von Dr. Lothar Jahn
Verfolgung, Vertreibung und Ermordung gehört nicht erst seit dem Dritten
Reich zum Schicksal der Juden: Immer wieder kommt es in der europäischen
Geschichte zu Pogromen und Hassausbrüchen gegen die Juden, die man als
Christusmörder sieht und ihnen alles in die Schuhe schiebt, das in Politik und
Gesellschaft aus dem Ruder läuft. An diese Tatsache erinnerte der Förderkreis
"Synagoge in Vöhl" mit einem ehrgeizigen Projekt angesichts seines
siebenjährigen Bestehens. Am 11. November wurde dieser Erfolg mit der
Uraufführung des "Golem-Projektes" von Pierre Pouget in der Alten Synagoge
unweit des Edersees gefeiert.

Film, anspruchsvolle Live-Musik, eine Klangcollage aus Geräusch und
Synthesizerklängen und eine Literaturlesung: das Golem-Projekt verbindet
unterschiedliche künstlerische Darstellungsweisen, ohne dabei jedoch jemals
beliebig zu werden. Die Klammer, die alles zusammenhält, ist die Geschichte um
den Koloss, den der Prager Rabbi Löw im 16. Jahrhundert erschuf, um seine Brüder
und Schwestern vor Verfolgung zu schützen. Der "Golem" wurde, so will es die
alte Sage, aus Lehm erschaffen und durch ein Zauberwort mit Leben erfüllt. Nun
standen die Juden nicht mehr schutzlos ihren Peinigern gegenüber.
Ein Meilenstein
der Filmgeschichte, Paul Wegeners 1920 entstandener Film "Der Golem", gibt diese
Geschichte mit einer immer noch ergreifenden Bildsprache wieder. Zu dem alten
Film hatte Pierre Pouget eine neue Musik komponiert, die ähnlich dem Film mal
naiv-humorvoll, dann wieder expressiv-erschreckend das Geschehen kommentiert
und die Tiefendimensionen ausleuchtet. Klanglicher Mittelpunkt sind die Hauptinstrumente
der Klezmermusik Klarinette und Fidel, wobei Pouget den Fidelklang durch eine
mit dem Bogen gestrichene E-Gitarre täuschend echt nachahmte. Die Klarinette
wurde von Gabriel Kaufmann, bekannt durch die Gruppe "Klezmers Techter" zum
Schluchzen und Klagen, Jauchzen und Jubilieren gebracht.
Nach jedem Kapitel der Geschichte wurde die Darbietung unterbrochen,
dann griff der Erzähler ein Stichwort des gerade Gesehenen heraus und vertiefte
es durch Gedanken, die dem "Golem"-Buch von Gustav Meyrink entnommen
waren. In diesen Momenten warf Charakter-Schauspieler Alexander May seine
Darstellungskunst und die Erfahrung eines langen, erfüllten Künstlerlebens in
die Waagschale. Dem Golem gelang es am Ende zwar, die Vertreibung zu verhindern,
die entfesselten Kräfte richteten sich - wie so oft in der Geschichte - jedoch
auch gegen die, die sie herbeigerufen hatten.
Und doch ist dank
kindlicher Entdeckungsfreude, Mut und Friedfertigkeit schließlich ein neuer
Anfang möglich, so dass der Abend hoffnungsfroh endete. Die Darbietung wurde
dann auch mit großer Begeisterung aufgenommen. Der Förderkreis hat also nicht
nur mit viel ehrenamtlicher Arbeit die Synagoge wieder mit neuem Leben erfüllt,
er ist zu seinem Jubiläum auch ein künstlerisches Wagnis eingegangen, das sich
ausgezahlt hat.

Golem-Projekt: Christiane Kaufmann und
Pierre Pouget (Fotos: Lothar
Jahn)