Förderkreis
"Synagoge in Vöhl"
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Haus­schil­der sol­len an Ju­den er­in­nern

 

Haus­schil­der sol­len an Ju­den er­in­nern

För­der­kreis Syn­ago­ge in Vöhl lädt ein zur Ent­hül­lung am 3. De­zem­ber

Vöhl – Die Ge­schich­te der Vöh­ler Ju­den sicht­bar zu ma­chen ist ei­ne der In­ten­tio­nen des För­der­krei­ses Syn­ago­ge Vöhl. Neue Schil­der an Häu­sern, wo einst jü­di­sche Fa­mi­li­en leb­ten, sol­len de­ren Ver­gan­gen­heit auf­zei­gen. Am Sams­tag, 3. De­zem­ber, ab 10 Uhr, wer­den die ers­ten vier Haus­schil­der ent­hüllt.

In an­de­ren Or­ten wei­sen Stol­per­stei­ne auf die Schick­sa­le von Ju­den hin. In Vöhl sol­len nun die Haus­schil­der ent­spre­chen­de In­for­ma­tio­nen lie­fern, kün­digt Karl-Heinz Stadt­ler, der Vor­sit­zen­de des För­der­krei­ses, an. Ähn­lich dem Schild ne­ben dem Ein­gang der Syn­ago­ge sol­len an wei­te­ren Häu­sern und Or­ten Schil­der an­ge­bracht wer­den.

Chris­ti­an Schnatz aus Dorf-it­ter hat die Haus­schil­der aus Be­ton künst­le­risch ge­stal­tet. Per Smart­pho­ne kann man sich über ei­nen am Schild an­ge­brach­ten QR-Code wei­te­re In­for­ma­tio­nen ho­len: in ei­ni­gen Fäl­len Fo­tos der Per­so­nen, De­tails über ihr Le­ben so­wie die ei­ne oder an­de­re An­ek­do­te.

„Wir ha­ben un­heim­lich vie­le Bio­gra­fi­en von Vöh­ler Ju­den und von Ju­den aus dem gan­zen Land­kreis“, sagt Karl-Heinz Stadt­ler. Auf die vie­len Stamm­bäu­me, Fo­tos und In­for­ma­tio­nen kön­ne da­bei zu­rück­ge­grif­fen wer­den.

Es wer­den ne­ben den­je­ni­gen, die durch den Ho­lo­caust zu To­de ka­men, auch Ju­den be­rück­sich­tigt, die vor der Zeit des Drit­ten Rei­ches in Vöhl leb­ten.

An der Ent­hül­lung wer­den laut Karl-Heinz Stadt­ler der Land­rat Jür­gen van der Horst und Bür­ger­meis­ter Kars­ten Kal­hö­fer teil­neh­men. Auch Ab­ge­ord­ne­te aus dem Bun­des- und Land­tag sind ein­ge­la­den. Der Land­kreis un­ter­stützt das Pro­jekt fi­nan­zi­ell. Der För­der­kreis wür­de sich über vie­le In­ter­es­sier­te freu­en.

Ne­ben den Ei­gen­tü­mern und Be­woh­nern der vier Häu­ser sind be­son­ders auch die­je­ni­gen Be­sit­zer wei­te­rer Ge­bäu­de ein­ge­la­den, in de­nen frü­her Ju­den wohn­ten. In den nächs­ten Jah­ren sol­len nach und nach auch dort Schil­der mit ähn­li­chem Text be­fes­tigt wer­den, so­fern die Be­sit­zer ein­ver­stan­den sind. Ei­ni­ge ha­ben be­reits zu­ge­sagt. Even­tu­ell sol­len auch Schil­der in Ma­ri­en­ha­gen und Bas­dorf an Häu­ser an­ge­bracht wer­den, in de­nen frü­her Ju­den leb­ten. Dar­über hin­aus wird in Er­wä­gung ge­zo­gen, an sol­chen Stel­len In­for­ma­ti­ons­ta­feln auf­zu­stel­len, wo einst sol­che Häu­ser stan­den, die aber mitt­ler­wei­le ab­ge­ris­sen wor­den sind.

Die Ak­ti­on star­tet am 3. De­zem­ber um 10 Uhr am al­ten Haus Selzam an der Kreu­zung Bas­dor­fer Stra­ße/Mit­tel­gas­se; die wei­te­ren drei Häu­ser be­fin­den sich al­le in der Mit­tel­gas­se.

Die Ver­an­stal­ter emp­feh­len aus­wär­ti­gen Be­su­chern die Be­nut­zung des Park­plat­zes vor der Hen­kel­hal­le; der Fuß­weg be­trägt von dort ma­xi­mal fünf Mi­nu­ten; Orts­kun­di­ge kön­nen auch die Ab­kür­zung über den Schul­hof wäh­len.

In Ab­spra­che mit dem För­der­kreis ist der Land­gast­hof Ap­pel­baum am Sams­tag­mit­tag ge­öff­net. Es be­steht die Mög­lich­keit, nach der Ver­an­stal­tung bei Kaf­fee, Tee oder auch ei­nem Mit­tag­essen zu­sam­men­zu­kom­men. Te­le­fo­ni­sche Re­ser­vie­rung wird emp­foh­len.  srs

Puz­zle­tei­le für Fa­mi­li­en­chro­nik

 

Puz­zle­tei­le für Fa­mi­li­en­chro­nik

För­der­kreis er­hält neue In­for­ma­tio­nen über Ju­den aus Vöhl

 
Ei­ne Post­kar­te aus dem Jahr 1943 von Hil­de, ei­ner Cou­si­ne von Wal­ter, aus dem Durch­gangs­la­ger We­s­ter­bork.

Vöhl-Ma­ri­en­ha­gen – Es sind die al­ten Fo­tos der in Ausch­witz um­ge­brach­ten Cou­si­nen, es ist die Post­kar­te von Hil­de, der ein­zi­gen in ih­rer Fa­mi­lie, die den Ho­lo­caust über­leb­te, und es ist der letz­te Brief der Mut­ter, die 1943 in So­bi­bor starb: Zeug­nis­se, die die be­weg­te Fa­mi­li­en­ge­schich­te der Krat­zen­steins aus Ma­ri­en­ha­gen do­ku­men­tie­ren.

„Durch Zu­fall sind wir im In­ter­net auf ei­ne Sei­te ge­sto­ßen, auf der ein Mann die Fa­mi­li­en­chro­nik sei­nes Va­ters, der aus Ma­ri­en­ha­gen stamm­te, ver­öf­fent­licht hat“, sagt Karl-Heinz Stadt­ler vom För­der­kreis Syn­ago­ge Vöhl, der seit Jah­ren müh­sam die Stamm­bäu­me frü­he­rer Vöh­ler Ju­den zu­sam­men­stellt. Der Mann, der die Chro­nik ver­öf­fent­lich­te, ist Wal­ter Ernst Krat­zen­stein, der Sohn von Ju­li­us Krat­zen­stein, über den und des­sen Fa­mi­lie es nun „un­heim­lich vie­le neue In­for­ma­tio­nen“ gibt.

Ju­li­us Krat­zen­stein wur­de 1904 als das jüngs­te von vier Kin­dern des jü­di­schen Gast­wirts Se­lig Krat­zen­stein und sei­ner Frau Di­na ge­bo­ren. Die El­tern be­wohn­ten das in der Dorf­mit­te von Ma­ri­en­ha­gen ge­le­ge­ne al­te Land­schul­heim. Ju­li­us ge­noss ei­ne gu­te Schul­bil­dung, er stu­dier­te in Ber­lin Ge­schich­te, Phi­lo­so­phie und Päd­ago­gik. Er wur­de Rab­bi­ner. Die Le­bens­läu­fe sei­ner drei Ge­schwis­ter wa­ren dem För­der­kreis Syn­ago­ge Vöhl be­reits be­kannt. Zwei von ih­nen so­wie de­ren Kin­der wur­den de­por­tiert und star­ben in Kon­zen­tra­ti­ons- und Ar­beits­la­gern. „Über Ju­li­us wuss­ten wir nichts, au­ßer dass es ihn gibt und dass er ir­gend­wann weg­ge­gan­gen war“, so Stadt­ler. Dass Ju­li­us Krat­zen­stein nicht in Deutsch­land blieb, ret­te­te ihm wohl das Le­ben.

„Ju­li­us wech­sel­te zu­nächst zwi­schen Deutsch­land und der Schweiz und blieb schlie­ß­lich in der Schweiz. Die Schweiz be­grenz­te zeit­wei­se den Zu­zug von deut­schen Ju­den aus Angst, auch sie kön­ne An­griffs­ziel der Deut­schen wer­den.“ Ju­li­us lei­te­te in der zwei­ten Kriegs­hälf­te ei­ne Ein­rich­tung des Schwei­ze­ri­schen Ro­ten Kreu­zes, die sich um jü­di­sche Flücht­lin­ge küm­mer­te. Nach dem Krieg woll­te er Is­ra­el im Un­ab­hän­gig­keits­krieg hel­fen, folg­te aber bald sei­ner Fa­mi­lie – sei­ner Frau Ro­sa Ra­chel und sei­nem Sohn Wal­ter Ernst – in die USA. Im Al­ter von 80 Jah­ren be­such­te Ju­li­us Krat­zen­stein mit sei­nem Sohn Wal­ter und des­sen Frau Mi­chel­le Ma­ri­en­ha­gen und Vöhl. Er starb 1990 in Mi­chi­gan, USA.

Im Ge­bet wird die Angst klei­ner

 Im Ge­bet wird die Angst klei­ner

Gläu­bi­ge aus vier Re­li­gio­nen dis­ku­tie­ren über Kraft­quel­len in Kri­sen­zei­ten

Ob Glau­be in Kri­sen hilft, wel­che Ge­le­gen­hei­ten ent­ste­hen und was ver­säumt wur­de, dis­ku­tier­ten (von links) Dr. Ber­nar­do Fritz­sche, Mu­ham­met Bal­kan, Tahi­reh Setz, Franz Harb­ecke, und Ar­man­do Si­mon-Thie­len. Fo­to: hans pe­ter os­ter­hold

Vöhl – Ver­leiht ei­ne Re­li­gi­on Kraft in schwie­ri­gen Zei­ten? Ein her­aus­for­dern­des The­ma hat­ten sich die Mit­glie­der des Pro­jekts „Wei­ße Tau­be“, die sich seit meh­re­ren Jah­ren zu in­ter­re­li­giö­sen Ge­sprä­chen tref­fen, für ih­re Po­di­ums­dis­kus­si­on in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge in Vöhl ge­stellt. Es gab vier un­ter­schied­li­che ge­dank­li­che An­sät­ze, aber auch man­che Ge­mein­sam­kei­ten.

Zu­nächst hat­te der Vor­sit­zen­de des För­der­krei­ses der ehe­ma­li­gen Vöh­ler Syn­ago­ge, Karl-Heinz Stad­ler, die Gäs­te be­grü­ßt und ei­ne kur­zen Ab­riss über die Ge­schich­te des Hau­ses im 20. Jahr­hun­dert ge­ge­ben. Dann ging es mit kur­zen State­ments der Ver­tre­ter der vier ver­tre­te­nen Re­li­gio­nen ins The­ma.

Die Grund­la­ge des Ju­den­tums sei Ge­bet, Nächs­ten­lie­be und Um­kehr, sag­te Ar­man­do Si­mon-Thie­len und ging dann auf Pha­sen der jü­di­schen Ge­schich­te ein. Die Ju­den hät­ten vie­le Kri­sen in ih­rer Ge­schich­te er­lebt, im Exil in Ägyp­ten oder der ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft bei­spiels­wei­se. Die zehn Ge­bo­te sei­en ih­nen ge­ge­ben wor­den, um für die Ver­bes­se­rung der Welt ein­zu­tre­ten und die Tho­ra, als „die trans­por­ta­ble Hei­mat der Ju­den“.

Franz Harb­ecke sprach aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve. Und be­gann gleich mit kri­ti­schen Wor­ten. Die Rol­le der Re­li­gi­on in der Co­ro­na­zeit sei eher von Kraft­lo­sig­keit ge­prägt wor­den. Os­tern und an­de­re wich­ti­ge Fes­te sei­en aus­ge­fal­len: „Ha­ben wir da Kraft ge­zeigt?“ Das Zen­trum der Kraft der Chris­ten sei der Glau­be an Gott und an Je­sus Chris­tus. Je­sus ha­be die Lie­be Got­tes zu den Men­schen vor­ge­lebt, ge­heilt und ge­trös­tet. Das wer­de auch heu­te von den Chris­ten er­war­tet. Vie­le hät­ten sich in der Zeit der Pan­de­mie für an­de­re ein­ge­setzt. Kraft kom­me un­ter an­de­rem aus dem Ge­bet: „Dann wird die Angst klei­ner.“

In Kri­sen ist Ge­duld das Wich­tigs­te, sag­te Mu­ham­met Bal­kan aus Sicht des Is­lam. Gott ge­be Hoff­nung, Zu­flucht und Ge­duld. Kri­sen sei­en die Ge­le­gen­heit, die Gott­ver­ges­sen­heit zu über­win­den und Mit­leid und Er­bar­men für an­de­re an­zu­wen­den.

Dr. Ber­nar­do Fritz­sche be­trach­te­te die Rol­le der Re­li­gi­on in der Kri­se zu­nächst als Bahá’í und Me­di­zi­ner. Stu­di­en hät­ten ge­zeigt, dass Re­li­gi­on die Re­si­li­enz stei­ge­re, das schaf­fe Schutz für an­de­re. Auch die Hei­li­gen Schrif­ten könn­ten in Kri­sen hel­fen, Ängs­te zu be­sie­gen und Kraft ge­ben, sich und die Welt zu ver­än­dern.

Wie der Glau­be an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wer­den kön­ne, woll­te je­mand aus dem Pu­bli­kum wis­sen. Im Ju­den­tum sei das zu­nächst Auf­ga­be der Mut­ter, die mit Ge­be­ten und Ri­tua­len den Tag für die Fa­mi­lie ge­stal­te, sag­te Si­mon-Thie­len. Von kleins­ten Kin­des­bei­nen an wür­den vie­le fröh­li­che jü­di­sche Fes­te mit der gan­zen Fa­mi­lie und auch der Ge­mein­de ge­fei­ert. Das sei sehr prä­gend.

Franz Harb­ecke sieht das Vor­bild der Äl­te­ren als Chan­ce für die Fa­mi­lie und Ge­sell­schaft. „Ma­chen kön­nen wir den Glau­ben nicht, nur vor­le­ben.“ Für Mu­ham­met Bal­kan ge­hört Re­spekt da­zu, den vie­le Jün­ge­re nicht von ih­ren El­tern vor­ge­lebt be­kä­men. Aber er hat auch sei­ne Zwei­fel, ob das in je­der Fa­mi­lie funk­tio­niert. Wenn er mit­er­le­be, wie sich man­che El­tern bei El­tern­aben­den auf­führ­ten, tä­ten ihm die Leh­rer leid. Auch für Ber­nar­do Frit­sche ist das Vor­bild das Wich­tigs­te. Die Bahá’í lü­den zu Kin­der­tref­fen ein, bei de­nen „Tu­gen­den“ ver­mit­telt wer­den soll­ten. So­zia­les Ver­hal­ten wür­de viel­fach in der Fa­mi­lie nicht ver­mit­telt, was frü­her in der Großfa­mi­lie selbst­ver­ständ­lich war, ver­lau­te­te aus dem Pu­bli­kum. Die müs­se im Bil­dungs­sys­tem bes­ser ver­an­kert wer­den. Auch ge­he es beim Be­wäl­ti­gen von Kri­sen nicht in ers­ter Li­nie um Re­li­gi­on, son­dern um den per­sön­li­chen Glau­ben, dar­in wa­ren sich die meis­ten dann ei­nig. Der Abend en­de­te mit Ge­be­ten aus den vier be­tei­lig­ten Re­li­gio­nen. Die Po­di­ums­dis­kus­si­on wur­de en­ga­giert mo­de­riert von Tahi­reh Setz.

„Die Kraft der Re­li­gi­on in schwie­ri­gen Zei­ten“

 

„Die Kraft der Re­li­gi­on in schwie­ri­gen Zei­ten“

Lai­en ver­schie­de­nen Glau­bens dis­ku­tie­ren am 2. No­vem­ber in Vöh­ler Syn­ago­ge über Kri­sen

Über Glau­be und Kri­sen dis­ku­tie­ren (lin­kes Bild von links) Mu­ham­met Bal­kan, Franz Harb­ecke, Dr. Ber­nar­do Fritz­sche und (oben rechts) Ar­man­do Si­mon-Thie­len. Die Mo­dera­ti­on über­nimmt Tahi­reh Setz. Fo­tos: fig­ge/AR­CHIv/PR

Kor­bach/Vöhl – Co­ro­na, Wirt­schafts­kri­se und Krieg prä­gen den All­tag – wie hilft der Glau­be, durch die­se Zei­ten zu kom­men? Die Fra­ge stell­ten sich die Teil­neh­mer des Pro­jekts „Wei­ße Tau­be“, die re­gel­mä­ßig über re­li­giö­se Fra­gen spre­chen. Das The­ma für die nächs­te Po­di­ums­dis­kus­si­on mit Lai­en aus Ju­den­tum, Chris­ten­tum, Is­lam und Ba­hai­tum lau­tet als „Die Kraft der Re­li­gi­on in schwie­ri­gen Zei­ten“.

Sie be­ginnt am Mitt­woch, 2. No­vem­ber, um 19 Uhr in der Vöh­ler Syn­ago­ge: „Wir freu­en uns und fin­den es für das The­ma sehr an­ge­bracht, dass wir uns ge­ra­de in die­sen Räu­men tref­fen“, sag­te der Bahá’í, Dr. Ber­nar­do Fritz­sche. Die Ge­schich­te des jü­di­schen Vol­kes war von Kri­sen ge­prägt, er­klärt Ar­man­do Si­mon-Thie­len aus Wup­per­tal. Der Um­gang mit den Ver­nich­tungs­ver­su­chen sei al­so die ei­ne Säu­le sei­nes Bei­trags. Die an­de­re sei, wie sei­ne jü­di­sche Ge­mein­de in Wup­per­tal mit dem Krieg in der Ukrai­ne um­ge­he.

Als Christ an der Dis­kus­si­on be­tei­ligt sich erst­mals Franz Harb­ecke: „Schwe­re Zei­ten“ sei ein sehr wei­tes Feld, er wol­le sich auf die Co­ro­na-Kri­se kon­zen­trie­ren. „Die christ­li­chen Ge­mein­den in Deutsch­land ge­hen nicht ge­stärkt aus ihr her­vor“, be­fürch­tet er nach den Schlie­ßun­gen: In kri­ti­schen Mo­men­ten sei die Kir­che nicht sys­tem­re­le­vant ge­we­sen. „Den Be­griff ,schwe­re Zei­ten‘ darf man nicht nur aus heu­ti­ger Sicht se­hen, son­dern auch his­to­risch“, hält der Mos­lem Mu­ham­met Bal­kan fest: Die Men­schen hiel­ten in vie­len Kri­sen an der Re­li­gi­on fest – er ver­zeich­ne­te in Kor­bach nach den Co­ro­na-Lo­cke­run­gen denn auch sehr gro­ßen An­drang auf die Mo­schee.

„Was schwe­re Zei­ten sind, ist ganz in­di­vi­du­ell“, hält Ber­nar­do Fritz­sche fest: Ar­beits­ver­lust, Trau­er­fäl­le und psy­chi­sche Be­las­tun­gen ge­hör­ten eben­so da­zu – und Glau­be kön­ne auch dort Kraft ge­ben. Da be­stä­tig­ten Stu­di­en über die Aus­wir­kung von Re­li­gi­on auf kör­per­li­che wie geis­ti­ge Ge­sund­heit, die er be­leuch­ten will.

Neu zur Run­de stö­ßt die War­bur­ge­rin Tahi­reh Setz als Mo­de­ra­to­rin. Die Ju­ris­tin und wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin an der Uni Kas­sel er­klärt: „Ich fin­de es toll, solch ei­nen ge­mein­sa­men Lern- und Re­fle­xi­ons­raum zu ha­ben.“ Dar­in kä­men em­pi­ri­sche Da­ten und Ge­schich­te, In­spi­ra­ti­ons­quel­len und per­sön­li­che Er­leb­nis­se zu­sam­men. Der Dia­log un­ter Lai­en sei oft frucht­bar. Sie hof­fe auf vie­le Ge­dan­ken, um sich als Ein­zel­ner und Ge­sell­schaft auf die nächs­te Kri­se vor­zu­be­rei­ten.

Die Red­ner hal­ten je­weils ei­nen gut sie­ben­mi­nü­ti­gen Im­puls­vor­trag – die vie­len ver­schie­de­nen An­sät­ze bie­ten dann An­lass zur Dis­kus­si­on, blickt Mu­ham­met Bal­kan vor­aus. „Im An­schluss wer­den Ge­be­te aus al­len Re­li­gio­nen ge­spro­chen“, sagt Dr. Sie­bo Siuts, Mit­grün­der der Run­de – die Gäs­te sei­en ein­ge­la­den, sich ein­zu­brin­gen.

Tref­fen zur Ab­fahrt nach Vöhl ist am Mitt­woch um 18.30 Uhr am Hau­er­park­platz, um Fahr­ge­mein­schaf­ten zu bil­den.  wf

Versteigert, verkauft, verwertet

 

Versteigert, verkauft, verwertet

Liquidation jüdischen Eigentums – Erinnerung an Deportation vor 80 Jahren

 
Sie waren bei der Auswertung der Unterlagen dabei: (von links) Karl Heinz Stadtler, Susanne Sell, Elke Vogel und Nico Sell, hier an einer Stele „Für Toleranz und ein Miteinander der Religionen“ in Marienhagen. Foto: Dr. Heinrich Knoche

Vöhl-Marienhagen – Fast eine halbe Million Menschen jüdischer Herkunft lebten um 1933 in Deutschland. Sie wurden entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet. Ihre Habe wurde vom nationalsozialistischen Staat „verwertet“ – zu Geld gemacht. Wie es Rickchen Katzenstein aus Vöhl erging, ist noch dokumentiert.

Heide Müller, Susanne und Nico Sell, Elke Vogel, Karl-Heinz Stadtler sowie Dr. Heinrich Knoche haben die fast vollständig vorhandenen Archivunterlagen der Jahre 1930 bis 1945 der Gemeinde Marienhagen gesichtet und ausgewertet. Diese zeigen auf, dass Rickchen Katzenstein aus Vöhl von solcher Liquidation betroffen war. Dass die Unterlagen erhalten sind, ist für die Forschenden eine Überraschung. Normalerweise seien die Akten dieser Vorgänge alle vernichtet worden oder sie sind verschwunden.

Die Daten ermöglichen eine nahezu komplette chronologische Darstellung der zum Teil sehr komplexen Ereignisse. Der Grundstücksverkauf in Marienhagen war ein auferlegter indirekter Zwang, beschreibt Dr. Heinrich Knoche.

Das systematische Ineinandergreifen von Behörden, von Finanzämtern, Landeskulturabteilungen, Rechtsanwälten, Notaren, Finanzinstituten, Forstbehörden, Privatpersonen, Bürgermeistern und Gemeinderäten zur damaligen Zeit zeigt die gemeinsame Vorgehensweise auf, deren Folgen zum Teil bis in die gegenwärtige Zeit hineinreichen. So kaufte 1938 die Gemeinde von der Jüdin Friederike, genannt Rickchen, Katzenstein ein 0,54 Hektar großes Grundstück für umgerechnet 50 Euro, das zunächst mit der Forstbehörde gegen Wald getauscht wurde und letztlich an einen Bauern gegen ein anderes landwirtschaftliches Grundstück weiter veräußert wurde.

Rickchen Katzenstein (1870-1942) hat den Verkaufserlös nie erhalten. Sie wurde 1942 in Theresienstadt ermordet. Erst eine Erbengemeinschaft von ihr erhielt in einem Vergleichsurteil eines Landgerichtes im Jahr 1951 umgerechnet 1200 Euro als Wert für das Grundstück als Regress zugesprochen.

Aber auch Häuser, Wohnungen, Hausrat, Möbel und Kleidung, Fahrzeuge, Schmuck oder Tiere fielen an den nationalsozialistischen Staat, der sie verwertete und die Erlöse den Staatsfinanzen zuführte. Die Versteigerungen, die die Finanzbehörden zu diesem Zweck durchführen ließen, fanden in aller Öffentlichkeit statt – in Gaststätten, in Turnhallen und auf offener Straße. Zu Beginn der 1940er Jahre waren diese Versteigerungen fast alltägliche Ereignisse. Die Bevölkerung nahm regen Anteil und sah die Gelegenheit für „Schnäppchenkäufe“.

Oft wurden diese Auktionen aber auch direkt in der Wohnung des früheren Besitzers oder vor dem Haus durchgeführt. In beiden Fällen wussten die Käuferinnen und Käufer, woher die Tischdecke, der Anzug oder das Nachttischchen stammten, das sie erwarben.

So gelangten ungezählte Möbel, Geschirrteile, Kleidungs- und Wäschestücke, aber auch Kunstgegenstände in die deutschen Haushalte. Die Erlöse erhielten nicht die ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer, sondern die Staatskasse.

Bis heute sind von diesen Einrichtungs- und Alltagsgegenständen vermutlich zahllose in privatem Besitz, vielleicht in Gebrauch oder verstaut und vergraben unter den Besitztümern von zwei oder drei Generationen auf Dachböden und in Hauskellern. Bei Gelegenheit werden sie durch die Aufmerksamkeit interessierter Bürger oder Bürgerinnen entdeckt – und bestenfalls zurückgeführt.  red

Grau­en, Ge­den­ken und All­tag

 

Grau­en, Ge­den­ken und All­tag

Fo­to­aus­stel­lung zu The­re­si­en­stadt in der Vöh­ler Syn­ago­ge

„In dei­nen Mau­ern wohnt das Leid“: Die­sen Ti­tel trägt die Fo­to­aus­stel­lung, die Dr. Wolf­gang Wer­ner kürz­lich in der Vöh­ler Syn­ago­ge er­öff­net hat. Fo­to: Ar­min Hen­nig

Vöhl – „In dei­nen Mau­ern wohnt das Leid“ lau­tet der Ti­tel ei­ner Fo­to­aus­stel­lung zu The­re­si­en­stadt in der Vöh­ler Syn­ago­ge. Zu se­hen sind Bil­der von Al­exis und Dr. Wolf­gang Wer­ner, die ih­re Auf­nah­men aus dem Ghet­to in ana­lo­ger und di­gi­ta­ler Tech­nik vor­ge­nom­men hat­ten. Die Aus­stel­lung mit Auf­nah­men aus La­ger, Zi­ta­del­le und Li­di­ce run­det die Ver­an­stal­tungs­rei­he zum Ge­den­ken an die vor 80 Jah­ren durch­ge­führ­ten De­por­ta­tio­nen in das zu­meist als Sam­mel- und Durch­gangs­la­ger ge­nutz­te The­re­si­en­stadt ab.

Do­ku­men­te zur Iden­ti­tät und den Hin­ter­grün­den der be­trof­fe­nen Ju­den aus Vöhl sind eben­falls aus­ge­stellt, auch Aus­zü­ge aus dem Poe­sie­al­bum von Sel­ma Roth­schild (wir be­rich­te­ten).

Bei der Sicht auf das La­ger und die als Ge­fäng­nis ge­nutz­te Zi­ta­del­le der ba­ro­cken An­la­ge legt die Fo­to­kunst nicht nur den Fo­kus auf das Grau­en oder die Trau­er über die als Kon­se­quenz ei­ner mör­de­ri­schen Ideo­lo­gie ein­ge­sperr­ten und ge­tö­te­ten Men­schen. Mo­ment­auf­nah­men von Si­tua­tio­nen und Ein­bli­cke in Ge­bäu­de, in die längst wie­der der All­tag Ein­zug ge­hal­ten hat, run­den das Pan­ora­ma ab. In ei­ner Kon­stel­la­ti­on hän­gen ein Aus­schnitt des Gal­gens mit dem wie­der als Wohn­haus ge­nutz­ten La­ger­bau ne­ben­ein­an­der. Fried­hof und ge­hei­me Un­ter­grund­syn­ago­ge bil­den ein an­de­res Paar.

Den zwei­ten ein­drucks­vol­len Schwer­punkt bil­det das The­ma Li­di­ce, je­nes im Zu­ge der Re­pres­sa­li­en für das He­yd­rich-At­ten­tat voll­kom­men aus­ra­dier­te Dorf, des­sen er­wach­se­ne Be­völ­ke­rung hin­ge­rich­tet wur­de. Re­lik­te wie ein Chris­tus­tor­so und ei­ne zeit­ge­nös­si­sche Auf­nah­me der Kir­che ge­hö­ren eben­so zu den im Kon­zert­raum ge­zeig­ten Im­pres­sio­nen wie das Denk­mal für die Kin­der von Li­di­ce. Zehn von ih­nen soll­ten im Le­bens­born­pro­gramm ari­siert wer­den, wäh­rend die üb­ri­gen 180 der Ver­nich­tung an­heim fie­len.

Ei­gent­lich soll­te die Ver­an­stal­tung un­ter Be­tei­li­gung von Zeit­zeu­gen aus Hes­sen statt­fin­den, doch bei­de muss­ten aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den kurz­fris­tig ab­sa­gen. Stell­ver­tre­tend fun­gier­te das hr-fea­ture „Son­ny – ei­ne Ge­schich­te über den Ho­lo­caust, Ein­tracht und Frank­furt über Hel­mut Son­ne­berg als Ein­füh­rung. Dr. Wolf­gang Wer­ner er­gänz­te das Film­pro­gramm durch Aus­zü­ge aus den Me­moi­ren von Son­nys Halb­schwes­ter Li­lo Günz­ler, die mit Zu­stel­lung der „Trans­port­schei­ne“ und Ab­schied am Bahn­hof das un­mit­tel­ba­re Ent­set­zen stär­ker ak­zen­tu­ier­te als die stär­ker auf den Sport und die Ge­gen­wart fo­kus­sier­te Fern­seh­pro­duk­ti­on.

Die Aus­stel­lung ist vor und nach den Ver­an­stal­tun­gen zu­gäng­lich so wie je­den Sonn­tag­nach­mit­tag von 15 bis 17 Uhr.

Poe­sie­al­bum ei­ner Jü­din

Poe­sie­al­bum ei­ner Jü­din

Mehr als 140 Jah­re al­tes Buch an Syn­ago­ge in Vöhl über­ge­ben

 
Zei­len aus dem Poe­sie­al­bum von Sel­ma Roth­schild, ei­ner de­por­tier­ten Jü­din aus Vöhl. Das Poe­sie­al­bum hat Re­na­te Ma­haj aus Kor­bach ge­fun­den. Fo­to: Ste­fa­nie Rös­ner

Kor­bach/Vöhl – Der hüb­sche vio­let­te Ein­band mit dem ein­ge­präg­ten Wort „Al­bum“, um­rahmt von Mus­tern, die ei­ne fei­ne Struk­tur er­ge­ben, weckt so­fort die Neu­gier­de. Der Ge­ruch von al­tem Pa­pier lässt das Al­ter nur er­ah­nen. Dün­ne, ver­gilb­te Sei­ten mit per­sön­li­chen Ver­sen in fei­ner Süt­ter­lin-Hand­schrift, und ein­zel­ne Blät­ter, die dro­hen aus der Bin­dung zu fal­len: Das Poe­sie­al­bum von Sel­ma Roth­schild hat mehr als ein Jahr­hun­dert über­dau­ert.

„Für mich ist es ei­ne Sen­sa­ti­on“, sagt Karl-Heinz Stadt­ler. Der Vor­sit­zen­de des För­der­krei­ses Syn­ago­ge in Vöhl be­schäf­tigt sich seit vie­len Jah­ren mit den Ge­schich­ten der Ju­den, die in Vöhl leb­ten, be­vor sie von den Na­zis de­por­tiert wur­den. Dar­un­ter war auch Sel­ma Roth­schild, die als ei­ne von „Vöhls letz­ten Ju­den“ im Jahr 1942 in ei­nem Ver­nich­tungs­la­ger um­ge­bracht wur­de.

Um­so fas­zi­nie­ren­der ist das Ge­schenk an den För­der­kreis, den Re­na­te Ma­haj aus Kor­bach mög­lich ge­macht hat. Die 66-jäh­ri­ge Rent­ne­rin in­ter­es­siert sich für al­les, was in Süt­ter­lin ver­fasst ist. „Es macht mir Spaß, das zu über­set­zen.“ So stö­ber­te sie wie­der ein­mal im La­ger ei­nes Un­ter­neh­mens, das bei Haus­halts­auf­lö­sun­gen ent­rüm­pelt. Und sie stieß auf das al­te Al­bum, des­sen 48 Ein­trä­ge sie in Ver­ein­fach­te Aus­gangs­schrift über­trug.

„Auf dem Pfad, der dich durchs Le­ben lei­tet, sieh o Freun­din vie­le Ro­sen blü­hen. Und der Bach des Er­den­le­bens ge­lei­te sil­bern dir ins Meer der Zeit da­hin.“ Poe­ti­sche Sprü­che wie die­se en­den mit per­sön­li­chen Wor­ten: „Zur blei­ben­den Er­in­ne­rung an un­se­re Freund­schaft schrieb die­ses dei­ne Ro­sa Kai­ser“. Vöhl, den 27. De­zem­ber 1880. „Ich wur­de ganz trau­rig“, sagt Re­na­te Ma­haj. „Es ste­hen so vie­le lie­be Wün­sche dar­in. Doch sie ha­ben nichts ge­nützt. Die Ge­schich­te von Sel­ma Roth­schild hat so ein schlim­mes En­de ge­nom­men.“

Die Jü­din war am 10. Fe­bru­ar 1867 in Vöhl ge­bo­ren wor­den. Mit 13 Jah­ren hat­te sie ih­re ers­ten Freun­din­nen und Ver­wand­te in ihr Poe­sie­al­bum ein­tra­gen las­sen. Ins­ge­samt fin­den sich 48 Ein­trä­ge aus den Jah­ren zwi­schen 1880 bis 1901. Auch Er­in­ne­run­gen von Ho­tel­be­su­chern sind dar­in zu le­sen. Denn ihr Va­ter Mo­ritz Roth­schild be­trieb das an­ge­se­he­ne Ho­tel „Prinz Wil­helm“ in Vöhl.

In Schön­schrift ver­ewig­ten sich Weg­be­glei­te­rin­nen aus Vöhl, Gäs­te aus der Fer­ne, jü­di­sche und christ­li­che Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge und Be­kann­te, die Sel­ma Roth­schild Glück und Got­tes Se­gen wünsch­ten. Ein­zel­ne Sinn­sprü­che er­schei­nen im Nach­hin­ein ma­ka­ber: „Ler­ne lei­den oh­ne zu kla­gen.“

„Das Büch­lein muss da­hin, wo es her­ge­kom­men ist“, sag­te sich Re­na­te Ma­haj. Da­her hat sie es der Syn­ago­ge ge­schenkt. Aus wel­chem Haus­halt das Buch stammt, konn­ten Re­na­te Ma­haj und Karl-Heinz Stadt­ler bis­lang nicht er­fah­ren, wo­bei sie es zu ger­ne wüss­ten.

Fo­tos der Ori­gi­nal­sei­ten und die Tran­skrip­tio­nen sind nun im Mu­se­um der Syn­ago­ge so­wie auf der In­ter­net­sei­te syn­ago­ge-vo­ehl.de (Ru­brik „Vöh­ler Ju­den“ - „Die Syn­ago­ge in Vöhl“) zu se­hen. Elizabeth Foo­te aus Salt La­ke Ci­ty in den USA und Karl-Heinz Stadt­ler ha­ben zu­dem In­for­ma­tio­nen über die Per­so­nen, die sich im Poe­sie­al­bum ein­tru­gen, zu­sam­men­ge­stellt.

Das Poe­sie­al­bum soll re­stau­riert wer­den, was laut Karl-Heinz Stadt­ler meh­re­re Hun­dert Eu­ro kos­ten wird. Spen­den an den För­der­kreis „Syn­ago­ge in Vöhl“: Spar­kas­se Wal­deck-Fran­ken­berg; BIC: HELA­DE­F1­KOR; IBAN: DE 5652 3500 0500 0700 7222.

140 Jah­re al­tes Poe­sie­al­bum ei­ner Jü­din ge­fun­den

140 Jah­re al­tes Poe­sie­al­bum ei­ner Jü­din ge­fun­den

 

Im Zu­ge ei­ner Haus­halts­auf­lö­sung hat Re­na­te Ma­haj aus Kor­bach ei­nen klei­nen Schatz ge­fun­den: das Poe­sie­al­bum von Sel­ma Roth­schild, ei­ner Jü­din, die in Vöhl leb­te und 1942 von den Na­zis im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­linka ge­tö­tet wur­de. Re­na­te Ma­haj hat das mehr als 140 Jah­re al­te Poe­sie­al­bum an den För­der­kreis „Syn­ago­ge in Vöhl“ über­ge­ben. Des­sen Vor­sit­zen­der Karl-Heinz Stadt­ler nennt den Fund „ei­ne Sen­sa­ti­on“. Die Ein­trä­ge stam­men aus den Jah­ren von 1880 bis 1901. srs    Fo­to: STE­FA­NIE RÖS­NER ➔ SEI­TE 3

Mu­sik ver­bin­det Men­schen ver­schie­de­ner Kul­tu­ren

Mu­sik ver­bin­det Men­schen ver­schie­de­ner Kul­tu­ren

En­sem­ble „The Klez­mer Tu­nes“ gibt vir­tuo­ses Kon­zert in der Vöh­ler Syn­ago­ge

Mu­si­ker aus Russ­land und der Ukrai­ne: (von links) Igor Maz­rit­s­ky, Va­dim Baev und Di­mit­ri Schen­ker von „The Klez­mer Tu­nes“ er­hiel­ten viel Zwi­schen­ap­plaus. Fo­to: Nad­ja Ze­cher-Christ

Vöhl – Seit ei­nem hal­ben Jahr führt Russ­land ei­nen An­griffs­krieg ge­gen die Ukrai­ne. In schwie­ri­gen Zei­ten ist Mu­sik be­deut­sam, da sie Men­schen und Kul­tu­ren ver­bin­det. Solch ein har­mo­ni­sches Mit­ein­an­der zeig­te das En­sem­ble „The Klez­mer Tu­nes“ am Sams­tag­abend in der Vöh­ler Syn­ago­ge, denn zwei der Mu­si­ker stam­men aus Russ­land und ei­ner aus der Ukrai­ne.

Mit gran­dio­ser Vir­tuo­si­tät ver­zück­te die Grup­pe ih­re Zu­hö­re­rin­nen und Zu­hö­rer mit dem Pro­gramm „Back to Odes­sa“ und wur­de mit be­geis­ter­tem Zwi­schen­ap­plaus be­lohnt. Mit krea­ti­ven Ar­ran­ge­ments ver­lie­hen die Mu­si­ker alt­be­kann­ten Wer­ken ih­re per­sön­li­che No­te.

Zum ge­schmei­di­gen Klang von „Shalom/Let’s Be Hap­py“ schrit­ten Igor Maz­rit­s­ky (Vio­li­ni) und Di­mit­ri Schen­ker (Kla­ri­net­te) auf die Büh­ne, wo Va­dim Baev (Ak­kor­de­on) auf sie war­te­te. „Wir ge­ben heu­te al­les“, ver­sprach Schen­ker. Er hat­te nicht zu viel ver­spro­chen, da schon die la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Klän­ge von „Odom Nechome“ zahl­rei­che Fü­ße mit­wip­pen lie­ßen.

Mit­rei­ßend war auch die fin­ni­sche Pol­ka „Di Me­cha­je“. Me­lo­di­ös und tem­po­reich kam das Werk „Ta­tes Freilach“ da­her, das die Mu­si­ker „fröh­li­chen Vä­tern“ wid­me­ten. Auch die Da­men wur­den nicht ver­ges­sen – für sie er­klang das Swingstück „Bei mir bis­tu shein“ mit Ge­sang. Mit dem Rü­cken zum Pu­bli­kum star­te­ten die Mu­si­ker das Stück „Naf­tu­les Freilach“ des ein­fluss­rei­chen jü­di­schen Kla­ri­net­tis­ten Naf­tu­li Brand­wi­ne. Laut Schen­ker ha­be die­ser so ver­hin­dern wol­len, dass man sei­ne Tech­nik ko­pie­ren kön­ne. Mit­sin­gen war beim tra­di­tio­nel­len jid­di­schen Lied „As de Reb­be singt“ an­ge­sagt.

Eher ru­hi­ge Klän­ge er­tön­ten beim tra­di­tio­nel­len Schreit­tanz aus Ost­eu­ro­pa. Ei­ne klang­rei­che Zug­rei­se wur­de mit dem Werk „7.40 PM“ imi­tiert. Feu­ri­ge Klän­ge er­tön­ten beim ukrai­nisch-rus­si­schen Schla­ger „Be­ge­lach“, der den Ba­gel the­ma­ti­sier­te. Die Grup­pe spiel­te durch­weg Stü­cke in Moll, ei­ne Aus­nah­me bil­de­te „Bul­gar in Bb“, ein fröh­li­ches Stück in Dur vom be­rühm­ten Ukrai­ner Mul­ti­in­stru­men­ta­lis­ten Da­ve Tarras.

Auf ei­ne mu­si­ka­li­sche Rei­se durch die Ukrai­ne, Po­len, Ame­ri­ka, Aus­tra­li­en und Is­ra­el ent­führ­te das Trio mit dem fröh­li­chen „Freilach“. Laut­stark for­der­te das Pu­bli­kum am En­de zwei Zu­ga­ben von „The Klez­mer Tu­nes“ ein. Beim fi­na­len Stück „Ha­va Na­gi­la“ san­gen al­le Gäs­te aus vol­lem Hal­se mit.

Schre­cken der NS-Zeit auf­ge­zeigt

Schre­cken der NS-Zeit auf­ge­zeigt

Land­kul­tur­bo­ten stel­len in der Vöh­ler Syn­ago­ge ih­re Ab­schluss­pro­jek­te vor

Die Land­kul­tur­bo­ten und ih­re Un­ter­stüt­zer: (von links) Le­na Sell mit Lu­cky, Ni­co Sell, Ca­ra Rich­ter, Lui­sa Wil­ke, Ma­li Klö­cker, Kim­ber­ly Si­mon, Bür­ger­meis­ter Kars­ten Kal­hö­fer, Dr. Ste­fan Herr­mann, Ro­ta­ry Club Kor­bach-Bad Arol­sen, Karl-Heinz Stadt­ler, Vor­sit­zen­der des För­der­ver­eins. Fo­tos: Bar­ba­ra Lie­se

Vöhl – „Wir sind le­gal bis zur letz­ten Gal­gen­spros­se, aber ge­henkt wird doch.“ Mit die­sem Zi­tat von Jo­seph Go­eb­bels be­en­de­te Lui­sa Wil­ke ih­re be­ein­dru­cken­de Pro­jekt­prä­sen­ta­ti­on in der Syn­ago­ge in Vöhl. Sie ist ei­ne der sechs Schü­le­rin­nen und Schü­le­rin­nen, die in die­sem Jahr an dem Pro­jekt Land­kul­tur­bo­ten des För­der­krei­ses Syn­ago­ge in Vöhl teil­nah­men.

Nach ei­ner Ein­füh­rung in die Ge­schich­te des Ge­bäu­des, die Ent­wick­lung jü­di­schen Le­bens in der Ge­mein­de und das Ver­schwin­den der jü­di­schen Fa­mi­li­en über­nah­men die jun­gen Land­kul­tur­bo­ten wäh­rend der Som­mer­fe­ri­en die Füh­run­gen durch das Haus. Gleich­zei­tig ar­bei­te­ten sie je­weils an ei­nem per­sön­li­chen Pro­jekt zu ei­nem The­ma ih­rer Wahl.

„Die­se Grup­pe war sehr en­ga­giert und selbst­stän­dig“, freu­te sich der Vor­sit­zen­de des För­der­krei­se, Karl-Heinz Stad­ler. „Hier zu ar­bei­ten ist ei­ne be­son­de­re und an­spruchs­vol­le Auf­ga­be. Ich konn­te die­ser Grup­pe von An­fang an ver­trau­en. Das In­ter­es­se der Ju­gend­li­chen an den The­men, mit de­nen sie bei uns kon­fron­tiert wer­den, und die In­ten­si­tät, mit der sie an ih­rem Pro­jekt ar­bei­ten ist be­mer­kens­wert“, be­ton­te er.

Lui­sa Wil­ke ist Schü­le­rin der Al­ten Lan­des­schu­le in Kor­bach. Mit gro­ßer Sorg­falt hat­te sie ih­ren Vor­trag zu dem kom­ple­xen The­ma „Von der Dik­ta­tur zur De­mo­kra­tie“ vor­be­rei­tet. Es ge­lang ihr, sach­lich und wert­frei den ge­setz­lich le­ga­len Weg Deutsch­lands von der De­mo­kra­tie zur Dik­ta­tur nach­zu­zeich­nen. Sie ver­zich­te­te auf Schuld­zu­wei­sun­gen und per­sön­li­che oder po­li­ti­sche Bot­schaf­ten. Ge­ra­de die­se Neu­tra­li­tät er­mög­lich­te ei­nen frei­en Blick auf die Ver­ant­wor­tung je­des Ein­zel­nen, auch in ei­ner funk­tio­nie­ren­den De­mo­kra­tie wach­sam zu sein.

Die fol­gen­den Prä­sen­ta­tio­nen the­ma­ti­sier­ten die Fol­gen des 30. Ja­nu­ar 1933. Sorg­fäl­tig re­cher­chier­te Fak­ten und Zu­sam­men­hän­ge stan­den auch hier im Vor­der­grund. Ge­ra­de das aber ließ die ge­schil­der­ten Schre­cken des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­son­ders klar er­schei­nen.

Ma­li Klö­cker aus Ma­ri­en­ha­gen, be­rich­te­te von Kin­dern und Ju­gend­li­chen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. Ne­ben nüch­ter­nen Zah­len hat­te sie sehr emo­tio­na­le Ge­schich­ten zu er­zäh­len, von den Kin­dern, die sie die „ver­ges­se­nen Kin­der“ nann­te.

Kim­ber­ley Si­mon ist schon zum zwei­ten Mal Land­kul­tur­bo­tin. Sie hat sich in ih­rer Mut­ter­spra­che in der Haupt­sa­che um den Aus­bau des eng­li­schen Teils des In­ter­net­auf­tritts ge­küm­mert. Mit dem The­ma „Ju­den­ver­fol­gung im Mit­tel­al­ter“ gab sie au­ßer­dem ei­nen ge­schicht­li­chen Über­blick über die Zeit und die Ver­fol­gun­gen, die die Ju­den vor al­lem im Zu­sam­men­hang mit an­de­ren Re­li­gio­nen er­le­ben muss­ten.

Ca­ra Rich­ter ist eben­falls Schü­le­rin der Al­ten Lan­des­schu­le. „Das Son­der­kom­man­do von Ausch­witz war die schreck­lichs­te Auf­ga­be, die die SS ei­nem Häft­ling zu­tei­len konn­te“, er­fuhr man in ih­rem Vor­trag. Die Häft­lin­ge muss­ten die Kre­ma­to­ri­en des Ver­nich­tungs­la­gers be­die­nen, die Er­mor­de­ten aus den Gas­kam­mern ent­fer­nen, sie be­rau­ben, ver­bren­nen und am En­de be­sei­ti­gen. Sie wa­ren Op­fer und Hel­fer zu­gleich; ge­hasst von bei­den Sei­ten und im­mer selbst dem Tod ge­weiht.

Ni­ko Sell aus Ma­ri­en­ha­gen ist eben­falls zum zwei­ten Mal Land­kul­tur­bo­te in der Syn­ago­ge. Für sein Pro­jekt „Pol­ni­sche Zwangs­ar­bei­ter“ fand er mit dem so­ge­nann­ten „Po­len­kreuz“ bei ei­nem Wald­stück „Am Knapp“ in Herz­hau­sen ei­nen di­rek­ten re­gio­na­len Be­zug.

Dort wo heu­te das Ge­denk­kreuz steht, jährt sich in die­sem Jahr zum acht­zigs­ten Mal der Tag der Er­mor­dung von sechs pol­ni­schen Zwangs­ar­bei­tern. „Für den 19. De­zem­ber, dem To­des­tag, ha­ben wir wie­der ei­ne Ge­denk­fei­er ge­plant, Ni­kos Ar­beit wird da­bei si­cher ei­ne gro­ße Rol­le spie­len“, kün­dig­te Karl Heinz Stadt­ler an.

Le­na Sell konn­te das gro­ße The­ma „Ari­sie­rung und Re­sti­tu­ti­on“ in ih­rem Hei­mat­ort Ma­ri­en­ha­gen nach­emp­fin­den. Die „Ari­sie­rung“ und Ent­eig­nung jü­di­schen Ei­gen­tums war ein sehr ein kom­ple­xer po­li­ti­scher und ge­sell­schaft­li­cher Pro­zess mit vie­len Be­tei­lig­ten. Der Weg zu ei­ner Wie­der­gut­ma­chung nach dem Zwei­ten Welt­krieg war lang­wie­rig und kom­pli­ziert. Auch in Ma­ri­en­ha­gen fiel die An­er­ken­nung und Un­ter­stüt­zung der Be­tref­fen­den den Be­hör­den schwer.

syn­ago­ge-vo­ehl.de


Sarah Küpfer sprach für alle den Sabbat-Segen.

Es ist Freitagabend, kurz vor Sonnenuntergang. Zwischen all den Informationen der Präsentationen und Gefühlen, die mit den Erinnerungen auflebten, überraschte Sarah Küpfer in der Vöhler Synagoge mit einem weiß gedeckten Tisch. Auf ihm stehen zwei Kerzen, Wein und Brot bereit für den Kiddusch, dem Segensspruch über Wein und Brot. Sie spricht für alle den Segen, der den Sabbat, den Ruhetag im Judentum, einläutet.  bl

Kul­tur an be­son­de­ren Or­ten

 

Kul­tur an be­son­de­ren Or­ten

Ver­an­stal­tun­gen zum Tag des of­fe­nen Denk­mals vom 9. bis 11. Sep­tem­ber

„Hör-mal im Denk­mal“: Für die Ver­an­stal­tun­gen zum Tag des of­fe­nen Denk­mals wer­ben vor der Vöh­ler Syn­ago­ge (von links) An­na Evers, Karl-Heinz Stadt­ler, Bir­git Ga­bri­el, Bet­ti­na Riehl, Son­ja Klein, Ul­la Kü­t­he, Sa­bi­ne Te­pel-Her­ren­dorf, Jür­gen Al­brecht, Sa­rah Küp­fer so­wie Kim Si­mon und Lui­sa Wil­ke als Land­kul­tur­bo­ten. Fo­to: Ste­fa­nie Rös­ner

Wal­deck-Fran­ken­berg – Von klas­si­scher Mu­sik bis Ka­ba­rett wird zum Tag des of­fe­nen Denk­mals Kul­tur an be­son­de­ren Or­ten ge­bo­ten. Vom 9. bis 11. Sep­tem­ber wer­den in Adorf, Flecht­dorf, Vöhl und Fran­ken­berg an­spruchs­vol­le Kon­zer­te und Klein­kunst zu er­schwing­li­chen Prei­sen zu er­le­ben sein.

In der evan­ge­li­schen Kir­che in Adorf wird am Frei­tag, 9. Sep­tem­ber, um 20 Uhr Phil­ipp We­ber auf­tre­ten. Der Ka­ba­ret­tist wird sein Pro­gramm „Durst – War­ten auf Mer­lot“ zum Bes­ten ge­ben. Der Che­mi­ker und Bio­lo­ge will sein Pu­bli­kum in die Ab­stru­si­tä­ten der flüs­si­gen Le­bens­mit­tel­be­zeich­nun­gen ent­füh­ren.

In der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge Vöhl wer­den am Sams­tag, 10. Sep­tem­ber, um 19 Uhr die „Klez­mer Tu­nes“ ihr an­spre­chen­des Pro­gramm mit dem Ti­tel „Back to Odes­sa“ prä­sen­tie­ren. Die Mu­si­ker ver­ar­bei­ten ein­gän­gi­ge Me­lo­di­en aus der jü­di­schen Klez­mer­mu­sik auf ih­re in­di­vi­du­el­le Art.

In der Lieb­frau­en­kir­che in Fran­ken­berg wird am Sonn­tag, 11. Sep­tem­ber, eben­falls Mu­sik er­klin­gen. Um 18 Uhr wer­den dort die Stim­men von den fünf Sän­gern von „Vo­cal­den­te“ zu hö­ren sein – ei­nem Vo­kal­quin­tett aus Han­no­ver. In ih­rem Pro­gramm „In the Air“ wer­den sie Stü­cke von den Co­me­di­an Har­mo­nists bis hin zu Tay­lor Swift auf­füh­ren. Eben­falls an dem Sonn­tag wird das „Ar­ta­ria Quar­tett“ in der Klos­ter­kir­che in Flecht­dorf klas­si­sche Mu­sik spie­len. Dar­un­ter wer­den Stü­cke von Beet­ho­ven sein, kom­po­niert für vier Streich­in­stru­men­te. Be­ginn ist um 18 Uhr.

Wie schwie­rig es für die Aus­rich­ter ist, Kon­zer­te zu fi­nan­zie­ren, er­klär­te Karl-Heinz Stadt­ler vom För­der­kreis der Syn­ago­ge Vöhl bei ei­nem ge­mein­sa­men Ter­min der Ver­an­stal­ter. Seit der Co­ro­na-Pan­de­mie wür­den we­ni­ger Men­schen die kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen be­su­chen, was we­ni­ger Ein­nah­men brin­ge. Um­so hilf­rei­cher sei die Fi­nan­zie­rung an­läss­lich des Tags des of­fe­nen Denk­mals.

„Hör-mal im Denk­mal“ hei­ßt das Pro­jekt, das von der Spar­kas­sen-Kul­tur­stif­tung Hes­sen-Thü­rin­gen mit 10 000 Eu­ro ge­för­dert wird. „Wir sind die Geld­ge­ber, das Pro­jekt lebt aber von den Men­schen vor Ort, die sich dar­um küm­mern“, lob­te Bet­ti­na Riehl von der Spar­kas­sen-Kul­tur­stif­tung die Eh­ren­amt­li­chen.

„Die Kul­tur ist zu­letzt oft hin­ten run­ter­ge­fal­len“, sag­te Son­ja Klein, Mit­glied des Vor­stan­des der Spar­kas­se Wal­deck-Fran­ken­berg. Da­her sei­en die An­ge­bo­te zum Tag des of­fe­nen Denk­mals ein wich­ti­ger Bei­trag zu­guns­ten der Re­gi­on.

„Wir hof­fen, dass wir un­se­re treu­en Zu­hö­rer an­spre­chen, aber auch neue Grup­pen er­rei­chen“, sag­te Bir­git Ga­bri­el vom Kul­tur­ring Fran­ken­berg. Auch Ver­tre­ter des För­der­ver­eins Klos­ter Flecht­dorf, der evan­ge­li­schen Kir­che Adorf und des För­der­krei­ses Syn­ago­ge Vöhl stell­ten ih­re Ver­an­stal­tun­gen vor und war­ben für den Be­such.

Die At­mo­sphä­re in den ge­pfleg­ten his­to­ri­schen Ge­bäu­den soll be­son­ders reiz­voll sein.  srs

Rei­se durch vie­le Mu­sik­sti­le

 

Rei­se durch vie­le Mu­sik­sti­le

A-cap­pel­la-En­sem­ble „de­zi­bel­les“ er­hält viel Bei­fall in der Vöh­ler Syn­ago­ge

Ge­sang vom Feins­ten: Das mehr­fach preis­ge­krön­te A-cap­pel­la-En­sem­ble „de­zi­bel­les“ mit Ni­co­le Hitz, Au­de Frey­bur­ger, Da­nie­la Vil­li­ger und Edi­tha Lam­bert prä­sen­tier­te dem Pu­bli­kum auch neue Lie­der. Fo­to: Ar­min Hen­nig

Vöhl – Die „de­zi­bel­les“ be­scher­ten in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge in Vöhl ei­nen gern ge­hör­ten Über­ra­schungs­coup im Pro­gramm für den Som­mer. Un­ter dem Ti­tel „Best of“ prä­sen­tier­te das mehr­fach preis­ge­krön­te A-cap­pel­la-En­sem­ble nicht nur Hö­he­punk­te aus den vor­he­ri­gen vier Al­ben oder längst kon­zertrei­fe No­vi­tä­ten, son­dern wag­te sich auch mit ab­so­lu­ten Pre­mie­ren vor das Pu­bli­kum.

Sei­ne Feu­er­tau­fe auf der Büh­ne be­stand auch die Quar­tett-Ver­si­on von Imo­gen Heaps „Hi­de and Seek“. Die Vor­la­ge hat­te die Künst­le­rin mit sich selbst und zahl­rei­chen Ton­spu­ren der ei­ge­nen Stim­me ein­ge­spielt, bei Ni­co­le Hitz, Au­de Frey­bur­ger (bei­de So­pran), Da­nie­la Vil­li­ger (Mez­zo) und Edi­tha Lam­bert (alt) ka­men sämt­li­che Tö­ne spon­tan und live aus vier un­ter­schied­li­chen Keh­len, gleich­be­deu­tend mit ei­ner Of­fen­ba­rung für al­le Zu­hö­re­rin­nen und Zu­hö­rer.

Die Auf­füh­rung ei­nes noch nie im Kon­zert ge­hör­ten, aber sonst pha­sen­wei­se om­ni­prä­sen­ten Er­folgs­ti­tels er­reich­te auf An­hieb höchs­te Zu­stim­mungs­wer­te beim Pu­bli­kum, ganz an­ders ver­hielt es sich oft bei un­be­kann­tem Lied­gut. Mit ih­rer Hom­mage an die jen­seits der Schwei­zer Gren­zen nicht ganz so po­pu­lä­re Mu­sik der Hei­mat setz­te sich das Quar­tett zum Auf­takt der mu­si­ka­li­schen Rei­se durch sämt­li­che Sti­le selbst ein we­nig un­ter Über­zeu­gungs­druck.

Doch klin­gen­de Na­tur­schau­spie­le wie das Gip­fel­glück „Lue­gid“ oder „Som­mertid“ mit der Re­ak­ti­on zwei­er Lie­ben­der auf die Stern­schnup­pe, die für die Tren­nung ei­nes an­de­ren Paars steht, er­wie­sen sich als wir­kungs­vol­le Ap­pel­le an Ge­hör und Ge­müt, die auch oh­ne die Vor­ge­schich­te funk­tio­nier­ten.

Als vir­tuo­ses Spiel mit dem mu­si­ka­li­schen Vor­wis­sen des Pu­bli­kums er­wies sich da­ge­gen das „Mond­mas­hup“, das sich aus der Vor­auswahl für das jüngs­te Al­bum er­gab, das ei­ne Rei­se durch den Welt­raum zum The­ma hat. „Wir hat­ten ge­nü­gend Mond­mu­sik für ein gan­zes Al­bum“, gab Da­nie­la Vil­li­ger ei­nen Hin­weis auf die Viel­zahl der Stü­cke, die in der the­ma­ti­schen Col­la­ge mehr oder min­der pro­mi­nent zur Gel­tung ka­men. Auf das „Mond­lied“ von Mat­thi­as Clau­di­us hat­ten wohl al­le ge­rech­net, doch Beet­ho­vens „Mond­schein­so­na­te“ kam beim stil­über­grei­fen­den Welt­mu­sik­spek­ta­kel eben­so zur Gel­tung wie „Hi­jo de la Lu­na“, „Moon Ri­ver“ oder der Jazz-Stan­dard „Fly me to the Moon“. Wenn es über­haupt ei­ne sti­lis­ti­sche Lü­cke ge­ge­ben hat­te, dann Rap. Der me­lo­di­sche Sprech­ge­sang von „So Far“ schloss nach dem Ver­klin­gen des stür­mi­schen Bei­fal­les die­se Lü­cke. Als ko­mi­scher Hö­he­punkt der zwei­ten Hälf­te er­wies sich der cho­reo­gra­fier­te Flug mit sämt­li­chen Re­ak­tio­nen des Pas­sa­giers, der mit ei­nem „Cam­pa­ri So­da“ al­le Pro­ble­me hin­ter sich las­sen möch­te.

„Power-Frau­en“ aus­ge­zeich­net

 

„Power-Frau­en“ aus­ge­zeich­net

Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Som­mer wür­digt Ver­diens­te auf vie­len The­men­fel­dern

Aus­ge­zeich­net als „Spit­ze“ in ih­ren Leis­tun­gen: Die Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Dr. Da­nie­la Som­mer (6. von links) hat en­ga­gier­te Frau­en aus dem Land­kreis aus­ge­zeich­net. Fo­to: Wil­helm Wa­gener

Wal­deck-Fran­ken­berg – Frau­en, die pri­vat, im Eh­ren­amt oder im Be­ruf Vor­bild­li­ches für die Ge­sell­schaft im Land­kreis leis­ten, sind in Man­dern von der hei­mi­schen SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Dr. Da­nie­la Som­mer aus­ge­zeich­net wor­den. Mot­to: „Power-Frau­en in Wal­deck-Fran­ken­berg – du bist Spit­ze“.

„Al­le Frau­en, die be­wor­ben wur­den, sind auf ih­re Art und Wei­se spit­ze und ha­ben die Aus­zeich­nung ver­dient“, sag­te Da­nie­la Som­mer. „Oft agie­ren Frau­en im Stil­len und Ver­bor­ge­nen und wer­den da­für nicht aus­ge­zeich­net. Und das, ob­wohl sie für die Ge­sell­schaft Gro­ßes leis­ten. Die­ses En­ga­ge­ment will ich her­aus­he­ben und wür­di­gen.“

Die Eh­rung er­hiel­ten:

Aus der Gym­nas­tik­spar­te „Gym Step“ des TV Volk­mar­sen An­drea Riehl, Ka­rin Rest, Bar­ba­ra Tep­pe-Rest und Ni­co­le An­ed­da-Kempf. Sie al­le sind seit den 1990er Jah­ren in un­ter­schied­li­chen Funk­tio­nen im Ver­ein tä­tig, nicht al­lein in Sa­chen Gym­nas­tik.

Hil­de­gard Be­cker aus Die­mel­see ist Mit­be­grün­de­rin der Ar­beits­grup­pe Wal­deck‘sches Platt, en­ga­giert sich im För­der­ver­ein Klos­ter Flecht­dorf und im Wal­deck­schen Ge­schichts­ver­ein.

Re­na­te Drech­sel aus Bat­ten­berg ist seit 27 Jah­ren viel­fach ak­tiv im VdK-Orts­ver­band und bau­te das Nach­bar­schafts­netz­werk in Bat­ten­berg mit auf. Sie fährt den Bür­ger­bus, bie­tet mit ih­rem Au­to Fahr­ten zum Ein­kau­fen und zum Arzt an und or­ga­ni­siert ein Re­pa­ra­tur-Ca­fé.

An­na Evers aus Vöhl ist Vor­stands­mit­glied im För­der­ver­ein Syn­ago­ge, in dem sie sich man­nig­fal­tig en­ga­giert und leis­tet seit 30 Jah­ren Vor­stands­ar­beit im Ge­schichts­ver­ein It­ter-Hes­sen­stein.

Chris­ti­ne Go­ebel aus Bad Wil­dun­gen ar­bei­tet in der ka­tho­li­schen Kir­che und im Hos­piz­ver­ein eh­ren­amt­lich, den sie mit­ge­grün­det hat. 1981 schon rich­te­te sie ei­nen Be­su­cher­dienst für Kli­ni­ken mit ein, ist Ca­ri­tas Vor­sit­zen­de und im Ver­ein „Wir für uns“ tä­tig.

Wal­traud Stan­ko­witz aus Bat­ten­berg wur­de von ih­ren Mann vor­ge­schla­gen, be­treut seit Jah­ren die Re­ha­s­port­grup­pe des TSV Bat­ten­berg mit al­lem Drum und Dran.

Mir­jam Wee­gels aus Do­den­au ist ein ab­so­lu­ter Fa­mi­li­en­mensch. Seit Jahr­zehn­ten wirkt sie eh­ren­amt­lich in Frau­en­chor, Kir­chen­chor, bei der Pfle­ge des Au­ßen­ge­län­des der Kir­che in Al­len­dorf, leis­tet Vor­stands­ar­beit und or­ga­ni­siert Ver­an­stal­tun­gen mit. Sie ar­bei­tet im Se­nio­ren­heim auf der Burg in Fran­ken­berg und tritt als ver.​di-Mit­glied für bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen ein.

Ute Cla­ßen aus Eder­tal ist seit 1993 eh­ren­amt­lich in der Evan­ge­li­schen Ge­mein­schaft tä­tig. Seit dem Jahr 2013 ist sie ak­tiv für ge­flüch­te­te Men­schen bei den The­men In­te­gra­ti­on, Asyl, Un­ter­stüt­zung bei Be­hör­den und Arzt­be­su­chen, Ori­en­tie­rung. Sie ko­or­di­niert die Grund­la­gen­ar­beit der Flücht­lings­hil­fe­VIA in Bad Wil­dun­gen.

Die jüngs­te der ge­ehr­ten Frau­en ist No­el Back­haus. Sie ist Trä­ge­rin des „Lu-Rö­der-Prei­ses“ des Lan­des­sport­bun­des 2021, Ab­tei­lungs­lei­te­rin Bad­min­ton und High­wal­kers beim TSV Kor­bach. 2010 star­te­te sie mit Voll­gas in die Eh­ren­amt­lich­keit mit vie­ler­lei Trai­nings­li­zen­zen und als Fuß­ball­schieds­rich­te­rin. 2004 war sie Staf­fel­läu­fe­rin von Kor­bach nach Athen zu den Olym­pi­schen Spie­len.

Al­le Ge­ehr­ten be­ka­men ei­ne Ur­kun­de, ein Prä­sent und ei­ne Fla­sche Wein. Ei­ne Ju­ry sprach au­ßer­dem Ute Gla­ßen und Chris­ti­ne Go­ebel je ei­nen Gut­schein für ei­ne Rei­se nach Wies­ba­den und No­el Back­haus ei­ne Rei­se nach Ber­lin zu.  wiw

„Pu­tin fühlt sich auf his­to­ri­scher Mis­si­on“

„Pu­tin fühlt sich auf his­to­ri­scher Mis­si­on“

MON­TAGS­IN­TER­VIEW Der Ber­li­ner His­to­ri­ker Prof. Mi­cha­el Wildt über den Ukrai­ne-Krieg

 
Zer­stö­run­gen nach ei­nem rus­si­schen An­griff im Ukrai­ne-Krieg: Wie hier in der In­dus­trie­stadt Kra­ma­torsk ha­ben Pu­tins Trup­pen auch zahl­rei­che zi­vi­le Zie­le bom­bar­diert. Vie­le Be­woh­ner ha­ben al­les ver­lo­ren. Fo­to: Ana­to­lii Ste­pa­nov / AFP

Bei sei­nen For­schungs­ar­bei­ten über den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­schäf­tig­te sich der Ber­li­ner His­to­ri­ker Prof. Mi­cha­el Wildt auch mit dem An­griffs­krieg der Deut­schen auf Po­len und die da­ma­li­ge So­wjet­uni­on und mit den deut­schen Ver­nich­tungs­la­gern in Ost­eu­ro­pa. Er setz­te sich da­bei auch mit der Ge­schich­te der be­setz­ten Län­der aus­ein­an­der. Bei sei­nem Be­such in Vöhl sprach er mit un­se­rer Zei­tung über den am 24. Fe­bru­ar ent­fes­sel­ten Ukrai­ne-Krieg – der sei­ne his­to­ri­schen Di­men­sio­nen hat und tief in die ukrai­ni­sche Ge­schich­te führt.

Der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin spricht der Ukrai­ne of­fen­bar das Exis­tenz­recht ab und be­trach­tet sie als his­to­risch zu Russ­land ge­hö­rig. Die Ukrai­ner be­har­ren auf der Ei­gen­stän­dig­keit ih­rer Na­ti­on, ih­rer Kul­tur und ih­res Vol­kes. Wie be­ur­teilt der His­to­ri­ker den Ge­gen­satz?

Die ukrai­ni­sche Auf­fas­sung des Na­tio­nal­staa­tes ist völ­lig zeit­ge­mäß. Pu­tins Macht­an­spruch stammt aus dem Mit­tel­al­ter. Er sucht ei­ne his­to­ri­sche Le­gi­ti­mi­tät aus im­pe­ria­len Tra­di­tio­nen der Za­ren­zeit, die es nicht mehr gibt. Auch ich ha­be zu spät wahr­ge­nom­men, was Pu­tin in sei­nen Re­den ge­sagt hat, aber wir müs­sen ihn ernst neh­men: Pu­tin fühlt sich auf ei­ner his­to­ri­schen Mis­si­on.

Kanz­ler Olaf Scholz be­zeich­net den völ­ker­rechts­wid­ri­gen An­griffs­krieg Pu­tins als „Zei­ten­wen­de“. Lässt sich der Krieg be­reits his­to­risch ein­ord­nen?

Für Eu­ro­pa stellt der Krieg ei­nen Bruch mit der eu­ro­päi­schen Frie­dens­ord­nung und mit dem 1975 von der Kon­fe­renz über Si­cher­heit und Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa ge­schlos­se­nen Ver­trag von Hel­sin­ki dar. Da hat die rus­si­sche Füh­rung ei­ne Zä­sur ge­setzt, die tief geht. Es braucht ei­ne sehr lan­ge Zeit, bis wie­der Ver­trau­en ent­ste­hen kann und ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Russ­land mög­lich ist. Au­ßer­halb Eu­ro­pas zei­gen sich aber schon län­ger die im­pe­ria­len An­sprü­che Russ­lands, ob in Af­gha­ni­stan, in Sy­ri­en oder 2014 auf der Krim. Der deut­schen Po­li­tik ist erst sehr spät ge­wahr ge­wor­den, wel­che Plä­ne die rus­si­sche Re­gie­rung hat.

Al­ler­dings ist die nach 1945 ge­schaf­fe­ne Frie­dens­ord­nung der Welt schon ge­fähr­det.

In der Welt be­droht der An­griffs­krieg Russ­lands in ho­hem Ma­ße die Struk­tu­ren der Ver­ein­ten Na­tio­nen, nach de­nen die Gro­ß­mäch­te für Si­cher­heit und Aus­gleich sor­gen sol­len – Russ­land ist ja im UNO-Si­cher­heits­rat Ve­to­macht. Hier muss über die Struk­tu­ren der UNO nach­ge­dacht wer­den.

Für das heu­ti­ge Na­tio­nal­be­wusst­sein der Ukrai­ner ist of­fen­bar die Zeit zwi­schen der rus­si­schen Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 und dem Sieg der Ro­ten Ar­mee über Na­zi-Deutsch­land 1945 prä­gend. Wie war die Si­tua­ti­on in der heu­ti­gen Ukrai­ne zum En­de des Ers­ten Welt­kriegs?

In ost­eu­ro­päi­schen Län­dern wie in Po­len und der Ukrai­ne ist schon im 19. Jahr­hun­dert ein auf die Kul­tur aus­ge­rich­te­tes Na­tio­nal­be­wusst­sein auf­ge­kom­men. Mit dem Zer­fall des rus­si­schen Im­pe­ri­ums nach 1917 sind die Na­tio­nen dann auch als Na­tio­nal­staa­ten ent­stan­den. Auf dem Ge­biet der heu­ti­gen Ukrai­ne ha­ben aber et­li­che Kräf­te in ei­nem ver­hee­ren­den Bür­ger­krieg über die Vor­herr­schaft ge­kämpft.

Der Sieg der Ro­ten Ar­mee im Bür­ger­krieg be­en­de­te 1920 die Un­ab­hän­gig­keit der Ukrai­ne, das Bal­ti­kum wur­de durch den Hit­ler-Sta­lin-Pakt 1939 so­wje­tisch, Po­len wur­de ge­teilt. Wie hat sich die Si­tua­ti­on für die Ukrai­ner nach dem Be­ginn des deut­schen An­griffs- und Ver­nich­tungs­kriegs ge­gen die So­wjet­uni­on im Ju­ni 1941 ge­än­dert?

Im Bal­ti­kum und in der Ukrai­ne gab es Na­tio­nal­be­we­gun­gen un­ter­schied­li­cher Schat­tie­run­gen. Sie ha­ben ge­hofft, durch ein Bünd­nis mit den Deut­schen ge­gen die so­wje­ti­sche Herr­schaft ih­re Na­tio­nal­staat­lich­keit wie­der­zu­ge­win­nen. Auf deut­scher Sei­te war aber von An­fang an klar, dass kei­ne Na­tio­nal­staa­ten ent­ste­hen soll­ten. Es ging viel­mehr dar­um, Län­der wie die Ukrai­ne aus­zu­plün­dern. Die Wehr­macht soll­te sich aus dem Land er­näh­ren. Es war der deut­schen Füh­rung völ­lig klar, dass die Agrar­res­sour­cen nicht aus­reich­ten, es war ihr klar, dass Mil­lio­nen Men­schen des­halb ver­hun­gern wür­den.

Ein wich­ti­ger, aber um­strit­te­ner Mann die­ser Zeit ist der ukrai­ni­sche Par­ti­sa­nen­füh­rer Ste­pan Ban­de­ra: Für die ei­nen ist er bis heu­te ein Frei­heits­kämp­fer, für an­de­re ein fa­na­ti­scher Na­tio­na­list, Na­zi-Kol­la­bo­ra­teur und An­ti­se­mit. Wie schät­zen Sie ihn ein?

Ban­de­ra ist zwei­fel­los ein ge­walt­tä­ti­ger An­ti­se­mit und ein mi­li­tan­ter ukrai­ni­scher Na­tio­na­list. Für ihn war der Kom­mu­nis­mus ein Werk der Ju­den. Er hat die Po­gro­me an der jü­di­schen Min­der­heit in der Ukrai­ne ge­wollt und an­ge­feu­ert. Das macht die Am­bi­va­len­zen der Er­in­ne­rung heu­te in Ost­eu­ro­pa aus. Auf der ei­nen Sei­te wird an den Kampf ge­gen den Kom­mu­nis­mus er­in­nert, auf der an­de­ren Sei­te die mör­de­ri­sche an­ti­se­mi­ti­sche Sei­te nicht ge­se­hen oder so­gar ge­leug­net. Das ist ein schwie­ri­ger Um­gang die­ser Län­der mit der ei­ge­nen Ge­schich­te.

Durch all­zu spä­te Ge­richts­pro­zes­se ge­gen Auf­se­her in deut­schen Ver­nich­tungs­la­gern wie 2011 ge­gen John Dem­jan­juk ge­rie­ten die „Tra­w­ni­ki-Män­ner“ in den Blick: Räd­chen in der Tö­tungs­ma­schi­ne­rie der SS. Wer wa­ren sie?

Die Tra­w­ni­ki wa­ren ei­ne Hilfs­trup­pe, die die SS für die Ver­nich­tungs­la­ger im Os­ten aus den Kriegs­ge­fan­ge­nen der Ro­ten Ar­mee re­kru­tiert hat, vor al­lem un­ter ukrai­ni­schen Sol­da­ten.

Was hat die Ge­fan­ge­nen be­wo­gen, für „den Feind“ zu ar­bei­ten? Und dann noch in den Ver­nich­tungs­la­gern der SS?

Die deut­sche Füh­rung hat sich kei­ne gro­ßen Ge­dan­ken um die Kriegs­ge­fan­ge­nen ge­macht, sie hat ge­glaubt, der Krieg sei in drei Mo­na­ten ge­won­nen. Doch der Krieg dau­er­te län­ger, und die Wehr­machts­füh­rung traf die kriegs­ver­bre­che­ri­sche Ent­schei­dung, sich nicht um die Ver­sor­gung der Kriegs­ge­fan­ge­nen zu küm­mern – bis Fe­bru­ar 1942 wa­ren über mehr als Mil­lio­nen so­wje­ti­sche Ge­fan­ge­ne ver­hun­gert oder an Er­schöp­fung und Krank­hei­ten ge­stor­ben. In die­ser Si­tua­ti­on er­schien es vie­len als ein Aus­weg vor dem si­che­ren Tod, sich von der SS re­kru­tie­ren zu las­sen.

Wie stark sind die Tra­w­ni­ki an Ver­bre­chen be­tei­ligt?

Die meis­ten ha­ben mit­ge­macht beim Mas­sen­mord in den Ver­nich­tungs­stät­ten Bel­zec, So­bi­bor, Treb­linka. Sie hat­ten nichts ge­gen den Mas­sen­mord – oft auch aus an­ti­se­mi­ti­scher Ge­sin­nung. Des­halb ist John Dem­jan­juk aus mei­ner Sicht zu Recht we­gen Bei­hil­fe zum Mord an 28 060 Men­schen ver­ur­teilt wor­den. Es gab aber auch Tra­w­ni­ki, die ge­flo­hen sind oder ver­sucht ha­ben, sich mit Waf­fen­ge­walt ge­gen die SS-Leu­te zu stel­len. Doch die meis­ten wa­ren wil­li­ge Hel­fer.

Mit dem Sieg 1945 stieg die So­wjet­uni­on zur „Su­per­macht“ ne­ben den USA auf. Für Pu­tin ist ihr Zer­fall 1991 die „grö­ß­te geo­po­li­ti­sche Ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts“. War die ge­ra­de vom neu ge­wähl­ten rus­si­schen Prä­si­den­ten Bo­ris Jel­zin be­trie­be­ne Auf­lö­sung zwangs­läu­fig?

Der Zer­fall der So­wjet­uni­on war un­ver­meid­bar. Das Im­pe­ri­um konn­te so, wie es or­ga­ni­siert war, nicht wei­ter exis­tie­ren. Selbst ein Staa­ten­bund wie die 1991 ge­grün­de­te „Ge­mein­schaft un­ab­hän­gi­ger Staa­ten“ war schon nicht mehr mög­lich. Die neu­en Na­tio­nal­staa­ten woll­ten ih­re ei­ge­nen We­ge ge­hen.

Bei der De­bat­te im Wes­ten über den Um­gang mit Pu­tins An­griffs­krieg zie­hen man­che Par­al­le­len zur La­ge En­de der 1930er Jah­re, als Hit­ler im­mer ag­gres­si­ver nach Ge­biets­er­wei­te­run­gen ver­lang­te – bis er mit dem An­griff auf Po­len den Zwei­ten Welt­krieg aus­lös­te. Heu­te hei­ßt es, Ver­hand­lun­gen mit Pu­tin sei­en wie die 1939 ge­schei­ter­te „Ap­pease­ment-Po­li­tik“ der Bri­ten und Fran­zo­sen, Pu­tin müs­se „be­siegt“ wer­den. Lässt sich die Si­tua­ti­on ver­glei­chen?

Die Fra­ge stellt sich all­ge­mei­ner: Kann man aus der Ge­schich­te ler­nen? Die Ant­wort lau­tet: ja und nein. Wir kön­nen nicht aus Hit­lers Po­li­tik dar­auf schlie­ßen, wie Pu­tin agiert. Ei­ne sol­che Ana­lo­gie führt in ei­ne Sack­gas­se. Und auch oh­ne his­to­ri­sche Par­al­le­len zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ist evi­dent, dass Pu­tin für Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich ist.

War­um dann der Drang zu his­to­ri­schen Par­al­le­len?

Wir er­le­ben ge­ra­de ei­ne un­vor­her­seh­ba­re Si­tua­ti­on, in der Men­schen ver­su­chen, sich in der Ge­schich­te zu ver­ge­wis­sern, in der sie ver­su­chen, Mar­kie­run­gen zu fin­den, um Ur­tei­le zu fin­den. Das kann ich sehr gut nach­voll­zie­hen. Es gibt durch­aus An­knüp­fungs­punk­te, auch Hit­ler hat die an­de­ren Mäch­te ge­täuscht, die mit Deutsch­land das Münch­ner Ab­kom­men ge­schlos­sen ha­ben. Aber trotz­dem sind die Aus­gangs­la­gen 1938 und heu­te völ­lig an­ders. Wir sind in ei­ner neu­en Si­tua­ti­on, auch die Kräf­te­ver­hält­nis­se sind un­ter­schied­lich. 1938 woll­ten Bri­ten und Fran­zo­sen ei­nen neu­en Krieg ver­hin­dern. In der Ge­gen­wart hat die west­li­che und be­son­ders die deut­sche Po­li­tik lan­ge ge­glaubt, durch Han­del und ge­gen­sei­ti­gen Nut­zen Krie­ge über­flüs­sig zu ma­chen, und da­hin­ter nicht die im­pe­ria­len Plä­ne Russ­lands wahr­neh­men wol­len.

Der Krieg und die hek­ti­sche Su­che nach En­er­gie­si­cher­heit ver­drän­gen wich­ti­ge an­de­re The­men.

Der Krieg tritt in den Mo­ment in die Welt­po­li­tik, in dem viel Drän­gen­de­res im Mit­tel­punkt ste­hen müss­te: der Kli­ma­wan­del. Um ihn ein­zu­däm­men, wä­re ei­ne welt­wei­te Zu­sam­men­ar­beit zwin­gend nö­tig. Der Krieg jetzt macht die­se ge­mein­sa­men glo­ba­len An­stren­gun­gen zu­nich­te und ist da­her ei­ne welt­wei­te Ka­ta­stro­phe. Pu­tin ist für mich in­so­fern nicht nur ein Kriegs­ver­bre­cher, son­dern ein Mensch­heits­ver­bre­cher.

Was wä­re in der jet­zi­gen La­ge zu tun?

Ziel der ge­mein­sa­men An­stren­gun­gen muss es sein, die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukrai­ne zu er­hal­ten. Russ­land darf mit sei­nem An­griffs­krieg nicht durch­kom­men. Dann hat die Ukrai­ne das Wort, um zu sa­gen, wie ei­ne po­li­ti­sche Lö­sung aus­se­hen kann.

Wie könn­te der rus­si­sche An­griffs­krieg zu ei­nem En­de ge­bracht wer­den?

Der Krieg en­det erst dann, wenn die vol­le Sou­ve­rä­ni­tät der Ukrai­ne wie­der­her­ge­stellt ist. Sie wird sich mit der An­ne­xi­on ih­rer Ge­bie­te nie zu­frie­den­ge­ben. Aber ei­ne po­li­ti­sche Lö­sung ist mit der der­zei­ti­gen rus­si­schen Füh­rung wohl nicht mög­lich. Es braucht ei­nen grund­le­gen­den po­li­ti­schen Wech­sel, nur dann wird es ei­ne Lö­sung ge­ben, die dem Völ­ker­recht und der eu­ro­päi­schen Frie­dens­ord­nung ent­spricht.  -sg- Fo­tos: Ar­chiv / An­dre­as Ge­bert

Judenhass tobte „vor aller Augen“

Judenhass tobte „vor aller Augen“

Historiker Michael Wildt berichtet in Vöhl über das Wissen um den Holocaust

Beim Vortrag in der Vöhler Synagoge: Der Berliner Historiker Prof. Michael Wildt sprach darüber, was die Deutschen über den Holocaust wussten – oder wissen konnten. Foto: Schilling

Vöhl – „Vor aller Augen. Was wussten die Deutschen vom Holocaust?“ Dieser Frage ging der Historiker Prof. Michael Wildt am Montag in der Vöhler Synagoge nach. Der Fachmann für die nationalsozialistische Diktatur zeichnete in seinem packenden Vortrag nach, wie viele Repressalien gegen Juden in aller Öffentlichkeit abliefen.

„Man musste nicht Antisemit sein, um NSDAP zu wählen“, sagte Prof. Wildt. Es habe viele Gründe gegeben, etwa der Wunsch nach einem „starken Mann“, der die Deutschen aus der Weltwirtschaftskrise und aus dem „Schandvertrag“ von Versailles führe. Aber: „Wer die Partei gewählt hat, hat Antisemitismus gewählt.“

Und die Partei habe viele Schritte zur Ausgrenzung und Demütigung der Juden öffentlich vollzogen. So stelle der erste Boykott jüdischer Geschäfte bereits im April 1933 eine „massive Zäsur“ dar –  „jeder konnte sehen, wie die Nationalsozialisten gegen Juden vorgingen – auch außerhalb des Gesetzes.“ Manche hätten nach der Entmachtung der SA 1934 und der Ermordung vieler Führungskader um Ernst Röhm geglaubt, damit sei die „revolutionäre Phase“ beendet und die Regierung komme in „geordnete Bahnen“. Doch der Terror ging weiter. Das Regime verdrängte Juden aus Behörden oder Kliniken – andere profitierten und übernahmen ihre Stellungen. Und: „Das Regime machte keinen Hehl daraus, dass es Konzentrationslager gab.“ Im „Stürmer“-Kasten hätten Einwohner nachlesen können, welche „antisemitischen Maßnahmen“ vor Ort ergriffen worden seien. Viele Juden hätten ihr Geschäft aufgegeben und seien in die Großstadt gezogen.

Die Deutschen hätten zudem mitbekommen müssen, wie ihre jüdischen Nachbarn emigrierten, flüchteten oder verschwanden. Falle es nicht auf, wenn 1000 Menschen zu Fuß durch die Stadt zum Bahnhof zogen, um deportiert zu werden? Hätten Schüler nicht nachgefragt, wo ihre Klassenkameraden geblieben seien? Da zeige sich bereits, dass in der Mehrheitsgesellschaft eine „soziale Distanz“ gegenüber den Juden dagewesen sei.

Beim reichsweiten Pogrom am 9. November 1938 habe sich die Lage noch zugespitzt. Da sei das Regime offen gegen die Juden vorgegangen. „Viele haben es gesehen“, die Zeitungen berichteten, auch die WLZ. Und nicht nur die SA habe mitgemacht, auch andere hätten zerstört und mitgeplündert. Wohl 200 Juden wurden ermordet.

Das Erschreckende: Der angerichtete Schaden sei in der Bevölkerung beklagt worden, betonte Prof. Wildt – „aber kaum jemand äußerte Mitgefühl für die Juden: Gleichgültigkeit war das Moment.“

Auch die Kirchen hätten weitgehend geschwiegen ob der Schändung der Gotteshäuser. Diese „Pogromstimmung“, dieser explosionsartige Ausbruch der Gewalt sei für ihn erklärungsbedürftig, sagte der Historiker. Sei es die Angst vor einem nahen Krieg gewesen?

Zer­stört: Die Kor­ba­cher Syn­ago­ge und die jü­di­sche Schu­le brann­ten im No­vem­ber 1938 nie­der. Fo­tos: Ar­chiv

Im Jahr 1939 ent­fes­sel­te Hit­ler mit dem An­griff auf Po­len den Zwei­ten Welt­krieg – und die Deut­schen er­hiel­ten neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men: Mit Feld­post­brie­fen und Fo­tos in­for­mier­ten Sol­da­ten die Deut­schen zu Hau­se über die Ge­scheh­nis­se ge­ra­de im Os­ten: die De­mü­ti­gun­gen der pol­ni­schen Ju­den, die mas­sen­haf­ten Er­schie­ßun­gen – dies wer­de auch in den Brie­fen the­ma­ti­siert, sag­te Prof. Wildt. Sie sei­en auch das „we­sent­li­che Ele­ment der Kennt­nis­se über den Ho­lo­caust“.

Hin­zu kam ein wei­te­res mo­der­nes Me­di­um: das von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­för­der­te Ra­dio. Doch man­che „Volks­ge­nos­sen“ hör­ten nicht nur wie ge­wünscht deut­sche Pro­pa­gan­da, son­dern auch „Feind­sen­der“ wie die bri­ti­sche BBC – die schon ab Som­mer 1942 über die sys­te­ma­ti­sche Er­mor­dung von Ju­den in Po­len und der So­wjet­uni­on be­rich­tet ha­be.

Au­ßer­dem hät­ten vie­le von der De­por­ta­ti­on der Ju­den aus Deutsch­land, den Nie­der­lan­den oder Frank­reich pro­fi­tiert: Ihr Haus­rat wur­de „vor al­ler Au­gen“ ver­stei­gert. Woh­nun­gen wur­den frei.

Beim Wis­sen über den Ho­lo­caust sei al­ler­dings zu dif­fe­ren­zie­ren, be­ton­te Prof. Wildt: Die Mas­sen­er­schie­ßun­gen sei­en „in al­len Fa­mi­li­en“ Teil der Er­zäh­lung ge­we­sen. Aber das Aus­maß der Tö­tung in den Ver­nich­tungs­la­gern sei nicht all­ge­mein be­kannt ge­we­sen.

Doch schon nach­dem sich das Kriegs­glück für die Deut­schen 1943 ge­wen­det hat­te, sei in der Be­völ­ke­rung das Un­be­ha­gen da ge­we­sen, dass mit den Ju­den „et­was schlim­mes“ pas­siert sei, dass den Deut­schen des­halb Stra­fe der Sie­ger dro­he. So ha­be es ge­hei­ßen: „Wir wer­den al­le ver­gast.“ Wildt frag­te: „Wie kommt je­mand dar­auf?“

Sein Fa­zit: „Wis­sen setzt wis­sen wol­len vor­aus. Wer wis­sen woll­te, konn­te wis­sen.“ Prof. Wildt hat Ta­ge­bü­cher aus­ge­wer­tet – Schrei­ber ha­ben mit ih­ren Nach­fra­gen durch­aus ei­ni­ges an Wis­sen zu­sam­men­ge­tra­gen.

War­um woll­ten man­che nichts wis­sen? „Wenn man weiß, ist man ge­for­dert zu han­deln“, sag­te Prof. Wildt. Viel ein­fa­cher sei es, et­was ein­fach ge­sche­hen zu las­sen. Das gel­te für die Ge­gen­wart ge­nau so wie für die Leu­te in der NS-Dik­ta­tur.

Ei­ne leb­haf­te Dis­kus­si­on schloss sich an. Der Vor­sit­zen­de des För­der­krei­ses für die Vöh­ler Syn­ago­ge, Karl-Heinz Stadt­ler, be­rich­te­te über Schick­sa­le aus Vöhl und war­um die Syn­ago­ge das Po­grom 1938 über­stand. Es ging um Ei­gen­ver­ant­wor­tung, um Fra­gen von Ab­wä­gun­gen, um den An­ti­se­mi­tis­mus in der Ge­sell­schaft, um die Rol­le der Kir­chen und am En­de um den Krieg in der Ukrai­ne.  -sg-

Vir­tuo­se Rei­se durch sechs Land­schaf­ten

Vir­tuo­se Rei­se durch sechs Land­schaf­ten

„Fis­Füz“ be­geis­tert Pu­bli­kum in der Vöh­ler Syn­ago­ge mit Mu­sik vom Schwar­zen Meer

Ma­xi­ma­le Spiel­freu­de: Die Grup­pe „Fis­Füz“ gab in Quin­tett­be­set­zung ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Kon­zert in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge in Vöhl. Fo­to: Amin Hen­nig

Vöhl – Auf den Spu­ren der Mu­sik­kul­tu­ren rund ums Schwar­ze Meer be­ga­ben sich die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker der Grup­pe „Fis­Füz“ in Quin­tett­be­set­zung bei ei­nem Som­mer­kon­zert in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge in Vöhl.

Das För­der­pro­gramm „Neu­start Kul­tur“ hat­te den Auf­tritt er­mög­licht. Zu den Richt­li­ni­en ge­hört al­ler­dings auch ein Ver­an­stal­ter, der da­zu be­reit ist, ins Ri­si­ko zu ge­hen. Von da­her be­dank­te sich Anet­te Meye auch aus­drück­lich bei Ka­rin Kel­ler für die Ein­la­dung.

Die Zu­hö­re­rin­nen und Zu­hö­rer wur­den nicht nur mit fri­schen Klän­gen und ver­trau­ten Har­mo­ni­en be­lohnt, son­dern be­ka­men ein klei­nes Welt­mu­sik­fes­ti­val mit un­ter­schied­li­chen En­sem­bles und So­lis­ten als Zu­ga­be, die sich für die Auf­tritts­mög­lich­keit mit ma­xi­ma­ler Spiel­freu­de be­dank­ten. Denn Mit­grün­der Mu­rat Cos­kun brach­te mit Toch­ter Ma­lit­ka und und Sohn Ya­schar auch die bei­den an­de­ren Mit­glie­der sei­nes Per­cus­sions­tri­os mit, der Ka­nun-Vir­tuo­se Mu­hit­tin Ke­mal er­wei­ter­te zu­dem das Klang­spek­trum mit sei­ner Kas­ten­zi­ther. In­so­fern ge­riet die Tour ums Schwar­ze Meer aus­ge­spro­chen viel­fäl­tig und ge­le­gent­lich auch ex­pe­ri­men­tell.

Der Auf­takt in Voll­be­set­zung mit zwei bul­ga­ri­schen Lie­dern in ra­schen Tem­pi, ver­track­ten Bal­kan­rhyth­men und voll mit ex­pres­si­ven Kla­ri­net­ten­läu­fen bis zum fi­na­len Ac­ce­le­ran­do hol­te das Stamm­pu­bli­kum bei den Hör­ge­wohn­hei­ten ab. An­schlie­ßend be­gann das mu­si­ka­li­sche Aben­teu­er in wech­seln­den Be­set­zun­gen mit al­ler­lei ex­pe­ri­men­tel­len Ele­men­ten oder auch Zu­mu­tun­gen.

Denn Mu­rat Cos­kun er­öff­ne­te die Rei­se mit Was­ser­per­kus­si­on und Stim­mungs­bil­dern von Strand und Ha­fen und bot da­mit ei­ne Im­pro­vi­sa­ti­on, die in Free-Jazz-Re­gio­nen vor­drang. Ei­ne Epi­so­de, bei der sich das tiefs­te Grun­zen der Bass-Kla­ri­net­te an hel­len Zi­ther­ak­kor­den rieb, wäh­rend Rah­men­trom­meln rausch­ten und Shaker ras­sel­ten. Die vir­tuo­se Rei­se durch sechs Land­schaf­ten mit ih­ren Fi­scher-, Hir­ten- oder Lie­bes­lie­dern er­klang als Sui­te voll ver­blüf­fen­der Wen­dun­gen.

Die grö­ß­te Ge­dulds­pro­be für das Pu­bli­kum stell­ten al­ler­dings die naht­lo­sen Über­gän­ge dar, denn die Lü­cken für den Bei­fall für so viel Spiel­kunst wur­den vor der Pau­se schmerz­lich ver­misst. Nach der Pau­se er­öff­ne­te die Aus­ein­an­der­set­zung rus­si­schen Kin­der- und Ko­sa­ken­lie­dern nicht nur grö­ße­re Spiel­räu­me für Ap­plaus, son­dern auch An­knüp­fungs­punk­te zur Klez­mer­tra­di­ti­on und ver­trau­ten Mus­tern.

In zahl­rei­chen So­li reiz­te Anet­te Meye das viel­fäl­ti­ge Klang­spek­trum von Alt- und Bass­kla­ri­net­te vir­tu­os aus, das ef­fekt­vol­le Zu­sam­men­spiel des Per­cus­sions­tri­os, das ab und an durch den Rah­men der Zi­ther zum Quar­tett er­wei­tert wur­de, ließ zu­min­dest der So­lis­tin am Blas­in­stru­ment ein paar Atem­pau­sen. Zum Fi­na­le stimm­te Ya­schar Cos­kun noch ei­ne trau­ri­ge Bal­la­de an, de­ren Me­lan­cho­lie sich auch bei der Über­neh­me des The­mas auf die Kla­ri­net­te über­trug.

Für Stan­ding Ova­tions be­dank­ten sich die Mu­si­ker mit ei­ner ful­mi­nan­ten Zu­ga­be für die vol­le Ka­pel­le.

Flucht­trep­pe bie­tet Si­cher­heit

 

Flucht­trep­pe bie­tet Si­cher­heit

Auf der Flucht­trep­pe: (von links) För­der­ver­eins­vor­sit­zen­der Karl-Heinz Stadt­ler, Bür­ger­meis­ter Kars­ten Kal­hö­fer und Orts­vor­ste­her Pe­ter Gö­bel. Fo­to: Ar­min Hen­nig

Als Re­ak­ti­on auf die An­schlä­ge von Ha­nau und Hal­le war die Eta­blie­rung von Flucht­we­gen bei der al­ten Syn­ago­ge in Vöhl ver­ein­bart wor­den, denn ein voll be­setz­ter Kon­zert­raum in den Zei­ten vor Co­ro­na wä­re im Fal­le ei­nes Hass­ver­bre­chens, ins­be­son­de­re für die Be­su­cher auf der Em­po­re, ei­ne To­des­fal­le ge­we­sen.

In Ab­spra­che mit den Denk­mal­schutz wur­de ein Kon­zept ent­wi­ckelt, das sämt­li­che An­sprü­che in Sa­chen Si­cher­heit mit dem Er­halt von his­to­ri­scher Bau­sub­stanz ver­bin­det. Die Flucht­trep­pe von der Em­po­re geht an der Rück­sei­te auf den Hof, ein wei­te­rer Flucht­weg im Erd­ge­schoss führt über die Büh­ne auf die Gas­se.

Fi­nan­ziert wur­den die Maß­nah­men mit Kos­ten von 80 000 Eu­ro vom Land Hes­sen und Ver­eins­mit­glied Ge­off­rey Baird, der die feh­len­den zehn Pro­zent zum Ge­samt­vo­lu­men der Bau­maß­nah­me bei­steu­er­te.

Die In­te­gra­ti­on der Ste­len in das Au­ßen­ge­län­de der Syn­ago­ge ist mitt­ler­wei­le auch voll­bracht. Der Vor­sit­zen­de des För­der­ver­eins, Karl-Heinz Stadt­ler, ver­spricht sich von den Kunst­wer­ken auch ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Pas­san­ten und An­woh­nern, die bis­lang kei­ne nä­he­re Ver­bin­dun­gen zu den his­to­ri­schen Wur­zeln und kul­tu­rel­len The­men ge­knüpft ha­ben, die das An­lie­gen des Ver­eins und der Ver­an­stal­tun­gen im Haus bil­den.  ahi

Schick­sal der Ju­den ver­mit­teln

Schick­sal der Ju­den ver­mit­teln

Neue Land­kul­tur­bo­ten ar­bei­ten in der Vöh­ler Syn­ago­ge – Pro­jek­te um­set­zen

Vor­stel­lung der neu­en Land­kul­tur­bo­ten: (von links) Orts­vor­ste­her Pe­ter Gö­bel, Ca­ra Rich­ter, Lui­sa Wil­ke, Ni­ko und Le­na Sell, Bür­ger­meis­ter Kars­ten Kal­hö­fer und För­der­ver­eins­vor­sit­zen­der Karl-Heinz Stadt­ler vor der Vöh­ler Syn­ago­ge. Es feh­len auf dem Fo­to Ma­li Klö­cker und Kim­ber­ley Si­mon. Fo­to: Ar­min Hen­nig

Vöhl – Mit per­so­nel­ler Kon­stanz und ge­stei­ger­ter his­to­ri­scher Kom­pe­tenz star­tet das Pro­jekt der Land­kul­tur­bo­ten in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge Vöhl ins fünf­te Jahr.

Mit Kim­ber­ley Si­mon und Ni­ko Sell gibt es zwei per­so­nel­le Kon­stan­ten. Die na­ti­ve Spea­ke­rin soll den eng­li­schen Teil des In­ter­net­auf­tritts wei­ter aus­bau­en. Der Vor­sit­zen­de des För­der­ver­eins, Karl-Heinz Stadt­ler, hat schon ei­ni­ge The­men aus­ge­macht, die un­be­dingt in­ter­na­tio­na­li­siert wer­den sol­len.

Ni­ko Sell ist der zwei­te „Wie­der­ho­lungs­tä­ter“, im Vor­jahr re­cher­chier­te er die Schick­sa­le der Ma­ri­en­ha­ge­ner Fa­mi­lie Kat­zen­stein. Sei­ne Schwes­ter Le­na ist zum ers­ten Mal mit da­bei, die Ge­schwis­ter, bei­de Schü­ler an der Eder­see­schu­le in Herz­hau­sen, ha­ben sich noch nicht end­gül­tig ent­schie­den, wo der the­ma­ti­sche Schwer­punkt in die­sem Som­mer lie­gen wird.

Lui­sa Wil­ke ist in die­sem Punkt schon ei­nen Schritt wei­ter, die Schü­le­rin der Al­ten Lan­des­schu­le in Kor­bach, die im kom­men­den Jahr ihr Abi bau­en will, möch­te gern die Trans­for­ma­ti­on ei­ner De­mo­kra­tie in die Dik­ta­tur des Drit­ten Reichs un­ter­su­chen. Auch Ca­ra Rich­ter be­legt den Leis­tungs­kurs Ge­schich­te an der Al­ten Lan­des­schu­le, wie auch Ma­li Klö­cker, die bei der Vor­stel­lung krank­heits­be­dingt nicht da­bei sein konn­te.

Ne­ben der Ar­beit an den je­wei­li­gen Pro­jek­ten ge­hö­ren zu den Auf­ga­ben der Land­kul­tur­bo­ten die Füh­rung durch das Ge­bäu­de der Syn­ago­ge, die Er­läu­te­rung sei­ner Ge­schich­te und die Aus­stel­lung zur „Ak­ti­on Rein­hardt“, bei de­ren Durch­füh­rung sei­ner­zeit auch die Vöh­ler Ju­den auf di­rek­tem Weg oder nach voll­stän­di­ger Aus­plün­de­rung über den an­geb­li­chen Al­ters­ru­he­sitz The­re­si­en­stadt in die Ver­nich­tungs­la­ger de­por­tiert wur­den.

Als Bei­spiel für die Pra­xis, mit der äl­te­re Ju­den über das Ver­spre­chen le­bens­läng­li­chen Wohn­rechts im Al­ters-ghet­to The­re­si­en­stadt über­lis­tet wur­den, er­wähn­te Karl-Heinz Stadt­ler Sel­ma Roth­schild, de­ren Poe­sie­al­bum zu den neu­en Fun­den ge­hört, die im Ge­fol­ge der Aus­stel­lung zu Ta­ge ka­men. 23 Ta­ge dau­er­te das le­bens­läng­li­che Wohn­recht in der Vor­zei­ge­ein­rich­tung, den an­de­ren al­ten Da­men aus Vöhl wa­ren so­gar nur 10 und 11 Ta­ge in der ge­le­gent­lich vom Ro­ten Kreuz be­such­ten Ver­an­stal­tung be­schert, ehe sie ih­re Rei­se wei­ter nach Os­ten und ins Gas an­tre­ten muss­ten, so der Vor­sit­zen­de des För­der­ver­eins, der für Sonn­tag, 11. Sep­tem­ber, um 15 Uhr den Vor­trag „Vöhls letz­te Ju­den“ mit der Vor­stel­lung der neu­en Fun­de an­kün­dig­te. Zwei Ta­ge vor­her prä­sen­tie­ren die Land­kul­tur­bo­ten die Er­geb­nis­se ih­rer For­schun­gen am 9. Sep­tem­ber um 19 Uhr.

Der Vöh­ler Bür­ger­meis­ter Kars­ten Kal­hö­fer, no­mi­nell der Chef der Land­kul­tur­bo­ten, die bei der Ge­mein­de Vöhl an­ge­stellt sind, wies auf die Be­deu­tung der Land­kul­tur­bo­ten für Tou­ris­ten und Ein­hei­mi­sche hin.

Er über­gab ei­nen För­der­be­scheid in Hö­he von 550 Eu­ro, die Fi­nan­zie­rung des Pro­jekts in der Vöh­ler Syn­ago­ge für das Jahr 2022 wird zu­dem durch Mit­tel der Tas­si­lo-Drös­cher-Stif­tung, des Netz­werks für To­le­ranz und Spen­den der Ro­ta­ri­er und des Li­ons Clubs Kor­bach-Bad Arol­sen ge­si­chert.

Amü­san­te Weis­hei­ten in der Syn­ago­ge

Amü­san­te Weis­hei­ten in der Syn­ago­ge

Schau­spie­ler Mi­cha­el Tri­schan er­zählt Wit­ze zu ver­schie­de­nen The­men

 Le­sung mit Hu­mor: Mi­cha­el Tri­schan bot dem Pu­bli­kum in der Syn­ago­ge amü­san­te Un­ter­hal­tung. Sein Sohn At­ti­la spiel­te am E-Pia­no und Jo­han­nes Dau auf der Kla­ri­net­te. Fo­to: pr

Vöhl – „Mei­ne Frau und ich ha­ben das Ge­heim­nis für ei­ne glück­li­che Ehe her­aus­ge­fun­den. Zwei­mal die Wo­che ge­hen wir in ein hüb­sches Re­stau­rant, ich geh diens­tags, sie frei­tags.“: Vie­le sol­cher amü­san­ten Weis­hei­ten hat der Schau­spie­ler Mi­cha­el Tri­schan, be­kannt ge­wor­den als Hans-Pe­ter Bren­ner in der Arzt­se­rie „In al­ler Freund­schaft“, in ei­ner Ver­an­stal­tung des Kul­tur­som­mers Nord­hes­sen in der Vöh­ler Syn­ago­ge er­zählt.

Der Auf­takt der Ver­an­stal­tung war et­was un­ge­wöhn­lich: Sie be­gann mit der Pau­se. Chris­tel Schil­ler, An­na Evers, El­ke Mül­ler und Bir­git Stadt­ler hat­ten nach­mit­tags Bro­te ge­schmiert und hübsch de­ko­riert. Pe­ter Gö­bel hat­te die Aus­stel­lung zur „Ak­ti­on Rein­hardt“ ab­ge­baut, um im Ver­an­stal­tungs­raum Platz für die zahl­rei­chen Gäs­te zu schaf­fen.

Ul­rich Mül­ler und Wal­ter Schau­der­na tru­gen Steh­ti­sche in den Hof, weil an­ge­sichts des schö­nen Wet­ters die „Pau­se“ mit be­leg­tem Brot, küh­len Ge­trän­ken und net­ten Ge­sprä­chen im Hof der Syn­ago­ge statt­fin­den soll­te. In­mit­ten der Ste­len, die der För­der­kreis im ver­gan­ge­nen Jahr er­wor­ben hat­te.

Doch zu­rück zur Haupt­sa­che: „Sex am Sab­bat“ hieß das Pro­gramm von Mi­cha­el Tri­schan, und na­tür­lich hat­te er auch zahl­rei­che an­rü­chi­ge Wit­ze auf La­ger. Ei­ne Kost­pro­be: „Rab­bi, gibt es ein ab­so­lut si­che­res Mit­tel, da­mit die Frau nicht schwan­ger wird?“ „Das gibt es: ein Glas Was­ser trin­ken!“ „Vor­her – oder nach­her?“ „An­statt …“

Tri­schan er­zähl­te Wit­ze zu ver­schie­de­nen The­men: Über die Weis­heit des Rab­bis, über Pries­ter, Pfar­rer und Rab­bi­ner, über Mann und Frau, über Ju­den in Ame­ri­ka, Ge­or­gi­en, Pa­läs­ti­na und vie­les an­de­re.

Und er er­zähl­te sie auf ei­ne Wei­se, dass die Zu­hö­rer nach je­dem Witz gar nicht an­ders konn­ten, als herz­haft zu la­chen. Und weil man wäh­rend Lach­sal­ven kei­ne Wit­ze er­zäh­len kann, hat­te Tri­schan Be­glei­ter mit­ge­bracht: Sein Sohn At­ti­la spiel­te am E-Pia­no und Jo­han­nes Dau auf der Kla­ri­net­te, und sie wa­ren ab­so­lut mehr als Pau­sen­fül­ler. Bei­de sind Meis­ter ih­res Fachs.

Doch ab­schlie­ßend noch mal zwei Wit­ze, über die be­son­ders stark ge­lacht wur­de: Ein Ju­de fragt den Rab­bi: „Was ist mit dem Sex am Sab­bat? Ist er er­laubt?“ Der ant­wor­tet: „Man darf am Sab­bat Sex ha­ben, aber es soll­te die ei­ge­ne Frau sein– denn ein Ver­gnü­gen darf es nicht sein.“ In Vöhl lach­ten hier die Frau­en be­son­ders laut.

Ein letz­ter Witz: Der klei­ne Da­vid ist ei­ne Nie­te in Ma­the und soll jetzt des­halb auf ei­ne stren­ge ka­tho­li­sche Schu­le ge­hen. Und tat­säch­lich, wie wild und vol­ler Angst fängt er an zu pau­ken, und er­hält im Zeug­nis ei­ne Eins. Die Mut­ter ist er­staunt, wie das pas­siert sei? Da sagt Da­vid: „Na, als ich den ar­men Ty­pen ge­se­hen ha­be, den sie ans Plus­zei­chen ge­na­gelt ha­ben, da wuss­te ich: Die mei­nen es ernst!“

Das Pu­bli­kum war sich ei­nig. Das wol­len wir öf­ter se­hen. Auch in der al­ten Syn­ago­ge! Und ge­nau­so ei­nig war sich der Vor­stand des För­der­krei­ses:  So was ho­len wir uns öf­ter!“  red

Mas­sen­mord un­ter Tarn­na­men „Rein­hardt“

 

Mas­sen­mord un­ter Tarn­na­men „Rein­hardt“

Al­te Syn­ago­ge in Vöhl zeigt Son­der­aus­stel­lung 80 Jah­re nach De­por­ta­ti­on von Ju­den

 
In­for­ma­ti­ve Do­ku­men­te, ein­drucks­vol­le Kunst­wer­ke: Vom För­der­ver­ein Syn­ago­ge in Vöhl bau­ten (von links) Karl-Heinz Stadt­ler, Dr. Tho­mas Lu­dolph und Wal­ter Schau­der­na die Aus­stel­lung „Ak­ti­on Rein­hardt“ auf. Fo­tos: Karl-Her­mann Völ­ker

Vöhl – „Vor den Au­gen der Welt“ ge­scha­hen 1942 die Mas­sen­mor­de der Na­zis in den Ver­nich­tungs­la­gern Ost­eu­ro­pas, hei­ßt es auf der letz­ten Ta­fel zur Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Ak­ti­on Rein­hardt– Sie ka­men ins Ghet­to und gin­gen ins Un­be­kann­te“,, die e in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge Vöhl er­öff­net wur­de. „Die Welt wuss­te es, aber tat nichts“, sag­te Karl-Heinz Stadt­ler, Vor­sit­zen­der des Syn­ago­gen-För­der­krei­ses, bei der Ver­nis­sa­ge.

Den al­li­ier­ten Gro­ß­mäch­ten sei es zu je­ner Zeit wich­ti­ger ge­we­sen, den Krieg zu ge­win­nen. Im Zu­ge der „Ak­ti­on Rein­hardt“ wur­den zwi­schen Ju­li 1942 und Ok­to­ber 1943 et­wa 1,6 bis 1,8 Mil­lio­nen Ju­den so­wie rund 50 000 Ro­ma aus den fünf Di­strik­ten des Ge­ne­ral­gou­ver­ne­ments (War­schau, Lu­blin, Ra­dom, Kra­kau und Ga­li­zi­en) in den Ver­nich­tungs­la­gern Bel­zec, So­bi­bor und Treb­linka er­mor­det.

Stadt­ler blät­ter­te die dunk­len Sei­ten der Chro­nik der sys­te­ma­ti­schen Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den in sei­ner Re­de am Vor­abend des 1. Ju­ni auf, an dem vor 80 Jah­ren am Kas­se­ler Haupt­bahn­hof ein De­por­ta­ti­ons-Son­der­zug mit 508 Ju­den aus dem Re­gie­rungs­be­zirk Kas­sel ab­fuhr, dar­un­ter 42 Frau­en, Män­ner und Kin­der aus den Krei­sen Wal­deck und Fran­ken­berg (wir be­rich­te­ten).

Es sei dies nach Trans­por­ten aus Ost­eu­ro­pa der ers­te Zug aus dem Deut­schen Reich ge­we­sen, der in dem Ver­nich­tungs­la­ger So­bi­bor am 3. Ju­ni 1942 an­ge­kom­men sei, konn­te Bür­ger­for­scher Stadt­ler er­mit­teln. „In­ner­halb von zwei Stun­den wur­den sie al­le in den Gas­kam­mern ge­tö­tet.“ Zu­vor wa­ren ar­beits­fä­hi­ge Män­ner in Lu­blin ent­la­den und zum Bau des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ma­jd­anek se­lek­tiert wor­den.

Der Tarn­na­me „Ak­ti­on Rein­hardt“ be­zog sich auf den Vor­na­men von Rein­hard He­yd­rich, Lei­ter des Reichs­si­cher­heits­haupt­amts (RSHA), und ei­ner der Haupt­or­ga­ni­sa­to­ren des Ho­lo­caust, der im Mai 1942 nach ei­nem At­ten­tat in Prag ge­stor­ben sei und um den sich un­ter den Na­zis ein re­gel­rech­ter Per­so­nen­kult ent­wi­ckelt ha­be, wie Karl-Heinz Stadt­ler be­rich­te­te. Bis zum 31. De­zem­ber 1942 soll­te die „End­lö­sung der Ju­den­fra­ge“ er­folgt sein.

In Er­in­ne­rung an ein frü­he­res Schwer­punkt­the­ma der Syn­ago­ge Vöhl ver­wies Stadt­ler auf die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1940/41 or­ga­ni­sier­te „Ak­ti­on T 4“ zur Er­mor­dung von 70 000 be­hin­der­ten Men­schen in Gas­kam­mern. „Die­ses frei­ge­setz­te Eu­tha­na­sie-Per­so­nal wur­de nun in den ost­eu­ro­päi­schen Ver­nich­tungs­la­gern der Ak­ti­on Rein­hardt ein­ge­setzt.“

Dank galt zu Be­ginn der Ver­nis­sa­ge Ra­phae­la Ku­la (Kas­sel) für die Ver­mitt­lung der in Ma­jd­anek kon­zi­pier­ten Wan­der­aus­stel­lung mit 20 Roll-Ups.

Ei­ne be­son­de­re Ver­tie­fung er­fah­re die The­ma­tik durch acht Bil­der und ei­ne Skulp­tur, die der Kor­ba­cher Kunst­ver­ein spe­zi­ell für das Schwer­punkt­the­ma De­por­ta­tio­nen an­ge­fer­tigt ha­be, wo­für er be­son­ders dank­bar sei, hob Stadt­ler her­vor.

Für ei­nen ein­fühl­sa­men mu­si­ka­li­schen Rah­men der Aus­stel­lungs­er­öff­nung sorg­te mit der Quer­flö­te Bar­ba­ra Küp­fer.

Die Na­men der De­por­tier­ten

 

Die Na­men der De­por­tier­ten

 
Irm­gard Strauss aus Ei­mel­rod

Die Na­men der am 1. Ju­ni 1942 aus dem heu­ti­gen Kreis Wal­deck-Fran­ken­berg De­por­tier­ten hat Karl-Heinz Stadt­ler vom För­der­ver­ein der Vöh­ler Syn­ago­ge aus Trans­port­lis­ten und Auf­stel­lun­gen der Land­rats­äm­ter er­mit­telt:

Aus Bat­ten­feld: Sel­ma El­sof­fer und Wil­helm El­sof­fer.

Aus Ge­mün­den: Emi­lie Marx, Ama­lie Wolff und Edith Wolff.

Aus Vöhl: Bea­te Fran­ken­thal, Her­mi­ne Roth­schild, Gün­ter Stern­berg, Mar­tin Stern­berg und Ro­sa­lie Stern­berg.

Aus Rho­den: Lou­is Ja­cob, Max Ja­cob, So­phie Ja­cob, Ro­sel Ja­cob, Klär­chen Ja­cob und Rolf Ja­cob.

Aus Wr­e­xen: Ar­tur Lo­eb, Her­mi­ne Lö­wens­tern, Abra­ham Strauss.

Aus Us­seln: Ber­ta Schön­städt und Ru­dolf Schön­städt.

Aus Ei­mel­rod: Her­mann Strauss, Irm­gard Strauss und Jen­ny Strauss.

Aus Sach­sen­hau­sen: Il­se Bloch und Li­na Bloch.

Aus Adorf: Li­na Wei­ler und Paul Wei­ler.

Aus Volk­mar­sen: In­ge Lich­ten­stein, Mein­hard Lich­ten­stein, Kä­the Lich­ten­stein, Er­na Mi­chel und Ro­sa Ro­sen­stock.

Aus Kor­bach: Em­ma Hirsch, Me­ta Schön­thal, Hed­wig Katz, Sieg­fried Katz, Hen­ny Kauf­mann, Ru­dolf Kauf­mann, Her­jet­te oder Hen­ri­et­te Mos­heim, Feo­do­ra Mos­heim, Fritz Mos­heim und Lud­wig Mos­heim.

Dr. Ma­ri­on Li­li­en­thal hat 18 in So­bi­bor Er­mor­de­te mit Ge­burts- und Wohn­ort Kor­bach er­mit­telt – sie nennt auch: Frie­da Gold­berg, Lo­thar Gold­berg, Ro­sel Ja­kob, Em­ma Hirsch, Hed­wig Katz, Sieg­fried Katz, Hen­nie Her­mi­ne Lö­wens­tern, Hen­ri­et­te Mos­heim, Her­mi­ne Roth­schild, Mar­tha Schön­thal Frie­del Straus, Irm­gard Straus, Her­mann Straus, Jen­ny Straus und Jo­han­na Wert­heim. Ed­mund Mos­heim wur­de in Ausch­witz er­mor­det. zve


      
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