Frankenberger Zeitung
Sonnabend, 6. Juli 2002

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Grüsens
Erst seit 1885 eigenständig

GEMÜNDEN-GRÜSEN (-sg-). Die jüdische Gemeinde des Dorfes hatte eine Besonderheit: „Alle Familien hießen Marx", berichtete Karl-Hermann Völker am Donnerstag bei der „Sommertour" des Landtagsabgeordneten Reinhard Kahl. Ausnahme: die Familie Stern - „aber die war angeheiratet."

Juden sind seit dem 18. Jahrhundert im Dorf bezeugt. Sie gehörten zunächst zur Gemündener Gemeinde.1883 bauten die Grüsener neben der Scheune des Gasthauses Marx eine eigene Synagoge mit 48 Männer- und 24 Frauenplätzen. Seit 1885 ist die Gemeinde eigenständig. 1905 gab es 44 Juden im Dorf. Heinz Brandt listet für die 30er Jahre sechs Familien auf: die des Händlers Sußmann Marx, des Kolonialwarenhändlers Bernhard Marx, des einzigen Gastwirts im Dorf, Jakob Marx, der Viehhändler Willi Marx und Hermann Marx und die des Kolonialwarenhändlers David Stern.

Der 73-jährige Adam Parthesius führte die Besucher zu den jüdischen Stätten im Dorf. Von 1964 bis zur Gebietsreform 1972 war er Bürgermeister, von 1964 bis zum Zusammenschluss mit Waldeck 1974 gehörte er zudem dem Frankenberger Kreisausschuss an.


Altbürgermeister Adam Parthesius
mit Bildern vom letzten Besuch des
Ex-Grüseners Heinz Marx vor vier Jahren.
(Foto: -sg-)

Als Kind hat er noch erlebt, wie die Juden auf dem Friedhof beerdigt wurden - die letzten 1941. Ein Gedenkstein erinnert an die beiden jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, Julius und Siegmund Marx.

Die Synagoge sei in der „Kristallnacht" 1938 zerstört worden, berichtete Parthesius. „Alle Fenster und Türen waren kaputt." Auch sie wurde wie in Frankenberg nicht angezündet, weil angrenzende Höfe hätten mit abbrennen können. Erst in den 50er Jahren hat die Gemeinde das Haus „auf Abbruch" verkauft. Heute ist dort eine Wiese.

Sein Vater habe den letzten Kibbuz-Bewohnern 1938 noch geholfen, in seiner Schreinerwerkstatt Kisten oder Holzkoffer für die Reise nach Palästina zu bauen, erzählte Parthesius.

Der Gastwirtssohn Karl Marx war schon 1937 nach Jerusalem ausgewandert. 1946 war er für zwei Wochen zu Gast bei der Familie Parthesius. Danach habe er viele Pakete mit Bohnenkaffee geschickt - damals ein wertvolles Lebensmittel. Heinz Marx war zuletzt 1998 in Grüsen. Der Sohn des Händlers Bernhard Marx war rechtzeitig in die USA übergesiedelt.

Juden leben seit 1942 nicht mehr im Dorf. Die letzten wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert: Jettchen Marx, Sabine Marx und ihre beiden Töchter Selma und Herta.