HNA - Frankenberger Allgemeine
Sonntag, 1. März 2009

Mit viel Pomp und Pathos
Aus der Rathausschirn machte die NSDAP 1939 eine Ehrenhalle – Schluss
VON KARL HERMANN VÖLKER


Fahnen und Totenschilde: Weihevoll bis hin
zum einfallenden Licht präsentierte die Stadt
Frankenberg zum NSDAP-Parteitag im Juni
1939 die Rathausschirn als „Ehrenhalle“. Ein
paar Wochen später begann Hitler den
nächsten Weltkrieg.
           Fotos: Völker

FRANKENBERG. Mit großem Pomp weihte die Frankenberger NSDAP am Sonntag, dem 11. Juni 1939, um 8 Uhr im Zuge ihres Kreisparteitages in der Rathausschirn die "Ehrenhalle" ein. Bürgermeister Ockershausen, Kreisleiter Theiß und andere Nazi-Größen eilten mit einer Motor-Eskorte des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) ihrem Gauleiter, dem Staatsrat Karl Weinrich bis an die Kreisgrenze nach Löhlbach entgegen und eskortierten ihn zum Rathaus.

Sein Redebeitrag zeichnete sich durch hohles Pathos aus: "Der deutsche Mensch ist so groß, aber beim Gedenken des Opfers seiner Helden von außerordentlicher Gemütstiefe, die ihn an den Geist der Helden gemahnt", zitierte die Lokalzeitung.

Erklärung für die "Schmach"

Und für die "Schmach" eines verlorenen Ersten Weltkrieges mit seinen Opfern hatte der Gauleiter seine politisch kühl kalkulierte Erklärung: Die Männer, die 1918 bereit gewesen seien, alles für das Vaterland zu geben, hätten erkennen müssen, "dass fremder Geist und fremde Gewalt in der Heimat Platz ergriffen hatte" – er spielte damit auf das von der NSDAP gern genutzte Bild von der "Dolchstoßlegende" an. "Wahlfahrtsstätte", an der jedermann "Aufrichtung und Kraft" in der "Schwere des Lebenskampfes" finde, solle die Ehrenhalle in der Rathausschirn sein, wünschte Gauleiter Weinrich.

Dann verlas Bürgermeister Karl Ockershausen die Namen der auf den Tafeln verzeichneten Weltkriegstoten von 1914-18. Zwei schwieg er tot: die jüdischen Kriegsopfer David Katz (gest. 27.5.1918) und Albert Katzenstein (gest. 2.11.1918). Sie waren bereits vorher von der Liste gestrichen worden, wie Stadtarchivar Dr. Horst Hecker kürzlich feststellte. So weit reichten Achtung und "Gemütstiefe" der Nationalsozialisten dann doch nicht.

An den Namenstafeln, neben denen die großen Kerzen brannten, wurden Kränze nieder gelegt, dann eilte Gauleiter Weinrich auch schon weiter zur Aula der Edertalschule, wo er den Ehrenbürgerbrief der Stadt Frankenberg erhielt. Schon um 10 Uhr hatte er den nächsten Auftritt beim NSDAP-Kreisparteitag in der Festhalle auf der Bleiche.

Bis zum Zusammenbruch des NS-Reiches nach einem weiteren Weltkrieg mit Millionen Toten befanden sich Hakenkreuz-, Kriegerfahnen und Totentafeln in der Rathaushalle. Als die Amerikaner am 29. März 1945 in Frankenberg einmarschierten, fanden diese Relikte aus der Nazi-Zeit vermutlich als Trophäen schnell neue Besitzer. Augenzeugenberichte liegen dafür nicht vor, wohl aber für die Plünderung der Schnapsvorräte in der gegenüberliegenden NSDAP-Kreisleitung am Untermarkt.

1950 wieder getanzt

Nachdem 1950 anlässlich des ersten "Illerfestes" wieder in der Rathausschirn fröhlich getanzt und gefeiert worden war, gab es Stimmen, die meinten, nun sei "die Ehrenhalle entweiht". Aber in Wirklichkeit war der Raum wieder zu dem geworden, als was er geplant war: ein Rathaussaal für die Lebenden, für Handel und Wandel in einer Stadt mit freien, nun demokratisch verfassten Bürgern.


Gauleiter Weinreich: Er und andere Nazi-Größen
füllten die "Ehrenhalle"bei der Einweihung am
11. Juni 1939 mit viel Pathos und Propaganda.

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