HNA
- Frankenberger
Allgemeine und /oder Waldeckische Allgemeine
Sonntag,
2. November 2008
Organisierte Zerstörungswut
Erinnerungen an die NS-Pogromnacht vor 70 Jahren – Erster Teil
VON DR. HORST
HECKER

Synagoge im Schwarwinkel: Das Bethaus der
jüdischen Frankenberger Bürger (Bildmitte)
wurde vor 70 Jahren verwüstet, fiel wegen
dersehr engen Bebauung aber nicht der
Brandstiftung zum Opfer. Foto: Horst Hecker
FRANKENBERG. Am Abend des 9. November 1938 versammelten sich
die Nationalsozialisten aus Frankenberg und Umgebung in der neu hergerichteten
Aula der Edertalschule, um in einer Feierstunde des gescheiterten Putschversuches
Hitlers am 9. November 1923 in München zu gedenken. Der Tag war ein
Höhepunkt im nationalsozialistischen Festkalender. Überall im "Großdeutschen
Reich" fanden an diesem Abend solche Gedenkveranstaltungen statt.
Zwei Tage zuvor, am 7. November 1938, hatte ein 17-jähriger Jude namens
Herschel Grünspan (Grynszpan) ein Attentat auf einen Beamten der deutschen
Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, verübt. Damit wollte er gegen die
Abschiebung von 17000 Juden polnischer Nationalität aus Deutschland
im Oktober 1938 protestieren, darunter auch seine Eltern und Geschwister.
In der NS-Presse setzte daraufhin eine Hetzkampagne gegen die Juden
ein, die die kommenden Ereignisse vorbereitete. Nach dem Tod des Diplomaten
von Rath am 9. November gab Propagandaminister Joseph Goebbels nach
Absprache mit Hitler das Signal zum Losschlagen.
Wie nach einem vorher sorgfältig ausgearbeiteten Plan rollte in den
nächsten Stunden eine Welle brutalster antijüdischer Gewalt durch ganz
Deutschland. Insgesamt werden 177 Synagogen zerstört oder in Brand gesetzt,
7500 jüdische Geschäfte verwüstet und geplündert, ungezählte Wohnungen
demoliert. An die hundert Juden wurden im Verlauf der Aktion getötet
oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.
In Hessen war es schon in der Nacht vom 7. auf den 8. November zu Ausschreitungen
gegen Juden gekommen, eigenmächtig in Gang gesetzt von lokalen NS-Funktionären.
In Kassel wurden die Synagoge an der Unteren Königstraße, das jüdische
Schul- und Gemeindezentrum sowie zahlreiche jüdische Geschäfte verwüstet.
In Bebra und vermutlich in Zierenberg spielte sich in dieser Nacht Ähnliches
ab. Auch in Kirchhain wurden schon am 8. November Juden misshandelt.
Über die Pogromnacht in Frankenberg gibt es nur wenige gesicherte Nachrichten.
Die Bürger lasen später im Kreisblatt unter der Schlagzeile "Frankenberg
demonstriert": "Als gestern in den ersten Abendstunden die
Nachricht von dem Ableben des Gesandtschaftsrates vom Rath durch unsere
Stadt eilte, bemächtigte sich der Bevölkerung eine große Erregung. Immer
wieder durchsprach man die Mordtat des Juden Grünspan, es schien einfach
unerträglich, dass wieder ein Deutscher diesem Mordgesindel zum Opfer
gefallen ist. In der Nacht machte sich die siedende Empörung Luft, wobei
es bei der Synagoge und der Judenschule zu öffentlichen Protesten kam".
Was die Zeitung hier beschönigend "Proteste" nennt, war in
Wahrheit ein Akt hemmungsloser Zerstörungswut, dem zuerst die Synagoge
im Scharwinkel und einige Stunden später die jüdische Schule in der
Hainstraße zum Opfer fielen. Und in beiden Fällen war es nicht "die
Bevölkerung", die sich daran beteiligte, sondern es waren lediglich
Gruppen von Nazi-Funktionären und Aktivisten. Die Einwohnerschaft Frankenbergs
in ihrer übergroßen Mehrheit verhielt sich passiv, schaute weg, wollte
mit dem Geschehen nichts zu tun haben.
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