Frankenberger Zeitung
Dienstag, 20. Februar 2007

Künstler Gunter Demnig will am 1. März in Frankenberg an weitere 18 ermordete Juden erinnern
"Stolpersteine" berichten über Schicksale

FRANKENBERG (vk). Im März vergangenen Jahres hat der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig die ersten 16 "Stolpersteine" zur Erinnerung an die in der Nazi-Zeit ermordeten Frankenberger Einwohner gesetzt. Am Donnerstag, 1. März, will er seine Gedenkarbeit vollenden.

An diesem Tag sollen weitere 18 Pflastersteine mit Hinweisschildchen "Hier wohnte..." und den Daten der Ermordeten vor zehn Häusern der Stadt verlegt werden, wie die Frankenberger Initiativgruppe "Stolpersteine" mitteilt. Beginnen will Demnig offiziell um 9 Uhr vor dem Haus Steingasse 20 unterhalb des Rathauses. Dort sind zur Eröffnung neben der Initiativgruppe auch Vertreter der Kirchen, der Stadt, der "kulturtragenden Vereine" sowie alle Interessenten eingeladen. Im Verlauf des Vormittags wollen auch wieder Gruppen der Burgwaldschule und der Edertalschule den Künstler bei seiner Erinnerungsarbeit begleiten.

Friedlich zusammengelebt

An allen Häusern sollen die Steine an das Schicksal der Familien erinnern, die dort vor Hitlers "Machtergreifung" im Januar 1933 mit ihren christlichen Nachbarn friedlich zusammengelebt haben. Die dem Rassenwahn verfallene NS-Regierung hatte die jüdischen Frankenberger verfolgt, deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Auch politische Widersacher wie Kommunisten und Sozialdemokraten wurden verhaftet und zum Teil umgebracht. Die "Stolpersteine" hat Demnig in seiner Kölner Werkstatt vorbereitet, sie nennen auf Messingschildchen die Lebensdaten und, soweit möglich, auch den Todesort. Mittlerweile hat der vor zwei Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Künstler in Deutschland bereits rund 10.000 Stolpersteine verlegt.


Angehörige aus Frankreich und Kassel waren im vergangenen Jahr
nach Frankenberg gekommen, um Gunter Demnig (Mitte) beim
Verlegen des "Stolpersteins" für den Widerstandskämpfer
Karl Richter am Haus Untermarkt 16 zu begleiten. (Foto: vk)

Weitere zehn Häuser

Bisher gab es in Frankenberg zwar eine allgemeine Mahntafel in der Rathausschirn, jedoch noch kein namentliches Gedenken an die "Opfer" des Nationalsozialismus. Erinnert werden soll ab dem 1. März mit den Steinen an folgende Ermordete:

Am Haus Steingasse 20: an Recha Joseph, geborene Dilloff - ermordet 1943 in Sobibor, an Hedwig Heinrich, geborene Dilloff - ermordet 1942 in Chelmo, und an Rudolf Dilloff - 1940 umgebracht in der Euthanasie-Mordanstalt in Brandenburg.

Am Haus Obermarkt 5: an Sophie Katz - ermordet in Auschwitz, an Flora Skapowker - umgekommen in Auschwitz, und an Johanna Bachenheimer, geborene Katz - deportiert nach Theresienstadt, ermordet in Auschwitz.

Am Haus Obermarkt 2: an Johanna Blumenfeld - deportiert nach Lodz, umgekommen 1943.

Am Haus Obermarkt 16: an Max Fürst - deportiert 1941 nach Riga, später ermordet, und an Johanna Keyzer, geborene Fürst - ermordet in Auschwitz 1944.

Am Haus Untermarkt 10: an Jonas Dilloff - deportiert nach Theresienstadt, umgekommen 1942.

Am Haus Geismarer Straße 7: am Ida Alexandrowitz, geborene Buchheim, - ermordet in Auschwitz. Am Haus Pferdemarkt 8: an Sara Marx und Jenny Marx - beide 1942 ermordet in Sobibor, an Lina Rosenbaum, geborene Marx - 1942 ermordet in Treblinka, und an David Goldschmidt - in Theresienstadt umgekommen 1943.

Am Haus Bremer Straße 16: an Martha Rosenbaum - ermordet 1943 in Auschwitz.

Am Haus Neustädter Straße 38: Albert Bär - ermordet in Minsk.

Am Haus Bahnhofstraße 4: Eise Sommer - umgebracht in Sobibor.


Vor der ehemaligen jüdischen Schule Frankenbergs in der Hainstraße 31
erinnern seit vorigem Jahr im Bürgersteig fünf "Stolpersteine" des
Künstlers Gunter Demnig an die Lehrerfamilie Stern, die aus ihrem
Haus vertrieben, deportiert und in Konzentrationslagern ermordet
worden ist.

Zur Person
Der Künstler Gunter Demnig

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. 1967 legte er sein Abitur ab und begann ein Studium Kunstpädagogik in Berlin. 1969 bis 1970 studierte er Industrie-Design in Berlin, ab 1971 Kunstpädagogik an der Kunstakademie in Kassel. 1974 legte er das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab, dem schloss er 1974 bis 1977 ein Studium in Freier Kunst in Kassel an. Seit 1985 hat er ein eigenes Atelier in Köln. 1993 entwarf er das Projekt "Stolpersteine", das seit 2000 bundesweit läuft.