Waldeckische Landeszeitung und/oder Frankenberger Zeitung
Montag, 13. November 2006
Synagoge Vöhl: Einweihung des Sakralraums am Sonntag - Interview
mit Kurt-Willi Julius
"Zeit, in die Geschichte des Hauses zu wachsen"
VÖHL. Am heutigen 9. November jährt sich der Tag,
an dem in Deutschland fast alle Synagogen geschändet oder zerstört
wurden, zum 68. Mal. An die Pogromnacht von 1938 wird heute Abend in
der Vöhler Martinskirche und der Synagoge mahnend erinnert. Am
9. November vor sieben Jahren gründete sich der Förderkreis
"Synagoge Vöhl" (siehe Hintergrund), der es sich zur
Aufgabe gemacht hat, das ehemalige jüdische Gotteshaus zu erhalten.
Nach langjähriger Restaurierung wird am Sonntag die Fertigstellung
des Sakralraums gefeiert. Über die bisherige Arbeit und die Zukunft
des Vereins sprach WLZ-FZ-Redakteurin Marianne Dämmer mit Kurt-Willi
Julius, dem Vorsitzenden des Förderkreises.

Kurt-Willi Julius
Herr Julius, der Förderkreis gründete sich
vor sieben Jahren auch aus der Notwendigkeit heraus - als Reaktion auf
die Weigerung der Politik, Verantwortung zu übernehmen. Wie denken
Sie heute über die Grundlagen von damals?
Kurt-Willi Julius: Zunächst gab es Enttäuschung, weil
sich unserer Meinung nach für einen Verein viel größere
Probleme bei solchen Aufgaben ergeben als für eine politische Institutton.
Steht eine Kommune dahinter, wie etwa in Wetter, ist die Renovierung
in zwei Jahren erledigt. Wir haben sieben Jahre gebraucht, um nur einen
einzigen Raum zu sanieren. Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die
im Rückblick positiv sind: Wir haben größere Freiheit,
was den Zeitbedarf und Entscheidungen angeht - und wir haben ungleich
mehr entdecken können. Wir hatten Zeit, uns auf die Geschichte
des Gebäudes einzulassen, in seine Geschichte hineinzuwachsen.
So war der hohe Zeitaufwand für die Qualität der Renovierung
sicherlich ein Gewinn - auch für das Kulturprogramm. Der Verein
hat dafür gesorgt, dass das Gebäude von Anfang an lebt.
Es gab stets viel Zustimmung für die Arbeit des Förderkreises.
Es äußerten sich, wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand,
aber auch Kritiker. Hat der Förderkreis mit seiner Arbeit Kritiker
umstimmen können?
Das kann ich nur hoffen. Ich denke, dass es sicherlich noch Kritik gibt,
aber die Zustimmung, die wohlwollende Duldung, zugenommen hat.
... die vielleicht aus einer positiven Überraschung
geboren ist?
Ja, vielleicht auch aus Überraschung über das, was in der
Synagoge passiert. Anfangs haben viele vielleicht aus einer ängstlichen
Haltung heraus, wie sie gegenüber Unbekanntem oft da ist, zurückhaltend
reagiert. Aber wir haben dieses Haus immer offengehalten. Alle konnten
verfolgen, was passiert. Wir haben auch das Kulturprogramm offengehalten,
wobei wir stets einen bestimmten Anspruch verfolgen. So zeigen sich
immer wieder neue Gesichter im Publikum - auch aus Vöhl. Wir haben
überzeugen können, dass wir für die Kultur, die Geschichte
und die Außenwirkung Vöhls eine positive Kraft darstellen.
Zudem fassen wir einen weiten Rahmen, denn dieses Haus erinnert an eine
Minderheit, die verfolgt worden ist - und Minderheiten gibt es immer
und überall. Das bietet den Menschen, die sich auf uns einlassen,
ein großes Potenzial.
Was sind die wichtigsten Aufgaben und die größten
Erfolge des Förderkreises?
Wir hoffen, dass wir die Geschichtsforschung, die Sanierung, die Kulturarbeit
weiter so intensiv betreiben können wie bisher und das Gebäude
außerdem zu einem lebendigen Museum herrichten können, das
den verschiedenen Zielgruppen gerecht wird. Das wird nicht einfach,
denn wir haben wenig Platz und viel zu erzählen. Eines der eindrucksvollsten
Erlebnisse war die Begegnung und der anhaltende freundschaftliche Kontakt
zu den ehemaligen Vöhler Juden. Schön war auch, dass die Vöhler
Synagoge vom World Monuments Fund als einzige Synagoge in Deutschland
gefördert worden ist.
Was bedeutet es für Sie, am Sonntag die Fertigstellung
des Sakralraums nach so langer Sanierungszeit zu feiern?
Es ist eine sehr schöne Sache, dass wir nach sieben Jahren fertig
geworden sind mit diesem Raum. Die Zahl sieben ist eine kraftvolle Zahl
- ob im Christen- oder im Judentum - und diese Koinzidenz ist ein besonderer
Anlass zum Feiern.
Die Zahl sieben gilt als positive Kraft. Der siebenarmige Leuchter,
die Menora, ist eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums
und soll die Erleuchtung symbolisieren. In der christlichen Zahlensymbolik
des Mittelalters steht die Sieben für Gnade, Ruhe und Frieden -
somit
auch für den Menschen mit Leib und Seele. Seit sieben Jahren wirkt
der Förderkreis positiv für den Erhalt der Vöhler Synagoge.
(Fotos: md)
Was planen und was wünschen Sie sich für die
Zukunft?
Das Wichtigste ist, dass wir die Kraft, die Zuversicht und den Ideenreichtum
behalten, der uns bis jetzt ausgezeichnet und die Synagoge zu einer
Größe in Hessen gemacht hat.
Ein Festakt zur Einweihung des Sakralraums der Vöhler Synagoge
ist für Sonntag, 12. November, um 17 Uhr vorgesehen.