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Waldeckische Landeszeitung und/oder Frankenberger Zeitung Interview mit jüdischen Gästen über Wege in die Zukunft VÖHL. In Vöhl sind seit einer Woche ehemalige jüdische Mitbürger und deren Nachkommen zu Gast. Sie sind der Einladung des Förderkreises "Synagoge" unter anderem deshalb gefolgt, um zu erzählen, wie ihr Leben in Vöhl vor 1933 aussah. Ihr Blick zurück zeigt, dass sie mit dem Herzen da sind und doch über die Jahre hinweg Distanz gefunden haben. Sie klagen nicht an, haben stattdessen zu bestimmten Themen eine aufgeschlossene Sichtweise, die in Deutschland vielleicht nicht erwartet wurde. Sie klammern sich nicht aus, sondern wollen sich involvleren für eine Zukunft des Mitelnanders. Weil es unschlagbare Vorteile hat und ein Schritt nach vom ist, die Sicht von anderen Menschen kennen zu lernen, führte WLZ-FZ-Redakteurin Marianne Dämmer mit den Gästen in Vöhl ein Gespräch. Was ging In Ihnen vor, als Sie vom Förderkreis eingeladen wurden, nach Vöhl zu kommen? Ursula Behrend: Ich dachte: Niemals gehe ich wieder zurück. Ein Brief von Karl-Heinz Stadtler bewog uns dann dazu, die Einladung doch anzunehmen. Er schrieb unter anderem, die Kinder müssten lernen, was passiert ist. Ich habe den Brief meinem Mann gegeben, der las ihn und meinte, ,Wie kannst du nein sagen?' Also habe ich zugesagt. Aber ich kann nicht sagen, wie viele schlaflose Nächte ich hatte, wie viele Nächte ich geweint habe - wie oft ich im Geiste durch Vöhl gegangen bin, wie oft durch die Synagoge und wie oft durch unser Haus. Es war kein leichter Entschluss für uns. Wir waren ein Teilü des Dorfes. Wir sind in Vöhl geboren, in Vöhl zur Schule gegangen, haben in Vöhl gefeiert und haben in Vöhl gelitten.
Weil Sie so eingebunden waren, ahnten Sie auch die Wende nicht, die Ihr Leben durch die Nationalsozialisten nehmen sollte? Ursula Behrend: Ja, denn wir waren vollkommen eingebunden. Mein Bruder war Mitglied im Sportverein, viele von uns sangen im Gesangverein. Einmal war in Vöhl ein Maskenball; mein Vater verkleidete sich als Bauer und nahm teil. Es erkannte ihn keiner, er gewann den ersten Preis. Stellen Sie sich das vor. Wir gehörten dazu und haben in Vöhl nichts gemerkt von Antisemitismus, bis Hitler ans Ruder kam. Und dann ging alles ganz schnell. Was sollten die Leute machen? Ich erinnere mich an eine Nachbarin, die die Nazis ganz zu Anfang noch aus ihrem Haus schmiss. Doch das hat nicht lange angedauert - irgendwann durfte ich nicht mehr zu ihr gehen. Daran hatten auch Lehrer ihren Anteil. Ich ging bis 1937 zur Schule, jeden Morgen mit ,Heil Hitler' und vielen Stunden Rassenkunde in der Woche. Keiner hat mehr mit mir gespielt, ich konnte nicht mehr auf den Schulhof gehen. Das war furchtbar. Aber Ihre und andere Familien erkannten doch irgendwann, wohin das führen könnte, und Sie wanderten aus. Walter Rothschild: Als mein Vater, der keine besondere politische Bildung besaß, 1933 im Radio die Liste der Minister hörte, die von den Nazis aufgestellt wurden, sagte er ,Hier können wir nicht bleiben. Das führte dazu, dass. wir im Juli desselben Jahres noch nach Spanien und später nach Argentinien auswanderten. Unser Freunde und Bekannten sagten damals, ,Ihr seid ja vollkommen verrückt. Die Sache dauert nicht länger als sechs Monate.' Aber das war nicht so verrückt, und die Sache dauerte viel länger.
Gerda Rothschild: Wir wanderten am 1. Januar 1935 aus. Für uns ist das Vöhl der Nachkriegszeit nichts Neues, wir waren 1970 gemeinsam hier und ich allein 1957. Das war allerdings unerfreulich. Ich wollte nachforschen, was aus den Eltern meines Mannes geworden war, weil ich sie sehr gern hatte. Da machte ich eine für mich erschütternde Begegnung. Zum einen war es, als fiele das Elternhaus meines Mannes geradezu auf mich zu. Dann ging ich zur Frau des ehemaligen Standesbeamten, der uns 22 Jahre zuvor getraut hatte. Ich ging zur Tür hinein und sagte, ,Mein Name ist Rothschild.' Und sie sagte prompt: ,Rothschild, die Frau von Richard? Mein Mann hat sie getraut.' Für mich war es, als wären die 22 Jahre, die für uns eine solche Umwälzung bedeutet hatten, in Vöhl einfach wie weggewischt. Als hätte sich nichts verändert. Und wie begegneten Ihnen die Vöhler jetzt? Walter Mildenberg: Ich bin enttäuscht, weil ich keine ehemaligen Freunde, die in meinem Alter waren und mit denen ich gespielt habe, vorgefunden habe. Sie sind vielleicht weggezogen oder gestorben, oder es kann auch sein, dass sie mit mir nichts zu tun haben wollen. Trotzdem bin ich froh, dass ich gekommen bin.
Hat der Besuch die Erinnerungen relativiert, anders gerückt, so dass Sie Verschiedenes anders sehen als zuvor? Walter Mildenberg: Ja, es ist alles kleiner geworden. Ich habe damals alles mit Kinderaugen gesehen, und jetzt bin ich fast 80 Jahre alt, und die Perspektive ist eine ganz andere. Haben Sie in der Presse Ihrer Länder von den zunehmenden Übergriffen von Neonazis auf Ausländer in Deutschland gehört? Ist das dort ein Thema? Walter Mildenberg: Das ist ein Thema, aber nicht nur für Deutschland, es geht scheinbar über die ganze Welt. Auch in Amerika ist es bemerkbar. Stephen Baird: Es gibt mehr Neonazis in Amerika als hier. Für uns ist es aufgrund unserer Vergangenheit leider nicht nur ein Thema, sondern ein besonderes Thema. Viele Menschen fürchten, dass Deutschland auf ein Neues von den bösen Geistern Hitlers eingeholt werden könnte. Die Frage ist, wie reagiert man richtig? Was ist der sinn- vollste Weg, das zu vermeiden? Carol Baird: Das Entscheidende ist, eine Versöhnung, eine Aussöhnung zu beginnen. Sich mit den Juden zu versöhnen, bedeutet, einen Dialog zu beginnen. Wir müssen miteinander sprechen. Das ist sehr schwierig mit der alten Generation, die alles miterlebte. Dieser Dialog muss von den jüngeren Generationen ausgehen, von Menschen, die einen offenen Geist haben und nach vome schauen. Es ist unsere Aufgabe, zu beginnen, den Schaden zu reparieren. Sehen Sie, die Isolation bekam den Juden nicht gut, gleich, ob sie die aufgrund einer Orthodoxie selbst suchten oder weil sie sich isolieren mussten. Das muss die Gesellschaft lehren. Wir müssen zusammenkommen, die Juden in die christliche Gesellschaft einzubeziehen, so dass Christen uns kennenlernen können nicht als Juden, die vielleicht anders sind, sondern als Menschen, die genauso sind wie andere Menschen. Sobald die Menschen wieder miteinander zu tun haben, gibt es vielleicht eine Chance. Keiner wird vergessen oder vergeben, was geschah. Doch ich beschuldige auch nicht. Wir müssen alle nach vorne schauen.
Walter Mildenberg: Vielleicht können wir vergeben, aber wir können nicht vergessen. Ich würde gern einen Schritt weiter gehen. Ich weiß, wie die Menschen vom Förderkreis denken, sie sind großartig, und wir müssen ihnen helfen. Aber ich frage mich, wie fühlen die anderen Vöhler, mit denen ich nicht in Kontakt kam? Carol Baird: Ob nun das halbe Dorf nichts mit uns zu tun haben möchte oder doch. Es gibt hier Menschen, die sich sehr bemühen, das ist wunderbar. Und wir haben mit ihnen zu beginnen, einen Dialog zu führen. Es ist unsere Aufgabe, das, was während des Zweiten Weltkriegs geschah, nicht wieder geschehen zu lassen. Und der einzige Weg führt über einen Dialog. Ursula Behrend: Die alte Generation muss ihren Kindern sagen, was vorgefallen ist. Wir sind an der Edertalsperre vorbeigefahren, und es tut mir sehr Leid, dass so viele Menschen umgekommen sind, als sie gebombt wurde. Wir haben sechs Millionen verloren - und ich weiß nicht, wem das im Dorf Leid tut, außer denen, die jetzt hier sind. Die Leute vom Förderkreis tun so viel Gutes. Vielleicht versuchen sie, wieder gut zu machen, was ihre Vorfahren falsch gemacht haben. Sie können keinen mehr zurückbringen. Aber wir sind ihnen unendlich dankbar für das, was sie für uns tun. Gerda Rothschild: Die hiesige Jugend, sie ist der Sinn unseres Besuchs. Der Förderkreis hat etwas Gutes begonnen, wir sind äußert positiv überrascht. Das Treffen hätte auch peinlich werden können oder kitschig. Aber das ist es nicht. Rudolf Rothschild: Ihre Frage, was zu tun ist, richtet sich nicht allein gegen Antisemitismus, sondern in erster Linie gegen Rassismus. Um ihn zu beseitigen, muss man an den Kern gehen. Und der Kern ist, der Jugend gut zu lehren, was passiert ist. Die jungen Leute haben doch gar keine Vorstellung davon, was wirklich geschah, wenn sie ihren Rädelsführern einfach nachreden.
Carol Baird: Aber es ist ein großer Unterschied, ob das Geschehene der Jugend immer wieder als konstante Schuld ins Gesicht gerieben oder ob ihr sinnvoll gelehrt wird, was passierte. Dazwischen gibt es eine feine, aber sehr wichtige Linie. Denn das Erste führt nur dazu, dass die Jugend getroffen, beleidigt und verärgert wird und man damit genau das Gegenteil des eigentlichen Ziels erreicht. Gerda und Richard Rothschild: Ein Problem ist, dass gezielt wieder Neid geschürt wird. Das war schon damals so - die Menschen, die am wenigsten hatten, waren zuerst bei den Nazis. Die Drahtzieher bei den Rechtsextremen tun nichts anderes. Sie suchen Arbeitslose, Berufslose und Arme und setzen den Neid gezielt als Hetzmittel ein.
Stephen Baird: Auf die Frage, warum der Holocaust geschah, gibt es viele Antworten, und jetzt ist es an denen, die tatsächlich über Geschichte nachdenken wollen, die richtige Antwort zu finden für die Zukunft: Es war immer relativ leicht, Juden zu Sündenböcken zu machen. Es ist für sie bezeichnend, dass sie so gut wie nie die Religion des jeweiligen Landes angenommen haben, in dem sie lebten. Insofern waren sie anders als die anderen: Sie behielten ihre Religion, ihren Glauben. Hinzu kam ein schlechter Frieden von Versailles und eine ebenso schlechte Wirtschaftslage. Das machte das Volk empfänglich für simples, hohles Gerede, für extrem einfache Antworten. Neben den nationalistisch denkenden Deutschen gab es bestimmt auch viele gute Menschen - die aber nichts taten. Eine gute Wirtschaftslage wird in Zukunft wichtig sein, damit Extreme nicht gedeihen. Sonja Rothschild: Die Regierung müsste sehr streng gegen die Skinheads vorgehen, sie verbieten. Es wird ja in Erwägung gezogen, die NPD zu verbieten. Aber glauben Sie wirklich, dass das Problem damit gelöst würde, eine Partei zu verbieten? Walter Rothschild: Das Verbieten oder Nicht-Verbieten einer so genannten politischen Partei in einer Demokratie ist ein heikles Problem. Doch ich glaube, dass wir auch in dieser Sache aus der Geschichte lernen sollten. Wenn die Weimarer Republik gegen die Nationalsozialisten vorgegangen wäre und sie einfach verboten oder ihnen ihre Machenschaften wenigstens unterbunden hätte, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen, wie es gekommen ist. Das Argument, dass die Partei dann nicht mehr zu überwachen sei, ist hinfällig, weil das ist sie sowieso schon nicht. Sigrid Rothschild: Verbieten ist keine gute Sache. Ihr wisst, was in Argentinien geschah, als Peron ,verboten' wurde. Als er wieder kam, war er noch größer. Ich richte die Frage an den mit 25 Jahren jüngsten Gast, den Urenkel von Ida Davidson (Frankenthal) in Vöhl, der einige Jahre in Deutschland lebte: Welchen Weg würden Sie In Deutschland gehen? Wäre es sinnvoll, die NPD zu verbieten? Geoffrey Baird: In einem Gespräch fragte mich ein deutscher Freund, ,Wie viele Gedenkstätten müssen wir eigentlich noch bauen, wie viele Zehn-Millionen-Mark-Mahnmale müssen wir eigentlich bauen, bis wir fertig sind? Hilft das wirklich?' Was unserer jungen Generation hilft ist, wenn ich als Jude nach Deutschland kommen und in der Universität studieren kann, wenn ich in eine Kneipe gehen, mit anderen Menschen sprechen und meinen Standpunkt haben kann und es eine grundsätzliche Akzeptanz gibt für viele verschiedene Meinungen. Das ist der einzige Weg. Ideen oder Parteien zu verbieten, ist, glaube ich, nicht gut. Interessant ist auch das Konzept der Gesamtschuld, das es in Deutschland gibt. In Amerika gibt es das Gegenteil. Dort heißt es, für jedes Problem ist eine ganz bestimmte Gruppe verantwortlich. In Deutschland gibt es das Konzept, dass eine ganze Gemeinde, ein Staat verantwortlich für etwas sein kann. Es würde uns in Amerika gut tun, wenn wir ähnlich denken würden, dass nämlich jeder ein Teil des Landes und damit auch verantwortlich ist für sein Land - anstatt die Schuld immer irgendwelchen anderen Gruppen zu geben. Menschenrechte werden überall verletzt. Darüber zu diskutieren, immer wieder nach Antworten zu suchen, das ist ein Weg. Reden, reden, reden und christliche, katholische oder buddhistische Freunde zu haben. Es wird besser werden, wenn Menschen an anderen Kulturen interessiert sind, anstatt sich von ihnen abzuwenden und sie nur als Problem abzuwerten. Wir sind alle verantwortlich für alles. Menschenrechte Alltagskultur werden lassen. Geoffrey Baird: Genau das. Stephen Baird: Wir sprechen davon, dass vielleicht alle Menschen Brüder werden - werden sie das wirklich? Wir tendieren dazu, sitzen zu bleiben und nichts zu tun. Das ist ein andauerndes Problem. Und dann haben wir das Problem des Fanatismus. Der kommt meiner Meinung nach von Menschen, die einfache Antworten wollen. Aber das Leben ist kompliziert. Es ist hochgradig veränderbar und wechselhaft. Von einer Einfachheit des Lebens auszugehen, entspricht nicht der Wirklichkeit. Und trotzdem wollen es viele Menschen nur einfach. Der wahrscheinlich wirksamste Weg, mit Neonazis umzugehen, wäre deshalb wohl, sie für dumm zu erklären, sie einfach lächerlich zu machen. Und zwar auf nationaler Ebene.
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