HNA
- Frankenberger Allgemeine
Freitag, 12. Januar 1996
NEUSTÄDTER STRASSE 38/40
Eine Frankenberger Jüdin überlebte
VON HELMUT WISSEMANN
FRANKENBERG • Nur noch wenige Frankenberger erinnern sich beim
Anblick des Wohn-und Geschäftshauses Neustädter Straße 38/40, in dem
sich seit 1972 eine Verkaufsstelle des Großversandhauses Witt Weiden
befindet, an die einstige Hefehandlung Bär-Schäfer-Müller. Fritz und
Else Müller verkauften ihr Doppelhaus Nr. 38/40 im Jahre 1971 an die
Stadt Frankenberg. Das Fachwerkhaus wurde im Zuge der Stadtsanierung
abgebrochen. Die Architekten Reiser und Stremme errichteten 1972 auf
dem Baugrundstück das uns heute bekannte massive Wohn- und Geschäftshaus.

In diesem Haus betrieben Salomon Bär, Schäfers und Müllers ihre Hefe-
handlung. Hier überlebte die Jüdin Pfanni Schäfer, geborene Bär, das
Dritte Reich.
Im Haus Nr. 38 (alte Hausnummer 456) finden wir 1837 den Tuchmacher
Johannes Beyer. Um 1875 gehört es dem Sattler Geiger. Schon am 2. April
1878 taucht der jüdische Händler Salomon Bär auf. Er ist verheiratet
mit Gella, geborene Isak, kauft Lumpen und Knochen auf und verkauft
auch Lose zur Kasseler Pferdelotterie zum Preis von drei Mark. Am 20.
Oktober 1878 gliedert er seinem Geschäftsbetrieb eine Agentur der Lübecker
Feuerversicherungs-Gesellschaft an. Sein am 15. Januar 1871 geborener
Sohn Moses will 1888 nach Amerika auswandern.
Vermutlich verliefen die Handelsgeschäfte nicht allzu gut, denn 1892
und 1900 bietet er sein Haus Nr. 456 zum Verkauf an. Um diese Zeit ist
er in Frankenberg allgemein als "Hefe-Bär" bekannt. Das Haus kommt
nicht zum Verkauf.

Seine am 30. Januar 1876 geborene Tochter Pfanni, jüdischen Glaubens,
heiratet am 29. Januar 1900 den evangelischen Händler Daniel Schäfer.
Das Haus geht in den Besitz seiner Tochter Pfanni und seines Schwiegersohnes
Daniel Schäfer über, der das Handelsgeschäft fortführt und unter dem
Namen "Hefe-Schäfer" bekannt wird. Der Schuhmacher Gustav Pfingst
empfiehlt hier 1910 seine Schuhmacherwerkstatt.
Werfen wir auch einen Blick auf die andere Hälfte des Doppelhauses mit
der alten Nummer 455. Es gehörte 1784 der Witwe des Bäckers Philipp
Henrich Baltz. 1837 steht das Haus im Eigentum des Säcklers Jakob Schleicher,
Um 1875 finden wir hier ein "Frankenberger Original", den Landwirt
Adam Schneider. Er trank gerne einen Schoppen. Wenn er dann angeheitert
heimkam, rief er schon von weitem: "Hopp, Karline, d'r Adam Schneider
läwet (lebt) noch!" Das brachte ihm den Spitznamen "Hopp-Karline"
ein. 1900 gehört das Haus dem Bäckermeister Renner und um 1930 Anna
Renner. 1935 steht es im Eigentum des Eisenbahnbeamten Fritz Müller,
des Schwiegersohns von Pfanni Schäfer, geborene Bär. Er hat Else Schäfer,
beide evangelisch, geheiratet.
Der Hefehandel, einst von Salomon Bär begründet und von Daniel Schäfer
fortgeführt, wurde jetzt unter dem Namen "Hefe-Müller" weiter betrieben.
Rudi Müller, der älteste Sohn von Fritz und Else Müller, baute die Hefe-Handlung
nach dem Zweiten Weltkrieg weiter aus. Die beengten Verkehrsverhältnisse
in der Neustädter Straße ließen die Waren-Anlieferung jedoch schon bald
nicht mehr zu. Er baute deshalb am Teichweg Nr. 9 ein Wohn- und Geschäftshaus
und verlagerte die Hefehandlung in das neue Gebäude. Nachdem er 42 Jahre
lang die Hefehandlung betrieben hatte und inzwischen 65 Jahre alt geworden
war, gab er das Geschäft auf.

Die Neustädter Straße hat durch die Stadtsanierung
1973 ihr Gesicht verändert. Anstelle des Fachwerk-
hauses sehen wir jetzt ein hohes massives Geschäftshaus.
Damit erlosch die Hefehandlung Bär-Schäfer-Müller in Frankenberg endgültig.
Salomon Bär war ein jüdischer Mitbürger Frankenbergs. Auch seine Tochter
Pfanni Schäfer war Jüdin. Sie heiratete mit Daniel Schäfer einen Christen,
so daß die Tochter Else Müller als Halbjüdin angesprochen wurde. Rudi
Müller bezeichnete sich selbst als Vierteljude. Erstaunlich ist, daß
Pfanni Schäfer als Jüdin das Dritte Reich in Frankenberg ohne Deportation
in ein Konzentrationslager überstanden hat. Sie starb in Frankenberg
am 24. August 1946 und soll während des Zweiten Weltkrieges zum christlichen
Glauben übergetreten sein.
Konnte man sich dadurch den nationalsozialistischen Gesetzen entziehen?
Nein, denn als Jude galten nach den Nürnberger Gesetzen vom 15. September
1935 und den Durchführungs-Verordnungen vom 14. November 1935 diejenigen
Personen, die von drei oder vier jüdischen Großelternteilen abstammten.
Konnte Pfanni Schäfer beweisen, daß zwei Großelternteile nicht dem jüdischen
Glauben angehörten und sie mithin Halbjüdin war? Dies ist kaum anzunehmen.
Wenn man den Berichten von älteren Frankenbergern folgt, waren Beziehungen
des NSDAP-Ortsgruppenleiters zu seinem Eisenbahner-Kollegen Fritz Müller,
dem Schwiegersohn von Pfanni Schäfer, ihre Rettung. Da Pfanni Bär schon
1900 einen Christen heiratete, sind die Familien Schäfer und Müller
nie als jüdische Familien in Frankenberg angesehen worden.
In diesem Haus betrieben Salomon Bär, Schäfers und Müllers ihre Hefehandlung.
Hier überlebte die Jüdin Pfanni Schäfer, geborene Bär, das Dritte Reich.