Dienstag, 19. Mai 2026, Waldeckische Landeszeitung / Lokales
Neuen Klangkosmos kennengelernt
Finnische Folk-Gruppe „Thalamus“ hat Publikum in der Vöhler Synagoge begeistert

Vöhl – Beschäftigt man sich mit Ethnologie, wird einem immer wieder die Beziehung zwischen der geografischen Heimat, der Sprache und der Musik einer Ethnie deutlich. Zum Beispiel Finnland: Hier gibt es unendliche Wälder und Seengebiete, zerklüftete, endlose Küstenlinien. Dann der Sound des Finnischen mit seinen langen Wortgebilden und seiner unaufgeregten, spröden Sprachmelodie – die ebenfalls ein Gefühl von Weite erzeugt. Dazu kommen die finnische Mentalität mit ihrem Beharrungsvermögen („Sisu“) und „Kaiho“, ein Gefühl von unspezifischer Sehnsucht und Wehmut.
Eine akustische Umsetzung all dieser Aspekte erlebte das Publikum beim Konzert der finnischen Folk-Gruppe „Thalamus“ in der sehr gut besuchten ehemaligen Synagoge in Vöhl. Vermittelt hatte den Auftritt die Deutsch-Finnische Gesellschaft.
Sofort zogen die Musikerinnen und Musiker ihre Zuhörer mit „Juoksu“ („Ich laufe“) in den Bann. Nicht nur dieses Stück erinnerte an den uralten finnischen Runengesang. Nur übernahmen hier anstelle der traditionellen zwei Sänger Riku Elomaa am Akkordeon und Pauliina Pajala auf der Violine die „Erzählung“, während Elina Lappalainen am Kontrabass und Henrik Norri auf der Bouzouki begleiteten.
Die musikalische Struktur dieses Stücks ist typisch für die finnische Volksmusik und fand sich in etlichen Beiträgen des Abends wieder: Über einem laufend wiederkehrenden Bassthema („Ostinato“) entwickelt sich eine minimalistische, kreisende Melodie, die dann geringfügig variiert wird. Diese Gleichförmigkeit erzeugte eine hypnotische Atmosphäre, die einerseits beruhigend wirkte, gleichzeitig aber auch belebend. Und sie weckte tatsächlich die Assoziationen an weites, freies Land, wie es im finnischen Jedermannsrecht zum Ausdruck kommt.
Der Name der 1997 gegründeten, in der heutigen Besetzung seit 2013 bestehenden Formation, scheint auf der Hand zu liegen: Die Gehirnregion „Thalamus“ filtert aus den Sinneseindrücken nur das Wesentliche heraus, das dann in unser Bewusstsein dringt. Genauso hält es das Folk-Quartett bei seiner Auswahl, welche musikalischen Eindrücke es übernimmt, um sie an sein Publikum weiterzugeben.
Im aktuellen Programm verarbeiten die Musiker Volksmusik ihrer Herkunftsregion nördlich von Helsinki in neuen Arrangements und Kompositionen, in die sie zum Teil andere Musiktraditionen stimmig integrieren. Hörbar wurde das im irisch angehauchten „Apro“, während Passagen von „Corelli“ von der Bukovina-Musik beeinflusst schienen. Nicht umsonst bezeichnet die Gruppe ihren Stil als „Nordische Volksmusik mit globalem Einschlag“.
Der „Thalamus“ fungiert außerdem als Gehirn-Taktgeber, der mit ruhigen Impulsen Reize ausblendet und ruhige Träume ermöglicht, im Wachzustand aber mit raschen, kontinuierlichen Impulsen für Aufmerksamkeit sorgt. Das erinnert an den Wechsel zwischen der langen Polarnacht im Winter mit dem vor Lebendigkeit strotzenden Sommer mit seiner Mitternachtssonne und zahlreichen fröhlichen Festen.
Wichtige Elemente dieser Feste sind traditionell Tänze wie Valssi (Walzer) und Polska, die über Schweden nach Finnland kamen, der dortigen Tradition angepasst, als „Pelimanni“ („Spielmanns“)-Musik gespielt wurden, außerdem unterschiedliche Liedvorträge.
Bei der „Lohjan Polska“ und „Sokean Pekan huvit“ sah man den Zuhörern an, dass sie am liebsten aufgesprungen wären, um mitzutanzen. In Gesängen wie dem alten, rockig inszenierten „Olut ja viina“ („Bier und Schnaps“) oder dem lustigen Lied von der schönen „Hulda“, die sich als zänkisches Biest entpuppt, wurde die finnische Neigung zu Ironie erkennbar. Im „Hollolan sepän valssi“ hingegen wurde der eher melancholischeren Charakter von „Kaiho“ eindrücklich.
Beeindruckend war neben dem Abwechslungsreichtum dieses Programms vor allem das fantastische Zusammenspiel der „Thalamus“-Mitglieder, das wie spontane Improvisation nach Spielmannsart wirkte, und durch tiefe Vertrautheit miteinander gekennzeichnet war. Die Art, wie „Thalamus“ musizierten, wirkte bei aller Professionalität nie überladen, sondern ließ – wie die finnische Landschaft – Raum zum Atmen.
So war es wenig verwunderlich, dass sich das Vöhler Publikum mit donnerndem Applaus bei der Folk-Formation für diese einmalige Gelegenheit bedankte, einen neuen Klangkosmos kennengelernt zu haben. ASTRID RAU