HNA - Frankenberger Allgemeine
Sonntag, 4. März 2007

Dienst an den Armen
Aus dem Leben des jüdischen Arztes Dr. Moses Lissard - 2. Teil
VON DR. HORST HECKER FRANKENBERG



Von seinen Vorgängern übernahm Dr. Moses Lissard (1835-1899), neben seiner eigentlichen Praxis, das Amt des Armen- und Hospitalarztes in Frankenberg. Als solcher war er gegen ein jährliches Fixum an Geld aus der Stadtkasse verpflichtet, die Ortsarmen, die Pfründnerinnen des Hospitals St. Elisabeth sowie auch durchziehende arme Handwerksburschen unentgeltlich zu behandeln. Damit war sehr viel Arbeit verbunden, die im Laufe der Jahre ständig zunahm. Die Entschädigung, die er dafür erhielt, war vergleichsweise gering, doch stellte sie eine notwendige Aufbesserung seines nicht gerade üppigen Einkommens dar.

Anlässlich der Neuorganisation des kreisamtlichen Medizinalwesens im Kreis Frankenberg im Herbst 1869 übernahm Dr. Lissard zum 1. November des Jahres die Stelle des Kreiswundarztes, während Dr. Marcus Heinemann weiterhin Kreisphysikus blieb.

Auf Antrag Lissards wurde die Entschädigung für die unentgeltliche Behandlung der Armen nach und nach erhöht. Anfangs betrug sie 30 Taler jährlich, 1873 stieg sie auf 36 Taler, 1876 auf 45 Taler (gleich 135 Mark), 1885 auf 160 Mark. Neben der allgemeinen Teuerung führte er zur Begründung die gestiegene Zahl der Armen und die damit einhergehende Vermehrung der Arbeit an. Im Jahr 1894 zum Beispiel wurden 114 Personen armenärztlich behandelt und in diesem Zusammenhang 480 Krankenbesuche durchgeführt. Dazu kamen noch 90 Konsultationen in der Sprechstunde. 1895 waren es 120 Erkrankungen, die 253 Hausbesuche und 136 Verordnungen und Hilfeleistungen in seiner Wohnung notwendig machten.


Zahn entfernt: Diese Rechnung von Dr. Moses Lissard
aus dem Jahr 1883 ist eine der wenig erhalten
gebliebenen Spuren des jüdischen Armenarztes
im Frankenberger Stadtarchiv.
Foto: Hecker

Ärger und Beleidigungen

In seinem Gesuch an den Stadtrat um Erhöhung seines Honorars vom 16. Februar 1885 schrieb Lissard: "Ich fungire jetzt nahezu 20 Jahre hier als Armenarzt, und lassen sich die vielen Unannehmlichkeiten, Störungen, Aerger, Verdruß, selbst Beleidigungen, welche ich mit in Kauf nehmen muß, nicht in kurzen Worten darlegen; doch kann ich versichern, daß Niemand sich nur annährend eine Vorstellung machen kann, in welcher Weise gerade von dieser Sorte Bevölkerung der Arzt heimgesucht wird. Ich bin tagtäglich durch die Armenpraxis in Anspruch genommen, receptire indessen wenig, und kann deßhalb meine Thätigkeit nach den zur Unterschrift vorgelegten Recepten, oder gar nach der Apothekerrechnung nicht im Entferntesten bemessen werden". Seine jetzige Vergütung, so der Arzt weiter, stehe "lange, lange nicht im Verhältnis zu meiner Mühe und Arbeit".

Aus Anlass seines 25-jährigen Dienstjubiläums als städtischer Armenarzt beschloss der Stadtrat in seiner Sitzung am 6. Mai 1890, Dr. Lissard eine schriftliche Anerkennung und eine Erhöhung seiner Vergütung von 160 auf 180 Mark zuteil werden zu lassen.

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"Und lassen sich die vielen
Unannehmlichkeiten (...)
nicht in kurzen Worten fassen".
DR. LISSARD

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Die dazu ausgefertigte Urkunde mit Datum 30. Mai 1890 hatte folgenden Wortlaut: "Nachdem der Herr Kreiswundarzt Dr. Lissard dahier seit nun fünfundzwanzig Jahren hier wohnt und während dieser Zeit ununterbrochen als städtischer Armenarzt hierselbst zur Zufriedenheit der städtischen Behörden füngiert hat, so wird demselben darüber hiermit als Anerkennung diese Urkunde ertheilt".