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HEUTE VOR 80 JAHREN  Die Deportation Korbacher Juden nach Riga

 

HEUTE VOR 80 JAHREN  Die Deportation Korbacher Juden nach Riga
Zum Sterben gen Osten verfrachtet

 
Überlebende der Shoah 1953 in Arolsen. Unter ihnen ist als Zweiter von rechts auch einer der Brüder Kaufmann aus Korbach – ob Siegfried oder Alfred ist nicht bekannt. Foto: Brüne/pr

Korbach – Am 9. Dezember 1941 verließ der Zug „Da 36“ den Kasseler Hauptbahnhof. Sein Ziel: die von deutschen Truppen besetzte lettische Hauptstadt Riga. Die Reichsbahn führte ihn als „Gesellschafts-Sonderzug Reichssicherheitshauptamt“ – tatsächlich organisierte die Geheime Staatspolizeistelle in Kassel unter der Leitung des Regierungsrates und SS-Sturmbannführers Dr. Karl Lüdcke die erste und größte Deportation von Juden aus dem Regierungsbezirk Kassel. Es traf 1000 Menschen – nur 100 von ihnen überlebten.

Unter den Deportierten befanden sich sieben aus Korbach: Fanny Kohlhagen, Erika Oppenheimer, geborene Mannheimer, Siegfried Schild, Alfred Kaufmann, sein Bruder Siegfried Kaufmann und dessen Ehefrau Gertrud und ihre Tochter Helga. Die kleine Helga war erst drei Jahre, das älteste Opfer 67 Jahre alt.

Der Altersdurchschnitt der Sieben lag bei 32,86 Jahren. Dies verdeutlicht, dass es sich tendenziell um zur Zwangsarbeit genötigte, vergleichsweise junge und kräftige Juden handelte. Nach Monica Kingreen dürften Vermögen und Fürsorgeabhängigkeit weitere Auswahlkriterien gewesen sein. Dennoch fanden sich auffällig viele Familien auf der Namensliste.

Die Landräte und Oberbürgermeister wurden mit einem geheimen Schreiben vom 27. November 1941 über die bevorstehende Deportation informiert – schönfärberisch „Evakuierung“ genannt. Namenslisten waren beigefügt. Bei Ausfall einzelner Juden etwa durch Krankheit war Ersatz zu stellen.

Im November 1941 richtete die Gestapo in den Turnhallen der Bürgerschulen an der Schillerstraße in Kassel einen zentralen Sammelpunkt für Juden des Regierungsbezirks ein, der in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof lag.

Die Landräte und Oberbürgermeister erhielten genaue Angaben für die „Evakuierung“. So durften Juden „neben dem leichten Handgepäck“ bis zu 50 Kilo Gepäck mitführen. Um den eigentlichen Zweck der Deportation zu verschleiern, wurden sie aufgefordert, Haushaltsgegenstände, Werkzeuge, Decken, Schaufeln und andere Gebrauchsgüter mitzunehmen – angeblich ging es zum „Arbeitseinsatz“ in den Osten. Die Frachtkosten hatten die Betroffenen zu tragen.

Vorab hatten die Eigentümer auf einem Vordruck ihr Vermögen aufzulisten. Beim Verlassen der Wohnung waren die Schlüssel der Polizeibehörde oder einer von ihr bestimmten Stelle auszuhändigen. Das in der Wohnung zurückgelassene Eigentum wurde unmittelbar nach dem Abtransport eingezogen und danach zum Teil versteigert.

Die Gestapo kontrollierte in Kassel die Kennkarten. Entwürdigende Körperkontrollen folgten im Sammellager: Die Menschen mussten sich nackt ausziehen, auf einen Stuhl stellen und Gesäßkontrollen über sich ergehen lassen. Gestapo-Bedienstete nahmen ihnen Wertsachen ab. Noch vor der Deportation wurden die Waggons mit den Gepäckstücken auf dem Hauptbahnhof abgekoppelt.

Der Sonderzug rollte zu den Todeslagern im Osten. „Endlösung der Judenfrage“ nannten die Nationalsozialisten die systematische Ermordung von rund sechs Millionen europäischen Juden.

Vier Deportierte aus Korbach überlebten: Alfred, Siegfried und Gertrud Kaufmann sowie Erika Oppenheimer. Sie legen Zeugnis ab.

Arbeit, Hunger, Erschießungen

Jüdische Zwangsarbeiter im Sägewerk des Konzentrationslagers Salaspils bei Riga 1941. Foto: Bundesarchiv

Nach einer mehr als 70-stündigen Fahrt erreichte der Zug am 12. Dezember 1941 Riga-Schirotawa. Von dort kam der größte Teil der Ankömmlinge ins Rigaer Ghetto, arbeitsfähige Männer kamen in das Arbeitslager Salaspils. Siegfried Zierig berichtet, dass sie bei minus 40 Grad und heftigem Schneesturm rund zehn Kilometer ins Lager marschieren mussten.

Der 1911 geborene Alfred Kaufmann berichtet:

„Ich erinnere mich […], daß wir in Posen einen sehr langen Aufenthalt hatten und dort vergeblich um etwas Wasser bettelten. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Äußerung eines SS-Mannes: ,Ihr braucht kein Wasser, Ihr verreckt sowieso.’ Bei unserem Transport waren viele Kinder und sehr alte Leute.

In Riga selbst und im Pickernicker Wald sind Juden in einer Menge getötet worden, die zahlenmäßig von mir nicht näher benannt werden kann. Die Juden wurden erschossen, erhängt, erschlagen, sie sind teils verhungert und teils erfroren. Ich kann heute nicht mehr sagen, in wieviel hundert Fällen ich selbst zugegen war, wenn Juden getötet worden sind.“

Auch Siegfried Kaufmann und sein Bruder Alfred kamen ins Männerarbeitslager Salaspils, seine Frau und seine Tochter ins Rigaer Ghetto. Um „Platz zu schaffen“, waren dort zuvor mehr als 25 000 lettische Juden erschossen worden. Die Deportierten fanden ihr Blut.

Alfred Kaufmanns Tätigkeit bestand in erster Linie aus Rodungs- und Steinbrucharbeiten und dem Bau von Baracken und Sicherungsanlagen. Er berichtet:

„Das Arbeitslager war z.Zt. als ich ankam nur zwei Baracken groß und da schon vorher bereits Transporte aus Köln und Düsseldorf angekommen waren, blieb uns eine Unterkunft versagt. Erst im Laufe der Zeit wurden weitere Baracken erstellt.“

Siegfried Kaufmann erinnert sich, dass an manchen Tagen acht bis vierzehn Männer starben. Anfangs gab es kein Fleisch und Fett, später etwas Pferdefleisch und Heringsköpfe, Nahrung, die im Wesentlichen aus Abfällen bestand. Wer sich nicht irgendwie etwas Essbares besorgte, starb. Fast täglich fanden Erschießungen statt.

Im Juli 1942 kamen die Brüder ins Rigaer Ghetto. Siegfried Kaufmann musste zusehen, wie ein SS-Wachmann seine kleine Tochter mit einem Gewehrkolben erschlug.

Er kam im Oktober 1943 ins Außenlager Mühlgraben. Als die Rote Armee vorrückte, wurde es am 6. August 1944 aufgelöst, die Insassen zogen ins Vernichtungslager Stutthof bei Danzig. Unter ihnen waren Siegfried Schilds Frau Jettchen sowie Gertrud und Siegfried Kaufmann. Ihre Ankunft ist für den Herbst belegt. Siegfried Kaufmann gab sich als Mechaniker aus.

Im Januar 1945 begannen bei strengem Frost die Todesmärsche nach Westen. Wer unterwegs zurückblieb, wurde erschossen. Siegfried und Gertrud Kaufmann überlebten. Alfred Kaufmann kam im Frühjahr 1945 ins Konzentrationslager Bergen Belsen, wo ihn die Alliierten befreiten.

 

Aktion „Dünamünde“: Mord an 5000 Menschen

Überlebende: Erika Mannheimer, verheiratete Oppenheimer. Hinter ihr: ihre Mutter Lina Mannheimer. Foto: Richard Oppenheimer

Etwa 5000 Juden wurden 1942 in Riga bei der Aktion „Dünamünde“ ermordet – unter ihnen auch 60 bis 120 Deportierte aus Kassel. Erika Oppenheimer berichtet:

„Anfang Februar, es war ein Sonntagmorgen, wurde gepfiffen. Alles musste auf der Hauptstraße im Ghetto antreten. Wir wurden in Reihen aufgestellt, es waren drei oder vier Reihen hintereinander. […] Ich stand in der ersten Reihe. Ghetto-Kommandeur Obersturmbannführer Kurt Krause ging langsam die Reihen ab und holte mit seinem kleinen Rohrstöckchen die Leute aus Reih und Glied heraus. Er deutete auf die Leute und sagte: ,Du, Du, Du’ usw. Die Leute mussten sofort heraustreten. In der Leipziger Straße des Ghettos standen ca. 10 LKW´s. Die Leute wurden mit Schimpfworten wie, ,Schweinehund’, ,Macht los ihr Saujuden’ auf die LKWs getrieben. Sobald einer voll war, kam der nächste LKW.

Ich kannte viele Leute, die auf diese Weise verschwanden. Ich selbst habe ca. 200 Leute wegkommen sehen. Es waren zumeist Alte und Kranke. Man hatte gesagt, die Leute kämen nach ,Dünamünde’. Lettische Juden sagten uns jedoch, ,Dünamünde existiert nicht, die Leute werden erschossen.’“

Danach „war ich drei Tage lang bei einem sogen. Aufräumungskommando. […] Dort musste ich Kleider von lettischen Juden sortieren, die in der Aktion erschossen worden waren. […] Die Kleidung war blutbefleckt und hatte Einschusslöcher. Man fand Briefe, Wertsachen und sogar ab und zu abgeschossene Körperteile. Ich selbst sortierte einen Mantel, in dem noch ein abgeschossener Arm steckte.“


      
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