HNA
- Frankenberger
Allgemeine
Mittwoch,
11. Februar 2009
Hainstraße blieb ihre Heimat
Gemündens letzte überlebende Jüdin Ruth Zur verstarb 86-jährig in
Tel Aviv
VON KARL-HERMANN
VÖLKER
(Anmerkung des Webmasters: der folgende Artikel ist der Originaltext
des Artikels von Karl-Hermann Völker; Veränderungen gegenüber
dem erschienenen, leicht gekürzten Text, sind kursiv gehalten)
GEMÜNDEN. Aller Demütigung, Verfolgung und Vertreibung der
Nazi-Diktatur zum Trotz blieb sie bis ins hohe Alter ihrer Heimatstadt
Gemünden treu. "Es war eine wunderschöne und glückliche Kindheit
im Wohratal", hat sie über die Zeit geschrieben, als sie in großer
Geborgenheit zusammen mit ihrem Großvater Israel Andorn, ihrer Mutter
Bertha verh. Hirsch und ihrer Schwester Ilse in dem Fachwerkhaus Hainstraße
13 aufwuchs. Ruth Zur, letzte überlebende jüdische Bürgerin von Gemünden,
verstarb am 15. Januar 2009 86-jährig in Tel Aviv.
Gern erinnerte sie sich an den großen Gemündener Hof mit Hund und Kühen,
an den Pferdeschlitten im Winter und an die Abende mit viel Musik, mit
Texten über Heimat und Vaterland.

Unter Freunden: Ihren 80. Geburtstag feierte Ruth Zur am
22. September 2002 bei Johanna Möbus (links), die ihr in
ihrem ehemaligen Elternhaus Hainstraße 13 stets für sie
ein Zimmer bereit hielt. Auch der damalige Bürgermeister
Rainer Opper gratulierte. Fotos:
Völker
Gegenseitig geachtet
"Daneben gab es auch andere Lieder, meist hebräisch, Gesänge uralt
und romantisch von der Sehnsucht und Trauer um Jerusalem, der alten
zerstörten, fernen Heimat", erinnerte sich Ruth Zur später. Mit
den Nachbarkindern teilte sie im Wohrastädtchen Mazzen und Musbrot,
man achtete gegenseitig die Unterschiede an Sabbat und Sonntag.
Diese Kinderwelt zerbrach für sie mit der NS-Machtergreifung 1933. Ihr
Großvater Israel Andorn half noch ab 1934 in der Hachschara Grüsen bei
Jakob Marx jungen auswanderungswilligen Juden bei der Vorbereitung auf
die Landwirtschaft in Palästina, bis SA-Leute in der Pogromnacht 1938
das "Zionistenlager" überfielen und demolierten. Ruth Zur
gelang es, über Hamburg die rettende Schiffsreise anzutreten. Ihre Mutter
und ihre Schwester Ilse wurden im KZ Auschwitz ermordet, ihr innig geliebter
Großvater verhungerte im KZ Theresienstadt. Insgesamt kamen mindestens
24 Angehörige der Gemündener Familie Andorn im Holocaust um.
In den Nachkriegsjahren half Ruth Zur mit aller Kraft als Landwirtin,
zweifache Mutter, Journalistin und Schriftstellerin beim Aufbau des
jungen Staates Israel.
1960 wieder nach Deutschland
Sie brauchte lange, bis sie 1960 zum ersten Mal wieder
nach Deutschland zurückkehren konnte und als einzige Überlebende ihrer
Familie ihr Geburtshaus aufsuchte. Ihr Großvater Israel Andorn hatte
es dem benachbarten Schreinermeister und Freund Johann Möbus zu einem
"fairen Preis", wie sie sagte, verkauft.
Die Gemündener Familien Möbus und Vesper waren es auch, die ihre nach
Frankfurt geflohene Mutter und Schwester selbst dann noch mit Lebensmittel-Paketen
unterstützten, als sie hohe Strafen riskierten.
Aktiv und unerschütterlich aber kämpfte Ruth gegen das Vergessen:
Sie begleitete Gemündener Schüler mit Lehrer Werner Ebert durch Israel,
empfing dort Freunde, stand im Frankenberger Land als Zeitzeugin
wiederholt Erwachsenen und Schulklassen zur Verfügung, sprach an der
Gedenktafel in der Frankenberger Rathausschirn 1988 das Kaddisch-Gebet
und erlebte voller Bewegung mit, als im September 2000 ehemalige
Vöhler Juden erstmals wieder zurück kehrten und ihre gerettete Synagoge
betraten. Ihren 80. Geburtstag feierte Ruth Zur mit Freunden am 22.
September 2002 bei Johanna Möbus in Gemünden, als sie noch ungeachtet
aller Altersbeschwerden sehr couragiert Weltreisen unternehmen konnte.
Die Krisen-Lage mit den vielen Terroropfern machte die hoch betagte
Israelin in den letzten Jahren zunehmend besorgter und kritischer,
vermochte ihre Liebe zu Gemünden aber nicht zu schmälern.

Wiedersehen: Gemeinsam mit Richard Rothschild,
verstorben 2006, betrat Ruth Zur im September 2000
erstmals wieder die Vöhler Synagoge vor ihrer Renovierung.
(dieses Foto wurde nicht in der HNA veröffentlicht)
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