HNA
- Frankenberger
Allgemeine
Samstag,
16. August 2008

Spießrutenlauf durch die Stadt
Frankenberger NSDAP demütigte am 16. August 1933 sechs junge Leute
VON DR. HORST
HECKER
FRANKENBERG. Am frühen Nachmittag des 16. August 1933, heute
vor 75 Jahren, erlebte Frankenberg ein Schauspiel, das zu dem Schlimmsten
gehört, was die Stadt in ihrer langen Geschichte gesehen hat. Sechs
junge Leute, vier Frauen und zwei Männer, wurden unter Trommelwirbel
von SA-Leuten in einem Spießrutenlauf durch die Stadt getrieben. Es
war, "als würde jemand zum Schafott gebracht", so die Erinnerung
einer Zeitzeugin. Vorneweg die Trommeln, dann kamen die Frauen und dahinter
die beiden Männer. Sie hatten Schilder um den Hals, die sie als "Deutschenschänder"
auswiesen. Es waren Juden, während es sich bei den Frauen um "Arierinnen"
handelte. Das einzige Vergehen der jungen Leute bestand darin, dass
sie miteinander befreundet waren.
Beziehungen Dorn im Auge
Der Vorgang erinnert an einen ähnlichen Fall, der sich wenige Wochen
zuvor, Ende Juli 1933, in Cuxhaven ereignete, als ein junges Paar mit
Schmähschildern wegen "Rassenschande" öffentlich gedemütigt und
fotografiert wurde. Ebenso wie in Cuxhaven ging die Aktion in Frankenberg
von der lokalen NS-Führung aus. Schon lange waren ihr die intimen Beziehungen
zwischen Juden und Nichtjuden, vor allem zwischen christlichen Frauen
und jüdischen Männern, ein Dorn im Auge. Am 15. August 1933, einen Tag
vor der Aktion, erschien am "Schwarzen Brett der NSDAP" im Lokalblatt
eine deutliche Warnung: "Es ist in letzter Zeit noch bei mir darüber
geklagt worden", so hieß es in der vom Ortsgruppenleiter Weltner unterzeichneten
Bekanntmachung, "daß es in Frankenberg immer noch christliche Mädels
und auch christliche verheiratete Frauen gibt, die immer noch mit Juden
im intimen Verkehr stehen. Falls dieses unwürdige und unverschämte Treiben
nicht unverzüglich eingestellt wird, werde ich die Namen dieser Personen
in der Presse veröffentlichen. Ich werde mich auch nicht scheuen, die
Namen der Gastwirte zu veröffentlichen, die dieses Treiben in ihren
Lokalen dulden".
Große Menschenmenge
Alles geschah nicht im Verborgenen, sondern vor den Augen der Öffentlichkeit.
Ein Zeitungsbericht beschreibt in aller Deutlichkeit, was damals passiert
ist. Er spricht von einer großen Menschenmenge, die sich auf die Nachricht
von der Verhaftung und der bevorstehenden "Anprangerung" versammelt
hatte, um der "peinlichen Demonstration" zuzusehen. Die Erwachsenen
scheinen sich überwiegend passiv verhalten zu haben, offenbar waren
es in erster Linie Jugendliche, vermutlich vor allem Angehörige der
HJ, die sich aktiv an der Verhöhnung der Opfer beteiligten. Vereinzelt
sollen diese auch angespuckt worden sein. Nachdem Ende der öffentlichen
Demütigung wurden die vier Frauen bei der NSDAP-Geschäftsstelle freigelassen,
die beiden jüdischen Männer blieben dagegen weiterhin in "Schutzhaft".
Für Frankenberg wird dieser Tag für immer ein Tag der Schande bleiben.

Textilkaufhaus Katzenstein: Hier, in der Bahnhofstraße 21,
arbeitete der jüdische Kaufmann Oskar Isenberg, der
öffentlich gedemütigt wurde. Möglicherweise gehört er
sogar zur Gruppe der abgebildeten Männer. Foto:
Völker