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Judenhass tobte „vor aller Augen“

Judenhass tobte „vor aller Augen“

Historiker Michael Wildt berichtet in Vöhl über das Wissen um den Holocaust

Beim Vortrag in der Vöhler Synagoge: Der Berliner Historiker Prof. Michael Wildt sprach darüber, was die Deutschen über den Holocaust wussten – oder wissen konnten. Foto: Schilling

Vöhl – „Vor aller Augen. Was wussten die Deutschen vom Holocaust?“ Dieser Frage ging der Historiker Prof. Michael Wildt am Montag in der Vöhler Synagoge nach. Der Fachmann für die nationalsozialistische Diktatur zeichnete in seinem packenden Vortrag nach, wie viele Repressalien gegen Juden in aller Öffentlichkeit abliefen.

„Man musste nicht Antisemit sein, um NSDAP zu wählen“, sagte Prof. Wildt. Es habe viele Gründe gegeben, etwa der Wunsch nach einem „starken Mann“, der die Deutschen aus der Weltwirtschaftskrise und aus dem „Schandvertrag“ von Versailles führe. Aber: „Wer die Partei gewählt hat, hat Antisemitismus gewählt.“

Und die Partei habe viele Schritte zur Ausgrenzung und Demütigung der Juden öffentlich vollzogen. So stelle der erste Boykott jüdischer Geschäfte bereits im April 1933 eine „massive Zäsur“ dar –  „jeder konnte sehen, wie die Nationalsozialisten gegen Juden vorgingen – auch außerhalb des Gesetzes.“ Manche hätten nach der Entmachtung der SA 1934 und der Ermordung vieler Führungskader um Ernst Röhm geglaubt, damit sei die „revolutionäre Phase“ beendet und die Regierung komme in „geordnete Bahnen“. Doch der Terror ging weiter. Das Regime verdrängte Juden aus Behörden oder Kliniken – andere profitierten und übernahmen ihre Stellungen. Und: „Das Regime machte keinen Hehl daraus, dass es Konzentrationslager gab.“ Im „Stürmer“-Kasten hätten Einwohner nachlesen können, welche „antisemitischen Maßnahmen“ vor Ort ergriffen worden seien. Viele Juden hätten ihr Geschäft aufgegeben und seien in die Großstadt gezogen.

Die Deutschen hätten zudem mitbekommen müssen, wie ihre jüdischen Nachbarn emigrierten, flüchteten oder verschwanden. Falle es nicht auf, wenn 1000 Menschen zu Fuß durch die Stadt zum Bahnhof zogen, um deportiert zu werden? Hätten Schüler nicht nachgefragt, wo ihre Klassenkameraden geblieben seien? Da zeige sich bereits, dass in der Mehrheitsgesellschaft eine „soziale Distanz“ gegenüber den Juden dagewesen sei.

Beim reichsweiten Pogrom am 9. November 1938 habe sich die Lage noch zugespitzt. Da sei das Regime offen gegen die Juden vorgegangen. „Viele haben es gesehen“, die Zeitungen berichteten, auch die WLZ. Und nicht nur die SA habe mitgemacht, auch andere hätten zerstört und mitgeplündert. Wohl 200 Juden wurden ermordet.

Das Erschreckende: Der angerichtete Schaden sei in der Bevölkerung beklagt worden, betonte Prof. Wildt – „aber kaum jemand äußerte Mitgefühl für die Juden: Gleichgültigkeit war das Moment.“

Auch die Kirchen hätten weitgehend geschwiegen ob der Schändung der Gotteshäuser. Diese „Pogromstimmung“, dieser explosionsartige Ausbruch der Gewalt sei für ihn erklärungsbedürftig, sagte der Historiker. Sei es die Angst vor einem nahen Krieg gewesen?

Zer­stört: Die Kor­ba­cher Syn­ago­ge und die jü­di­sche Schu­le brann­ten im No­vem­ber 1938 nie­der. Fo­tos: Ar­chiv

Im Jahr 1939 ent­fes­sel­te Hit­ler mit dem An­griff auf Po­len den Zwei­ten Welt­krieg – und die Deut­schen er­hiel­ten neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men: Mit Feld­post­brie­fen und Fo­tos in­for­mier­ten Sol­da­ten die Deut­schen zu Hau­se über die Ge­scheh­nis­se ge­ra­de im Os­ten: die De­mü­ti­gun­gen der pol­ni­schen Ju­den, die mas­sen­haf­ten Er­schie­ßun­gen – dies wer­de auch in den Brie­fen the­ma­ti­siert, sag­te Prof. Wildt. Sie sei­en auch das „we­sent­li­che Ele­ment der Kennt­nis­se über den Ho­lo­caust“.

Hin­zu kam ein wei­te­res mo­der­nes Me­di­um: das von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­för­der­te Ra­dio. Doch man­che „Volks­ge­nos­sen“ hör­ten nicht nur wie ge­wünscht deut­sche Pro­pa­gan­da, son­dern auch „Feind­sen­der“ wie die bri­ti­sche BBC – die schon ab Som­mer 1942 über die sys­te­ma­ti­sche Er­mor­dung von Ju­den in Po­len und der So­wjet­uni­on be­rich­tet ha­be.

Au­ßer­dem hät­ten vie­le von der De­por­ta­ti­on der Ju­den aus Deutsch­land, den Nie­der­lan­den oder Frank­reich pro­fi­tiert: Ihr Haus­rat wur­de „vor al­ler Au­gen“ ver­stei­gert. Woh­nun­gen wur­den frei.

Beim Wis­sen über den Ho­lo­caust sei al­ler­dings zu dif­fe­ren­zie­ren, be­ton­te Prof. Wildt: Die Mas­sen­er­schie­ßun­gen sei­en „in al­len Fa­mi­li­en“ Teil der Er­zäh­lung ge­we­sen. Aber das Aus­maß der Tö­tung in den Ver­nich­tungs­la­gern sei nicht all­ge­mein be­kannt ge­we­sen.

Doch schon nach­dem sich das Kriegs­glück für die Deut­schen 1943 ge­wen­det hat­te, sei in der Be­völ­ke­rung das Un­be­ha­gen da ge­we­sen, dass mit den Ju­den „et­was schlim­mes“ pas­siert sei, dass den Deut­schen des­halb Stra­fe der Sie­ger dro­he. So ha­be es ge­hei­ßen: „Wir wer­den al­le ver­gast.“ Wildt frag­te: „Wie kommt je­mand dar­auf?“

Sein Fa­zit: „Wis­sen setzt wis­sen wol­len vor­aus. Wer wis­sen woll­te, konn­te wis­sen.“ Prof. Wildt hat Ta­ge­bü­cher aus­ge­wer­tet – Schrei­ber ha­ben mit ih­ren Nach­fra­gen durch­aus ei­ni­ges an Wis­sen zu­sam­men­ge­tra­gen.

War­um woll­ten man­che nichts wis­sen? „Wenn man weiß, ist man ge­for­dert zu han­deln“, sag­te Prof. Wildt. Viel ein­fa­cher sei es, et­was ein­fach ge­sche­hen zu las­sen. Das gel­te für die Ge­gen­wart ge­nau so wie für die Leu­te in der NS-Dik­ta­tur.

Ei­ne leb­haf­te Dis­kus­si­on schloss sich an. Der Vor­sit­zen­de des För­der­krei­ses für die Vöh­ler Syn­ago­ge, Karl-Heinz Stadt­ler, be­rich­te­te über Schick­sa­le aus Vöhl und war­um die Syn­ago­ge das Po­grom 1938 über­stand. Es ging um Ei­gen­ver­ant­wor­tung, um Fra­gen von Ab­wä­gun­gen, um den An­ti­se­mi­tis­mus in der Ge­sell­schaft, um die Rol­le der Kir­chen und am En­de um den Krieg in der Ukrai­ne.  -sg-


      
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