Synagoge Vöhl - Fachwerk und Sternenhimmel

Ehemals von jüdischen Bürgern bewohnte Häuser in Frankenberg

Ehemals von jüdischen Bürgern bewohnte Häuser in Frankenberg

08. Schmiedegasse 2

Dreistöckiges Fachwerhaus verputzt24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Marx, im heutigen „Storchennest" mit schlanker, sympatischer Frau. Sohn Erich studierte nach dem Abitur (die ersten Abiturienten in Frankenberg) Jura und arbeitete als Referendar am hiesigen Amtsgericht. Bruder Jakob half im Viehgeschäft seines Vaters. Oben im Storchennest wohnte der Bruder des Marx vom Paterre. Er war Viehhändler und unterhielt ein Textilgeschäft. Mehrere Kinder - Loni.... Frau Marx starb über 90-jährig in den USA, betreut von einer ihrer Töchter. I. G. war in den USA und besuchte sie dort. Über ein mitgebrachtes Foto ihres ehemaligen Hauses hat sie sich sehr gefreut.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an den Bewohner des Hauses Schmiedegasse 3:
Bertha Marx geb. Biermann - ∗ 1882 - ermordet 1944 Vernichtungslager Auschwitz

Dreistöckiges Fachwerhaus verputzt24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

Messingplatte im Pflaster mit PersonendatenGeorgDerReisende, Stolperstein Bertha Marx, 1, Schmiedegasse 2, Frankenberg, Landkreis Waldeck-Frankenberg, CC BY-SA 4.0

09. Ritterstr. 20

Dreistöckiges Fachwerhaus 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Schuhgeschäft Katzenstein, neben Bohlen Mariechen. Ein Sohn studierte damals schon im heutigen Israel. Töchter Paula und Claire (war bei der Post). Eine dritte Tochter - der Name fällt mir nicht ein), heiratete und übernahm das Textilgeschäft ihres Onkels, Jakob Katzenstein, in der Bahnhofstraße, heute Kickuth.

SW-Foto von Fachwerkhaus Wohn- und Geschäftshaus; 1950 (Wissemann 1994, S. 182)

Dreistöckiges Fachwerhaus in Häuserreihe 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

SW-Foto von Fachwerkhaus Nord/West-Seite; 1981 (Wissemann 1994, S. 183)

SW-Foto von Fachwerkhaus während der Restaurierung; 1983 (Wissemann 1994, S. 183)

SW-Foto von Fachwerkhaus Restaurierung 1983/1984; 1983 (Wissemann 1994, S. 182)

SW-Foto von Fachwerkhaus nach der Restaurierung; 1988 (Wissemann 1994, S. 183)

10. Steubergasse 12

Dreistöckiges FachwerhausFoto: Matschin-Herberz<

(he) Viehhändler Meier Marx mit seiner Frau Frieda, geb. Dilloff, und den Kindern Sidonie (Toni) und Walter

11. Geismarer Str. 7

Dreistöckiger Neubau ehem. Geismarer Str. 7; vorne Auf der Heide 1, re Geismarer Str. 5 und 3, 7 ist längst
abgerissen 09.06.2006 © Kurt-Willi Julius

(in der Quelle Dolenschall irrtümlich als Nr. 5 bezeichnet) (dol) Jonas Buchheim, Viehhändler, Tochter Ida und Sohn Siegfried.

(kin) Ida Buchheim wurde 1904 in Frankenberg geboren. Ihr Vater war der Viehhändler Meier Buchheim in der Geismarer Straße 7. Bis wann Ida Buchheim hier lebte ist nicht bekannt. Im Juli 1935 wird sie in Frankenberg als Verheiratete (mit Willy Alexandrowitz) in der so genannten Judenkartei am selben Tag unter der Adresse Steingasse 16 an- und abgemeldet. Dies ist wohl ein Schreibfehler, möglicherweise ist Steingasse 19 gemeint, wo Verwandte von ihr lebten. Sie verzog nach Rheinswein in Ostpreußen. Aus Landwerk Neuendorf wurde sie nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig erinnert an die Bewohnerin des Hauses Geismarer Straße 7:
Ida Alexandrowitz geb. Buchheim - *2.10.1904 in Frankenberg - ermordet Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

SW-Foto von Fachwerkhaus Geismarer Straße 7 Repro: Karl-Herm. Völke

SW-Foto von Fachwerkhaus das Haus Geismarer Str. 7 ist abgerissen; li: Auf der Heide 1, re: Geismarer Str. 5, 1968
(Magistrat... 1979, S. 26)

SW-Foto von Neubau auch Auf der Heide 1 ist durch einen Neubau ersetzt; re Geismarer Str. 5, 1975
(Magistrat... 1979, S. 26)

Messingplatte im Pflaster mit Personendaten
GeorgDerReisende, Stolperstein Ida Alexandrowitz, 1, Geismarer Tor 7, Frankenberg, Landkreis Waldeck-Frankenberg, CC BY-SA 4.0

12. Jüd. Friedhof Frankenberg, Gernshäuser Weg

Wiese mit Grabsteinen und Bäumen Jüdischer Friedhof 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

Wäre es nach dem Kasseler Regierungspräsidenten gegangen, gäbe es den jüdischen Friedhof überhaupt nicht mehr. Im Juni 1940 erließ der RP eine Verfügung, alle jüdischen Friedhöfe zu schließen und der „Deutschen Wirtschaft zuzuführen". Der Friedhof wurde nicht der deutschen Wirtschaft zugeführt. Er wurde wie die anderen jüdischen Kulturstätten jedoch von unbekannter Seite verwüstet. Eine der ersten Anordnungen der neuen Machthaber, die amerikanische Armee marschierte am 28. April 1945 in Frankenberg ein, wurde durch den damaligen Ausscheller, Herrn Kornemann, den Frankenberger Bürgern bekanntgegeben. Laut Zeitzeugen Wolfgang Ochse, der sinngemäße Wortlaut: „Die amerikanische Militärregierung befiehlt allen Mitgliedern der ehemaligen Nazi-Organisationen, sich mit Werkzeug am Pfingst-Sonntag beim jüdischen Friedhof einzufinden." Ca. 10% dieser Mitglieder befolgten den Befehl, befreiten den zugewachsenen Friedhof vom Unkraut und richteten die umgeworfenen Grabsteine wieder auf. Das Nichterscheinen der anderen 90% hatte für diese keine Konsequenzen zur Folge.

In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1982, wurde der jüdische Friedhof zum zweiten Mal seit seinem Bestehen geschändet. Auch dieses Mal sind die Täter anonym geblieben. Am Morgen des 7. November, d.h. kurz vor dem 35. Jahrestag der Pogromnacht, prangten auf etlichen Grabsteinen Hakenkreuze, waren auf anderen Parolen, wie: „Wir wollen Gas, Wir wollen Zyklon B ..." aufgesprüht.

Weiterführende Literatur:

Jüdisches Leben in Frankenberg

Geschichte der Gemeinde und ihrer Familien.
Mit Beiträgen über die Juden in Geismar und Röddenau
sowie einer Dokumentation des jüdischen Friedhofs.
ISBN-13: 978-3981383737; Thiele & Schwarz; 2011

Fortsetzung

Grabstein© Kurt-Willi Julius

Grabstein© Kurt-Willi Julius

Wiese mit Grabsteinen und Bäumen © Kurt-Willi Julius

Grabsteine © Kurt-Willi Julius

Grabstein© Kurt-Willi Julius

Grabsteine© Kurt-Willi Julius

Grabstein© Kurt-Willi Julius

Detail von Grabstein, Kanne© Kurt-Willi Julius
Detail von Grabstein, Kanne© Kurt-Willi Julius
Detail von Grabstein, Segnende Hände© Kurt-Willi Julius
Detail von Grabstein, Segnende Hände© Kurt-Willi Julius
Detail von Grabstein, Auge Gottes © Kurt-Willi Julius
Sechszackiger Stern© Kurt-Willi Julius

13. Ehem. Synagoge Frankenberg, Scharwinkel 4

Zweistöckiges Fachwerhaus verputzt, verschiefert ehemalige Synagoge 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

(in der Quelle Dolenschall irrtümlich als Nr. 2 bezeichnet) Am 18.11.1938 hätte die mittlerweile zahlenmäßig stark verkleinerte jüdische Gemeinde das 1OOjährige Bestehen ihrer Synagoge begehen können. Doch die von den Nazis arrangierte „Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 machte dieses Vorhaben zunichte.

Am Morgen des 7.11.1938 hatte in Paris der 17jährige polnische Jude Herschel Grynszpan ein Attentat auf den deutschen Legationsrat Ernst von Rath verübt. Am 9. November 1938 verstarb v. Rath an den Folgen seiner Verletzung. Am selben Tag fanden in allen Städten des Reichs Gedenkveranstaltungen an den gescheiterten Putschversuch vom 9. November 1923 - Marsch auf die Feldherrenhalle - statt. Den Tod v. Raths nahmen die Nazis zum Anlaß, unter dem Deckmantel »spontaner Kundgebungen« in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im gesamten Reich Synagogen, jüdische Friedhöfe, jüdische Geschäfts- und Wohnhäuser zu zerstören. Da bei den Ausschreitungen viel Glas zu Bruch ging, wählten die Nazis wohl den verharmlosenden Begriff „Reichskristallnacht". Bei den Pogromen wurden 91 Juden getötet, ca. 35.000 vorübergehend inhaftiert.

In dieser Nacht wurden in der näheren Umgebung die Synagogen in Bad Wildungen, Battenfeld und Korbach niedergebrannt. Die Frankenberger Synagoge wurde befehlsgetreu „nur geplündert". Der Grund: Die Synagoge grenzte an einer Seite an ein Wohnhaus, auf der anderen Seite an eine Scheune, die randvoll mit Stroh und Heu gefüllt war. Anscheinend war den Frankenberger Nazis das Risiko zu groß, daß auch diese angrenzenden Gebäude Opfer der Flamen geworden wären.

Elfriede Weber erlebte als 1Ojährige die Zerstörung der Frankenberger Synagoge in der Nacht vom 9. November 1938. Sie wohnte damals im Nachbarhaus Scharwinkel 2.

„Nachts wurde die Synagoge von ca. 4 - 5 Männern in Uniform überfallen und verwüstet. Durch die vorher eingeschlagenen Fenster flogen Bänke/ Gebetbücher, Sitzkissen und Glasteile in den Scharwinkel.

Meine Mutter und wir Kinder standen am Fenster, wurden aber durch Zurufe und In-die-Luft-Schießen am weiteren Beobachten gehindert. Das bereits gelegte Feuer wurde zur Sicherung der anliegenden Scheunen und dem Wohnhaus, in dem wir wohnten, von den Verursachern wieder gelöscht. Am nächsten Tag mußten Juden die zertrümmerten Gegenstände auf einen Leiterwagen zum Abtransport laden."

Die Synagoge ging Anfang 1939 in den Besitz der Stadt Frankenberg über und wurde zum Wohnhaus umgebaut. 1943 wurde das Haus weiter verkauft.

Ursprünglich war der rechts neben dem Eingang liegende Teil eingeschossig. Hier befand sich der Betsaal mit jeweils einer Empore an den Längsseiten. Im linken Teil - zweigeschossig - befand sich die Hausmeisterwohnung und vor 1913 die Räume der jüdischen Schule. In diesen Räumen wurden im Sommer 1942 u.a. das aus ihrem Haus in der Bahnhofstraße vertriebene Ehepaar Rosalie (72 Jahre) und Jakob (77 Jahre) Katzenstein zwangsuntergebracht, bevor sie im August ins KZ Theresienstadt deportiert wurden.

SW-Foto von Fachwerkhaus Ehemalige Synagoge um 1950 Quelle: Dolenschall; a.a.O.

Zweistöckiges Fachwerhaus verputzt, verschiefert ehemalige Synagoge 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

14. Pferdemarkt 8

Dreistöckiges Fachwerhaus verschiefert 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Schuhgeschäft Sally Stern. Heute Haus Friedrich (Schneider). Die beiden hochbegabten Kinder, Klärchen und Julius, waren einmal aus Amerika zu Besuch gekommen und wohnten bei F. H.-K. Herr Stern besuchte seine Kunden in und um Frankenberg mit einem grünen Sack auf dem Rücken, der neue und reparierte Schuhe enthielt.

(kin) Im Haus Pferdemarkt 8, in dem am 1. Mai 1911 das Schuhgeschäft von Sally Stern eröffnet wurde, lebte im 19. Jahrhundert das Ehepaar Liebmann und Ernestine Marx. Es hatte mehrere Kinder, unter anderen Sara, geb. 1875 in Frankenberg, Jenny, geb. 1879 in Frankenberg und Lina, 1882 in Frankenberg geboren. Sara Marx lebte wie ihre Schwester Jenny Marx in Mühlheim an der Ruhr. Von dort wurden sie 1942 im Alter von 66 und 63 Jahren in das besetzte Polen nach Izbica bei Lublin verschleppt. Sie wurden vermutlich im Vernichtungslager Sobibor vergast.

Lina Marx heiratete Moritz Rosenbaum und hatte eine Tochter Lieselotte. Die Familie wohnte in Essen-Stele in der Berliner Straße 39-41, während des Krieges lebte das Ehepaar in Essen, Lenbachstraße 3. Lina Rosenbaum wurde im Alter von 59 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann am 21. Juli 1942 aus Essen über Düsseldorf in das Ghetto Theresienstadt deportiert, dann von dort zwei Monate später am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort vergast.

SW-Foto von FachwerkhäusernPferdemarkt 4 bis 12 um 1908Reproduktion: Wissemann 1980, Seite 79

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner Pferdemarkt 8
David Goldschmidt - *1873 - ermordet 1943 Ghetto Theresienstadt ?
Sara Marx - *1875 - ermordet 1942 Vernichtungslager Sobibor
Jenny Marx - *1879 - ermordet 1942 Vernichtungslager Sobibor
Lina Rosenbaum geb. Marx *1882 - ermordet 1942  Vernichtungslager Treblinka

4 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten 01.03.2007 © Kurt-Willi Julius

15. Pferdemarkt 6

Dreistöckiges Fachwerhaus verschiefert 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Jonas Dilloff, nebenan, kinderlos, Fellhändler und Schlächter.

SW-Foto von Fachwerkhaus vor der Modernisierung; 1967 (Magistrat... 1979, S. 106)

Dreistöckiges Fachwerkhaus 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

16. Pferdemarkt 3

Zweistöckiges Steinhaus 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(in der Quelle Dolenschall irrtümlich als Nr. 4 bezeichnet)
(dol) Metzgerei Leopold Freund. Das Ehepaar blieb kinderlos.

SW-Foto von BacksteinhausFoto: Stadtarchiv Frankenberg, um 1910

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an den Bewohner des Hauses Pferdemarkt 3:
Philipp Dilloff - ∗1863 - ermordet 23.9.1942 Vernichtungslager Treblinka

Messingplatte im Pflaster mit PersonendatenGeorgDerReisende, Stolperstein Philipp Dilloff, 1, Pferdemarkt 1, Frankenberg, Landkreis Waldeck-Frankenberg, CC BY-SA 4.0

17. Untermarkt 8

Dreistöckiges Fachwerhaus21.03.2006  © Kurt-Willi Julius

(dol) Josef Kaiser mit Frau Feylchen, Viehhändler . Kinder, Jenny, Hermann, Hanna, Erna. Herr Kaiser wurde von den Nazis angeblich nach Kassel geholt.

(kin) Im Haus Untermarkt 8 in Frankenberg wohnte das Ehepaar Josef und Mary Kaiser. Der Viehhändler und Metzger Josef Kaiser stammte aus Hoof bei Kassel und lebte seit 1894 in Frankenberg. Nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1921 Mary Josephs aus Jever in Norddeutschland. Vier Kinder wuchsen im Haus Untermarkt 8 auf. Von der Tochter Jenny werden wir noch weiter unten hören.

Das Ehepaar Kaiser wurde zum 13. Dezember 1941 - wie die Ehepaare Plaut und Katzenstein - gezwungen, aus seinem Haus zu ziehen und in dem Gebäude der Synagoge, sicherlich auf engstem Raum, zu leben. Im Mai 1942, als es Fische aus der Eder zu kaufen gab, war auch Josef Kaiser in der Reihe der Wartenden.

Jemand denunzierte den 73-Jährigen und die Gestapo wies ihn am 12. Juni 1942 in das Arbeitserziehungslager Breitenau bei Guxhagen ein. Dort blieb er etwa zehn Wochen in Schutzhaft, bevor er am 25. August von Breitenau in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich verschleppt wurde. Nur wenige Tage später wurde sein Tod dort am 31. August 1942 amtlich festgehalten.

Es ist nicht bekannt, ob seine Frau noch von dem Tod ihres Mannes wusste, bevor die 61-Jährige über Kassel in das Ghetto Theresienstadt verschleppt wurde. Nach mehr als zwei Jahren Gefangenschaft wurde sie von dort am 9. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast wurde.

Die Tochter Jenny Kaiser lebte vermutlich bis zu ihrer Heirat um 1925 in ihrem Elternhaus Untermarkt 8. Dann zog sie nach Bonbaden im Kreis Wetzlar und wohnte im Haus Dorfstraße 99.

Am 10. Juni 1942 wurde sie im Alter von 47 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann und dem 15-jährigen Sohn Horst und einem Schwager aus ihrem Haus verschleppt über Frankfurt nach Polen in die Region Lublin und im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner des Hauses Untermarkt 8 in Frankenberg:
Josef Kaiser - *17.7.1869 in Hoof, Landkreis Kassel - ermordet 31. August 1942 KZ Mauthausen
Mary Kaiser geb. Josephs - *26. August 1881 in Jever - ermordet 9. Oktober 1944 Vernichtungslager Auschwitz
Jenny Liebmann geb. Kaiser - *8.7.1895 in Frankenberg - ermordet 1942 Vernichtungslager Sobibor.

SW-Foto von Fachwerkhaus von li: Untermarkt 6, 8 vor der Modernisierung; vor 1975 (Magistrat... 1979, S. 145)

SW-Foto von Fachwerkhaus von li: Untermarkt 6, 8 nach der Modernisierung; 1977 (Magistrat... 1979, S. 145)

Reihe von Fachwerkhäusern von li: Untermarkt 2, 4, 6, 8; 21.03.2006 © Kurt-Willi Julius

3 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten 21.03.2006  © Kurt-Willi Julius

18. Untermarkt 10

Messingplatte im Pflaster mit Personendaten Untermarkt 10, 12 ein Haus - zwei Nummern: li Nr. 10, re Nr. 12; 24.05.2006
© Kurt-Willi Julius

(kin) Im Haus Untermarkt 10 lebte das Ehepaar Bertha und Jonas Dilloff. Jonas Dilloff war in Frankenberg geboren. Er schlachtete vermutlich Kleintiere und handelte mit deren Fellen. 1938 starb Bertha Dilloff im Alter von 78 Jahren, und sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Frankenberg beerdigt.

Nach ihrem Tod zog Jonas Dilloff im April 1939 nach Bonbaden im Kreis Wetzlar zu der aus Frankenberg stammenden Jenny Liebmann geb. Kaiser und ihrer Familie. Ihr Bruder hatte bis zu seiner Auswanderung im selben Haus wie Jonas Dilloff gelebt. Der alte Jonas Dilloff wurde im August aus dem Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt im Alter von 77 Jahren in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, wo er wenige Wochen später am 23. September 1942 starb.

Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig erinnert an den Bewohner des Hauses Untermarkt 10:
Jonas Dilloff - *4. November 1864 in Frankenberg - ermordet 23. September 1942 Ghetto Theresienstadt
Ruth Friesem geb Liebmann - ∗1921 - ermordet 11.6.1942 Vernichtungslager Sobibor

 SW-Foto von Fachwerkhaus li. Hälfte: Untermarkt 10 vor der Modernisierung; 1979 (?) (Magistrat... 1979, S. 159)

Fachwerkhaus Untermarkt 10, 12; 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

Fachwerkhaus Eingang Untermarkt 10, 12 ein Haus - zwei Nummern: li Nr. 10, re Nr. 12; 24.05.2006
© Kurt-Willi Julius

 SW-Foto von Fachwerkhaus 01.03.2007 © Kurt-Willi Julius

 SW-Foto von FachwerkhausGeorgDerReisende, Stolperstein Ruth Friesem, 1, Untermarkt 10, Frankenberg, Landkreis Waldeck-Frankenberg, CC BY-SA 4.0

19. Steingasse 20

Zweistöckiges verputztes Fachwerhaus23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Jakob Dilloff, heute Schreinerei Walter Hartmann, war ein alter Mann. Seine Tochter Jeny betreute ihn und eine geisteskranke Tochter Berta. Zwei weitere Töchter lebten in Oberhausen/Rhld. Eine hatte ein Putz- und Modegeschäft und war mit einem Christen verheiratet. Diese Tochter hatte zwei Kinder, Irma und Lotte. Sie war sehr elegant und weilte oft mit Kinderfräulein in den Ferien. Die andere Tochter hatte ein Kind namens Edith. Die Söhne der Dilloffs lebten auswärts. Am „Schawwes" (gemeint ist der Sabbat, der Sonntag der Juden) kam Herr Dilloff aus der Synagoge. Der Tisch war festlich mit Matzen und Berges gedeckt. Ein besonderer Leuchter zierte den Tisch. Die Nachbarn legten Kohle und Holz zur Erhaltung des Feuers auf, weil die Juden dies am „Schawwes" nicht durften.

(kin) Im Haus Steingasse 20 lebte die Familie Jakob und Sara Dilloff. Sie dürften in den 1920-er Jahren verstorben und in Frankenberg auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt sein.

Das Ehepaar hatte mehrere Kinder: Recha (*1879 in Frankenberg), Hedwig (*1880 in Frankenberg) und Rudolf Dilloff (*1892 in Frankenberg). Recha Dilloff heiratete einen Herrn Joseph und lebte mit ihm in Oberhausen.

Um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen, floh sie nach Holland. Von ihrem Wohnort in Apeldoorn wurde sie nach der deutschen Besatzung über das Lager Westerbork in Holland im Juni 1943 in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast. Sie wurde 64 Jahre.

Hedwig Dilloff heiratete etwa um die Jahrhundertwende Ferdinand Heinrich und lebte in dem Weindorf Casel bei Trier. Als Witwe zog sie im August 1933 nach Trier.

Im Oktober 1941 wurde die 61-Jährige von dort in einem Massentransport nach Lodz im besetzten Polen in das dortige Ghetto verschleppt und dort vermutlich im Vernichtungslager Chelmno vergast.

Rudolf Dilloff war geistig behindert. Im Alter von 28 Jahren kam er 1920 in die Psychiatrie in Haina. Zwanzig Jahre später wurde er im September 1940 in das Sammellager für jüdische Patienten in der Gießener Anstalt verschleppt und wenige Tage später in der Euthanasie-Mordanstalt Brandenburg ermordet.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner des Hauses Steingasse 20:
Recha Joseph geb. Dilloff - *26.2.1879 in Frankenberg - ermordet 1943 Vernichtungslager Sobibor
Hedwig Heinrich geb. Dilloff - *20.11.1880 in Frankenberg - ermordet 1942 Vernichtungslager Chelmno
Rudolf Dilloff - *24.8.1892 in Frankenberg - ermordet 1940 Euthanasie-Mordanstalt Brandenburg

Zweistöckiges verputztes Fachwerhaus 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

3 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten 01.03.2007 © Kurt-Willi Julius

20. Steingasse 19

Dreistöckiges Fachwerhaus 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Die alte Frau Dilloff wohnte in dem Haus neben der Rathausapotheke. Am Haus war eine Kuh, als Zeichen des Viehhändlers, angebracht. Ihre Tochter Recha heiratete einen David Rosenbaum aus Wetzlar oder Dillenburg.

SW-Foto von Fachwerkhaus Steingasse 19 vor der Renovierung; 1950 (Wissemann 1994, S. 237)

Reihe von Fachwerkhäusern von li: Steingasse 17/ 19; 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

21. Obermarkt 15

Dreistöckiges Fachwerhaus 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Ruben Marx, links neben der „Säule". Ein etwas zurückgebliebener Sohn und eine Tochter, Thekla Marx, später Frau Wurmser, die zunächst als „Putzmacherin" arbeitete. Danach verkaufte sie Weißwaren und Wäsche im Keilschen Haus, heute Torlach.

Reihe von Fachwerkhäusern 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

22. Obermarkt 13

Reihe von Fachwerkhäusern 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Samson Dilloff und Frau Lina neben der Bäckerei Bartel, heute Rathaus. Handel mit Spirituosen und Textilien. Landwirtschaft. Kontor der Schiffahrtsgesellschaft - Norddeutscher Lloyd ? - Am Haus hing ein großes Schiff mit Hinweisen auf die Seefahrt. Drei Söhne, Julius (am Landratsamt), Herbert und Albert.

Bildunterschrift zum linken Bild: Vor der Sanierung im Jahre 1966 - 1o-türmiges Rathaus mit dem baufälligen Verwaltungsgebäude Obermarkt 13 und der "Beamtenlaufnahn" (Verbindungsgang), Ankauf (!!!; der Webmaster) des Wohn- und Geschäftshauses durch die Stadt im Jahre 1938 von Dilloff, mehrmaliger Umbau des Hauses zu Büroräumen, Abbruch im Jahre 1966.

SW-Foto von Fachwerkhäusern Abbruch 1966 Foto: Rothermund, Frankenb. (Magistrat... 1979, S. 99)

Häuserreihe 60er Jahre © Horst Neugebauer

Häuserreihe 60er Jahre © Horst Neugebauer

Häuserreihe 60er Jahre © Horst Neugebauer

SW-Foto von Fachwerkhäusern nach der Sanierung; (Magistrat... 1979, S. 95)

Infotafel am Haus 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

Häuserreihe 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

23. Obermarkt 16

Dreistöckiges Fachwerhaus 23.07.2003 © Kurt-Willi Julius

(dol) Bachenheimer (Maler und Anstreicher), neben Landwirt Reinius. Bachenheimer war „Matzenbäcker" (salzloses, ungesäuertes Brot). Er hatte zwei Kinder.

(kin) Im Fachwerkhaus Obermarkt 16 in Frankenberg wohnte die Familie Fürst. Die Geschwister Max und Johanna Fürst waren 1881 und 1883 hier geboren. Die Eltern waren Faist Fürst und Florentine geb. Lichtenstein. Es konnte noch nicht geklärt werden, ob die Eltern ihren Lebensabend in Frankenberg verbrachten, wann sie starben und ob sie auf dem Jüdischen Friedhof in Frankenberg beerdigt sind.

Max Fürst lebte im Mai 1939 in Hannover, gemeinsam mit seiner Frau Elise geb. Jacoby aus Gudensberg. Beide wurden aus Hannover am 15. Dezember 1941 aus ihrer Wohnung in Hannover, An der Strangriede 55, nach Riga in Lettland in das dortige Ghetto verschleppt. Die Umstände ihres Todes sind nicht bekannt.

Johanna Fürst lebte vermutlich seit ihrer Heirat mit Izaak Keyser in Menden in Westfalen. Um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entkommen, floh das Ehepaar nach Holland. 1941 lebte es in Amsterdam, Hunzestraat 23 huis.

Über das Lager in Westerbork wurden beide am 22. Mai 1944 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Johanna Fürst-Keyser war zu dieser Zeit 63 Jahre alt.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner des Hauses Obermarkt 16:
Max Fürst - *16.7.1883 in Frankenberg - ermordet im Ghetto Riga
Johanna Keyser geborene Fürst - *21.3.1881 in Frankenberg - ermordet 1944 Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Ergänzung und Korrektur vom Frankenberger Stadtarchivar Hecker am 22.09.2007:
Das Ehepaar Gustav und Emma Bachenheimer, geb. Hammerschlag, hatte fünf Kinder, vier Töchter und einen Sohn. Der Vorbesitzer des Hauses hieß Falk Fürst. Dieser verließ mit seiner Frau Florentine, geb. Lichtenstein, um 1906 Frankenberg und starb 1918 in Menden (Kreis Iserlohn).

SW-Foto von Fachwerkhäusern vor der Restaurierung; 1985 (Wissemann 1994, S. 148)

SW-Foto von Fachwerkhaus in Renovierung während der Restaurierung; 1991 (Wissemann 1994, S. 148)

SW-Foto von Fachwerkhaus nach der Restaurierung; 1993 (Wissemann 1994, S. 148)

Reihe von Fachwerkhäusern Obermarkt 14, 16, 18; 23.07.2003  © Kurt-Willi Julius

2 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten 01.03.2007 © Kurt-Willi Julius

24. Obermarkt 14

Dreistöckiges Fachwerkhaus 21.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Greta und Herbert Plaut, neben Bachheimer, zwei Kinder. Textilien. Herbert lernte damals in einem Seidengeschäft in Hannover. Greta Plaut hatte nach dem Krieg Verbindung von Amerika aus nach Frankenberg aufgenommen. Sie soll auch einmal hier gewesen sein.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner des Hauses Obermarkt 8:
Emil Plaut - *20.1.1871 in Frankenau - ermordet 10.10.1942 KZ Sachsenhausen
Johanna Plaut geborene Marx - *22.4.1876 in Grüsen - ermordet 18.11.1942 Ghetto Theresienstadt
Recha Lamm - *5.7.1890 in Homberg - ermordet 1942 Ghetto Minsk

SW-Foto von Fachwerkhaus vor der Restaurierung; 1986 (Wissemann 1994, S. 146)

SW-Foto von Fachwerkhaus vor der Restaurierung; 1987 (Wissemann 1994, S. 146)

SW-Foto von Fachwerkhaus mit Gerüst während der Restaurierung 1989 (Wissemann 1994, S. 146)

SW-Foto von Fachwerkhaus nach der Restaurierung; 1993 (Wissemann 1994, S. 146)

3 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten 21.03.2006 © Kurt-Willi Julius

25. Obermarkt 5

Verputztes modernisiertes Fachwerkhaus, dreistöckig 23.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Katz, Viehhändler neben Gerke, Eckhaus zur dunklen Gasse. Kinder, Käthe, Selma und Klärchen.

(kin) Im Haus Obermarkt 5 lebte der Viehhändler Salomon Katz, Jahrgang 1858, mit seiner Frau Jettchen und den Kindern Hermann, Sophie, Johanna und Flora. Die alten Eltern konnten Ende 1939 noch zu ihrem Sohn in die USA entkommen. Sophie Katz meldete sich im Alter von 49 Jahren wenige Wochen später nach Essen, Turmstraße 4 ab, wo ihre Schwester Johanna seit ihrer Heirat lebte. Nach einiger Zeit aber zog sie nach Berlin, wo ihre Schwester Flora seit ihrer Verheiratung wohnte.

Sophie Katz wurde aus Berlin verschleppt und in Auschwitz ermordet. Auch die Schwester Flora Katz - verheiratete Skapkowker - wurde aus Berlin deportiert und in Auschwitz ermordet. Ebenso die Schwester Johanna Katz verheiratete Bachenheimer; sie wurde im Juli 1942 gemeinsam mit ihrem Mann aus Essen über Düsseldorf in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Fast zwei Jahre später wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann im Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt, wo sie vermutlich direkt nach der Ankunft vergast wurde.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner des Hauses Obermarkt 5:
Sophie Katz - *2. August 1891 in Frankenberg - ermordet im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
Johanna Bachenheimer geb. Katz - *13. Juli 1886 in Frankenberg - ermordet 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
Flora Skapkowker geb. Katz - *23. November 1889 in Frankenberg - >ermordet im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

SW-Foto von Fachwerkhaus Abbruch 1979 Foto: Rothermund Frankenberg (Magistrat... 1979, S. 95)

Fachwerkhaus 1960er Jahre © Horst Neugebauer

3 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten © Kurt-Willi Julius

26. Obermarkt 2

4-stöckiges Fachwerkhaus 22.03.2006 © Kurt-Willi Julius

(dol) Textilgeschäft Blum neben „Goldener Engel" und Möbelgeschäft Gass. Die Familie hatte drei Söhne, Ernst, Hermann und Otto.
Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig erinnert an die Bewohnerin des Hauses Obermarkt 2:
Johanna Blumenfeld - *1879 - ermordet 15. März 1943 im Ghetto Lodz

SW-Foto von Fachwerkhaus um 1890 (Magistrat... 1979, S. 92)

SW-Foto von Fachwerkhaus1926 (Magistrat... 1979, S. 92)

SW-Foto von Fachwerkhaus um 1938 (Magistrat... 1979, S. 92)

SW-Foto von Fachwerkhaus 1974 (Magistrat... 1979, S. 92)

SW-Foto von Fachwerkhaus entkernt während der Modernisierung; 1975/76 (Magistrat... 1979, S. 91)

SW-Foto von Fachwerkhaus entkernt während der Modernisierung; 1975/76 (Magistrat... 1979, S. 91)

Fachwerkhaus 24.05.2006 © Kurt-Willi Julius

Messingplatte im Pflaster mit Personendaten 01.03.2007 © Kurt-Willi Julius

27. Ehem. Judenschule Frankenberg, Hainstr. 31

Zweistöckiges verputztes Steinhaus 09.07.2003 © Kurt-Willi Julius

(dol) In der Hainstraße war die ehemalige Judenschule. Unten war die Schule, oben wohnte der jüdische Lehrer. Er hatte zwei Kinder. Sein Auto schoben die „Hitlerjungen" in den Teich. Möbel, Betten usw. warfen sie aus dem Fenster. Der Lehrer wurde „abgeholt". Seine Frau ging mit den Kindern nach Kirchhain, von wo sie stammte. Sie war eine bildschöne Frau.

Als 13jähriger erlebte Heinrich Schwaner die Zerstörung der Schule. 40 Jahre danach veröffentlichte er seine persönlichen Erinnerungen in einem Leserbrief. Er reagierte damit auf den Zeitungsartikel „Bürger verhinderten Abbrennen der Synagoge" vom 9.11.1978, in dem zum ersten Mal in der HNA berichtet wurde, daß es auch in Frankenberg einmal jüdische Einwohner gab.

„Die Judenschule war dagegen bis zum Mittag des 10.11. noch unversehrt. Den Lehrer der Schule, Herrn Leo Stern, auch Rabbiner der jüdischen Gemeinde, hatte man schon in den frühen Morgenstunden wegen angeblichen Spionageverdachts verhaftet. Er konnte daher nicht Zeuge der Plünderung und Demolierung seiner Wohnung sein. Sein Auto, einen kleinen BMW, hatte ein in der Nähe wohnender SS-Mann in die Teichwiesen (heute Liegewiesen des Schwimmbades) gefahren und angezündet. Erst gegen 12.15 Uhr wurde die Schule, man höre und staune, von den 13jährigen Jungen einer Klasse der damaligen Stadtschule (heute Ortenbergschule), demoliert. Sie hatten während des damals üblichen politischen Unterrichts von der Zerstörung der Synagogen, aus Rache für die Ermordung des Botschaftssekretärs in Paris gehört. Diese Schulkinder waren durch die damaligen Medien so verhetzt, daß sie nach dem Unterricht spontan, ohne Mittagessen zur Judenschule stürmten. Gegen 13.00 Uhr wurden sie durch die Schüler der damaligen Landwirtschaftsschule „unterstützt". Frau Stern war zuvor mit ihren Kindern und unter Mitnahme des Schmucks und anderer Wertsachen zu Bekannten geflüchtet. Fast alle neugierigen Zuschauer schüttelten nur den Kopf aber keiner hatte den Mut, diese Schulkinder fortzujagen. Erst gegen 15.30 Uhr erschienen einige SS-Männer, die die Schule dann bewachten. Zuvor war ein HJ-Führer in voller Uniform aufgekreuzt. Ich erinnere mich noch genau, daß er sagte, es könnte alles zerschlagen werden, es dürfte aber nichts mitgenommen werden...

Der damalige Rektor der Stadtschule, Herr Mausehund, war über die Ausschreitungen seiner Schüler schwer empört. Die einzige Strafe, die er erteilen konnte, war eine Moralpredigt am nächsten Tag, die sich gewaschen hatte...".

(kin) Das Haus Hainstraße 31 war die Israelitische Schule in Frankenberg. Unten befanden sich die Schulräume, darüber eine geräumige Fünf-Zimmer-Wohnung für die Lehrerfamilie. Seit 1919 war Ferdinand Stern aus Zwesten der Lehrer der israelitischen Schule. In diesem Jahr war er aus Volkmarsen nach Frankenberg gezogen.

1921 heiratete der Lehrer Ferdinand Stern die bildschöne 24-jährige Martha Katz aus Arolsen. Das Ehepaar bekam fünf Kinder: Helmut (geboren 1922), Manfred (1923), Bertha Lieselotte (1925), Richard Josef (1932) und Max Heinz (1936).

Während der Kristallnacht im November 1938 kam es zu schwersten Ausschreitungen gegen die Familie Stern und zur Zerstörung ihrer Wohnung. Ferdinand Stern, 48 Jahre alt, wurde mit vielen anderen jüdischen Männern in das KZ Buchenwald bei Weimar verschleppt. Kurz nach seiner Ankunft dort starb er an den Folgen der brutalen Misshandlungen in Frankenberg am 14. November 1938.

Frau Stern stand nun mit ihren Kindern alleine. Der älteste Sohn Manfred war bereits seit 1937 zur Berufsausbildung in Frankfurt. Frau Stern zog Mitte Februar 1939 mit ihrer 13-jährigen Tochter Lieselotte und den beiden kleinen sieben und zwei Jahre alten Söhnen Richard und Max nach Frankfurt zu einem Neffen ihres Mannes - Maurerstraße 36, 2. Stock, ist auf der Karteikarte in Frankenberg zu lesen. Sie machte eine Ausbildung als Schneiderin und bemühte sich um Auswanderung. Lieselotte und Helmut Stern entkommen aus Deutschland.

Im Mai 1942 wird Martha Stern zusammen mit ihren drei Söhnen Manfred, 19 Jahre alt, Richard (10) und Max Heinz (5) aus ihrer Frankfurter Wohnung in der Weberstraße 7 im zweiten Stock verschleppt. Von der Frankfurter Großmarkthalle gab es einen Massentransport in das besetzte Polen, nach Lublin. Dort musste der Sohn Manfred Stern vermutlich wie alle Männer zwischen 15 und 50 Jahren den Zug verlassen. Er wurde in das nahe gelegene Konzentrationslager Majdanek gebracht, wo er aufgrund der schweren Lebens- und Arbeitsbedingungen in den folgenden Wochen zu Tode gekommen sein muss.

Der Zug mit den Frauen, Kindern und alten Männern fuhr in das Vernichtungslager Sobibor, wo das Öffnen der Zugtüren bedeutete, dass alle Personen zwei Stunden später in den Gaskammern, in die sie unter größten Täuschungen geführt wurden, vergast worden waren - so auch Martha Stern mit den beiden Söhnen Richard und Max.

Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Bewohner des Hauses Hainstraße. 31:
Ferdinand Stern - *16.10.1890 in Zwesten - ermordet 14.11.1938 KZ Buchenwald
Martha Stern geb. Katz - *30.9.1897 in Arolsen - ermordet 1942 Vernichtungslager Sobibor
Manfred Stern - *4.6.1923 in Frankenberg - ermordet 1942 KZ Majdanek
Richard Josef Stern - *9.1.1932 in Frankenberg - ermordet 1942 Vernichtungslager Sobibor
Max Heinz Stern - *2.9.1936 in Marburg - ermordet 1942 Vernichtungslager Sobibor
Ida Katz geb. Schartenberg - ∗1873 - ermordet 6.3.1943 KZ Theresienstadt

Einstöckiges Fachwerkhaus mit Sandsteinkeller Totenkirche (abgebrochen), re hinten Hainstraße 31; 1960er Jahre © Horst Neugebauer

Zweistöckiges verputztes Steinhaus09.07.2003 © Kurt-Willi Julius

Zweistöckiges verputztes Steinhaus 21.03.2006 © Kurt-Willi Julius

Infotafel am Haus09.07.2003 © Kurt-Willi Julius

SW-Foto von Kindern an AutowrackDas demolierte Auto des Lehrers (vgl. nebenst. Text) Repro: Karl-Hermann Völker

Ausweispapier mit PassfotoKennkarte von Martha Stern Repro: Karl-Hermann Völker

5 Messingplatten im Pflaster mit Personendaten 21.03.2006 © Kurt-Willi Julius

Messingplatte im Pflaster mit PersonendatenGeorgDerReisende, Stolperstein Ida Katz, 1, Hainstraße 31, Frankenberg, Landkreis Waldeck-Frankenberg, CC BY-SA 4.0

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