Waldeckische Landeszeitung und/oder Frankenberger Zeitung
Freitag, 15. September 2000

Richard Rothschild trifft Dr. Hermann Bing:
Überraschendes Wiedersehen in Vöhl nach über 80 Jahren

VÖHL (md). Sie drückten in der fünften Klasse zusammen die Schulbank des Waldeckischen Landesgymnasiums in Korbach: Dr. Hermann Bing und Richard Rothschild. Nach über 80 Jahren trafen sie sich nun erstmals wieder im Vöhler Ortsteil Basdorf - und das auf sehr humorvolle Weise.


Dr. Hermann Bing (links) und Richard Rothschild (rechts)
- beide 95 Jahre alt- begrüßten sich, nachdem sie sich
80 Jahre nicht gesehen hatten. Im Hintergrund freuen sich
weitere jüdische Gäste und Bürgermeister Harald Plünnecke.
(Foto: md)

Als der 95-jährige Hermann Bing in verschiedenen Artikeln der WLZ/FZ den Namen Richard Rothschild las und erfuhr, dass er Vöhl besucht, wünschte er sich sofort ein Wiedersehen mit seinem alten Schulkameraden. Kurzerhand rief der Seniorchef der Waldeckischen und Frankenberger Heimatzeitung Bürgermeister Harald Plünnecke in Vöhl an und bat um Vermittlung. Der lud daraufhin Hermann und Ingeborg Bing zu dem Empfang ein, den er am Dienstag für die jüdischen Gäste in Basdorf gab.

Das geplante Treffen wurde vor allem vor Richard Rothschild und seiner Frau Gerda geheim gehalten und war daher eine gelungene Überraschung für das Ehepaar, das 1935 auswandern musste und gegenwärtig bei Freiburg und in Israel lebt. Als Plünnecke die beiden alten Herren einander vorstellte, sagte Richard Rothschild unverwandt: "Ist das der Bing mit der Druckerei? Das muss ich ja sagen: Der Junge war in der Schule immer besser als ich." Und damit war die Verbindung, die 1915 auf dem Waldeckischen Landesgymnasium in Korbach ihren Anfang nahm, nach 80 Jahren auf humorvolle Weise wiederhergestellt: Die beiden Herren mit dem stolzen Alter schwangen einmal kurz ihre Gehstöcke zum Gruße, gingen dann aufeinander zu und tauschten ohne Umschweife Schulerinnerungen aus.

Die Tatsache, dass beiden solche Eigenschaften wie Schlagfertigkeit und trockener Humor zu eigen ist, machte das Wiedersehen nach all den Jahren zu einer ausgesprochen amüsanten Unterredung - für sie selbst wie für die weiteren Gäste. Dr. Hermann Bing erklärte später, dass ihre Mütter befreundet gewesen seien und er selbst seinen Schulfreund Richard einmal auch in Vöhl besucht hatte - was zu damaliger Zeit etwas Besonderes gewesen sei, "eine richtige kleine Reise". "Jetzt bin ich erstaunt und froh, dass du mit deinen 95 Jahren noch so eine weite Reise machen kannst", spannte Hermann Bing den Bogen in die Gegenwart. "Und weil man sich in unserem Alter ja nicht alle Tage sieht, habe ich die Einladung vom Bürgermeister auch gern angenommen und mich sehr auf dieses Wiedersehen gefreut."

Auch Bürgermeister Plünnecke betonte, er sei froh, dass die jüdischen Gäste wieder den Weg in ihre frühere Heimat Vöhl gefunden hätten. "Ihnen ist schweres Leid zugefügt worden, und nur Sie selbst können ermessen, wie schwer diese Zeit für Sie war. Aber Sie dokumentieren mit Ihrem Hiersein Ihre Bereitschaft zur Versöhnung. Dafür danke ich Ihnen." Durch die Gastgeschenke, die sie mitgebracht haben, würden jüdisches Leben und Kultur wieder anschaulich gemacht. Das sei eine wichtige Voraussetzung für ein gegenseitiges Verständnis. Er dankte dem Förderkreis "Synagoge Vöhl"; seine Mitglieder hätten entscheidend zum Erhalt der Synagoge beigetragen und durch ihre Initiative den Besuch der ehemaligen jüdischen Mitbürger ermöglicht. "Dies ist ein wichtiges Werk der Versöhnung, das man nicht hoch genug einschätzen kann", so Plünnecke.

Der einwöchige Besuch der jüdischen Gäste war belebt mit kleinen Überraschungen. Neben mehreren Empfängen und Konzerten wurde auch an Hochzeits- und Geburtstage gedacht: So sang der Vöhler Kirchenchor am Montag ein Ständchen zu Geburtstag und Hochzeitstagen von zwei lange verheirateten Paaren.