Blick in unsere Großgemeinde
43/2006

Am 11.11. in der Vöhler Synagoge
Das Golem-Projekt

Fast 40 Konzerte hat der Förderkreis "Synagoge in Vöhl" e.V. in den sieben Jahren seines Bestehens schon veranstaltet. Am Samstag, dem 11. November steht ab 20 Uhr jedoch etwas vollkommen Neues auf dem Programm: Drei Künstler haben die Vöhler Synagoge für die "Welturaufführung" eines ehrgeizigen Projekts ausgewählt: eine Multi-Media-Per-formance der ganz besonderen Art, eine noch nie da gewesene Collage aus Film, Livemusik und Lesung.

Im Mittelpunkt steht Paul Wegeners Meisterwerk des deutschen expressionistischen Kinos DER GOLEM, gedreht 1920. Der Film spielt im 16. Jahrhundert in Prag. Rabbi Löw, der geistliche Führer der jüdischen Gemeinschaft in Prag, haucht einer Lehmstatue Leben ein. Der Koloss rettet dem Kaiser das Leben, worauf dieser ein Dekret widerruft, das die Vertreibung der Juden aus Prag verordnet hatte. Als sich der Golem in Folge einer verhängnisvollen Konstellation der Gestirne gegen seinen Schöpfer auflehnt, bricht ein kleines Mädchen seine Lebenskraft.

Der Stummfilm wird live begleitet von Pierre Pouget (Komposition, Gitarre, Klangkulissen), Gabriela Kaufmann (Klezmerklarinette) und Alexander May (Lesung).


Pierre Pouget




Gabriela Kaufmann


Alexander May

Pierre Pouget lebt von seinem Instrument und für es. Aufgewachsen als Spross einer Pariser Künstlerfamilie begann er im Alter von sieben Jahren Gitarrenunterricht zu nehmen. An der Pariser Musikhochschule, an der auch einmal Claude Debussy, Erik Satie und Quincy Jones eingeschrieben waren, studierte Pouget bei Alexandre Lagoya Komposition, Kontrapunkt und klassische Gitarre. Er arbeitete als Komponist in Bremen mit dem Regisseur George Tabori zusammen und schrieb er Musiken für das Tanztheater von Pina Bausch in Wuppertal, für das Kabarett "Die Wühlmäuse" in Berlin. Mit eigenen Solo-Programmen trat er in diversen Clubs und Kleinkunstbühnen auf. Der Gitarrenakrobat beherrscht mühelos die Kunst der Saitensprünge zwischen allen Stilen. Von französischem Cancan bis zu Balkan, von Barock bis Rock, von Raga bis Ragtime macht seine sechsseitige Partnerin alles mit: Pouget setzt Gitarre und Effektgeräte auf vielfältigste Art und Weise ein, spielt das Instrument mit dem Geigenbogen an, trommelt beidhändig auf den Saiten, variiert die Rhythmen, steigert sie und streichelt die Saiten, bis die Gitarre schnurrt wie ein zufriedener Kater. Auch auf die konventionelle Handhabung als Begleitinstrument verzichtet er nicht.

Gabriela Kaufmann ist Preisträgerin des Internationalen Kammermusikwettbewerbs in Privas (Frankreich). Nach ihrer Ausbildung bei Professor Hans Deinzer, Hannover hat sie lange Jahre bei Giora Feidman studiert. Zahlreiche Radio-, Rundfunk- und CD-Aufnahmen sowie ihre Mitwirkung bei "l'Art pour l'Art", dem "Ensemble 13" haben sie als außergewöhnliche Interprotin klassischer, romantischer und besonders neuer Musik bekannt gemacht und mit Musikern wie Hans Werner Henze und Karlheinz Stockhausen zusammen arbeiten lassen. Den Liebhabern von Klezmer-Musik ist sie als Klarinettistin der Gruppe "Klezmers Techter" ein Begriff.

Parallel zu dieser spannungsvollen Mischung aus speziell für diese Performance komponiertem Soundtrack und traditioneller jiddischer Musik wird Alexander May aus dem Buch "Golem" von Gustav Meyrink lesen, einem Klassiker der phantastischen Literatur. May wurde an der Düsseldorfer Schauspielschule noch unter Gustaf Gründgens ausgebildet. Sein Theaterweg führte ihn über die Münchener Kammerspiele, an denen er als Dramaturg tätig war, als Intendant und Geschäftsführer ans Niedersächsische Staatsschauspiel nach Hannover. Hier wurde sein langjähriges Wirken 1993 mit dem Niedersächsischen Kunstpreis belohnt. May spielte auch immer wieder in anspruchsvollen Filmproduktionen mit. Als "Opas Kino" im Sterben lag, war er in Vojtech Jasnys "Ansichten eines Clowns" zu sehen, für seine Darstellung in der "Tätowierung" von Johannes Schaaf, erhielt er 1968 den Bundesfilmpreis. Eine Produktion jüngeren Datum ist "Viehjud Levi" von Didi Danquart. Sein Gesicht ist dem breiten Publikum aus TV-Produktionen wie "Zweite Heimat" von Edgar Reitz oder der TV-Serie "Freunde fürs Leben" bekannt.

Für die Veranstaltung, die in Zusammenarbeit mit dem Medienzentrum Frankenberg organisiert wurde, wird kein Eintrittspreis erhoben (Spenden sind allerdings, wie immer, erwünscht und willkommen).

Um so wichtiger ist es, unbedingt telefonisch (05635-336) oder per E-Mail (Julius©synagoge-voehl.de) vorab zu reservieren, da nur eine begrenzte Anzahl von Sitzplätzen zur Verfügung stehen wird. Freuen Sie sich mit uns auf einen spannenden und fesselnden Abend!

Der Golem

Die Handlung von Paul Wegeners berühmtem Stummfilm von 1920 "Der Golem: Wie er in die Welt kam" spielt im mittelalterlichen Ghetto von Prag und am Hof des Kaisers. Sie erzählt die Geschichte vom Hohen Rabbi Löw, der in der Stunde höchster Bedrängnis aus einem Klumpen Lehm ein mit übernatürlichen Kräften ausgestattetes Wesen mit Namen "Golem" schafft und so die Juden vor der Vertreibung rettet. Gleichzeitig beschwört er aber auch ihren drohenden Untergang herauf, als er es versäumt, den Leben spendenden Namen wieder zu entfernen, und sein Geschöpf zum rasenden Vernichtungswerkzeug wird.

Die Entstehung des Lebens als das größte, bis heute unentschlüsselte aller Wunder taucht als magische Vorstellung in den Überlieferungen vieler Kulturen und zu allen Zeiten auf.

Der Kern des jüdischen Mythos vom Golem geht bis auf die Bibel zurück, wo es in den Psalmen heißt "Deine Augen sahen meinen Golem...". Nach talmudischer Auslegung soll Adam diese Worte zu Gott gesprochen haben, und mit 'Golem' ist der Zustand des Menschen gemeint, bevor er eine Seele hat.

Die Geschichte vom Golem hat sich durch die Jahrhunderte verändert und erweitert. Sie war ursprünglich Ausgangspunkt religiöser Diskussionen über den Weg des Menschen zu Gott, seine Vervollkommnung und seine Hybris, diente späteren Jahrhunderten zur Verklärung großer Rabbis, denen das Vollbringen des magischen Aktes zugeschrieben wurde - wie eben jenem Rabbi Löw von Prag, der tatsächlich Umgang mit Kaiser Rudolf II. gehabt hat und ihn durch die Erfindung der "Laterna Magica" verblüfft haben soll - und war schließlich immer wieder eine Metapher des Überlebenswillens in Zeiten der Verfolgung.

Immer aber hat der Golem die Künstler - jüdische und nicht- jüdische - fasziniert, die sich sowohl im Geheimnis des schöpferischen Aktes als auch in der ihm innewohnenden zerstörerischen Potenz gespiegelt sahen. Vor allem die Dichter konnten der phantastischen Mischung aus Mystik, Horror und Science-Fiction ebenso wenig widerstehen wie der grundlegenden Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis.

Wegeners filmische Adaption bezieht seine Inspiration aus vielen Quellen und setzt die Ambivalenz des Stoffs in eine konsequente - formale wie inhaltliche - Zwei-Welten-Struktur um. Hans Poelzigs berühmte Judenstadt mit ihrer rhythmischen Architektur aus spitz zulaufenden Vertikalen und schwingenden Ellipsen wird kombiniert mit weich verschwimmenden oder dramatisch ausgeleuchteten Stimmungsbildern. Die Schnitt-Technik setzt die jüdische Welt hinter den engen Mauern des Ghettos mit ihren magischen Geheimnissen und ihrer tiefen Spiritualität, aber auch dem Taumel der robusten Komik der Volksszene, gegen die weite Landschaft jenseits der Tore, den zierlichen Prunk und die weitläufige Oberflächlichkeit des Kaiserhofes. Heute gilt der "Golem" als Meisterwerk des deutschen Expressionismus!