschließend Texte und Gedichte
von Menschen aus der Region, die der Verfolgung ausgeliefert waren.
Nach dem Rundgang nahmen zahlreiche Teilnehmer an der Gedenkfeier in
der Vöhler Synagoge teil (siehe weiteren Bericht in dieser Ausgabe).