HNA - Waldeckische Allgemeine und/oder Frankenberger Allgemeine
Freitag, 15. Juni 2007

Glück muss der Mensch haben
Bruno Frankenthal berichtete am Mittwoch in der Vöhler Synagoge über sein Leben
VON KIRA FRENK

VÖHL. Es war nur ein kleiner Teil: Am Dienstag hat der Holocaust-Überlebende Bruno Frankenthal in der Vöhler Synagoge seine Lebensgeschichte erzählt. 90 Jahre ist er heute alt. Über sein Leben kamen die Zuhörer im kleinen Saal nicht aus dem Staunen heraus.


Vortrag in der Synagoge: Holocaust-
Überlebender Bruno Frankenthal.
Foto: Frenk

1917 in Altenlotheim geboren, geht er einige Jahre lang in Frankfurt zur Schule. Er kehrt danach aber in sein Heimatdorf zurück und bringt, wie er selbst sagt, den Fußball nach Altenlotheim: „Ich habe da gleich einen Fußballverein gegründet. “ Im 1938 kommt das Aus für das unbeschwerte Leben: Frankenthal wird ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Obwohl fast seine gesamte Familie im Holocaust umkommt, wird er entlassen. „Glück muss man haben“, sagt Frankenthal dazu und beendet dieses Kapitel seiner Erzählung in überraschend knapper Form. Über den Holocaust wolle er nicht sprechen. Lieber über Südamerika.

Er sei zufällig mit seiner Frau Erna auf ein Schiff nach Chile gekommen, dann nach Bolivien und ist schließlich zufällig in eine jüdische Kolonie in Argentinien gelangt, die damals das ersehnte Ziel vieler jüdischer Flüchtlinge war: „Glück muss man haben, manchmal mehr als Verstand“, betont Frankenthal immer wieder lächelnd. Und fragt, schlitzöhrig, oft nach: „Langweile ich sie nicht?“

Mit der Landwirtschaft ist es in Argentinien aber nichts geworden für den Altenlotheimer, der sich vor der Abreise noch eine Bescheinigung besorgt hatte, dass er Bauer sei. Stattdessen machte er in Buenos Aires im Gerbereigewerbe Karriere. „Meine Frau, meine zwei Kinder und ich, wir hatten 1948 nach nur zehn Jahren eine Villa, ein Auto, ein Häuschen am Meer. Aber unser Gemüt, unser inneres Sein war nicht in Argentinien“, setzt er fort. Also zog Frankenthal noch einmal die Anker ein und ging ins Gelobte Land. Diesmal für immer. Im Gepäck hätten seine Frau und er stets eines mitgehabt: „Unsere Jugend, die uns die Angst vor allen Schwierigkeiten nahm.“

Bruno Frankenthals Frau Erna ist vor sechs Jahren gestorben. Der Sohn wohnt in Warstein, die Tochter in Israel. Er selbst lebt in einem Altenheim in Tel-Aviv. Doch eigentlich, in Gedanken, ist er immer auf der Reise. Nach Deutschland, nach Altenlotheim: „Dieses Dorf, das bin ich“, sagt Bruno Frankenthal, der in vier Ländern gelebt hat und fließend Deutsch, Spanisch und Hebräisch spricht. Nach fast 70 Jahren im Ausland verblüfft er das Publikum mit authentischem Altenlotheimer Dialekt.

Und was ist mit Israel? Er bringt es auf den Punkt, es sei wie in Schillers Wilhelm Tell: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, sagt Gerber Frankenthal. Jetzt müsse er aber Schluss machen, denn man habe ihm gesagt, er dürfe über alles reden, nur nicht über 20 Minuten.