Frankenberger Zeitung
Mittwoch, 12. November 2008

Gemeinsames Gedenken an das Leid der Opfer
Kirchengemeinde und Initiativgruppe Stolpersteine erinnerten an Reichspogromnacht 1938


Frankenberg (ww). Mit Gedenken in der Rathausschirn, Rundgang zu Häusern, deren jüdische Bürger im NS-Regime ermordet wurden, und einem ökumenischen Gottedienst in der Liebfrauenkirche gedachten die evangelische und katholische Kirchengemeinde sowie die Initiativgruppe "Stolpersteine" der Ereignisse der Reichspogromnacht vor 70 Jahren.


Mit einem Gedenken in der rathausschirn, wo seit 1988 eine Mahntafel an die jüdischen
NS-Opfer in der Stadt Frankenberg erinnert, eröffnete die Initiativgruppe Stolpersteine
ihr Gedenken an die Pogromnacht vor 70 Jahren.                                    (Foto: ww)

Pfarrer Christoph Holland- Letz erklärte: "Der Judenhass der Nazis fand auch in unserer Stadt viele aktive Helfer. Wir wollen nicht den Mantel des Schweigens über das geschehene Unrecht decken, auch nicht über die Schuld." Gemeinsam wolle man an das Leid der Opfer denken und die Scham darüber zum Ausdruck bringen. Mehr als 150 Menschen waren aus Anlass des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht in das Gotteshaus gekommen. Pater Laurentius Meißner erinnerte mit Psalm 74 an Szenen der Tempelzerstörung, und Manfred Scholz von der Initiativgruppe "Stolpersteine" beschrieb die Schändung der Frankenberger Synagoge am 9. November 1938. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte Pfarrer Holland-Letz von Marc Chagall das "Selbstbildnis mit roter Thorarolle" von 1941. Kantorin Beate Kötter nahm diese Stimmung in ihrer Orgelmusik auf, gemeinsam beteten die Christen um Mut zum Widerstand gegen neue Formen des Hasses. An der Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors in der Rathausschirn wurde die neue Broschüre "Hier wohnte…" mit Stadtplan und Hinweisen auf alle ehemaligen jüdischen Gebäude vorgestellt. Manfred Scholz dankte im Namen der Stolperstein-Initiativgruppe dem Stadtarchivar Dr. Horst Hecker für die Erarbeitung. Ute Schluckebier übergab die ersten Hefte an die Besucher. Ausgewählte Stolperstein- Stationen wurden bei einem Rundgang aufgesucht. Dr. Horst Hecker gedachte am Haus Steingasse 20 an drei Opfer der Familie Dilloff, am Untermarkt 8 erinnerte Jutta Emde an Josef und Mary Kaiser sowie ihre Tochter Jenny Liebmann. Die Geschichte der Synagoge beschrieb Gabriele Huebener am Haus Scharwinkel 4. An der ehemaligen jüdischen Schule, Hainstraße 11, beschrieb Uta Opper- Fiedler die Schicksale von sechs Mitgliedern der Lehrerfamilie Stern. Johanna und Emil Plaut, den letzten jüdischen Gemeindevorsteher, würdigte am Obermarkt 14 Gerlinde Kopecky-Pelzetter.

Wer den Schicksalen der von den Nazis ermordeten Einwohnern nachgehen will – bisher wurden 38 jüdische und ein politisches Opfer ermittelt – kann dies mit der Broschüre tun. Sie soll eine Erläuterung zu den auf den Stolpersteinen genannten Lebensdaten geben und ist im Büro der Ederbergland-Touristik, Untermarkt 12, im Stadtarchiv, Geismarer Straße 3, und im Fremdenverkehrsamt der Stadt Frankenberg, Obermarkt 7, erhältlich. Vier der Stolpersteine sollen vom Künstler Gunter Demnig, der mittlerweile in Europa 17.000 solcher kleinen Gedenksteine mit Messingplatte im Pflaster verankert hat, zu einem späteren Zeitpunkt noch gesetzt werden.

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