Frankenberger Zeitung
Freitag, 2. März 2007

Gunter Demnig verlegt 18 Stolpersteine in Frankenberg - Erinnerung an Opfer des Holocausts
Man stolpert darüber, aber man fällt nicht

FRANKENBERG (apa). Regen, ein wolkenverhangener Himmel, alles grau in grau: Ausgerechnet das Wetter brachte gestern Morgen die Wirkung der "Stolpersteine" zu Tage. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte in Frankenberg 18 Steine, die an die Opfer des Holocausts erinnern. Sie nicht zu bemerken, ist fast nicht möglich: Zwischen den nassen, rötlich-grauen Steinen in der Steingasse in der Altstadt blinken und glänzen die mit Messing überzogenen Steine.

Die Namen und Geburtsdaten sowie die Todestage von drei Frankenbergern, die im Dritten Reich ermordet wurden, sind in die Messingoberfläche graviert. Mit wenigen Stichworten wird über das Schicksal der Frauen und Männer informiert, die einst in den Häusern lebten, vor denen nun die Steine in das Pflaster eingelassen sind. In der Steingasse waren es drei der sechs Kinder des Kaufmanns Dilloff: Recha, deportiert, ermordet 1943 in Sobibor. Rudolf, eingewiesen 1940 "Pflegeanstalt" Brandenburg, ermordet 1.4.1940. Hedwig, deportiert 1941, ermordet 1942 in Chelmno.


Gunter Demnig (vorn) verlegte gestern 18 Stolpersteine (siehe kleines Bild) in
Frankenberg. Interessierte und Mitglieder der Initiativgruppe "Stolpersteine"
begleiteten ihn. (Fotos: apa)

Gestern hat Demnig 18 dieser Steine vor 10 Häusern in Frankenberg verlegt. Im vergangenen März waren bereits 16 Steine an fünf weiteren Stellen eingelassen worden. Die 34 Steine erinnern nicht nur an den Mord an Juden, sondern auch an die Verfolgung von Zigeunern, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und Behinderten. Der Aktionskünstler war nicht allein: Begleitet wurde er von Mitgliedern der Initiativgruppe "Stolpersteine", von interessierten Bürgern sowie auf einzelnen Etappen von Dekanin Ute Zöllner, Pater Laurentius und Bürgermeister Christian Engelhardt. Auch zwei Klassen der Burgwaldschule und der Edertalschule sahen zu, wie er die Bürgersteige in kleine Mahnmale verwandelte.

Historiker Dr. Horst Hecker umriss mit einigen Worten die Lebensgeschichten der genannten Menschen und verlieh den Namen so zwar kein Gesicht, aber doch wengistens einen kleinen Eindruck von ihrem Schicksal.

Hintergrund der Stolpersteine ist es, den Menschen, die Opfer der Nazis waren, "ihre Namen und ihre Würde wiederzugeben", sagte Manfred Scholz (Geismar) von der Initiativgruppe.

Dekanin Ute Zöllner erläuterte die Bedeutung und Wirkung der Steine aus ihrer Sicht. "Man stolpert eigentlich nicht gerne. Man guckt sich um, wundert sich. Man kommt für einen Moment aus dem Tritt, wird aus dem Alltag gerissen."

Doch Demnigs Stolpersteine zeichneten sich dadurch aus, dass sie einem zwar in den Weg gelegt würden, aber nicht auf eine negative Weise: "Man stolpert darüber, aber man fällt nicht." Außerdem gefalle ihr die Tatsache, dass die Stolpersteine glänzen. "Durch die Namen und Daten bekommen die Menschen ihre Lebensgeschichte zurück", sagte die Dekanin. Etwas gehe von dem Stein aus - "Würde und mehr noch". Durch den Glanz werde deutlich, dass es sich bei den Ermordeten um Geschöpfe Gottes handelte.

Bürgermeister Christian Engelhardt verzichtete auf ein langes Grußwort - er habe nur dabei sein wollen. Demnigs Stolpersteine böten die Gelegenheit, sich zu erinnern, "und zwar nicht, um sich schuldig zu fühlen, sondern um daraus zu lernen".

Für jeden Verstorbenen legte Jutta Emde eine Rose nieder. Die gestrige Aktion Demnigs war die zweite und letzte in Frankenberg.