Donnerstag, 24. September 2009

Die vergessene Synagoge in Frankenberg

Die Geschichte des jüdischen Lebens in Frankenberg reicht vermutlich bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die ersten Juden siedelten sich wohl bereits kurz nach der Stadtgründung an. In der alten Frankenberger Chronik aus dem Jahre 1298 wird über eine Synagoge in der Steingasse berichtet. Diese Stelle liegt in nordwestlichen Teil der Stadt und wird noch heute "Judenschule" genannt. Im 18. Jahrhundert diente ein jüdisches Privathaus am Pferdemarkt 238 (heute Pferdemarkt 8) als Synagoge.

1838 weihte die Gemeinde ihren Synagogenneubau ein, der über Hundert Plätze verfügte. Das Gebäude war ein zweigeschossiges Fachwerkhaus in der Nähe der Stadtmauer im Scharwinkel 4. Damals bestand die israelitische Gemeinde in Frankenberg, die dem Rabbinat Marburg unterstand, aus 60 Seelen. Eine Zeitung berichtete im November 1913 über das 75. Jubiläum der Synagoge. In diesem Jahr zählt die Gemeinde 130 Juden, Kaufmann und Viehhändler waren ihre bevorzugten Berufe. Die Familien aller jüdischen Bürger waren in die städtische Gesellschaft integriert, bis die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Ab 1933 gab es dann auch in Frankenberg Demütigung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Zum Glück konnten die meisten der Frankenberger Juden Deutschland frühzeitig genug verlassen. Diejenigen, die blieben, weil sie entweder kein Geld oder keine Verwandten im Ausland hatten oder darauf vertrauten, dass man ihnen nichts tun würde, wurden in die Vernichtungslager verschleppt.

Die traurige Bilanz: Neun jüdische Frankenberger sind dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen. In der so genannten Reichskristallnacht am 9. November 1938 wurde die Synagoge geplündert und entweiht. Weil die angrenzenden Gebäude durch ein Feuer gefährdet gewesen wären, beschränkten sich die NS-Horden auf die Verwüstung. Elfriede Weber erlebte als 10-Jährige die Zerstörung der Synagoge mit. Sie wohnte damals im Nachbarhaus. "Nachts wurde die Synagoge von vier bis fünf Männern in Uniform überfallen und verwüstet. Durch die vorher eingeschlagenen Fenster flogen Bänke, Gebetbücher, Sitzkissen in den Scharwinkel. Meine Mutter und wir Kinder standen am Fenster. Das bereits gelegte Feuer wurde zur Sicherung der anliegenden Scheunen und des Wohnhauses, in dem wir wohnten, wieder gelöscht. Am nächsten Tag mussten Juden die zertrümmerten Gegenstände auf einen Leiterwagen zum Abtransport laden."

Das Synagogen-Gebäude ist damals zu 20 Prozent beschädigt, die Kultgegenstände fast komplett vernichtet worden. Im Januar 1939 erwarb die Stadt das verwüstete Gebäude und quartierte die letzten in Frankenberg verbliebenen jüdischen Familien ein. Nachdem die Familien Katzenstein, Kaiser und Plaut 1942 deportiert worden waren, verkaufte die Stadt die Synagoge. An dem Gebäude, das nach baulichen Veränderungen im Jahre 1950 bis heute erhalten geblieben ist, gibt es keinerlei Hinweis auf seine ursprüngliche Nutzung. Es heißt: "Aus Rücksicht auf die heutigen Bewohner des Hauses".

Seit 1988 erinnert eine Tafel in der Frankenberger Rathausschirn an die ehemaligen jüdischen Einwohner: "In dieser Stadt lebten seit dem 13. Jahrhundert jüdische Einwohner. Die Menschen der ehemaligen Gemeinde wurden während der Naziherrschaft 1933 bis 1945 gedemütigt, entrechtet, vertrieben, verschleppt und ermordet. Ihr Schicksal darf nicht vergessen werden. Es mahnt uns, auch der anderen Opfer der Hitlerdiktatur zu gedenken."

In enger Zusammenarbeit mit Historikern vor Ort rekonstruierte der Kölner Künstler Gunter Demnig die ehemaligen Wohnorte der Deportierten. Vor den jeweiligen Häusern wurden "Stolpersteine" mit den Namen und Schicksalen der Opfer in den Bürgersteig eingesetzt. Nur die Synagoge wurde vergessen.

Anatoliy Blintsov,
Bad Wildungen