Frankenberger
Zeitung
Mittwoch,
11. Februar 2009
Kontakt zu den „Aufrechten“ nie verloren
Ruth Zur, in Gemünden aufgewachsene Jüdin, starb im Alter
von 86 Jahren in ihrer Wahlheimat Israel
Gemünden (ww). Die aus Gemünden stammende Ruth Zur ist
tot. Wie ihre Schwiegertochter aus Tel Aviv mitteilte, starb sie dort
am 15. Januar im "Elternheim Pinchas Rosen", in dem sie die
letzten Jahre ihres Lebens verbracht hatte. In dem besonders für
deutsche Juden erbauten Haus hatte sie sich sehr wohl gefühlt.
Sie war in den letzten Jahren zu schwach, um engeren Kontakt in ihre
Heimat an der Wohra aufrechtzuerhalten, obwohl ihr immer sehr viel daran
gelegen war.

An diesem Tor und auf dem Hof hat sie
als kleines Mädchen unbeschwert gespielt
und eine glückliche Kindheit erlebt, bis der
Nazi-Terror einsetzte: Ruth Zur am Hoftor
ihres Elernhausesin der Gemündener
Hainstraße. (Fotos:
ww)
Die
Liebe zu ihrer Heimat an der Wohra basierte auf einer glücklichen Kindheit
im Andorn’schen Haus. Sie konnte sich an viele Details aus diesen erlebnisreichen
Kindertagen erinnern.
Ihr Vater, Israel Andorn, war ein wegen seines kulturellen Engagements
in der Wohrastadt sehr geachteter Mann. Ruth Zur konnte anfangs die
Wende im Verhalten der deutschen Mitbürger nach der Machtergreifung
Hitlers gar nicht verstehen. Sie erinnerte sich mit Entsetzen, wie aus
aggressivem Verhalten schließlich Verfolgung wurde. Ihre engsten Familienmitglieder
wurden deportiert und schließlich ermordet. Am Ende waren es 24 Verwandte,
die sie nie mehr wiedersah.
Pionierin in Israel
Sie selbst war dem Holocaust entgangen, weil sie mit einer zionistischen
Organisation über ein Vorbereitungslager in Hamburg als 14Jährige nach
Israel auswandern konnte. Dort wurde sie zuerst in einem Kibbuz untergebracht
und heiratete sehr jung. Ihr erster Mann starb aber schon im Unabhängigkeitskrieg
1948. Sie gehörte zu den Pionieren, die den Staat Israel aufbauen halfen.
Ihr Engagement reichte dabei von Kindergärten bis Atomindustrie. Nach
dem Tod ihres zweiten Mannes kam sie Ende der 70er Jahre erstmals wieder
nach Gemünden. Den Kontakt zu den wenigen "Aufrechten", wie
sie sie nannte, in ihrer Heimatstadt hatte sie aber nie verloren.
Zu diesen "Aufrechten", an die sich Ruth Zur gerne erinnerte,
weil sie der Familie auch in schwierigen Zeiten beigestanden hatten,
zählte auch der Schreinermeister Johannes Möbus. Er hatte der Familie
kurz vor der Deportation noch das Elternhaus zu einem fairen Preis abgekauft
und nahm sein "Rutchen" in diesem Haus bereitwillig wieder
auf. Sie konnte wieder in ihrem alten Zimmer schlafen. So blieb sie
mit zweitem Wohnsitz Gemündener Bürgerin und Johannes Möbus erfuhr eine
hohe Auszeichnung des Staates Israel, als im Wald der Gerechten zu seiner
Erinnerung ein Baum gepflanzt wurde.
Zuletzt war nach dem Tod von Vater und Sohn Möbus die Schwiegertochter
Johanna bereitwillige Gastgeberin im Elternhaus. Natürlich hatte Ruth
Zur auch die Zeiten der Verfolgung nicht vergessen und sie sagte einmal,
dass sie sich durchaus als "personifiziertes schlechtes Gewissen"
verschiedener Leute verstanden habe, wenn sie durch die Straßen Gemündens
ging.
Enttäuscht über Tafel
Von ihren Verwandten war nur Asche geblieben, kein Grab und kein Ort
der Erinnerung. Deshalb war es Ruth Zur, seit sie wieder ihre Heimatstadt
besuchte, ein Anliegen, dass für diese und für die anderen NaziOpfer
eine Gedenktafel erstellt werden sollte. Dafür hatte sie lange gekämpft
und war schließlich sehr enttäuscht, als man diese zwar in Auftrag gegeben,
sie aber, wie sie meinte, an der Rückwand der Friedhofskapelle "versteckt"
hatte. Sie wollte aber nicht nur kritisieren und schlechtes Gewissen
sein, sie hatte vielmehr auch immer zu Frieden und Versöhnung beitragen
wollen.
Schüler eingeladen
1983 war Ruth Zur als Zeitzeugin in eine Gemündener Realschulklasse
eingeladen und zu ihrer Lebensgeschichte befragt worden. Den Neuntklässlern
erzählte sie von Gemünden und Israel und lud die Schülerinnen und Schüler
spontan in ihre neue Heimat ein. Die starteten im folgenden Jahr tatsächlich
im Rahmen ihrer Abschlussfahrt nach Israel, und Ruth Zur begleitete
die jungen Leute zwei Wochen in einem Kibbuz und eine Woche auf einer
Rundreise durch das Land. Die damaligen Reiseteilnehmer erinnern sich
noch immer dankbar an diese Zeit zurück.
Unvergessen bleibt auch Ruth Zurs Teilnahme an der Holocaust- Gedenkfeier
mit der Einweihung der Gedenktafel im Frankenberger Rathaus im Jahr
1988, als sie das Totengebet (Kaddish) sprach, und ihr Besuch in der
Vöhler Synagoge, als sie den ehemaligen Vöhler Bürger Richard Rothschild,
damals 100jährig, traf.
Ruth Zur wurde 86 Jahre alt. Ihr Tod löst bei allen, die sie gut kannten,
Trauer und Betroffenheit aus.
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