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Waldeckische Landeszeitung und/oder Frankenberger Zeitung Ein Vöhler wird in Israel 100 Jahre alt VÖHL. Der gebürtige Vöhler Richard Rothschild feiert heute in Israel seinen 100. Geburtstag. Seinen Eltern gehörte ehedem der "Prinz Wilhelm". Richard Rothschild emigrierte 1935 zusammen mit seiner Frau Gerda nach Palästina. Nach dem Krieg lebte das Ehepaar in Freiburg und Israel. Auch Vöhl besuchten sie immer wieder. Heute feiert ein gebürtiger Vöhler seinen einhundertsten
Geburtstag - Emigration vor 70 Jahren VÖHL/ASSERET (r/md). Der gebürtige Vöhler Richard Rothschild feiert heute in Asseret bei Tel Aviv in Israel seinen hundertsten Geburtstag. Die ersten 30 Jahre seines Lebens verbrachte er in Vöhl, dann emigrierte er nach Palästina. Nach dem Krieg hat er mehrmals wieder seinen Heimatort besucht. Zuletzt war er im September 2000 auf Einladung des Förderkreises Synagoge in der Ederseegemeinde - das war ein denkwürdiger Besuch.
Richard Rothschild wurde am 12. Mai 1905 in Vöhl geboren. Seinem Vater Alfred gehörte das Hotel "Prinz Wilhelm", in dem heute die Pizzeria zu finden ist und zu dem seinerzeit ein Kolonialwarenladen gehörte. Seine Mutter Hermine stammte aus der Korbacher jüdischen Familie Katz, die ein Haus in der Lengefelder Straße besaß. Richard Rothschild besuchte die jüdische Schule in Vöhl, dann das Fürstliche Landesgymnasium in Korbach. Während der Woche wohnte er auch dort, am Samstagnachmittag fuhr er mit dem Zug bis Itter und lief dann weiter nach Vöhl. Er bezeichnet sich selbst als eher mäßigen Schüler - und als er während seines Besuches in Vöhl im Herbst 2000 überraschend auf seinen alten Schulkameraden Dr. Hermann Bing aus Korbach traf, sagte Rothschild unverwandt: "Ist das der Bing von der Druckerei? Das muss ich ja sagen: Der Junge war in der Schule immer besser als ich" - und damit war die Verbindung, die 1915 auf dem Waldeckischen Landesgymnasium ihren Anfang genommen hatte, zwischen den beiden inzwischen 95 Jahre alten Männern nach 80 Jahren auf humorvolle Weise wiederhergestellt. Nach dem Abitur verdiente sich Richard Rothschild durch den Bau von Radioapparaten und Netzanschlussgeräten etwas Geld. Kurze Zeit arbeitete er in Düsseldorf als Tierverkäufer, dann in Hamburg in einem Radiogeschäft. Richard Rothschild erzählte bei seinem Besuch in Vöhl im
September 2000, für Religion habe er nie viel übrig gehabt.
Seine Familie habe zu den Drei-Tages-Juden gehört, die lediglich
an den drei höchsten Feiertagen (Rosch Haschana, Jom Kippur, Pessach)
in die Synagoge ging. Um 1932 verprügelte er mit einer Luftpumpe
den Sohn eines Amtsrichters, der schon in SS-Uniform herumlief und,
wie Richard Rothschild erzählte, Durch eine kurze landwirtschaftliche Ausbildung bei Karl Ebel in Momberg, dann im so genannten Kibbuz in Grüsen bereitete er sich auf den Aufenthalt in Palästina vor. In Grüsen lernte er die damals 21-jährige Gerda Westfeld aus Köln kennen, die vorher bei dem jüdischen Händler Kohlhagen in Höringhausen gearbeitet hatte. Sie heirateten am 1. Dezember 1934. Die religiöse Trauung zelebrierte Lehrer Goldwein aus Korbach im Elternhaus. Die Ehe war zunächst als Scheinehe zum Zweck der Einreise in Palästina gedacht gewesen - und sie hält immer noch. Richard und Gerda Rothschild emigrierten am 1. Januar 1935 über Triest nach Palästina und wohnten dort in der Stadt Rehovot. Anerkannter Mann im Ort Seine Eltern, Alfred und Hermine Rothschild, blieben in Vöhl zurück. Alfred Rothschild war ein anerkannter Mann im Ort. 1910 wurde er Gemeindevertreter und blieb dies bis 1933. Die Honoratioren des Ortes verkehrten in seinem Lokal. Im Ersten Weltkrieg diente er im Landsturm und wurde sogar mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Später war er in Vöhl einer der Regisseure der Laienspielgruppe und wurde vom Bürgermeister mit Aufsichtstätigkeiten bei Volksabstimmungen und Reichspräsidentenwahlen eingesetzt. Noch nach Hitlers Machtantritt, bei den Kommunalwahlen am 5. März 1933, trat Alfred Rothschild mit eigener Liste an, wurde aber nicht mehr ins Gemeindeparlament gewählt. Richards Vater war offensichtlich ein mutiger Mann. Er versteckte sich nicht, sondern ging erhobenen Hauptes und mit der Tapferkeitsauszeichnung aus dem Krieg auf der Brust durch den Ort. Als sein Sohn emigrierte, war er 63 Jahre alt - auch sein Alter mag ein Grund dafür gewesen sein, dass er in Vöhl blieb. 1937 verlor das Ehepaar Rothschild auf noch unbekannte Weise den "Prinz Wilhelm" und wohnte zur Miete. Arn 10. November 1938 - einen Tag nach der Reichspogromnacht - wurde Alfred Rothschild ebenso wie der Vöhler Jude Max Mildenberg verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Während Mildenberg im Februar 1939 wieder entlassen wurde, blieb Rothschild bis Anfang September inhaftiert. Offenbar war es ihm in Buchenwald schlecht ergangen. Nach gründlicher Untersuchung durch den bekannten Vöhler Arzt Willi Evers überwies ihn dieser in das Korbacher Krankenhaus. Möglicherweise wurde der Jude dort nicht aufgenommen, denn ab dem 6. September war er im Geburtshaus seiner Frau in der Lengefelder Straße gemeldet, wo er am 13. September verstarb. Seine Frau Hermine, die ihn in Korbach gepflegt hatte, zog zwei Wochen nach seinem Tod wieder zurück nach Vöhl. Am Samstag, dem 29. Mai 1942, wurde auch sie zu Hause abgeholt und zunächst nach Kassel gebracht. Am 1. Juni wurde sie zusammen mit über 500 weiteren nordhessischen Juden nach Osten deportiert. Zwei Tage später traf der Zug am Bahnhof von Lublin im Osten Polens ein. Dort wurden die arbeitsfähigen Männer aus dem Zug geholt und zu Fuß nach Majdanek getrieben, während der Zug mit den Frauen, Kindern und alten Männern, wahrscheinlich auch mit Hermine Rothschild, nach Sobibor weiterfuhr. Es ist davon auszugehen, dass sie im dortigen Vernichtungslager innerhalb von zwei Stunden nach ihrer Ankunft vergast wurden. So war das in jener Zeit in diesem Lager üblich. Richard Rothschild wusste und weiß, dass seine Eltern Opfer der Judenvernichtung wurden. Trotzdem kam er als Pensionär nach Deutschland zurück. Er wohnte den überwiegenden Teil des Jahres in der Nähe von Freiburg, die kalte Jahreszeit verbrachte er in Israel. Oft war er in Vöhl; regelmäßig wohnte er in der Pension Ruch in der Siedlung Aselbucht, manchmal blieb er mehrere Wochen. Erinnerungen lebendig Zum letzten Mal war er vor fünf Jahren in der Ederseegemeinde, als der im Vorjahr gegründete Förderkreis Synagoge in Vöhl die noch lebenden ehemaligen Vöhler Juden und deren Angehörige nach Vöhl eingeladen hatte. Mit viel Humor erzählte er Geschichten aus seiner Jugendzeit. Unvergessen ist unter denen, die es miterlebten, das Zusammentreffen mit seinem alten Klassenkameraden Dr. Hermann Bing. Mit zum Gruß erhobenen Spazierstöcken gingen die beiden alten Herren aufeinander zu, und im anschließenden Gespräch riefen sie die Zeit um 1912 bis 1920 wieder ins Gedächtnis. Seit Herbst 2000 blieben Rothschilds in Israel, weil die Reisen nach Deutschland für Richard Rothschild zu anstrengend wurden. Dafür erhalten sie zum heutigen Ehrentag Besuch von zwei Vöhlern: Karl-Heinz Stadtler, Ortsvorsteher Vöhls, der Anfang 2000 den Kontakt zu Rothschilds aufgenommen hatte und seitdem hält, überbringt die Glückwünsche der gemeindlichen Gremien und von Bürgermeister Harald Plünnecke. Begleitet wird er von Kurt-Willi Julius, dem Vorsitzenden des Förderkreises für die Vöhler Synagoge. Richard Rothschild verbringt seinen 100. Geburtstag nicht bei guter Gesundheit. Mehrmals hatte er in den letzten Monaten eine Lungenentzündung. Auch sein Gedächtnis lasse nach, sagt seine Frau Gerda. Doch lebendig sei noch seine Erinnerung an seine Kindheit und Jugend in Vöhl. |