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- Frankenberger Allgemeine und/oder
Waldeckische Allgemeine Sechs gebürtige Vöhler Juden und Angehörige sind derzeit auf Einladung des Förderkreises Vöhler Synagoge zu Gast in ihrer alten Heimat. Sie waren sehr bewegt, als sie gestern Morgen die Synagoge und den jüdischen Friedhof besuchten.
VÖHL "Da oben habe ich früher mit meiner Großmutter und meiner Mutter gesessen", ruft Ursula Behrend, geb. Mildenberg, als sie gestern Morgen nach über 60 Jahren die Vöhler Synagoge erstmals wieder betritt. Sie zeigt auf die entsprechende Stelle auf der Empore. Dann wird sie von einem kurzen Weinkrampf überwältigt. Zu heftig sind die Erinnerungen an die Zeit, bevor sie 1938 mit ihren Eltern Sally und Bertha Mildenberg vor den Nazis in die USA floh. "Das war unsere Bank", sagt der 95-jährige Richard Rothschild, dessen Eltern das Gasthaus und Hotel Prinz Wilhelm (heute Pizzeria) in Vöhl betrieben. Er rückt einen Stuhl genau an die Stelle, wo er früher seinen festen Platz in der Synagoge hatte. Obwohl er, wie er betont, nicht gerade zu den Frömmsten gehöre. Überwältigt von ihren Gefühlen, sind alle 13 jüdischen Gäste, auch wenn es nicht alle nach außen zeigen. Der 79-jährige Walter Mildenberg, Bruder von Ursula Behrend, ist ebenso wie seine Schwester zum ersten Mal nach seiner Flucht in den 30er Jahren wieder in Vöhl. Er hatte sich bisher immer geweigert, nach Deutschland zurückzukehren. Die Briefe von Karl-Heinz Stadtler vom Förderkreis Synagoge Vöhl, der federführend den Besuch organisiert, haben ihn ebenso wie seine Schwester - beide leben in den USA - überzeugt zu kommen. "Und jetzt sind wir froh, dass wir da sind", sagen beide. Dabei hatte Ursula Behrend noch bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen gedacht: "Am liebsten würde ich gar nicht aus dem Flugzeug aussteigen." Ihr klingen noch die Lieder in den Ohren, die die Männer vom Arbeitslager sangen, wenn sie an ihrem Haus in der Mittelgasse vorbeimarschierten: "Wenn Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut..." "Vergeben kann man, aber vergessen nicht", sagte Walter Mildenberg im Gespräch mit der HNA. Hat er vergeben? "So ziemlich", antwortete der 79-jährige. Bereits am Mittwoch besichtigte er sein früheres Elternhaus in der Mittelgasse von außen. Die Besitzer, die Familie Schluckebier, haben ihn eingeladen, es sich auch von innen anzusehen. Während des Rundgangs durch die Synagoge überreichte Ursula Behrend dem Förderkreis Geschenke für die Ausstattung des Gotteshauses: einen blauen Samtvorhang für den Thoraschrein und einen Thora-Wimpel. Das ist ein langer Stoffstreifen, der zur Geburt eines Kindes genäht und mit guten Wünschen bestickt wird. Beides stammt aus einer jüdischen Gemeinde in New York, die sich aufgelöst hat. Die gebürtige Gemündener Jüdin Ruth Zur, die aus dem Haus Andorn stammte (HNA berichtete), war ebenfalls bei der Begegnung in Vöhl dabei. Sie übersetzte die hebräischen Aufschriften. Im Namen des evangelischen Kirchenkreises Frankenberg begrüßte Dekan Rudolf Jockel die Gäste. Vöhl habe einen besonderen Stellenwert in der Aufarbeitung der Vergangenheit, hob er hervor. Er überreichte dem Förderkreis eine Spende: 2000 Mark von der Landeskirche Kurhessen-Waldeck und 500 Mark von Kirchengemeinden, die am letzten Sonntag im August die Kollekte für die Renovierung der Synagoge eingesammelt hatten. Auch von anderen Kirchengemeinden seien noch Spenden zu erwarten, sagte der Dekan. Zu einem symbolischen Akt fanden sich dann Gäste und Mitglieder des Förderkreises im Garten hinter der Synagoge ein. Dort wurde ein Apfelbaum gepflanzt. Früher hatte dort schon einmal ein solcher Obstbaum gestanden. Die ersten Spatenstiche verrichteten der 95-jährige Richard Rothschild und der 25-jährige Geoffrey Baird, dessen Urgroßmutter, Ida Frankenthal, aus Vöhl stammte. Zahlreiche Kameras waren dabei auf sie gerichtet. "Ich habe schon viele Apfelbäume gepflanzt, aber ich bin dabei noch nie fotografiert worden. Ich komme mir vor wie ein Filmstar", scherzte der 95-Jährige.
Beim anschließenden Spaziergang zum jüdischen Friedhof erkannten die Gäste viele alte Häuser wieder und erinnerten sich an deren Besitzer. Sie besichtigten den Gedenkstein zu Ehren der jüdischen Bewohner Vöhls, die während der NS-Zeit ermordet wurden. Der Gedenkstein war vor allem auf Initiative des Vöhler Pfarrers Günther Maier gesetzt worden. Auf dem Friedhof sprachen die jüdischen Gäste das Kaddisch, das jüdische Totengebet, und besuchten die Gräber ihrer Vorfahren. Gestern Abend wurde die Gruppe offiziell in der Henkelhalle begrüßt.
(mab)
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