HNA - Frankenberger Allgemeine
Dienstag, 11. November 2008

Kein Mantel des Schweigens
Kirchengemeinden und Initiativgruppe Stolpersteine gedachten der Pogromopfer
VON KARL-HERMANN VÖLKER

FRANKENBERG. "Der Judenhass der Nazis fand viele aktive Helfer, auch in unserer Stadt", stellte Pfarrer Christoph Holland-Letz am Abend des 9. November zu Beginn des ökumenischen Gedenkgottesdienstes fest, zu dem evangelische und katholische Kirchengemeinden Frankenberg in die Liebfrauenkirche eingeladen hatten. "Wir wollen nicht den Mantel des Schweigens über das geschehene Unrecht decken, auch nicht über die Schuld," versicherte der Geistliche, "sondern gemeinsam an das Leid der Opfer denken und unsere Scham darüber zum Ausdruck bringen."

Mehr als 150 Menschen, darunter Bürgermeister Christian Engelhardt und Stadtverordnetenvorsteher Rainer Hesse, waren aus Anlass des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht in das Gotteshaus gekommen. Dort erinnerte Pater Laurentius Meißner mit Psalm 74 an Szenen der Tempelzerstörung. Manfred Scholz von der Initiativgruppe "Stolpersteine" beschrieb die Schändung der Frankenberger Synagoge am 9. November 1938. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte Pfarrer Holland-Letz von Marc Chagall das "Selbstbildnis mit roter Thorarolle" aus dem Jahr 1941. Kantorin Beate Kötter nahm diese Stimmung in ihrer Orgelmusik auf.

Bereits vor dem Gottesdienst hatten sich zahlreiche Bürger in der Schirn des Frankenberger Rathauses an der Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors versammelt, wo die neue Broschüre "Hier wohnte…" mit Stadtplan und Hinweisen auf alle ehemaligen jüdischen Gebäude vorgestellt wurde.

Manfred Scholz dankte im Namen der Stolperstein-Initiativgruppe dem Stadtarchivar Dr. Horst Hecker für die Erarbeitung, der Sparkassenstiftung Waldeck-Frankenberg für die Finanzierung der Broschüre und den städtischen Gremien für ihre Unterstützung des Gedenkprojektes auf öffentlichen Gehwegen. Ute Schluckebier von der Frankenberger Druckerei Schöneweiß übergab offiziell die ersten Hefte an die Teilnehmer.


Steingasse 20: Hier erläutert Stadtarchivar
Dr. Horst Hecker (vorn) einer großen Gruppe
von Bürgern beim Stadtrundgang am
9. November das Schicksal von drei NS-Opfern
der Familie Dilloff, die hier früher einmal wohnte.
Foto: Völker

Sie suchten bei einem Rundgang durch die Altstadt einzelne Stolpersteine auf. Dr. Horst Hecker gedachte am Haus Steingasse 20 an drei Opfer der Familie Dilloff, am Untermarkt 8 erinnerte Jutta Emde an Josef und Mary Kaiser sowie ihre Tochter Jenny Liebmann. Die Geschichte der Synagoge beschrieb Gabriele Huebener am Haus Scharwinkel 4. An der ehemaligen jüdischen Schule Hainstraße 11 beschrieb Uta Opper-Fiedler die Schicksale von sechs Mitgliedern der Lehrerfamilie Stern, die von den Nazis umgebracht wurden. Johanna und Emil Plaut, den letzten jüdischen Gemeindevorsteher, würdigte am Obermarkt 14 Gerlinde Kopecky-Pelzetter.

Artikel als pdf HIER

SERVICE

Die 28-seitige Broschüre "Hier wohnte…", die Einheimischen, Besuchern der Stadt und Schulklassen beim Stadtrundgang eine Erläuterung zu den auf den Stolpersteinen genannten Lebensdaten geben soll, ist künftig im Büro der Ederbergland-Touristik, Untermarkt 12, und im Fremdenverkehrsamt der Stadt Frankenberg, Obermarkt 7, erhältlich. (zve)