Förderkreis
"Synagoge in Vöhl"
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Flörsheim, Julius


 Julius Flörsheim (1)

geb. 25.10. 1883 in Wolfhagen
gest. wohl Anfang 1942 in Lodz

Eltern: [2]
Abraham Flörsheim und
Franziska, geb. Stiebel

Ehefrau:
Jenny, geb. Rothschild (geb. 20.3.1895 in Sichenrodt)

Söhne:
Kurt Hans Jakob (geb. 22.2.1925; wird zusammen mit den Eltern deportiert)
Werner Bernard (geb. 30.5.1923 in Meerholz, emigrierte nach England)

Beruf:
Lehrer

Wohnung:
Vöhl: heute Arolser Straße 8 (Haus Rothschild, jüd. Schule)
Frankfurt:
1923 Haidestr. 132
1924 Kohnstraße 32 III
zuletzt Leerbachstraße 105 (ein "Judenhaus")


ca. 1890
Julius Flörsheim besucht die Volksschule in Wolfhagen.

1901
Er besteht Ostern die Aufnahmeprüfung für das israelitische Lehrerseminar in Kassel.

1904
Flörsheim besteht im Februar das erste Staatsexamen.

1904- 1905
Er erfüllt seine Wehrpflicht beim Inf.-Reg. Nr. 167 in Kassel.

1905- 1907
Flörsheim unterrichtet ab 1. Mai 1905 als Vertretungslehrer an der Israelitischen Volksschule in Breitenbach.

1906
Er besteht das zweite Staatsexamen in Kassel.

1.4.1907- 1910
Er kommt 1907 aus Breitenbach a. Herzberg und wird Lehrer an der jüdischen Schule in Vöhl. In dieser Zeit wird er von Lehrer Jonas vertreten.
Zeitungsnotiz am 11. April 1907:

Vöhl: Die vakante Stelle an der israelitischen Schule hierselbst ist dem Lehrer Flörsbach (!) in Breidenbach übertragen.

1908
Im Sommer nimmt er an einem Französisch-Kurs in Lüttich teil.

1909

Im Sommer nahm er an einem Französisch-Kurs in Lausanne teil.

1910

Ostern: Flörsheim wird von der königlichen Regierung in Kassel zwecks Weiterbildung auf 2 Jahre beurlaubt; er studiert an der Universität Jena.

1913
Er ist Mitbegründer des Schützenvereins in Vöhl.
Vom 26. September datiert sein Versetzungsgesuch an die Stadt Frankfurt.
Oktober: Die Zeitung meldet, dass ein Lehrerwechsel an der jüdischen Schule bevorsteht, weil Lehrer Flörsheim eine Lehrerstelle an einer städtischen Mittelschule in Frankfurt a.M. übertragen wurde.
November: Er soll - wohl aufgrund der Angelegenheit, die in der folgenden Zeitungsmitteilung geschildert wird - ein Ordnungsgeld von 3 Mark bezahlen, legt aber Einspruch ein, woraufhin die Strafe gestrichen wird.

Corbacher Zeitung am 17.12.1913:

Dem isr. Lehrer in V. wird zur Last gelegt, die ledige und alleinstehende S.K. beerdigt zu haben, ohne daß die Leiche polizeilich freigegeben war. Gegen den dieserhalb ergangenen Strafbefehl hatte er Einspruch erhoben. Er gibt zu, daß keine Leiche beerdigt werden dürfe, bevor die Ortspolizeibehörde den Leichenschein ausgestellt habe, stützt sich aber auf die Polizeiverordnung vom 31. Mai 1912, wonach zur Beschaffung des Leichenscheins derjenige verpflichtet ist, der nach § 57 des R.-G. über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung vom 6. Februar 1875 den Sterbfall anzuzeigen habe, also das Familienhaupt oder derjenige, in dessen Wohnung oder Behausung der Sterbefall sich ereignet hat. Das Gericht erkennt auf 1 Mk. Geldstrafe. Wenn das Gesetz auch lückenhaft sei, so seien doch die Religionsdiener verpflichtet, für Erfüllung der gesetzlichen Verpflichtungen zu sorgen.

1914
4. Febr: Die Corbacher Zeitung meldet, dass Lehrer Flörsheim am 1. April die Stelle in Frankfurt antritt. Er habe in der Vöhler israelitischen Schule 7 Jahre mit großem Erfolg gewirkt.
Flörsheim unterrichtet an der Fürstenberger Mittelschule in Frankfurt und wechselt später zur Peters-Mittelschule.
Im 1. Weltkrieg diente er als Soldat der Deutschen Wehrmacht und erhielt das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Bei Kämpfen in den Vogesen geriet er in Kriegsgefangenschaft.

1914- 1922
Flörsheim ist Mitglied der Demokratischen Partei. [3]

1918
Nach einer ca. vierjährigen Gefangenschaft in Nordafrika soll er am 6. Sept. 1918 seine Arbeit als Lehrer wieder aufnehmen.

1923
Er wird an die Brüder-Grimm-Mittelschule in Frankfurt versetzt.

Flörsheim b
Julius Flörsheim (hinten, 4. v.l.) im Kreis des Kollegiums der Brüder-Grimm-Schule

1933
Am 30. März 1933 wird er aus dem Schuldienst entlassen, am 26. April wird diese Entscheidung wegen seines Frontkämpfereinsatzes zurückgenommen und er wird wieder als Lehrer beschäftigt.
Am 18. Juli gibt Flörsheim eine Erklärung ab, nach der er sich nicht nachteilig über den Nationalsozialismus und Hitler geäußert hat.
Am 24. August erklärt er, nie Mitglied der SPD oder einer Ersatzorganisation gewesen zu sein.

1933/1934
Sohn Werner Bernard muss das Lessing-Gymnasium verlassen und wechselt zum Philanthropin.

1934
Am 5. September legt er einen Eid auf Adolf Hitler ab.

1935
Am 27. Febr. bestätigt das Schulamt dem Oberbürgermeister, dass Flörsheim an der Brüder-Grimm-Schule unterrichtet. Der Frankfurter Oberbürgermeister fordert das Schulamt auf, über den Einsatz jüdischer Lehrer zu berichten. Er erläutert dem Schulamt, dass er erfahren habe, dass Eltern ihre Kinder wegen Flörsheim nicht in die Brüder-Grimm-Schule schicken würden. Das Schulamt gibt am 26.3. positive Auskunft über Flörsheim, er sei fleißig, leiste im "Unterricht Befriedigendes"; über Widerstände von Eltern sei nichts bekannt; die Zahl der Neuanmeldungen entspreche dem Vorjahr. Zu dieser Zeit ist Flörsheim noch einer von 8 jüdischen Lehrkräften an den Frankfurter Schulen.
Am 11. April erklärt der Personalamtsleiter gegenüber dem Oberbürgermeister, dass auf die Stelle Flörsheims nicht verzichtet werden könne; außerdem könne er als Frontkämpfer auch nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht entlassen werden. Allerdings bezeifelt er, dass arischen Kindern ein Unterricht durch jüdische Lehrer zuzumuten sei. Im Sommer verlangen einige Eltern schriftlich vom Schulleiter, ihre Kinder vom Unterricht mit Flörsheim zu befreien. Flörsheim wird in den Ruhestand versetzt, wahrscheinlich aufgrund des Erlasses von Reichserziehungsminister Rust vom 10.9.1935, der "Rassentrennung" in der Schule vorsieht.
Am 10. September erklärt er, nie einer Loge oder einer ähnlichen Organisation angehört zu haben.
Am 15. September erklärt er, in der Nachkriegszeit dem Preußischen Mittelschullehrerverein, dem Verein jüdischer Lehrer Deutschlands und dem Beamten-Wohnungsbau-Verein angehört zu haben.
Im Laufe des Herbst kommt es zu einem Zwischenfall an der Brüder-Grimm-Schule. Einige Schüler eines Lehrers namens Erb belästigen Flörsheim auf dem Schulhof. Der Schulleiter stellt sich schützend vor ihn und ruft Erb zur Ordnung, der nun seinerseits ein Verfahren vor einem Parteigericht anzustrengen versucht. Dazu kommt es nicht.
Zum 31. Dezember wird er in den Ruhestand versetzt.

ca 1935
Adelheid Zagover, geb. Rothschild, aus Volkmarsen macht in einem einjährigen Kurs bei Julius Flörsheim das Einjährige, wie sie bei einem Besuch in der Vöhler Synagoge im Jahre 2000 erzählt.

1936/1937
Im Mai wird er rückwirkend zum 1. Januar 1936 zu schlechteren Konditionen auf eine außerplanmäßige Lehrerstelle versetzt. Er unterrichtet bis März 1937 neu eingerichtete Volksschulklassen in der Holzhausenschule und in der Varrentrappschule.

1938
Nach der Reichspogromnacht wird er verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Dort bleibt er ca. 6 Wochen.
Am 29. Dezember werden seine Versorgungsbezüge reduziert.

1939
Sohn Werner Bernard emigriert nach England und kommt zu Verwandten eines Kollegen von Julius Flörsheim.

1939- 1941
Julius und Jenny Flörsheim arbeiten als Heimeltern im Heim der Flersheim-Sichel-Stiftung in der Ebersheimstraße 5 in Frankfurt. Es handelte sich um ein Waisenhaus. Nach Aussagen des österreichischen Juden Friedrich Schafranek, der damals zusammen mit Kurt Flörsheim das Philanthropin besuchte, war Julius Flörsheim häufig krank.

1941
Am 17. September beantragt er, sein Konto einer anderen Bank zu übertragen.
Am 19. Oktober kommt es in Frankfurt zu einer ersten Deportation. Am frühen Morgen werden über 1000 Juden von bewaffneten SA-Angehörigen aus ihren Wohnungen geholt. Basis der Aktion ist die folgende Verfügung, die den Juden mitgeteilt wird [4]:

"Es wird Ihnen hiermit eröffnet, dass Sie innerhalb von 2 Stunden Ihre Wohnung zu verlassen haben. Die beauftragten Beamten sind gehalten, bis Sie Ihre Koffer gepackt und Ihre Wohnung ordnungsgemäß hergerichtet haben, bei Ihnen zu bleiben und Sie alsdann zum Sammelplatz zu bringen (...). Außerdem haben Sie sich selbst ein Schild um den Hals zu hängen, auf dem Ihr Name und Geburtstag angegeben sind, sowie Kennummer. ... Allen Anordnungen ... haben Sie unbedingt und ohne Widerstand Folge zu leisten ..., andernfalls Sie mit schwersten Strafen belegt werden."

Aus der Wohnung geholt werden auch Julius Flörsheim, seine Frau Jenny und ihr Sohn Kurt. Die Juden werden in die Keller der Frankfurter Großmarkthalle gebracht. Dort nimmt man sie zunächst in Listen auf, dann wird ihr Gepäch durchsucht. Dazu gehören auch Leibesvisitationen. Sie müssen ein Verzeichnis ihres Eigentums abgeben, ebenso Wertgegenstände, den Wohnungsschlüssel und die Lebensmittelkarten sowie das Bargeld. Ziel dieser ersten Deportation ist Lodz, das die Deutschen damals Litzmannstadt nennen.
Nach 3 1/2 Tagen erreicht der Zug Berlin, am vierten Tag hält der Zug ca. 4 km vor Lodz. Von dort laufen die Deportierten zu Fuß in die Stadt. Flörsheims werden zusammen mit 100 weiteren Personen in einem Klassenraum einer Schule in der Gnesener Straße 10 untergebracht.
Julius Flörsheim wird in einer am 10. Dezember geschriebenen Postkarte erwähnt, die eine Marguerite Hirsch an Herrn A. Speyer, Rektor des Philanthropin in Frankfurt, geschrieben hat.

1942
Nach Auskunft von Friedrich Schafranek stirbt Julius Flörsheim Anfang 1942 in einem Haus in der Gnesener Straße an Entkräftung.
Ende August 1944 trifft Schafranek Julius' Sohn Kurt Flörsheim im KZ Auschwitz-Birkenau. Schafranek meint, Kurt habe beim Sonderkommando gearbeitet. Er habe erzählt, dass seine Mutter Jenny nach Chelmno gebracht worden sei.

2005
Der 1939 nach England emigirierte Sohn Werner Bernhard lebt in Stratfort upon Avon in England. 2003 und 2005 besuchte er Frankfurt. Werner Florsham erzählte über seinen Vater in einem Interview mit Schülern der Geschichts-AG, ihm seien die Familie, seine Arbeit und die Religion wichtig gewesen. Er sei ein konservativer Jude gewesen; seine Söhne hätten sich die Synagoge für ihre Bar Mizwa selbst aussuchen können.


Flörsheim a
Sohn Werner Bernard Florsham (links) 2002 anlässlich eines Besuches in Frankfurt


[1] Über Julius Flörsheim schrieb eine Geschichts-AG der Brüder-Grimm-Schule eine Arbeit, die im Juli 2003 fertiggestellt wurde. Die AG betrieb in Frankfurt, im Hauptstaatsarchiv Wiesebaden und andernorts ein intensives Quellenstudium. Kopien vieler Quellen sind Bestandteil dieser Arbeit. Soweit nicht anders angegeben, stammen die Informationen aus der Arbeit der Geschichts-AG.
[2]Quelle für die Namen der Eltern: Yad Vashem: The Central Database of Shoah Victim's Names; die Meldung an Yad Vashem machte Sohn Werner Bernard Florsham 1989, damals wohnhaft in Berkswell, England
[3] Wahrscheinlich galt dies erst ab 1918 oder 1919.
[4] Verfügung der Staatspolizeistelle Frankfurt vom 19.10.1941, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 649-495, zit. in der Arbeit der Geschichts-AG

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