Sally Mildenberg

geb. 3. März 1891 in Vöhl im Haus Nr. 18 [1] (fr. Sal. Schönhof) vormittags um neun Uhr
gest. 18. Juni 1978 in Brooklyn, Kings, New York

Eltern:
Levi Mildenberg (1853- 1935) und
Lina, geb. Frankenthal (1861- 1941)

Geschwister:
Max (1887- 1959)
Hermann (1888- 1961)
Albert (1898- 1985)

Ehegatte:
Bertha, geb. Plaut
Heirat:
13.1.1920 in Rauschenberg

Kinder:
Walter (geb. 1921)
Ursula (geb. 1924)

Wohnung:
Haus No 49, dann Umbenennung in Mittelgasse 11 (heute K.-H. Schluckebier), Tel. 28. Sally Mildenberg kaufte das Haus in der Mittelgasse von seinem älteren Bruder Max
ab 1938: New York, Brooklyn

Beruf:

Rind- und Schweinemetzger


1909
Er erhält die ein Jahr gültige Legitimationskarte für Gewerbetreibende.

1912
Auch in diesem Jahr bekommt er nachweislich die jährliche Legitimationskarte für Gewerbetreibende.

1914-1918
Er dient als Soldat im 1. Weltkrieg und wird zweimal schwer verwundet. Tochter Ursula berichtet, dass ihr Vater erzählt habe, er habe das Eiserne Kreuz 2. Klasse abgelehnt, weil man Christen bei derselben Leistung auch das Kreuz erster Klasse verliehen habe. Er habe ein Schrapnell in der Schulter und eins im Kopf mit ins Grab genommen.

1919
Am 21. September verlobte er sich und schaltete die folgende Anzeige in der Corbacher Zeitung am 23.9.:

Statt Karten.
Berta Plaut
Sally Mildenberg
Verlobte
Rauschenberg
Vöhl
21. September 1919

1921
Er ist im Ehren-Buch der Stifter für das Kriegerdenkmal Vöhl für die Gefallenen des 1. Weltkrieges verzeichnet.

1925
Im Juni musste er ein Ordnungsgeld von 1 Mark wegen Verstoßes gegen die Steuerordnung bezahlen.
Wilhelm Schmal erzählt, die Metzgerei Mildenberg sei ein gutes Geschäft gewesen, wo auch Nichtjuden - alle Vöhler eigentlich - gern gekauft hätten, selbst wenn auch wiederum fast alle selbst geschlachtet hätten. Es habe auch Schweinefleisch gegeben. Ostern seien Ziegenlämmer verkauft worden. Er berichtet von einem Spruch des Hauses:

Kühe, Rinder, Schafe, Schweine,
diese Tiere haben Beine,
drum muß auch beim Fleischverwiegen
jeder Käufer Knochen kriegen.

1929
Er ist im "Einwohnerbuch für Waldeck und Amtsgerichtsbezirk Vöhl 1929" als Einwohner Vöhls eingetragen als Metzger in der Mittelgasse 11, Fernruf 28.
Tochter Ursula berichtet, dass Sally Mildenberg noch 1929/30 eine moderne Kühlanlage eingebaut habe, weil das Geschäft gut gegangen sei und die Familie es sich erlauben konnte, für die Zukunft zu planen.

1929- 32
Sally Mildenberg ist in der Bürgerliste der Wahlberechtigten eingetragen.

1931
Ein Gruppenbild des Gesangvereins zeigt Sally Mildenberg als Vereinsmitglied. Ebenfalls abgebildet sind Vater Levi, Bruder Hermann und Cousin Max.

1931/32
Am 28. XII. 1931 wird Sally Mildenberg nach § 11a (Maß u. Gewichtsordnung) angezeigt; am 14.3. 1932 wird die Strafe auf 2 Mark festgelegt. Am selben Tag werden 5 weitere Personen wegen derselben Straftat angezeigt: 2 weitere Juden, 3 Nicht-Juden; die Strafhöhe war bei allen dieselbe.

1934/35
Er verliert Kunden, die bei ihm nicht mehr kaufen dürfen bzw. wollen.
Obwohl es verboten ist, kauft das Gasthaus "Zum Deutschen Hof" (Familie Heinze, dann Ruhwedel) noch bei ihm ein.[2]
Der Einkauf bei Sally Mildenberg und anderen jüdischen Geschäften in der Mittelgasse wird streng überwacht, und zwar von christlichen Nachbarn, die dies von ihren Häusern aus beobachten konnten[3].

1935
Hans Schluckebier arbeitet als Geselle in der Metzgerei und pachtet sie 1935 als "Jungmeister".[4]
Sally Mildenberg hatte eine koschere Schlachtung. Schweine wurden auch geschlachtet, aber nur von christlichen Gesellen.[5]
Nichte Ursula berichtet, dass Hermann und ihr Vater Sally Mitglieder des Gesangvereins waren (1. u. 2. Tenor); während des Dritten Reiches sei ihnen das Mitsingen verboten worden. Die Tochter schreibt, dass die ganze Gruppe (gemeint sind wohl die oder einige Sänger) - allerdings nur für einen Tag - zurückgetreten sei; gemeint ist wohl, dass es eine kurzzeitige Solidarität mit den Mildenbergs gegeben hat.
Beim letzten Festzug des Gesangvereins vor dem Krieg holten der Bürgermeister und ein weiterer besonders aktiver Parteigenosse Hermann und Sally Mildenberg in der Mittelgasse aus dem Festzug heraus und jagten sie unter Schmährufen durch das Gässchen zwischen ihren Häusern Richtung Kirle.

1936
Sally Mildenberg ist noch als Besitzer des Hauses Mittelgasse 11, alte Hausnummer 49, eingetragen.[6]

1937
Er beantragt bei der Gemeinde den Bau einer Abortanlage; es soll eine Toilette im OG, eine im Keller eingerichtet werden, wohl weil "Arier" nicht dieselbe wie Juden benutzen durften.
Ende des Jahres verkauft Sally Mildenberg Haus und Geschäft an Hans Schluckebier.[7]
Im Dezember 1937 verlassen Sally und Bertha Mildenberg mit seiner Mutter Lina und Tochter Ursula Vöhl.[8] Mitreisende sind auch Sallys Bruder Hermann und seine Frau Minna. Sie fahren zunächst nach Frankfurt, wo sie Mutter Lina bei den Brüdern Max und Albert zurück lassen. Sie will in Deutschland bleiben.

1938
Sally, Hermann und ihre Familien emigrieren in die USA; Einreisedatum ist der 10.1.1938.

nach dem Krieg
In den USA verkauft er Knöpfe[9]; er lässt seinen Neffen Günther sowie seinen Bruder Albert und dessen Frau Frieda nach Brooklyn kommen und bei sich wohnen.

1954
Rechtsanwalt F.A. Rothschild in New York will für Sally Mildenberg Ansprüche nach dem Bundesentschädigungsgesetz geltend machen und verlangt vom Vöhler Bürgermeister Auskünfte.
Die Schluckebiers berichten, dass das Verhältnis zwischen Mildenbergs und Schluckebiers so gut gewesen sei, dass die Mildenbergs nach dem Krieg auf eine "Nachzahlung" auf den Kaufpreis verzichtet hätten. Sallys Tochter Ursula bestätigt das gute Verhältnis.

1961
In diesem Jahr meldet das Vöhler Bürgermeisteramt Sally Mildenberg an den Landrat des Landkreises Frankenberg 1961 ab, d.h. dass er nach dem Krieg nicht zurückgekehrt ist.

1978
In einer deutschsprachigen amerikanischen Zeitung im Raum New York erschien folgende Anzeige:

Nach langem schwerem Leiden verschied am 18. Juni 1978 im 87. Lebensjahr mein innigstgeliebter Mann, unser guter Vater, Grossvater, Bruder, Schwager und Onkel
Sol Mildenberg
(früher Voehl a. Edersee)
In tiefer Trauer:
BERTHA MILDENBERG geb. Plaut
WALTER und MARIAN MILDENBERG geb. Katz
HOWARD und URSULA BEHREND geb. Mildenberg
MARTIN und SANDRA SIEGEL geb. Behrend
LESLIE MILDENBERG
ROBIN BEHREND
ALAN und DEBORAH HARARI geb. Mildenberg
450 Ocean Parkway, Brooklyn, N.Y. 11218


Lebensdaten nach Descendancy Chart: 1891-1978


[1] Dieses Haus war dem Stammhaus der Mildenbergs (Haus Nr. 16) benachbarrt. Vorher hatte hier die Familie Salomon Schönhof gewohnt.
[2] Quelle: Bärbel Urmoneit; wahrscheinlich bis 1934/35
[3] Quelle: Anna Alheit
[4] Quelle: Lina Schluckebier (Ehefrau)
[5] Quelle: Karl Müller
[6] Das Pachten durch Hans Schluckebier war wohl auf das Geschäft beschränkt und betraf nicht das Haus. Denkbar ist auch, dass das Pachten ein Versuch war, den Geschäftsrückgang in Grenzen zu halten und dass Sally Mildenberg das Geschäft immer noch führte.
[7] Quelle: Sallys Tochter Ursula
[8] Sohn Walter Mildenberg ist schon einen Monat vorher in die USA gereist.
[9] Quelle: Carol Baird, die dies von ihrem Vater Ernest Davidson erfuhr.