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HNA - Frankenberger Allgemeine November 1938 Als in der sogenannten Reichskristallnacht (9./10. November 1938) das von Hitler und Goebbels inszenierte Programm gegen die Juden im Deutschen Reich seinen Höhepunkt erreichte, hatten bereits zahlreiche jüdische Familien in Stadt und Kreis Frankenberg dem einseitigen Druck von Propaganda und gegen sie verübtem Unrecht durch den NS-Staat nachgegeben und waren nach Übersee ausgewandert, die meisten in die USA. Mit einer Verhaftungswelle verschärfte der Landrat des Kreises Frankenberg vom 9. November an die Lage der jüdischen Bürger, die noch dageblieben waren: Alle männlichen jüdischen Einwohner wurden von den Gendarmen festgenommen und nach Frankenberg in das Amtsgerichtsgefängnis gebracht. Aus dem wenigen in den Archiven erhalten gebliebenen Aktennmaterial lassen sich die Vorgänge in jenem November nur in Umrissen rekonstruieren; genauere Hinweise auf Einzelschicksale sind selten. So kann man beispielsweise nur ahnen, was bei einer Festnahmeaktion in Gemünden/Wohra am 10. November vorgefallen ist, wenn der dortige Gendarmerie-Hauptwachtmeister mit Schreiben vom 1. Dezember 1938 an die Gestapo in Kassel berichtet, daß der Gemündener Kaufmann Isaak Strauß "wegen eines Sturzes am gleichen Tage ... als Polizeigefangener der chirugischen Klinik in Marburg zugeführt werden" mußte.
Größere Klarheit erhalten wir hingegen über das Schicksal des in Frankenberg sehr bekannten Lehrers Ferdinand Stern, der in jenem November 48 Jahre alt war. Von 1914 an hatte er in der Israelitischen Volksschule von Frankenberg die Kinder unterrichtet, unterbrochen lediglich während seines Kriegsdienstes ab 1915, und dann bis zuletzt. Gegen den Polizeibeamten L., Kreisführer der Gendarmerie, der Stern am Morgen des 9. November 1938 verhaftet und in das Frankenberger Gefängnis gebracht hatte, fand im Oktober 1952 ein Prozeß wegen Körperverletzung mit Todesfolge beim Marburger Landgericht statt. Dabei wurden die Ereignisse in Frankenberg weitgehend geklärt, nicht jedoch das Ende des jüdischen Lehrers im Konzentrationslager Buchenwald am 14. November 1938. Einzelheiten über dieses Gerichtsverfahren sind nachzulesen bei Moritz/Noam: NS-Verbrechen vor Gericht 1945-1955, Dokumente aus hessischen Justizakten; Wiesbaden, 1978. Kassette gefunden Nach den Prozeßakten befanden sich am 9. November im Frankenberger Gefängnis einige zwanzig Juden aus verschiedenen Orten des Kreises, unter ihnen der Lehrer Ferdinand Stern. Es erschienen drei SS-Leute im Amtsgericht und brachten eine Kassette mit, die sie angeblich unter dem Fußboden der jüdischen Schule Frankenberg gefunden hätten. Möglicherweise erhalte sie staatsgefährdende Papiere, erklärten die SS-Männer, der Lehrer Stern müsse den Schlüssel haben. Stern wurde daraufhin von dem Gendarm auf den Flur herausgerufen und sowohl von ihm wie von den SS- Leuten gefragt und aufgefordert, den Schlüssel herauszugeben. Schwere Mißhandlungen Als der jüdische Lehrer beteuerte. in der Kassette seien lediglich seine Privatpapiere verwahrt und er habe keinen Schlüssel bei sich, wurde er von dem Polizisten und den SS-Leuten mit Faustschlagen schwer mißhandelt, fiel zu Boden und blutete aus Mund und Nase. Infolge der Schläge schwoll das Gesicht des 48jährigen an; er klagte in den folgenden Stunden bei seinen Zellengenossen über Schmerzen, konnte den Mund nicht mehr öffnen und nichts mehr essen. Die Mithäftlinge hatten den Eindruck, daß er fieberte. Nach Aussage eines Zeugen hatte Stern bereits vor seiner Mißhandlung gezittert und ihm gesagt, er werde die Inhaftierung nicht überstehen, denn er habe einen schweren Herzfehler. Stfern habe ihm seine goldene Uhr angeboten, wenn er etwas dafür tue, daß er in Frankenberg bleiben könne. Transport nach Buchenwald Zusammen mit den anderen judischen Häftlingen wurde der schwer verletzte Mann noch am gleichen, spätestens aber am nächsten Tag über Kassel in das Konzentrationslager Buchenwald abtransportiert. Nach dem Eindruck seiner Leidensgenossen habe sich sein Gesundheitszustand unterwegs laufend verschlechtert und er habe wiederholt geäußert, er sei verloren. Ferdinand Stern verstarb am 14. November 1938 im Lager Buchenwald. Das Gericht konnte 1952 nicht mehr mit Gewißheit klaren, ob der Tod infolge der Mißhandlungen im Frankenberger Gerichtsgeiängnis oder aus anderen Gründen im KZ eingetreten ist. Der Polizeibeamte wurde wegen Körperverletzung im Amt zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Karl-Hermann Völker |