HNA - Frankenberger Allgemeine
Sonntag, 19. November 2008

"Drückeberger werden rücksichtslos gemeldet"
Erntedank-Festzug warb auch für das neu gegründete Winterhilfswerk – Große Armut und Massenarbeitslosigkeit


Allgegenwärtiges Winterhilfswerk: Mit Spruchbändern forderte dieser
Erntewagen auf dem Frankenberger Obermarkt zum Sammeleinsatz
für das Winterhilfswerk auf.

FRANKENBERG. Armut, Massenarbeitslosigkeit und Hunger hatten es der Hitler-Bewegung leicht gemacht, in den Sommermonaten 1933 in vielen Bereichen der Bevölkerung einen ungeheuren Zulauf zu erlangen und den Rechtsstaat mit Billigung der Massen Zug um Zug abzubauen. Über dem Erntedankfest vor 75 Jahren lastete deshalb auch ein starker politischer Druck, "aller dräuenden Winternot siegreich zu begegnen", "das gewaltige Räderwerk der Winterhilfe ingang zu bringen".

Schon im September 1933 kam es in Frankenberg zu einer von der bereits früher bestehenden "NS Volkswohlfahrt" einberufenen Tagung, bei der Vertreter der NS-Verbände, der Kommunen, Schulen, des Hausfrauenvereins, der Wohlfahrtsverbände und Kirchen, des Gesundheitsamtes und der Rotkreuz-Kolonne zu einer konzertierten Hilfsaktion aufgefordert wurden. Die NS-Frauenschaft, unterstützt von Schülern, sollte mit Sammellisten in 20 Bezirken des Altkreises von Haus zu Haus ziehen.

Wehe dem, der sich da auszuschließen wagte! "Wer nicht gibt, oder sich offensichtlich um eine angemessene Opfergabe herumzudrücken sucht, steht außerhalb der Volksgemeinschaft und wird dementsprechend behandelt", drohte der NSV-Ortswalter Schmidt in Frankenberg. "Sämtliche Drückeberger werden rücksichtslos gemeldet."

Dieser staatliche Druck zur Mitarbeit bei Sammlungen steigerte sich später im Frankenberger Land mit unverhohlenen Drohungen und Aufmärschen vor den Häusern solcher Bürger, die sich weigerten. Mit Erfolg: "Das Opfern bürgert sich schnell ein", notierte Lehrer Paul Witzleben in der Kirchlotheimer Schulchronik. "Lose der Arbeitsbeschaffungslotterie wurden dies Jahr noch nicht viel hier umgesetzt. Es erscheint manchem doch zu oft des Opferns." (zve)

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